Plädoyer für eine neue Planungsinfrastruktur

Markus Miessen über Probleme des Stadtteils Belval in Esch, Luxemburg, politisch motivierte Pseudo-Partizipation und postindustrielle Potenziale

Text: Stumm, Alexander, Berlin

    Das Fußballstadion steht eng gedrängt inmitten einer der großen Arbeitersied­lungen im Süden der Stadt. Der Arbeiterclub „Jeunesse d’Esch“ war ein wichtiger Treffpunkt. Heute leben in dem Stadtviertel Rote Linse immer mehr junge Familien.
    Foto: Séverin Malaud

    Das Fußballstadion steht eng gedrängt inmitten einer der großen Arbeitersied­lungen im Süden der Stadt. Der Arbeiterclub „Jeunesse d’Esch“ war ein wichtiger Treffpunkt. Heute leben in dem Stadtviertel Rote Linse immer mehr junge Familien.

    Foto: Séverin Malaud

    Ein typischer protugiesischer Imbiss in Esch. Zu den Hochzeiten der luxem­bur­gischen Stahlproduk­tion kamen viele Gastarbeiter aus Portugal ins Land. Ausschlaggebend war die Verbundenheit durch den katholischen Glauben.
    Foto: Séverin Malaud

    Ein typischer protugiesischer Imbiss in Esch. Zu den Hochzeiten der luxem­bur­gischen Stahlproduk­tion kamen viele Gastarbeiter aus Portugal ins Land. Ausschlaggebend war die Verbundenheit durch den katholischen Glauben.

    Foto: Séverin Malaud

    Der luxemburgische Architekt Philippe Nathan hat das großelterliche Bauernhaus in ein Wohnhaus und Studio verwandelt. Im einstöckigen Arbeitsraum war ehemals der Viehstall untergebracht.
    Foto: Séverin Malaud

    Der luxemburgische Architekt Philippe Nathan hat das großelterliche Bauernhaus in ein Wohnhaus und Studio verwandelt. Im einstöckigen Arbeitsraum war ehemals der Viehstall untergebracht.

    Foto: Séverin Malaud

    Lola Valerius hat in Wien als Architektin gearbeitet, bevor sie sich entschied, in ihren Heimatort zurückzukehren und eine Choco­laterie zu eröffnen.
    Foto: Séverin Malaud

    Lola Valerius hat in Wien als Architektin gearbeitet, bevor sie sich entschied, in ihren Heimatort zurückzukehren und eine Choco­laterie zu eröffnen.

    Foto: Séverin Malaud

    Esch präsentiert sich mit rauem Charme.
    Foto: Séverin Malaud

    Esch präsentiert sich mit rauem Charme.

    Foto: Séverin Malaud

    Das ehemals industriell genutzte Areal Esch-Schiff­lange soll in den kommenden 20-25 Jahren entwickelt werden und 10.000 Einwohner beherbergen.
    Foto: Séverin Malaud

    Das ehemals industriell genutzte Areal Esch-Schiff­lange soll in den kommenden 20-25 Jahren entwickelt werden und 10.000 Einwohner beherbergen.

    Foto: Séverin Malaud

    Große Teile der Industrie­­-ar­chitektur von Esch-Schiff­lange wie die beeindruckenden Hallen sollen in einem Neubauquartier von COBE integriert werden.
    Foto: Séverin Malaud

    Große Teile der Industrie­­-ar­chitektur von Esch-Schiff­lange wie die beeindruckenden Hallen sollen in einem Neubauquartier von COBE integriert werden.

    Foto: Séverin Malaud

    Diese Halle wird derzeit durch das partizipative Bürgerprojekt FerroForum zwischengenutzt und mit Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen bespielt.
    Foto: Séverin Malaud

    Diese Halle wird derzeit durch das partizipative Bürgerprojekt FerroForum zwischengenutzt und mit Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen bespielt.

    Foto: Séverin Malaud

    Markus Miessen geboren 1978 in Bonn, ist Architekt, Autor, und Professor an der Universität Luxemburg. Sein Architekturbüro konzentriert sich auf den institutionellen Raum und „Cultures of Assembly“. www.studiomiessen.com
    Foto: Christian Werner

    Markus Miessen geboren 1978 in Bonn, ist Architekt, Autor, und Professor an der Universität Luxemburg. Sein Architekturbüro konzentriert sich auf den institutionellen Raum und „Cultures of Assembly“. www.studiomiessen.com

    Foto: Christian Werner

Plädoyer für eine neue Planungsinfrastruktur

Markus Miessen über Probleme des Stadtteils Belval in Esch, Luxemburg, politisch motivierte Pseudo-Partizipation und postindustrielle Potenziale

