„Urbane Landwirtschaft wird für Architekten Routine werden“

Interview mit Joe Nasr

Text: Mees, Caroline, New York

Foto: C

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„Urbane Landwirtschaft wird für Architekten Routine werden“

Interview mit Joe Nasr

Text: Mees, Caroline, New York

Joe Nasr über die künftige Bedeutung von Urban Agriculture für die Arbeit von Architekten und Stadtplanern
Joe Nasr, was haben Sie als Experte für Nahrungsmittel­sicherheit an der Ryerson University in Toronto eigentlich mit Architektur und Stadtplanung zu tun?
Ich habe Architektur studiert und mich dann vor allem mit Fragen der Stadtplanung beschäftigt. Über diesen Umweg bin ich zu meinem Spezialgebiet Urban Agriculture gelangt – was mich dann kurioserweise wieder zur Architektur zurückgeführt hat. Seit einigen Jahren arbeite ich eng mit der Architekturfakultät der Ryerson University, aber auch mit vielen Architekten zusammen, die ähnliche Projekte und Konzepte verfolgen wie ich. Dadurch ist u.a. die Initiative „Car­-rot City – Designing for Urban Agriculture“ entstanden.
Worum geht es dabei?
Die Carrot City-Initiative ist 2009 nach einem Symposium zum Thema Urban Agriculture mit der Absicht entstanden, interessante und für die Lehre nützliche Case Studies in verschiedenen Maßstäben – bereits gebaute, visionäre oder spekulative Entwürfe – von Architekten und Studenten zu sammeln, die Annährungen an das Thema zeigen. Aus dieser Sammlung entwickelte sich eine Wanderausstellung, die inzwischen auch im Internet zugänglich ist. Letztes Jahr wurde das Buch zur Carrot City-Initiative veröffentlicht.
Wie erklären Sie sich das international wachsende Interesse an urbaner Landwirtschaft?
Die öffentliche Wahrnehmung des Themas vollzieht sich nach unseren Beobachtungen in Wellenbewegungen. Während die Landwirtschaft in den südlichen Ländern immer ein Teil der Stadt blieb, gab es vor zwanzig Jahren beispielsweise in Nordamerika nur eine Handvoll weit verstreuter und isolierter Akteure, die sich mit Urban Agriculture beschäftigten. Je breiter und vernetzter die Bewegung wird, desto mehr Unterstützung kann sie etwa von Politikern erhalten, die bei der Überwindung von Hindernissen helfen, beispielsweise durch Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen oder der Flächennutzungspläne.
Wächst das Interesse an Urban Agriculture auch unter den Architekten und Stadtplanern?
Es gibt immer mehr, die sich persönlich daran beteiligen – anfangs oft nur in ihrer Freizeit, aber einige sind inzwischen zu Spezialisten für Fragen der Nahrungsmittelproduktion geworden und integrieren Flächen für urbane Landwirtschaft in ihre Entwürfe, etwa für Gemeindezentren, Schulen oder auch im Wohnungsbau. Es geht Architekten und Planer et­was an, denn bei der Umsetzung landwirtschaftlicher Projekte in der Stadt sind viele technische Details zu beachten wie Statik, Belichtung, Bodengüte oder die Auswahl geeig­neter Materialien.
Wie definieren Sie eigentlich den Begriff Urban Agriculture?
Nicht besonders streng. Ich habe kein Problem mit den un­terschiedlichen Vorstellungen, die es davon gibt, solange die Unterschiede deutlich erkennbar bleiben. Ich vertrete einen umfassenden, holistischen Ansatz: Für mich bedeutet Urban Agriculture die Produktion von Nahrungsmitteln und einiger anderer Nutzpflanzen innerhalb eines städtischen Zusammenhangs im weitesten Sinne. Das kann also auch im unmittelbaren Umland stattfinden oder eine ganze Metropolregion umfassen – ganz gleich ob sich dort die Nahrungsmittelproduktion im Hobby-Maßstab oder innerhalb einer kommer­ziell ausgerichteten, größeren Landwirtschaft abspielt.
Demnach unterscheiden Sie auch nicht zwischen Urban Gardening und Urban Agriculture? 
Nein, das Community Gardening oder auch das eher private Backyard Gardening sind für mich ein Teil des weiter gefassten Begriffs der urbanen Landwirtschaft.
Sehen Sie Konflikte – vor allem räumliche – zwischen der kommerziellen urbanen Landwirtschaft und den eher auf soziale Aspekte ausgerichteten Gemeinschaftsgärten?
Ich sehe Konflikte etwa in der Frage, ob schattenspendende, also für das Stadtklima nützliche Bäume zugunsten einer Flächenkultivierung mit Nahrungsmitteln geopfert werden müssen. Aber es gibt ein beinah unendliches Potenzial für die Extensivierung und Intensivierung der urbanen Landwirtschaft. Wenn Konflikte auftreten, muss man sich für oder gegen eine Sache entscheiden, und daran habe ich nichts auszusetzen.
In New York werden seit einigen Jahren großflächige kommerzielle Urban-Agriculture-Projekte auf Dächern von In­dustriegebäuden installiert. Wo sehen Sie künftig geeignetes Flächenpotenzial für urbane Landwirtschaft?
Wir haben ein vielfältiges Repertoire, um die unterschiedlichen Räume zu nutzen. Es wird urbane Landwirtschaft in den großen öffentlich genutzten Parks geben, Hydrokulturen auf den Dachterrassen oder das Gärtnern auf industriellen Brachflächen. Es gibt auch ein Potenzial für Gemeinschaftsdachgärten, das allerdings begrenzt ist, berücksichtigt man die hohen Kosten und die schwierige Erschließung. Im Fall von New York hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass vier von fünf Dächern nicht für urbane Landwirtschaft geeignet sind. Es gibt verschiedene Hindernisse, etwa eine unzureichende Tragstruktur, eine mangelhafte Zugänglichkeit oder Schwierigkeiten mit den Eigentümern. Aber das dicht bebaute New York ist ein Sonderfall, eine Stadt, in der es dennoch sinnvoll ist, die Dachflächen für Urban Agriculture zu nutzen.
 
