Stadt in Gewahrsam

Text: Passas, Christos, London; Dikaios, Alkis, Nikosia; Fereos, Pavlos, Athen

No Man´s Land Project

No Man´s Land Project


David Murray

David Murray


Stadt in Gewahrsam

Text: Passas, Christos, London; Dikaios, Alkis, Nikosia; Fereos, Pavlos, Athen

1974 waren die Bewohner Varoshas vor der heranrückenden türkischen Armee geflohen; seitdem ist die Stadt militärisches Sperrgebiet und wird von der türkischen Seite als Faustpfand des Zypernkonflikts gehalten. Unsere Autoren, drei zypriotische Architekten, haben über einen studentischen Ideenwettbewerb versucht, eine Diskussion über die mögliche Zukunft der Stadt in Gang zu bringen.
Varosha ist ein Stadtteil von Famagusta an der östlichen Bucht von Zypern. In den siebziger Jahren hatte er den Ruf als das Rimini Zyperns, heute handelt es sich um einen Ort der Vergangenheit, in dem niemand leben darf. Varosha steht isoliert und verlassen da wie in einer surrealistischen Traumwelt – eine verlorene Stadtlandschaft, die nur noch ein trauriges Trugbild ihres ehemaligen „malerischen“ Selbst am Meer ist.
Der Aufstieg
Famagusta wurde 300 v. Chr. gegründet und blieb Jahrhunderte lang ein kleines Fischerdorf. Erst als der Hafen der benachbarten Stadt Salamis versandete und diese schließlich aufgegeben wurde, entwickelte sich Famagusta zu einem kleinen Handelshafen. Im Mittelalter erlangte er Bedeutung für die Mittelmeerregion; die Stadt wurde zu einem wichtigen Handelszentrum für Orient und Okzident. 
Im Jahr 1570, nachdem ein Heer von 60.000 Mann die Stadt belagert und schließlich erobert hatte, begann die Ära der osmanischen Herrschaft. Der neue, muslimische Statthalter befahl den ansässigen Christen, den Bereich innerhalb der Stadtmauer zu verlassen und sich außerhalb in einer neuen Stadt anzusiedeln. So entstand die Siedlung Varosha auf dem Gelände südlich des Hafens, wo die neuen Machthaber die nicht muslimische Bevölkerung besser in Schach halten konnten als in dem engen Straßengewirr innerhalb der Altstadt.
Ab 1878, unter britischer Herrschaft, wuchs die griechische Bevölkerung außerhalb der Altstadt beträchtlich. Als die Briten im Sommer 1959 Zypern verließen, waren neue Wohn- und Geschäftsviertel entstanden, und Varosha war zu einem kleinen Ferienort mit Badestrand geworden. Ein Jahr später wurde Zypern unabhängig. Famagusta, das nun aus der Altstadt und aus Varosha bestand, wuchs auf 40.000 Einwohner an. 1974 wurde über seinen Hafen die Hälfte des Passagierverkehrs von und nach Zypern abgewickelt. Die Stadt blühte wirtschaftlich und kulturell auf und wurde, nicht zuletzt durch das Aufkommen der Charterflüge ab 1967, zu ei­nem beliebten Touristenziel in Europa. Erstmals war Varosha sowohl kulturell als auch ökonomisch bedeutender als die Altstadt. Die ursprüngliche Vorstadt mit ihrem langen, mit Hochhäusern bebauten Küstenstreifen wurde zu einem neuen Zentrum der gesamten Stadt. 
Die Vertreibung
Als 1974 der Zypernkonflikt eskalierte und die Türkei mit Truppen intervenierte, wurde angesichts der vorrückenden Streitkräfte die griechisch-zypriotische Bevölkerung Famagustas evakuiert. Die fast 30.000 Einwohner Varoshas, überwiegend Griechen, verließen ihre Häuser in aller Eile und in dem Glauben, es handele sich um eine zeitweilige Maßnahme bis zum Ende der Feindseligkeiten. Das ist in dem Ort, der seither als militärisches Sperrgebiet unzugänglich ist, noch heute erkennbar. Drei Jahre nach der türkischen Invasion besuchte der schwedische Journalist Jan-Olof Bengtsson das schwedi­sche UN-Bataillon im Hafen von Famagusta und berichtete für die Tageszeitung Kvällsposten erstmals über den Zustand Varo­shas. Er schrieb: „Die Asphaltdecke der Straßen ist unter der heißen Sonne gebrochen, auf den Bürgersteigen wächst Buschwerk. Heute, im September 1977, sieht man immer noch die Tische, die zum Frühstück eingedeckt sind, immer noch hängt die Wäsche auf den Leinen, und auch so manche Lampe brennt noch. Varosha ist eine Geisterstadt.“ Bengtsson sollte recht behalten: Die Flüchtlinge durften nicht zurückkehren, so wenig wie die übrigen griechisch-zypriotischen Flüchtlinge aus dem türkisch besetzten Nordteil der Insel. Während sonst in vielen der besetzten Gebiete türkisch-zypriotische Flüchtlinge aus dem Süden oder Türkeitürken angesiedelt wurden, blieb Varosha Neusiedlern genauso verschlossen wie Besuchern oder Journalisten. 
