Bauwelt

Von Phnom Penh nach Paris nach Phnom Penh nach Paris

Es ist ein kühler Tag im Dezember 2014, die Wolken hängen tief am Himmel. Fast zwei Jahre lang hatte ich gesucht, Google, Telefonbücher und Architektenverzeichnisse durchforstet und Freunde um Unterstützung meiner Detektivarbeit gebeten. Ich wollte schon aufgeben, da half mir der Zufall: Ein französischer Filmemacher vermittelte mir die Telefonnummer, und so stehe ich nun in einem beschaulichen Vorort von Paris und klingle an der Haustür von Lu Ban Hap, einem der wichtigsten Architekten im Kambodscha der sechziger Jahre

Text: Henning, Moritz, Berlin

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    Für die Planung des Cinéma d’Etat (s.S. 20) erhält Lu Ban Hap 1969 einen Orden von Staatsoberhaupt No-rodom Sihanouk. Lu Ban Hap (2.v.l.) am 14. Juli 1963 auf einem Empfang der Botschaft im französischen Sektor West-Berlins mit Tep Phan, dem Gouverneur von Phnom Penh (3.v.l.), und seinem Kollegen Pou Var aus dem Bauministerium (ganz rechts)
    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Für die Planung des Cinéma d’Etat (s.S. 20) erhält Lu Ban Hap 1969 einen Orden von Staatsoberhaupt No-rodom Sihanouk. Lu Ban Hap (2.v.l.) am 14. Juli 1963 auf einem Empfang der Botschaft im französischen Sektor West-Berlins mit Tep Phan, dem Gouverneur von Phnom Penh (3.v.l.), und seinem Kollegen Pou Var aus dem Bauministerium (ganz rechts)

    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Lu Ban Hap im April 2015 in seinem Haus in Paris
    Foto: Moritz Henning

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    Lu Ban Hap im April 2015 in seinem Haus in Paris

    Foto: Moritz Henning

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    In seiner „Esquisse directrice pour Phnom Penh“ untersucht Lu Szenarien der Entwicklung von Phnom Penh bis ins Jahr 2000, hier ein Schaubild der geplanten Satellitenstädte
    Abbildung und Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    In seiner „Esquisse directrice pour Phnom Penh“ untersucht Lu Szenarien der Entwicklung von Phnom Penh bis ins Jahr 2000, hier ein Schaubild der geplanten Satellitenstädte

    Abbildung und Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Der Boulevard vor dem Independence Monument wurde Anfang der sechziger Jahre von Lu Ban Hap gestaltet und ist noch heute eine der beliebtesten Freiflächen der Stadt

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    Der Boulevard vor dem Independence Monument wurde Anfang der sechziger Jahre von Lu Ban Hap gestaltet und ist noch heute eine der beliebtesten Freiflächen der Stadt

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    Lu gestaltete auch den Platz Josip Broz Tito. Für die Kuppel hat er eine pragmatische Erklärung: Die Gärtner benötigten eine Möglichkeit, ihre Geräte abzustellen.

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    Lu gestaltete auch den Platz Josip Broz Tito. Für die Kuppel hat er eine pragmatische Erklärung: Die Gärtner benötigten eine Möglichkeit, ihre Geräte abzustellen.

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    Traditionelle Dachformen verwendete Lu regelmäßig bei den Universitätsbauten, etwa in Kompong Cham, ...
    Foto aus: Norodom Sihanouk, „Photo-Souvenirs de mon Cambodge“

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    Traditionelle Dachformen verwendete Lu regelmäßig bei den Universitätsbauten, etwa in Kompong Cham, ...

    Foto aus: Norodom Sihanouk, „Photo-Souvenirs de mon Cambodge“

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    ... oder in Veal Renh.
    Foto aus: Kambuja, Revue mensuelle illustrée, 1966

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    ... oder in Veal Renh.

