Bauwelt

„Das deutsche ‚Pandal‘ hat dieses Jahr die meiste Aufmerksamkeit erregt“

Patrick Ghose über das Experiment, deutsche Kunst nach Bengalen zu exportieren

Text: Nest, Günter, Berlin

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Foto: Goethe-Institut Max Mueller Bhavan

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„Das deutsche ‚Pandal‘ hat dieses Jahr die meiste Aufmerksamkeit erregt“

Patrick Ghose über das Experiment, deutsche Kunst nach Bengalen zu exportieren

Text: Nest, Günter, Berlin

Kolkata, Oktober 2011: Menschenmassen ziehen durch die Straßen, Bambustempel soweit das Auge reicht. Es ist Durga-Puja-Zeit. Das Fest für die Göttin Durga versetzt die Stadt alljährlich in einen Ausnahmezustand. Doch dieses Jahr war etwas anders. Erstmals wurde ein ausländischer Künstler damit beauftragt, ei­nen der temporären Tempel zu errichten: Gregor Schneider, Raumkünstler aus Mönchengladbach-Rheydt.
Gregor Schneider wurde 2001 durch sein „Totes Haus u r“ bekannt: Er baute Räume des „Haus u r“ aus der Unterheydener Straße 12 in Rheydt im deutschen Pavillon in Venedig in veränderter Form wieder auf und gewann damit den „Goldenen Löwen“ der Kunstbiennale. Zehn Jahre später reiste Schneider nach Kolkata, diesmal mit einem Modell der Unterheydener Straße selbst im Gepäck.
Das Abenteuer beginnt, als Gregor Schneider 2010 für ein Gespräch über Kunst im öffentlichen Raum nach Kolkata kommt. Er entwickelt die Idee, Traumhäuser für die Millionenmetropole zu bauen – bis er feststellt, dass dies mit den temporären Tempeln des Durga-Puja-Festivals bereits jedes Jahr geschieht. Auf diesem Fest will er einen Abschnitt der Straße vor seinem „Haus u r“ in der westbengalischen Hauptstadt rekonstruieren. Aus Platzmangel lässt er die 30 Meter Straße hoch in die Luft ragen, die Götterstatue wird im Kellerraum „unter“ der Straße ausgestellt.
Das Projekt sollte Konzept-Kunst aus Deutschland mit Handwerkskunst aus Bengalen vereinen. Im Oktober diesen Jahres wurde es vom Goethe-Institut gemeinsam mit dem örtlichen Co-Ausrichter Ekdalia Evergreen Club umgesetzt. Das Ereignis für Millionen ist der Auftakt des Deutschlandjahrs in Indien, „Infinite Opportunities – Deutschland und Indien 2011–2012“, das beide Länder aus Anlass des 60-jährigen Bestehens ihrer diplomatischen Beziehung feiern.
Das Durga Puja ist eines der größten Hindu-Feste Bengalens und Indiens. Worum geht es bei diesem Festival?
Beim Durga Puja dreht sich alles um die Göttin Durga. Ihr werden übe
rall in der Stadt temporäre Tempel gebaut, sogenannte Pandals, in denen sie für fünf Tage „wohnt“. Die Geschichte des Festivals reicht weit in die Mythologie zurück.
Welche Bedeutung hat der Fluss Hugli für das Puja?
Der Hugli ist als Mündungsfluss des Ganges in Indien die einzige Verbindung des heiligen Flusses zum Meer, da der eigentliche Ganges durch Bangladesch fließt. Daher ist die Verbindung zum Fluss sehr wichtig. Die Götter-Statuen werden aus seinem Lehm gefertigt und am Ende des Festivals wieder im Fluss versenkt. Symbolisch steht dies für die Reise der Göttin Durga. Sie kommt über den Fluss von ihrem Vaterhaus im Himalaya und geht über den Fluss wieder dorthin zurück.
Hat sich dieser religiöse Charakter des Festes bewahrt?
Das Puja ist zweifellos noch religiös. Aber es hat heute ebenso viel mit Kunst zu tun. Die Fassaden der Pandals werden oft sehr aufwendig gestaltet. Die meisten sehen von außen aus wie traditionelle Paläste oder Tempel. Aber es gibt immer wieder einige, die modern gestaltet werden. So wurde schon das Schloss von Harry Potter nachgebaut, im letzten Jahr sogar ein Stadion der Fußball-Weltmeisterschaft. Dieses Jahr hat das deutsche Pandal von Gregor Schneider die meiste Aufmerksamkeit erregt.
Wie denken Sie – als Koordinator des Projekts und als Einwohner Kolkatas – über diese „deutsche Straße für Kolkata“?