Die Demarkationslinie wird noch heute vom türkischen Militär und UN-Patrouillen bewacht. Die UN-Soldaten weisen Neugierige oder frühere Bewohner, die von Erinnerungen oder unbegründeten Hoffnungen in die Nähe ihrer ehemaligen Wohnungen gelockt werden, höflich, aber bestimmt zurück. Das weniger verständnisvolle türkische Militär droht allen, die versuchen, die verrosteten Barrieren zu durchbrechen, um einen Blick auf die Stadt zu werfen, mit Inhaftierung. Manche wagen es dennoch und machen verbotenerweise Fotos, die selbst in ihrer Zweidimensionalität noch Trauer und Verzweiflung ausstrahlen. Jedes Mal, wenn Varosha in den Nachrichten oder bei den endlosen und scheinbar hoffnungslosen Verhandlungen zur Beilegung der Zypernkrise zum Thema wird, verstärkt sich der Besucherstrom am Zaun und nimmt dann, mit dem Scheitern der Hoffnungen, wieder ab.
Varosha ist ein Ort in der Zeitschleife, dessen leer stehende Wohnhäuser, Hotels, Geschäfte und öffentliche Gebäude der Erosion preisgegeben sind. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Natur Schritt für Schritt ihr Territorium zurückerobert. Die wild wuchernden Pflanzen haben sich mit ihren Wurzeln in Wänden, Böden und Fenstern festgesetzt und zerstören langsam die Gebäude. Während Varosha so der Wildnis anheimfällt, verbleichen in den Boutiquen Kleidungsstücke, die seinerzeit modisch waren, und in den Verkaufsräumen der Autohäuser stehen immer noch brandneue Autos, die mittlerweile Oldtimer sind. Das Gebiet hat sich zu einer Art Naturreservat entwickelt: In den leeren Kirchen haben sich Vögel niedergelassen, die hier seit Jahrzehnten von Menschen unbehelligt nisten, und an die Strände sind die Meeresschildkröten zurückgekehrt und legen dort ungestört ihre Eier ab.
Politisch gesehen ist Varosha heute nicht mehr als eine Verhandlungsmasse für die Gesamtlösung des Zypernkonflikts. Zahlreiche UN- und EU-Resolutionen haben die sofortige Rückgabe an die rechtmäßigen Bewohner gefordert, aber sie blieben allesamt wirkungslos. Seit der „Abriegelung“ im Jahr 1974 kommt das Thema der Öffnung der verlassenen und eingezäunten Stadt alle vier oder fünf Jahre auf die Agenda. 2004 schien eine Lösung des Konflikts in greifbare Nähe zu rücken. Ein Plan des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan sah als einen Eckpfeiler die Rückgabe von Varosha vor. Der Plan wurde von der internationalen Gemeinschaft als ein guter Schritt vorwärts betrachtet, ja von manchen sogar als der einzig mögliche Weg. Auch die türkischen Zyprioten sahen in ihm die Chance, aus ihrer wirtschaftlichen Isolierung herauszukommen und Zugang zu den internationalen Märkten zu erhalten. Überdies war das Gefühl der Bedrohung durch die griechischen Zyprioten zurückgegangen, so dass man auf türkischer Seite bereit war, die Zukunft vorsichtig optimistisch zu sehen.
Doch während eine Mehrheit im türkischen Norden für den Plan stimmte, wurde er von der großen Mehrheit der Griechen im Süden abgelehnt, nicht zuletzt wegen einer massiven, vom damaligen zypriotischen Präsidenten Tassos Papa­dopolous angeführten Ablehnungskampagne. Die Argumen­tation des Politikers erweckte den Eindruck, dass die türki­schen Zyprioten größere Macht erhalten sollten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprach, und streute die Befürchtung, die Türkei werde sich zukünftig in die inneren Angelegenheiten der gesamten Insel einmischen. Einige glauben allerdings, dass diese Gründe nur vorgeschoben waren. Viele Geschäftsleute in der Tourismusbranche hatten zu dieser Zeit einflussreiche Positionen in der Politik inne. Eine Wiedervereinigung der Insel hätte die Aufhebung aller Sanktionen gegen den Norden zur Folge gehabt, und es hätte die Gefahr bestanden, dass die Touristenströme, die heute in den Süden kommen, in den Norden abgewandert wären, wo die Insel noch weitgehend unberührt ist.