    Foto aus: Kambuja, Revue mensuelle illustrée, 1966

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    Das Chenla Cinéma dʼEtat wurde bei der Renovierung mit allerlei wichtigtuerischer Dekoration überformt, doch die Konstruktion des auf zwei monumentalen Pfeilern und einem gigantischen Träger sich aufspannenden Daches ist noch immer erkennbar
    Foto (2008): Moritz Henning

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    Das Chenla Cinéma dʼEtat wurde bei der Renovierung mit allerlei wichtigtuerischer Dekoration überformt, doch die Konstruktion des auf zwei monumentalen Pfeilern und einem gigantischen Träger sich aufspannenden Daches ist noch immer erkennbar

    Foto (2008): Moritz Henning

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    Das Hotel Cambodiana ist noch heute ein Zeugnis des aufstrebenden Kambodscha der sechziger Jahre.
    Foto (2008): Moritz Henning

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    Das Hotel Cambodiana ist noch heute ein Zeugnis des aufstrebenden Kambodscha der sechziger Jahre.

    Foto (2008): Moritz Henning

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    Lu Ban Haps Haus in Phnom Penh, 1962. Das Motiv der dreieckigen Fenster verwendet er beim Hotel Cambodiana wieder.
    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Lu Ban Haps Haus in Phnom Penh, 1962. Das Motiv der dreieckigen Fenster verwendet er beim Hotel Cambodiana wieder.

    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Lus Landhaus in den Wäldern von Kirirom
    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Lus Landhaus in den Wäldern von Kirirom

    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Lus Haus im Küstenort Kep, Prototyp für die vorgefertigten Häuser, die er später als kostengünstige Wohnhäuser errichtete
    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Lus Haus im Küstenort Kep, Prototyp für die vorgefertigten Häuser, die er später als kostengünstige Wohnhäuser errichtete

    Fotos: Archiv Lu Ban Hap

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    Die Lycee Tuol Svay Prey von Lu Ban Hap wurde von den Roten Khmer als Folterzentrum benutzt und
    beherbergt heute das Tuol Sleng Genozid-Museum
    Foto: Walter Koditek

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    Die Lycee Tuol Svay Prey von Lu Ban Hap wurde von den Roten Khmer als Folterzentrum benutzt und
    beherbergt heute das Tuol Sleng Genozid-Museum

    Foto: Walter Koditek

Von Phnom Penh nach Paris nach Phnom Penh nach Paris

Es ist ein kühler Tag im Dezember 2014, die Wolken hängen tief am Himmel. Fast zwei Jahre lang hatte ich gesucht, Google, Telefonbücher und Architektenverzeichnisse durchforstet und Freunde um Unterstützung meiner Detektivarbeit gebeten. Ich wollte schon aufgeben, da half mir der Zufall: Ein französischer Filmemacher vermittelte mir die Telefonnummer, und so stehe ich nun in einem beschaulichen Vorort von Paris und klingle an der Haustür von Lu Ban Hap, einem der wichtigsten Architekten im Kambodscha der sechziger Jahre