Als ich gefragt wurde, für dieses Projekt zu arbeiten, gefiel mir die Idee sofort. Ich fand Gregor Schneiders Konzept, bei dem die Durga-Figuren in einem dunklen Keller plötzlich hell erleuchtet erscheinen, sehr reizvoll, da Durga die Göttin der Kraft ist und mit ihr auch der Sieg über das Böse gefeiert wird. Dass das Konzept von einem Deutschen stammte, machte es noch interessanter.
Wie wurde es umgesetzt?
Am Anfang stand die Idee der Zusammenarbeit: Das Konzept aus Deutschland sollte von indischen Arbeitern und Künstlern gebaut werden. Gregor Schneider kam dazu im Juni nach Indien, um mit den Künstlern und dem Hauptkonstrukteur des Pandals zu sprechen. Es entwickelte sich eine rege Diskussion darüber, welche Änderungen am Modell vorgenommen werden müssen. Am Ende sagten die Künstler, der Entwurf sei sogar einfacher anzufertigen als die traditionellen Pandals. Auf welches Abenteuer sie sich einließen, war ihnen, glaube ich, nicht klar.
Was wurde aus der Zusammenarbeit?
Am Ende hat sie nicht wirklich funktioniert. Gregor Schneider ist ein Künstler und ich respektiere das. Er wollte ein 360-Grad-Kunstwerk mit vielen Details, sein eigenes Pandal. Doch das funktioniert bei den Massen nicht. Sie werden in das Innere des Pandals geschoben, um die Göttin für Sekunden zu sehen, und dann wieder nach draußen gedrängt. Sie können nicht inne halten und das Kunstwerk richtig wahrnehmen. Man ist fasziniert von dessen Ausmaß – nicht von seinen Details. Die indischen Künstler betrachteten das Werk auf diese Weise und glaubten, dass die Details nutzlos seien, während sie für Gregor Schneider ein wesentlicher Teil seiner Arbeit waren. Nun, beide Seiten haben recht. Sie hatten ein unterschiedliches Verständnis von der Funktion des Pandals.
Das hört sich nach einem künstlerischen und nach einem kulturellen Missverständnis an!
Es gab Kommunikationsprobleme und vielleicht fehlte auch das Verständnis für die Kunst des anderen. Den indischen Künstlern wurde ein Konzept von zeitgenössischer Kunst aus Europa gegeben. Etwas, mit dem sie nicht vertraut sind. Sie haben es übersetzt in eine architektonische Arbeit, gemäß ihrem Know-How und ihrer langjährigen Erfahrung mit dem Bau von Pandals. Für mich als Vermittler zwischen beiden Seiten war das eine sehr lehrreiche Erfahrung. Mein Fehler lag darin, nicht erkannt zu haben, dass die Wahrnehmung der selben Sache so unterschiedlich sein kann.
Wie haben die Besucher des Festes reagiert? 
Viele waren verwirrt, sie dachten, es wäre ein Gebäude oder eine Shopping-Mall. Man musste erklären, dass es eine Straße ist. Aber dann kamen Fragen: Warum eine Straße? Warum konnte es kein Gebäude sein? Warum befindet sich die Göttin Durga in einer Straße? Es war sehr schwer, das Konzept dieser prominenten Person, die von weit her gekommen war, zu verstehen. Die Menschen wollen aus der Realität fliehen, es soll wie ein Palast oder etwas anderes Großes aussehen. Zwar war Gregor Schneiders Arbeit riesig. Aber dadurch, dass es wie etwas Reales aussah, war es nicht so interessant für die Menschen. Als ein Kunstwerk wurde es hier wahrscheinlich nicht so wertgeschätzt, wie es in Europa geschehen wäre.
 
Nach dem Puja will Gregor Schneider Teile des Pandals nach Deutschland zurückbringen. Ist das nicht eine Provokation für die religiösen Gefühle der Menschen hier?
Ich glaube, dass er verstanden hat, dass sich alles um die Göttin dreht und dass es ein Kreislauf ist. Nun will er etwas vom Durga Festival mit nach Hause nehmen, in seine Heimatstadt. Der Gedanke des Kreislaufs ist dem hinduistischen Glauben sehr nah, wenn man es so betrachtet, wird es irgendwie auch wieder zu einer Art der Zusammenarbeit ... 
Das ganze Projekt wird auch in einem Dokumentarfilm festgehalten. Wovon handelt der Film?
Das Goethe-Institut beauftragte den renommierten Regisseur Nilanjan Bhattacharya mit der Dokumentation der Arbeit zum Durga Puja und dem Bau des Pandals. Ihm wurde kreative Freiheit gewährt. So ist mehr als eine Dokumentation entstanden. Es ist ein Film über das Konzept des öffentlichen Raumes in Kolkata und dessen Transformation während des Festivals, auch durch die Intervention Gregor Schneiders.

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