Jüngst erst, im April 2010, kam Varosha wiederum auf den Verhandlungstisch, als die griechische Seite anbot, den Türken gegen die Rückgabe des Ortes den unbeschränkten Handel über den türkisch-zypriotischen Hafen von Famagusta zu gestatten. Doch auch hier wurde keine Einigung erzielt.
Szenarien für die Zukunft
Jede neue Verhandlung beflügelt fruchtlose Debatten zwischen den zypriotischen Behörden auf der einen Seite und einzelnen oder organisierten Flüchtlingen und deren Nachkommen auf der anderen. Nach 36 Jahren Leerstand sind praktisch die gesamte Infrastruktur und die gesamte Bausubstanz unrettbar geschädigt. Deshalb wird darüber diskutiert, ob im Falle der Rückgabe die Häuser sofort und in ihrem gegenwärtigen Zustand an die Bewohner zurückgegeben werden oder ob Varosha noch einige weitere Jahre gesperrt bleiben soll, um es zu sanieren und wiederaufzubauen. 
Eine leere Stadt, deren Einwohner nur ein paar Kilometer weiter angesiedelt wurden, bedeutet eine beispiellose Gelegenheit zur Schaffung eines neuen städtischen Raums für eine bereits vorhandene und zum Einzug bereitstehende Bevölkerung. Planer sehen darin die ideale Chance, eine ganze Stadt entsprechend heutiger Anforderungen von Grund auf „richtig“ zu konzipieren und mit Infrastruktur auszustatten, wie das in einer bewohnten Stadt gar nicht möglich ist. Aber die Mehrzahl der rechtmäßigen Bewohner, die schon seit Jahrzehnten auf die Rückkehrmöglichkeit warten, wenden ein, dass sie an genau den gleichen Ort zurück wollen, den sie einst verlassen mussten, und nicht in eine neue, vielleicht „verbesserte“, aber jedenfalls unvertraute Siedlung. Außerdem träumt jeder einzelne Flüchtling davon, in seine ursprüngliche Wohnung heimzukehren, gleichgültig, ob diese derzeit bewohnbar ist oder nicht. Das Recht auf Rückkehr ist dabei durch das Eigentumsrecht verbürgt.
Das Uferbild von Varosha ist insofern irreführend, als es sich gerade bei den Hochhäusern nicht um Tourismushotels handelt, wie oftmals angenommen wird, sondern um Apartmenthäuser mit vielen Eigentümern. Die Entscheidung über jedes einzelne dieser Gebäude muss also unter vielen abgestimmt werden. Eine Balance zu finden zwischen dem Recht auf Rückkehr und der Möglichkeit eines großflächigen Abrisses, der aufgrund der konstruktiven Erosion geboten wäre, wird eine herausfordernde Aufgabe werden. Zahlreiche Gebäude haben zudem nach dem Krieg eine symbolische Bedeutung angenommen, die an die Ereignisse erinnert, die zum Verlassen der Stadt geführt haben. Nach der jahrzehntelangen Leere wäre eine simple Sanierung als positives Signal für die Zukunft sicher nicht ausreichend.
Projekt Niemandsland
Das heutige Varosha wurde im Anfangsstadium seines städti­schen Wachstums „eingefroren“. Es besitzt das Potenzial, über sich hinauszuwachsen und eine neue Identität anzunehmen. Was lässt sich tun? Welche Zukunft ist möglich? Wir glauben, dass zurzeit für das kollektive Gedächtnis eine Katharsis wichtiger ist als eine konkrete bauliche Antwort.