Text: Henning, Moritz, Berlin

Spricht man heute über Kambodscha, fällt den meisten kaum mehr ein als die Tempelanlagen von Angkor oder die Gräueltaten der Roten Khmer. Dass das kleine Land einmal eine Architektur hervorgebracht hat, die auf einzigartige Weise die Ideen der europäischen Moderne mit lokalen Bautraditionen zu einer spezifisch kambodschanischen Moderne verschmolz, ist selbst Architekten kaum bekannt.
1953 erlangte Kambodscha unter Führung von König Norodom Sihanouk die Unabhängigkeit. Neunzig Jahre lang war das Land französisches Protektorat, doch nun brach eine neue Zeit an: Kambodschas Staatsoberhaupt nahm eine beispiellose Modernisierung in Angriff, Flughäfen, Bahnhöfe, Schulen und Ministerien wurden aus dem Boden gestampft. Damit einher ging das Bekenntnis zu einer Architektursprache, die dem Aufbruch in eine neue Gesellschaft angemessen schien. Entscheidend war 1957 die Ernennung des gerade vom Studium in Frankreich zurückgekehrten Vann Molyvann zum Chefarchitekten des Königreiches und Leiter des Ministeriums für öffentliche Bauvorhaben. Verantwortlich für alle staatlichen Bauaufgaben – und damit für die architektonische Identitätsfindung des neuen Kambodschas –, gilt er vielen als „der Mann, der Kambodscha baute“. Mit ihrem Buch „Building Cambodia: New Khmer Architecture 1953–1970“ haben Helen Grant Ross und Darryl Collins 2007 den Grundstein für die Wiederentdeckung dieser Epoche gelegt. Seitdem widmet sich eine wachsende Zahl von Architekten mit der Erforschung dieser faszinierenden Architektur. Fast immer jedoch stehen die Bauten Vann Molyvanns im Fokus (Bauwelt 30.2009). Sicherlich war er der einflussreichste und radikalste Architekt seiner Zeit, aber er war nicht der einzige. Neben und mit ihm arbeiteten eine ganze Reihe talentierter Planer: französische Architekten, die im Land geblieben waren, internationale Experten und viele Kambodschaner, die nach und nach ihr Studium im Ausland abschlossen und zurückkehrten.
Einer dieser Rückkehrer, genau genommen der zweite, ist Lu Ban Hap. 2007 betrete ich zum ersten Mal sein bekanntestes Gebäude, das berühmte White Building in Phnom Penh, und bin sofort fasziniert. 2013 bin ich wieder dort, und mir wird klar, dass ich Lu Ban Hap finden muss. So treffe ich schließlich den Mann, der als Leiter des Stadtplanungsamtes, als Architekt und findiger Unternehmer die boomende Hauptstadt Kambodschas in den sechziger Jahren maßgeblich mitgeprägt hat – und dessen Werk bis auf wenige Ausnahmen unbekannt und mittlerweile fast verschwunden ist.
Der Empfang ist überaus herzlich: Ich werde hereingebeten, auf dem Sofa platziert und bekomme etwas zu trinken („Pernod oder Whisky?“). Mein Französisch ist etwas eingerostet, doch ein paar Stichworte genügen: Im Herzen jung geblieben, füllen Lu Ban Hap und seine Frau Armelle den Tag mit Geschichten. Es scheint, als wäre es lange her, dass jemand nach seiner Architektur gefragt hat, aber auch, als wären die Antworten nicht ganz einfach: „Meine Gebäude, das sind nur unwichtige Erinnerungen“, wiegelt er immer wieder ab –  um im nächsten Moment wieder hervorzusprudeln mit einer neuen Anekdote.