Text: Stumm, Alexander, Berlin

Herr Miessen, Sie sind seit einem Jahr Professor für Urban Regeneration in Esch. Was reizte Sie an dieser Position?
Partizipation ist seit gut 15 Jahren ein zentrales Thema meiner Arbeit, auch in Bezug auf Konflikt­räume. Glasgow, wo ich in den 1990er Jahren studiert habe, war für meine raumpolitische Sozialisation entscheidend. Die Stadt war damals am Anfang einer Entwicklung von der Schwer- zur Service-Industrie, ein ähnlicher Prozess wie in Esch und dem Süden von Luxemburg derzeit. Im Studio Miessen konnten wir mit vielen kleineren Projekten Erfahrungen sammeln. In meiner neuen Position stellt sich die spannende Frage, wie diese auf einem größeren, urbanen Maßstab skaliert werden können. Esch bietet dafür fast ideale Voraussetzungen. Es ist eine Mittelstadt mit knapp 35.000 Einwohnern. Man kennt sich; außerdem ist man im kleinen Land Luxemburg nah an vielen sozialen Gruppen dran, auch an der politischen Klasse. Sie ist aufgeschlossen, und die Entscheidungswege sind kurz. Experimente und Ideen sind leichter umsetzbar. Ich beschäf­tige mich also mit Esch, aber ich bin kein Dienstleister für die Stadt.
Ihr Fachbereich Geografie und Raumplanung sitzt in Belval. Das Quartier im Westen von Esch steht für die Transformation vom Industrie- zum Wissensstandort. Wie sehen Sie die stadtplanerische Leistung aus der Distanz von gut fünf Jahren?
Überspitzt formuliert ist Belval eine Trabantenstadt. Ein zentrales Problem ist die Verkehrsin­frastruktur. Belval liegt ja näher an der Autobahn als an der Stadt Esch selbst. Ein weiterhin in Be­trieb befindliches Stahlwerk schneidet den Stadtteil vom Zentrum ab. Momentan läuft alles über die Straße, der Individualverkehr ist sehr präsent, obwohl der ÖPNV in Luxemburg kostenlos ist. Erst jetzt baut man für viel Geld eine Fahrradbrücke, die Belval besser anbinden soll. Ich selbst fahre viel Fahrrad, aber bin dennoch skeptisch, ob das Geld nicht für eine weniger exklusive Fahrradinfrastruktur sinnvoller investiert worden wäre. Es gibt aber noch andere Probleme: Zu wenig Durchmischung, denn alles ist auf Universität und Dienstleistungssektor ausgerichtet. Zu wenig Wohnraum, so dass Studierende mitunter gleich nach Luxemburg Stadt ziehen. Freizeitangebote gibt es, abgesehen von einer überdimensionierten Shopping Mall, kaum. Trotzdem sind die großen architektonischen Solitäre nun da, und vieles hat Potenzial. Man müsste zum Beispiel die Erdgeschosssituationen nahezu aller Gebäude überdenken. Milchglas- und Werbeflächen wirken wenig einladend. Mit kleinen Transformationen könnte man diese Bereiche unterschiedlichen Zwischennutzungen zuführen. Zudem sind einige ansprechende Außenräume vorhanden. Es fehlt nur das Leben.
Ist die Distanz zum Stadtzentrum von Esch das größte Problem von Belval? Oder gab es weitere planungstechnische Fehler?
Hinzu kommt, dass die Universität mit Option auf Zwischennutzung geplant wurde. Die Räume sind, im negativen Sinne, maximal flexible Büros. Der Dienstleistungssektor hätte notfalls schnell einziehen und übernehmen können. Alles ist also sehr neoliberal konzipiert und kommt dem, wie wohl McKinsey eine Universität planen würde, recht nahe. Für andere Fachgebiete mag das weniger ins Gewicht fallen, in der Architekturaus­bildung braucht man aber benutzbare – rockbare – Studios. Es war für mich deshalb wichtig, dass unser Lehrstuhl im Zentrum von Esch verankert wird. Schließlich ist unser Untersuchungsfeld die Stadt.
In Ihrer Stadtforschung setzen Sie sich kritisch mit Partizipation auseinander. In ihrem Buch The Nightmare of Participation sprechen Sie von einem „politisch motivierten Modell der Pseudo-Beteiligung“. Dieses würde im Streben nach politischer Legitimation heute quasi habituell in viele Planungen einfließen.
Ich verwehre mich gegen eine Formalisierung der Partizipation. Seit den 1990er Jahren ist Partizipation zu einem nichtssagenden Schlagwort ähnlich wie Nachhaltigkeit geworden. Partizipation darf meines Erachtens nicht normativ sein. Statt des rhetorisch abgenutzten Roundtable plädiere ich für ein von mir als „Crossbenching“ bezeichnetes Konzept. Kurz gesagt geht es nicht um Basisdemokratie, in dem jeder Teilnehmer gleichberechtigt ist. Der Architekt oder die Architektin sind als Gestaltende in einer besonderen Rolle. Es geht darum, diese Expertise anzuerkennen und einzubringen, aber keinesfalls als selbstherrlicher Entwerfer, sondern im Sinne von Agency, um Dinge anzustoßen.
Ist darin auch eine Neudefinition des Archi­tekturschaffens enthalten? Ein „Hacking“ der klassischen akademischen Strukturen?
