In nationaler Tradition

Der Architekt Kunz Nierade im Stadtarchiv Leipzig

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Stadtarchiv Leipzig, Teilnachlass Kunz Nierade

Stadtarchiv Leipzig, Teilnachlass Kunz Nierade


In nationaler Tradition

Der Architekt Kunz Nierade im Stadtarchiv Leipzig

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Die Leipziger Oper war der erste Theaterneubau der DDR und ein Leitbau der 1950 in Kraft getretenen „16 Grundsätze des Städtebaus“. Doch bei seiner Eröffnung 1960 galt das an klassizistischen Theaterbauten orientierte Haus als gestalterisch schon nicht mehr zeitgemäß. Während der Planungs- und Bauzeit hatte sich, nach Stalins Tod, die offizielle Architektur-Linie geändert. Der Architekt der Oper, Kunz Nierade, ist fast in Vergessenheit geraten.
Prestigebauten wie das Leipziger Opernhaus wurden in der DDR zentral geplant. Kunz Nierade (1901–76) war als Mitarbeiter des Ost-Berliner Instituts für Städtebau und Hochbau sowie der Meisterwerkstatt II an der Bauakademie, die beide von Hanns Hopp geleitet wurden, an einer ganzen Reihe von namhaften Projekten beteiligt. Das Stadtarchiv Leipzig hat im letzten Jahr Nierades Nachlass übernommen und untersucht seither seine Biografie und sein Schaf­fen. Eine Ausstellung mit Schwerpunkt auf den Leipziger Projekten gibt erste Einblicke.
Trotz lokaler Diskussionen um den Wiederaufbau des 1943 teilweise zerstörten, spätklassizistischen Vorgängerbaus der Leipziger Oper beschloss die SED-Parteispitze 1950 einen wesentlich größeren Neubau am selben Standort, an der Nordseite des Augustusplatzes. Mehrere Wettbewerbe mit prominenten Teilnehmern brachten nicht das gewünschte Ergebnis. Scharouns skulpturaler Entwurf wurde in Fachpresse und Öffentlichkeit zwar leidenschaftlich diskutiert, jahrelang weitergeplant wurde aber ein Projekt, das an das Moskauer Bolschoi-Theater erinnerte. 1954 erhielt Nierade gemeinsam mit dem Bühnentechnikspezialisten Kurt Hemmerling den Auftrag für einen weiteren Entwurf. Unzählige Skizzen und Perspektivstudien veranschaulichen die Suche des Architekten nach einer schlüssigen Bauform, zwischen „Nationaler Tradition“ und der beginnenden Industrialisierung im Bauwesen. Nach und nach entwickelte Nierade den zunächst pompösen, historisierenden Entwurf zu einem auf einem klaren Raster basierenden Bau mit nur wenigen Schmuckelementen. Diesen konnte er mit teuren Materialien und in Zusammenarbeit mit vielen renommierten Künstlern realisieren.
Nierades zweites großes Leipziger Projekt, die Deutsche Hochschule für Körperkultur, ist bauhistorisch und gesellschaftspolitisch nicht minder interessant. 1950 hatte das Politbüro des ZK der SED den Bau einer zentralen Sporthochschule der DDR sowie eines Stadions in Leipzig beschlossen. Für dieses Sportforum lebten unrealisierte Pläne von Werner March aus dem Jahr 1938 nach dem Vorbild des Berliner Olympia-Geländes wieder auf. Das für die Turn- und Sportfeste der DDR errichtete „Zentralstadion“ (1956) mit 100.000 Plätzen war bis zum Umbau nach der Wende das größte Stadion Europas. Den Wettbewerb für die gegenüberliegende Hochschule gewann die Meisterwerkstatt II 1951 mit dem Entwurf einer schlossartigen Anlage mit Ehrenhof. Als verantwortlicher Architekt realisierte Nierade 1954–58 große Teile des riesigen Komplexes mit Sport­hallen, Hörsälen, Institutsgebäuden, Bibliotheksturm, Schwimmhalle und Internatshochhaus.
Kunz Nierade wurde von seinen Mitarbeitern fachlich geschätzt, wegen seiner Detailversessenheit aber auch gefürchtet – Karikaturen, Aktennotizen und persönliche Kalendereinträge vermitteln in der Ausstellung ein differenziertes, durchaus kritisches Bild. Perspektivstudien aus den 50er Jahren zur Umgestaltung der Leipziger Innenstadt (Bahnhofsvorplatz, Richard-Wagner-Straße, Karl-Marx-Platz bzw. Augustusplatz) bezeugen Nierades zeichnerisches Talent. Biografisch gibt es offene Fragen. Nierade war bereits 1931 in die NSDAP eingetreten und nach eigenen Angaben von 1941 bis 1944 im „Reichsgau Wartheland“, vor allem in Kalisch und Litzmannstadt (Łódź), als „Projektant“ für „Behörden“ tätig. Dort planten nach dem deutschen Überfall auf Polen nicht nur Architekten, die später zur westdeutschen Planungselite gehörten, die „Neuordnung von Menschen und Sachen“, sondern auch spätere DDR-Architekten wie Hermann Henselmann oder Waldemar Alder. Dazu besteht noch eine Menge Forschungsbedarf.
Fakten
Architekten Nierade, Kunz (1901–76)
aus Bauwelt 44.2011
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