Fußballspielen mit Pol Pot

Lu Ban Hap wird 1931 in der kambodschanischen Provinz geboren. Mit vierzehn geht er nach Phnom Penh, um eine weiterführende Schule zu besuchen. Die erste Zeit wohnt er in einer Pagode: „Das Leben war hart. Ich hatte kein Geld, meine Familie war weit weg. Ich konnte kaum lernen, denn der Tagesablauf in der Pagode passte nicht zu meinem. Wenn die Mönche das Licht lösch-ten, ging ich hinaus auf die Straße und setzte mich unter eine Straßenlaterne, um weiterzulernen. Nach einiger Zeit war ich kurz davor, nach Kampong Cham zurückzukehren. Doch eines Tages sah ich Penn Nouth auf der Straße, den ich noch aus meiner Heimatstadt kannte, und der jetzt Gouverneur von Phnom Penh war. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte ihn, ob er Arbeit für mich hätte“, erinnert sich Lu. Penn Nouth nimmt ihn in seine Familie auf, ermöglicht ihm den Schulabschluss und wird Mentor und Freund bis an sein Lebensende. Auch andere Personen der Zeitgeschichte trifft er während seiner Schuljahre, wie er eines Abends beiläufig erwähnt: Khieu Samphan, Staatsoberhaupt der Roten Khmer, ist lange sein Banknachbar, mit Pol Pot spielt er regelmäßig Fußball, und auch Son Sen, später Verteidigungsminister und Geheimdienstchef der Roten Khmer, ist zeitweise sein Schulkamerad.
1949 geht Lu mit einem Stipendium nach Frankreich, fast zeitgleich mit seinen ehemaligen Klassenkameraden, die sich in den kommunistischen Kreisen von Paris das ideologische Rüstzeug für ihr Terrorregime erwerben werden. Zur Architektur kommt Lu erst auf Umwegen: „Vann Mo-lyvann, der schon vor mir nach Paris gegangen war, brachte mich zur Architektur. In Kambodscha gab es damals keine ausgebildeten Architekten. Er sagte mir, das sei unsere Chance, und hat mich überzeugt.“ Lu arbeitet neben dem Studium an der Planung des Flughafens Orly-Süd und an zwei Projekten Vann Molyvanns mit, die später zu Ikonen der Khmer-Moderne werden: das Stadion in Phnom Penh und das Preah Suramarit Theater, Projekte, die in Paris mit Hilfe französischer Architekten geplant werden. Noch während des Studiums heiratet Lu die Französin Armelle Rouard  – und lernt Norodom Sihanouk kennen, als dieser sich zur Behandlung in einem Pariser Krankenhaus befindet. Auf Veranlassung seines Mentors Penn Nouth, mittlerweile Botschafter in Frankreich, wird er zur Unterhaltung des Patienten im Nachbarzimmer einquartiert. Man versteht sich, und Lu wird für viele Jahre zu einem Vertrauten und Berater Sihanouks.
1959 schließt er sein Studium ab und möchte nach Brasilien gehen, wo gerade die neue Hauptstadt entsteht. Doch Sihanouk lässt den gut ausgebildeten Achitekten nicht ziehen, sondern beordert ihn zurück nach Phnom Penh, wo er umgehend mit dem Aufbau des „Service Municipal de l’Urbanisme et d’Habitat“ beauftragt wird. Fortan ist Lu verantwortlich für das planerische Wohlergehen der Hauptstadt – eine gewaltige Aufgabe, denn Phnom Penh befindet sich in einem grundlegenden Transformationsprozess. Die Stadt wächst und wächst. Von 1953 bis 1960 hatte sich die Zahl der Einwohner verdoppelt, überall wird gebaut, und Sihanouk möchte der Welt demonstrieren, dass sein Land zu Großem fähig ist. Noch leidet Kambodscha unter dem Erbe des Protektorats: „Als ich ankam, lag das Land brach. Es gab niemanden, der sich kümmerte, keine Kader, keine Verwaltung, nichts.
Bis 1953 wurde das französische Indochina von Hanoi aus verwaltet, aber die Franzosen waren ja weg. Wir mussten alles neu aufbauen, aber für mich war das gut. Ich war direkt dem Gouverneur unterstellt und bekam eine Carte Blanche.“ Mit zwölf Mitarbeitern, die Lu nach und nach zur Weiterbildung ins Ausland schickt, ist sein Amt für nahezu alle Bereiche des Planens und Bauens zuständig: die Ausweisung neuer Baugebiete, Planung und Instandhaltung öffentlicher Bauten und Gartenanlagen, Baugenehmigungen, Straßenbau, Beleuchtung, Müllentsorgung so-wie Wasser- und Stromversorgung. Die Abteilung verfügt zudem über vier Polizisten, die ständig unterwegs sind, um die Einhaltung des Verbots von Straßenverkauf sicherzustellen oder Baustellen zu überprüfen.

