Essbares Andernach

Urbane Landwirtschaft

Text: Weber, Ulrike

Foto: Christoph Maurer

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Essbares Andernach

Urbane Landwirtschaft

Text: Weber, Ulrike

Durch ihren unkonventionelle Umgang mit den kommunalen Grünflächen ist die 30.000-Einwohner-Stadt am Rhein überregional bekannt geworden. Was ist passiert?
Wie so viele rheinland-pfälzische Kleinstädte setzt auch Andernach auf die Tourismusbranche, um dem drohenden wirtschaftlichen Niedergang entgegen zu treten. Zu den Highlights der ehemaligen Industrie- und Hafenstadt gehört ein 2006 reaktivierter Geysir am Rheinufer, der etwa alle zwei Stunden eine bis zu 60 Meter hohe Fontäne hinausdrückt. Im Jahr 2008 folgte eine weitere Attraktion: Eine Brachfläche im Ortsteil Eich wurde im Sinne des Nachhaltigkeitsprinzips der Landwirtschaft, der Permakultur, bepflanzt und bewirtschaftet. Das Projekt wurde durch die Mitmach-Aktion eines regionalen Radiosenders angeschoben, was zugleich ein entsprechendes Medienecho erzeugte.
Permakultur für alle
Zwei Jahre später entschied sich die Stadtverwaltung, das erprobte Prinzip der Permakultur auch auf die Freiräume der Innenstadt zu übertragen – trotz politischer Vorbehalte gegenüber der ästhetischen Wirkung von Nutzpflanzen, der Furcht vor Vandalismus und der generellen Skepsis der Bürger. Die ersten Bepflanzungen mit Tomatensorten deklarierte die Stadt noch als Aprilscherz, indes hat sich daraus eine neue Attraktion entwickelt. Seither wachsen verschiedene Sorten von Tomaten, Salate, Kräuter und Zucchini auf innerstädtischen Brachflächen und Grünanlagen, entlang der historischen Stadtmauer und vor dem Schloss. Die kommunalen Grünanlagen sollten dadurch aufgewertet, nachhaltig gestaltet und erlebbar werden. Es darf ernten, wer möchte. Besonders beliebt sind Gemüsesorten, deren aufwendige Pflege die Bürger gerne der Stadt überlassen, wie beispielsweise Bohnen, und Gartenkräuter, die das schnelle Mittagsmahl verfeinern helfen.
Eine in vielen Großstädten eingeübte Form des poli­ti­schen Protests, das „Guerilla Gardening“, wurde in Andernach in zivilen Gehorsam umgewandelt. Die Stadt sollte nicht nur wieder Lebensmittelpunkt werden, sondern auch über Lebensmittel informieren. Agrobiodiversität, die landwirtschaftliche Vielfalt, steht dabei im Mittelpunkt der Aktion. Um die Attraktivität zu steigern, pflanzte die Stadt im Jahr 2010 300 verschiedene Tomatensorten, im vorigen Jahr 101 Bohnensorten und widmete dieses Jahr der Zwiebel. Alte Sorten werden rekultiviert und kostenfrei verbreitet. Die Schulen erhielten Schulgärten, bei Platzmangel auch in Form von fahrbaren Gärten auf Anhängern.
Das Konzept der „essbaren Stadt“ begann auf kommunaler Ebene und wurde von Mitarbeitern der Stadtverwaltung gemeinschaftlich weiterentwickelt, ohne dass Architekten, Landschaftsarchitekten oder Stadtplaner einbezogen wurden. Heute bewirtschaften neben städtischen Angestellten auch Ehrenamtliche und Langzeitarbeitslose die Grünflächen, was mit sozialen und ökonomischen Vorteilen für die Stadt verbunden ist.
Kosten der Rohkost
Das angebaute Obst und Gemüse muss zwar häufiger bewässert werden als einfacher Rasen, doch schlägt das nicht zu Buche, da das Wasser in Andernach aus städtischen Brunnen stammt. Vormals saisonal bepflanzte Blumenrabatten wurden durch mehrjährige Stauden ersetzt, die nur noch ein Zehntel der einstigen Kosten verursachen. Inzwischen ist bereits ein Fünftel der städtischen Grünanlagen in Andernach mit Nahrungsmitteln bepflanzt. Die Bürger sind ihrerseits zufrieden, denn „hässliche Ecken wurden aufgehübscht“. Man sollte allerdings hinzufügen: Würde die Stadtverwaltung künftig auch Fachleute wie Architekten, Landschaftsarchitekten oder Stadtplaner in das Projekt einbeziehen, könnten die vielfältigen Vorteile noch um eine zusätzliche ästhetische Ebene und die Permakultur auf ein ganzheitliches Stadtkonzept erweitert werden.
Im Jahr 2010 gewann Andernach im Bundeswettbewerb „Unsere Stadt blüht auf“ zum zweiten Mal die Goldmedaille. Dem Preis folgte ein deutschlandweites Medienecho, welches laut Stadtverwaltung nicht nur mindestens 350.000 Euro an Werbekosten einsparte, sondern auch einen spürbaren Tourismusaufschwung mit sich brachte. Die städtische Landwirtschaft von Andernach wird inzwischen von verschiedenen Städten als vorbildlich angesehen, obwohl – oder gerade weil – ihr kein ästhetisches und umfassendes Planungskonzept zugrunde lag. 

Adresse Andernach


aus Bauwelt 39.2012
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