Welche Aufgaben kommen also auf die Architekten zu?
Es treffen verschiedene Aspekte aufeinander: Umweltfragen, Fragen der Landnutzung und der Gestaltung. Urban Agriculture wird letztlich einer von vielen Aspekten sein, den Architekten zu berücksichtigen haben – wie beispielsweise Hochwasserschutz oder Dachbegrünungen, über die man sich frü-
her auch nicht viele Gedanken gemacht hat. Die Prioritäten werden sich verschieben, das ist ein ganz normaler Prozess. Wer als Architekt diesen Aspekt künftig unterschlägt, wird außen vor bleiben.
Sehen Sie die urbane Landwirtschaft als Teil einer ökolo­gi­schen Wende oder als Symptom einer Krise?
Die Leute haben erkannt, dass der Nahrungsmittelsektor in der Krise ist. Ihr Vertrauen in die Nahrungsmittelsicherheit ist gesunken, ansonsten gäbe es kein solch großes Interesse an dem Thema. Man sucht nach Alternativen, so gesehen ist die urbane Landwirtschaft eine Reaktion auf die Krise – oder wenigstens auf eine wahrgenommene Krise unter vielen. Wer ein Problem mit dem Agrarsektor hat, sucht nach einer Lösung, und Urban Agriculture ist eine mögliche Antwort. Das gegenwärtige Interesse an der urbanen Landwirtschaft und an den Community Gardens liegt am zeitlichen Zusammentreffen der Nahrungsmittelkrise mit der ökologischen und der energetischen Krise.
Worin sehen Sie die nächsten Schritte einer Verbindung von Urban Agriculture, Architektur und Stadtplanung?
Urban Agriculture wird stärker in das Bauen und die Stadtplanung integriert werden. Das heißt, es wird Bestandteil der Routine des Architektenberufs werden – ohne jemanden dazu zu zwingen, sondern eher als ein Teil der Annehmlich-keiten, die durch Architekten zur Verfügung gestellt werden. Architekten werden dazulernen und die Baufirmen werden es integrieren. Die Universitäten werden Urban Agriculture vermehrt in ihre Lehrpläne aufnehmen und die Planungsämter werden die Flächennutzungspläne so ändern, dass Landwirtschaft in das Stadtgefüge eingebunden werden kann.

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