Phnom Penh, der Hamburger Schlachthof und der lange Arm der DDR

Für viele der Aufgaben gibt es im Land keine Expertise, und so bereist Lu die Welt, um sich über beispielhafte Lösungen zu informieren. Auch in Deutschland macht er Station: Die Stadt Hamburg berät ihn hinsichtlich der Einrichtung eines Freihafens in der Küstenstadt Sihanoukville ebenso wie bei der Planung eines neuen Schlachthofes für Phnom Penh – dessen Umsetzung dann an der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR durch Kambodscha 1969 scheitert, ein fernes Echo der deutschen Teilung.
Zur Finanzierung öffentlicher Bauaufgaben greift Lu gelegentlich zu damals eher unorthodoxen Mitteln. Phnom Penh ist arm, noch mehr, nachdem Sihanouk 1963 verkündet, keine amerikanische Finanzhilfe mehr anzunehmen. Um die Gestaltung öffentlicher Grünflächen zu finanzieren, lädt Lu Banken und Geschäftsleute ein, sich zu beteiligen. Bänke, Brunnen und Abfalleimer tragen fortan Namensschildchen von Spendern. Ein ähnliches System wendet Lu bei der Befestigung von Straßen an: Er animiert die Hauseigentümer, einen finanziellen Beitrag zur Asphaltierung der Straße vor ihrem Grundstück zu leisten. So wird Phnom Penh zu einer Metropole, auf die andere mit Bewunderung blicken, erzählt Lu voller Stolz: „Einmal kam der Präsident von Singapur, Lee Kuan Yew, nach Phnom Penh. Er fragte mich, wie ich es bloß schaffe, die Stadt so ordentlich zu halten. Singapur war damals eine schmutzige Stadt. Phnom Penh dagegen nannte man die Perle von Asien.“ Lus Phnom Penh war definitiv ein anderes als das heutige.
Nur selten ist der Service auch außerhalb von Phnom Penh tätig, doch mit den Universitäten in Kompong Cham und Veal Renh realisiert Lu 1965 zwei große Projekte im ländlichen Raum. Beide präsentieren sich zurückhaltend modern, dafür versehen mit den typischen gestaffelten Khmer-Dächern. Gefragt nach den Gründen für diese ebenso opulente wie konservative Gestaltung, erklärt Lu, dass die Provinzen deutlich wohlhabender gewesen seien als die Hauptstadt. Darüber hinaus wollte er die öffentliche Funktion durch die Ausbildung eines traditionellen Daches unterstreichen.
Vieles von dem, was der Service verantwortete, liegt heute nur noch als kaum sichtbare Folie unter der Stadt: die Zonierung in Geschäfts-, Villen- oder Industrieviertel, die Beschränkung der Bauhöhe, die Freihaltung von Flächen für Grünanlagen sowie das komplexe Be- und Entwässerungssystem aus Deichen, Pumpstationen und Wasserreservoirs. Mit dem erneuten Boom seit den neunziger Jahren verschwindet das Phnom Penh Lu Ban Haps unter Hochhäusern und Shopping-Malls. 2012 wurde der riesige Boeung Kak-See, dessen Ufer Lu nach dem Vorbild des Pariser Bois de Bologne gestaltet hatte, ohne Rücksicht auf seine ökologische Funktion in der regelmäßig von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt zugeschüttet. Die Freiflächen des spektakulärsten Stadtentwicklungsprojekts der sech-ziger Jahre am Ufer des Bassac sind mittlerweile bebaut. Auch den Universitätsbauten auf dem Land war kein langes Leben beschieden, doch das liegt nicht am Bauboom: Die Université Royale de Takeo-Kampot wird im Mai 1970 bei einem Angriff der Amerikaner auf Nachschublinien der Vietcong vollständig zerstört. Von der Universi-tät in Kompong Cham, deren Entrée sogar eine Briefmarke zierte, haben nur einige Nebengebäude die Wirren des Bürgerkriegs und die Roten Khmer überstanden.