Aus diesem Grund haben wir das Projekt „Niemandsland“ ins Leben gerufen. Es basiert auf der Hypothese der Rückgabe von Varosha an die früheren Bewohner und startete als Ideenwettbewerb, an dem die TU Athen, das Dessau Institute of Architecture der Hochschule Anhalt, das Design Research Laboratory DRL der Londoner Architectural Association AA und die Why Factory der TU Delft teilnahmen. Im Verlauf des Wettbewerbs zeigte sich, dass die Beiträge nicht in Konkurrenz zueinander standen, sondern sich ergänzten. Die jeweiligen Ansätze, Handlungsempfehlungen und ihre Einbindung in den globalen, urbanen und architektonischen Kontext waren davon bestimmt, auf welchen Aspekt sich die Teams jeweils konzentrierten (Privatgrundstücke, Uferbebau­ung, Gebäudeerosion, künftiges Wachstum, Masterplan usw.). Einige griffen das Thema der Ressourcen und der Verwaltung des Geländes mit einem detaillierten rechtlichen Regelungsverfahren auf, andere wählten einen analytischen Ansatz oder erkundeten die Möglichkeiten parametrischer Untersuchungsmethoden. 
So entwickelte eines von zwei Teams aus Athen eine Website, auf die Flüchtlinge Daten ihrer Immobilien sowie ihr Interesse (so vorhanden) an der Rückkehr eingeben können. Ebenso wird gefragt, ob die Immobilie den jeweiligen aktuellen Wohnbedürfnissen genügen kann. Auf diese Weise entsteht eine Datenbank, mit deren Hilfe später auch Grundstücke und Immobilien getauscht werden können, falls sich die Bedürfnisse der Besitzer geändert haben sollten. Grundbesitz, dessen Eigentümer nicht zurückkehren wollen, soll, so der Vorschlag, in Grünfläche umgewandelt werden.
Die Landschaftsprojekte aus Dessau betrachten Famagusta im geografischen Zusammenhang mit dem Hinterland und der Küste bis zum Kap Greco, der Südostspitze des Landes. Sie wollen ein Gefühl für eine Zukunft der offenen Stadt schaffen, indem sie politische, stadtplanerische und ökologische Gesichtspunkte in einer Simulation miteinander verbinden. Bestimmte „Ereignisse“ – das können dauerhafte Veränderun­gen an festgelegten Orten sein, aber auch temporäre Situatio­nen – sollen Eingriffe kleineren Maßstabs ermöglichen. Im Gegensatz zu einem Masterplan soll so die Grundlage für ei­nen „wachsenden Masterplan“ geschaffen werden.
Der Beitrag aus London beschäftigt sich mit der Verbindung Varoshas zur Altstadt und zum Ufer. Vorgeschlagen wird ein „Schnitt“ durch die Stadt, der einerseits als eine Art Mahnmal gesehen werden kann und andererseits einen Zugangsweg zum Meer freilegen soll, der den Rahmen für die künftige Infrastruktur vorgibt. Die neue, bewohnbare „Mauer“ am Meer soll die Identität Famagustas als Küstenstadt wiederherstellen. Im Gegensatz hierzu schlägt der zweite Beitrag aus Athen vor, die Uferfront durch quer gestellte Grünflächen aufzubrechen. Diese „Grünfinger“ sollen dafür sorgen, dass die kühle Meeresbrise bis tief in die Stadt kommt, und allen Bewohnern eine stärkere Beziehung zum Strand eröffnen.
Der Delfter Beitrag stellt Varosha in den Kontext der Entwicklung von ganz Zypern. Dabei wird die mögliche Zukunft des Ortes im Zusammenhang mit der Wachstumsstrategie, dem Ressourcenverbrauch und der Energiebalance der Insel untersucht. In einem speziell entwickelten Computerprogramm, dem „Vision Maker“, können verschiedene Entwicklungsschwerpunkte (Nahrungsmittel-, Energie- oder Wasserproduktion, Stadtform) gewählt und kombiniert werden. Aus der fortlaufenden Verfeinerung der Szenarien entstehen mögliche Leitlinien für Varosha wie „Energiestadt“, „Ökotourismus“, „Wissenszentrum“ oder „Stadtmonument“.
Die verschiedenen Beiträge des Projekts Niemandsland betrachteten Varosha unter dem Gesichtspunkt eines künftigen Wachstums von Famagusta und hinsichtlich des Potenzials einer wirklichen „Wiederbewohnbarkeit“. Die Uferkulisse bleibt das feststehende Bild für das, was war und in einem Augenblick zerfiel. Ein sehr profitables Gewerbe macht sich dies zunutze, druckt Briefmarken, Postkarten und stellt Souvenirs her. Fast jede Erwähnung des Zypernkonflikts in den Medien wird mit dem Bild der verwaisten Hochhausstadt garniert. Wir hoffen, dass die in den Workshops erarbeiteten Ideen zur Zukunft von Varosha ein Gedankenanstoß sein können, der den Blick für andere Sichtweisen öffnet und so eine Möglichkeit für eine fruchtbare Diskussion über die Chancen einer Entwicklung nach der Öffnung der Stadt schafft. 

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