Das Hotel Cambodiana und ein staatliches Kino

„Nebenher“ – denn sein Vertrag mit der Stadt sieht lediglich eine Arbeitszeit von sieben Uhr morgens bis ein Uhr mittags vor – baut sich Lu Ban Hap ein privates Büro auf. Das wohl bekannteste seiner Gebäude ist das „White Building“ (Seite 24). Zwei weitere wichtige Bauten sind ebenfalls noch in Phnom Penh zu finden: das Hotel Cambodiana, damals das größte Hotel der Stadt, und das Chenla Cinéma d’Etat, das staatliche Kino. Das von einem Konsortium unter Beteiligung Sihanouks Ende der sechziger Jahre initiierte Hotel Cambodiana steht am Ufer des Tonle Sap vor der historischen Kulisse des Königspalastes, der Nationalversammlung und einer Reihe von Pagoden. Lu lässt sich von diesem Umfeld inspirieren und versieht das Hotel mit einem Dach in modernisiertem Khmer-Stil. Mit seinem Entwurf setzt er sich, erzählt er schmunzelnd, gegen einen Vorschlag aus Vann Molyvanns Bauministerium durch, der einen Turm mit zehn Geschossen vorsah. Das Hotel besteht aus zwei gegeneinander versetzten Flügeln, die an einen Turm mit Servicefunktionen angegliedert sind. Nach Westen, mit fantastischem Ausblick auf den Zusammenfluss von Mekong und Tonle Bassac, liegt das Restaurant. Den Baukörper stellt Lu auf Stützen, sodass der Blick unter dem Hotel hindurch bis zur Flusslandschaft schweifen kann. Auch das von Lu unter Mitwirkung des in Australien ausgebildeten Architekten Chhim Sun Fong entworfene Chenla Cinéma d’Etat ist ein von Sihanouk initiiertes Bauvorhaben. Sihanouk war filmbesessen und als Schauspieler, Produzent oder Regisseur an rund fünfzig Filmen beteiligt, eine Leidenschaft, in die er später, als Kambodscha zunehmend in den Strudel außenpolitischer Ereignisse gerät, immer öfter flüchtet.
Ursprünglich als kleines Kino mit 20 Sitzplätzen konzipiert, entwickelt es sich zum Großkino für 800 Zuschauer. Das Budget bleibt knapp, die äußere Erscheinung des Kinos dementsprechend zurückhaltend. 1969 wird es mit den Zweiten Internationalen Filmfestspielen in Phnom Penh eröffnet, wenig später wieder geschlossen und 2002 zum Phnom Penh Cultural Centre umgebaut.

Private Wohngebäude und Vorfertigung

Darüber hinaus ist das Werk Lu Ban Haps nahezu unbekannt. Die wenigen noch existierenden Fotografien seiner Gebäude sind Bilder, die von seiner Frau Armelle nach Frankreich geschickt wurden, um ihrer Familie vom Leben in der Ferne zu berichten, und ein paar Schnappschüsse aus den 1980er Jahren. Pläne und Modelle haben die Zerstörungswut der Roten Khmer nicht überstanden, und mitnehmen konnte Lu nichts, als diese 1975 Phnom Penh übernahmen: Gefesselt wurde er aus seinem Haus abgeführt, Hemd und Hose am Leib war alles, was ihm blieb.
Lu Ban Haps schönstes Gebäude ist sicherlich das Wohnhaus, welches er 1963 für seine Familie fertigstellt. Das skurrile Haus wird dominiert von dem prägnanten Dach, das, ein Novum in Phnom Penh, als zweischalige, hinterlüftete Konstruktion ausgeführt wurde. In der Elite gut vernetzt und seit seinem Aufenthalt in Frankreich vertraut mit europäischen Wohnbedürfnissen, wird er ein gefragter Ansprechpartner bei in Phnom Penh lebenden Ausländern und westlich orientierten Kambodschanern. Bis in die 1970er Jahre realisiert er eine Reihe weiterer Villen, unter anderem für den amerikanischen Botschafter. Zwei wei-tere Häuser baut Lu für sich selbst, eines in den Wäldern von Kirirom und eines im Küstenort Kep an der „kambodschanischen Riviera“. Insbesondere das Haus in Kep ist bemerkenswert, denn es ist Lus erstes überwiegend aus Fertigteilen errichtetes Gebäude. Das Prinzip der Vorfertigung lernt er auf einer Studienreise in die Sowjetunion kennen, kurz darauf bittet ein Freund mit beschränktem Budget um einen Entwurf. Lu sieht wirtschaftliches Potenzial und entwickelt ein kostengünstiges Baukastensystem. Sein eigenes Haus wird zum Musterhaus, in Folge kann er ungefähr 40 Häuser nach diesem System errichten. Lus Haus in Phnom Penh wird 2006 abgerissen, um Platz zu machen für den Neubau des Ministeriums für – ausgerechnet! – Landrechte, Stadtplanung und Bau, ebenso wie das gegenüberliegende Haus, das er noch Anfang der siebziger Jahre für seine Tochter Diana baut. Auch fast alle anderen Villen sind mittlerweile zerstört oder befinden sich in ruinösem Zustand.
Das Prinzip der Vorfertigung setzt Lu Ban Hap auch bei einigen Schulbauten in Phnom Penh ein. Die Verbesserung des Bildungssystems ist eines der großen Projekte der Regierung Sihanouk. Lu delegiert die Planung aus der überlasteten Behörde in sein Büro und entwickelt einen Schultypus in Fertigteilbauweise, den er der Stadt für nahezu die Hälfte des üblichen Preises anbietet. Den nüchternen Bauten sieht man das begrenzte Budget an, doch fast alle Schulen werden heute noch genutzt. Eine allerdings hat traurige Berühmtheit erlangt: Das Lycée Tuol Svay Prey wurde unter den Roten Khmer zum Folterzentrum S-21 umgenutzt, in dem mindestens 14.000 Menschen ihr Leben ließen.
Viele weitere Projekte könnte man noch aufführen: Fast alle Kinos in Phnom Penh, so berichtet Lu, wurden in den sechziger Jahren von ihm gebaut, ein Konferenzzentrum und ein Hotel in Siem Reap, eine Stadthalle in Takhmau, eine Bank in Battambang und mehrere „Dispensaires“, kleine öffentliche Gesundheitsstationen auf dem Land, um nur ein paar zu nennen. Doch fast alle Gebäude sind heute nicht mehr oder nicht mehr im Original erhalten.

Sinatras Pool kommt nach Kambodscha

Lu Ban Hap war nicht nur Architekt, sondern auch Unternehmer mit gutem Gespür für Geschäfte. Im Garten seines Hauses legt er einen der ersten privaten Swimimingpools von Phnom Penh an, ausgestattet mit modernster Schwimmbadtechnik, importiert aus den USA: Bei einer Reise in die USA steht der Besuch von Frank Sinatras Villa in Hollywood auf dem Programm. Lu notiert sich den Hersteller der Pooltechnik. Zurück in Phnom Penh, ordert er das Equipment für sein eigenes Becken, Besucher kommen in Scharen, und in der Folge sichert sich Lu den Auftrag als Konzessionär der Technik der Firma Culligan für Thailand, das ehemalige Indochina und Indonesien – und baut unzählige Pools. Zur Realisierung seiner Bauvorhaben gründet er bald eine Baufirma, die zeitweise hundert Arbeiter beschäftigt und von einem seiner Onkel geleitet wird.
Mit ihr baut er einen Großteil seiner privaten Bauvorhaben und entwickelt die Fertigteile für Schulen und Wohnhäuser. Und weil er die Funktionärsmentalität seiner Landsleute –  wie auch die Tatsache, dass vorwiegend andere Länder an den Rohstoffen des Landes verdienen – zu überwinden trachtet, initiiert er als Aktionär den Bau mehrerer kleiner Fabriken zur Kautschukverarbeitung.
Das Projekt allerdings, das ihm am wichtigsten ist, kann Lu nicht umsetzen. Von 1965 bis 1969 arbeitet er mit dem Service an einer „Esquisse directrice pour Phnom Penh“, einer umfassenden Studie zur Entwicklung der Stadt bis ins Jahr 2000. Lu will die Einwohnerzahl der Hauptstadt auf eine Million bzw. zehn Prozent der Bevölkerung Kambodschas begrenzen, der Bevölkerungszuwachs soll in Satellitenstädte ausgelagert werden. Lu schwebt eine offene, luftige Stadt vor, orientiert an der Idee der Gartenstadt. Doch die Veränderungen im Land zerstören alle Pläne. 1970 ändert sich die Lage schlagartig. Während eines Auslandsaufenthalts von Sihanouk übernimmt Premierminister Lon Nol die Macht. Viele, so auch Vann Molyvann, sehen die dunklen Wolken am Horizont aufziehen und verlassen das Land. Lus Familie geht nach Frankreich, er selbst bleibt. Kambodscha versinkt im Chaos: An den Grenzen und im eigenen Land tobt der Vietnamkrieg, denn Lon Nol gibt die Neutralitätspolitik Sihanouks auf, der entstehende Bürgerkrieg treibt die Landbevölkerung scharenweise in die Arme der Roten Khmer – und in die Hauptstadt. Auf zwei Millionen Menschen verdoppelt sich deren Einwohnerzahl bis 1975, und Lus Arbeit wird nahezu unmöglich: „Wir konnten nichts mehr tun, immer mehr Menschen kamen nach Phnom Penh. Mein Service war nur noch damit beschäftigt, diese mit dem nötigsten zu versorgen. Und es gab keine Baumaterialien mehr. Einer meiner Bauherren musste den Zement aus Bangkok einfliegen, weil er unbedingt weiterbauen wollte.“
Am 17. April 1975 marschieren die Roten Khmer in Phnom Penh ein, Lu wird wie Millionen andere evakuiert und zur Landarbeit gezwungen. Nach drei Monaten gelingt ihm die Flucht, in nächtlichen Fußmärschen schlägt er sich durch nach Saigon und gelangt per Flugzeug schließlich nach Paris zu Frau und Kindern. Nach Monaten beginnt er wieder zu arbeiten, plant die Inneneinrichtung von Restaurants, arbeitet für eine Waschsalonkette und baut sich sein eigenes Haus. Noch vor dessen Fertigstellung kommt auch sein Mentor Penn Nouth nach Paris. Lu nimmt ihn bei sich auf, und das Haus wird zum Treffpunkt im Exil für viele, denen das Schicksal von Kambodscha am Herzen liegt – so lange, bis die Familie schließlich rebelliert und Lu 1982 in der Nachbarschaft ein eigenes Haus für Penn Nouth baut.
Nach Kambodscha kommt Lu Ban Hap erstmals wieder 1989, um ehrenamtlich die Arbeit von Médecins du Monde zu unterstützen. Bis 1994 besucht er das Land jährlich und betreut den Bau von Waisenhäusern und Krankenstationen. Doch zurückkehren möchte er nicht, obwohl er von offizieller kambodschanischer Seite wiederholt darum gebeten wird. „Ich hätte so viel mehr tun können für mein Land“, sagt er einmal, als er mich zum Flughafen bringt. „Doch meine Kar-riere war mit fünfundvierzig Jahren zu Ende.“
 Mittlerweile habe ich viele Tage in Paris verbracht. Gemeinsam haben wir eine ganze Reihe von Lus Projekten identifiziert, aber es bleibt noch viel zu tun, um das Werk zu erfassen. Im heutigen Phnom Penh jedenfalls, wo sich eine kleine Elite hinter hohen Mauern verschanzt und der Rest der Bevölkerung mit einer ungebremsten Immobilienspekulation konfrontiert ist, wünscht man sich Planer wie Lu Ban Hap zurück. Aber vielleicht führt das zunehmende Interesse an der Khmer-Moderne irgendwann zu einer anderen, besseren Architektur.

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