Hacking ist auf jeden Fall ein wichtiger Teil meiner Jobbeschreibung, insofern, dass die Uni­versität für das Leben der Menschen relevant sein muss. Am Ende muss nicht zwangsläufig ein klassisches Architekturprojekt entstehen, interessanter finde ich die kleinen Eingriffe, die eine große Wirkung erzielen können. Der Vorteil der institutionellen Ebene ist, dass sie langfristig agieren kann, während Architekten meist nur zeitlich begrenzt vor Ort engagiert sind.
Sie gehen mit Studierenden in die Stadt und sprechen mit Akteuren, die sonst in der Raumplanung keine Rolle spielen. Wie sind Sie vorgegangen und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ein Projekt im Seminar sind die Transition Hubs. In Brill haben wir in der Fußgängerzone ein leerstehendes Escher Stadthaus umgebaut. Brill ist ein lebendiger und heterogener Ortsteil nahe des Bahnhofs mit vielen Migranten zum Beispiel aus Portugal. Leerstand ist hier seit Covid-19 zu einem echten Problem geworden. Das Haus dient als Treffpunkt für die Community und für unseren Lehrstuhl als räumlicher Satellit. Parallel dazu haben wir das virtuelle Pendant culture­s­ofassembly.org gestartet. Der Satellit ist ein politischer Ort, der sich mit spatial justice und lokalen Formen der Demokratie beschäftigt. Darüber hinaus gehen wir auch in den Dialog mit Orten in der Stadt. Eine Studierendengruppe hat sich zum Beispiel den Friseursalons der Stadt gewidmet. Sie bilden, um im Bild zu bleiben, informelle Hubs, in der die Gesellschaft zusammenkommt, sich „publics“ bilden, und Verhandlungsprozesse ablaufen. Im Sommersemester werden wir ein Projekt mit dem Arbeitstitel „Architekturschule für Esch“ realisieren. Es ist eine Erweiterung des Satelliten und will den Leerstand in Esch als Spielfeld nutzen.
Interessant ist für uns auch die Frage der Identitäten. Esch ist keine Stadt mit räumlich begrenzten Stahlwerken und Industriegebieten, sie prägen das gesamte urbane Gefüge. Die Leben der Bewohner sind bis heute aufs engste verwoben mit der Schwerindustrie. Fast jede Bürgerin von Esch hat eine „Stahlgeschichte“. Diese sammeln wir in einem Oral History-Projekt und machen sie über einen Podcast zugänglich. In welcher Form kann dieses kulturelle Vermächtnis von Esch als Identität stiftendes Charakteristikum erhalten bleiben, nicht nur als musealisiertes Ausstellungsstück? Hier wird Transformation ganz konkret. Ein langfristiges Projekt unseres Departments ist, aus diesen unterschiedlichen Perspektiven und vielen Lebensgeschichten einen Atlas von Esch zu generieren.
In den kommenden Jahren und Jahrzehnten stehen weitere große Entwicklungen an. Mit dem Areal Esch-Schifflange wird im Nordosten nach einem Masterplan des dänischen Büros COBE ein gigantisches, brachliegendes Indus­trieareal revitalisiert. Zusätzlich liegt das Stadtvierel Rote Linse direkt angrenzend am Stadtkern im Süden.
Diese Entwicklungen bedeuten erneut große soziopolitische Herausforderungen. Die Ausgangssituation ist günstiger als in Belval, weil beide Gebiete einen direkten Anschluss an die Stadt haben, insbesondere die Rote Linse. In diesem Fall gibt es jedoch die große Ringstraße mit der darüber verlaufenden Hochbahn als räumliche Trennung. Ein Projekt in unserem Seminar arbeitet hier an Lösungen. Bei der Entwicklung von Esch-Schifflange erkenne ich bei COBE zum Teil interessante Ansätze. Man möchte Fehler aus Belval vermeiden. Bezüglich des gebauten Raums sind die Architekten aber weiterhin sehr optimistisch. Kann man aber heute noch adäquat planen, ohne sich mit den späteren Nutzerinnen und Nutzern auseinanderzusetzen? Für mich ist das FerroForum hier ein zen­traler Akteur. Es setzt sich aus Leuten vor Ort zusammen, die seit Langem eng mit Esch verbunden sind. Viele dieser Menschen werden auch in 20 Jahren noch da sein, und wollen jetzt aktiv mitgestalten. Ob sie am Entwicklungsprozess substantiell und langfristig beteiligt werden, muss sich zeigen.
Ihr Lehrstuhl arbeitet lokal mit klarem Fokus auf Esch. Lassen sich Ihre Erkenntnisse auch auf andere post-industrielle Regionen in Europa übertragen?
Das liegt erstmal nahe. Ehemalige Gebiete des Kohleabbaus und der Schwerindustrie in Deutschland, sei es im Ruhrgebiet, im Saarland oder Teilen Ostdeutschlands, aber auch in Nordfrankreich und anderswo stehen vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie Esch. Andererseits sind die topografischen und sozioökonomischen Zusammenhänge in jeder Region unterschiedlich. In Luxemburg ist Kapital vorhanden. Eine Blaupause gibt es deshalb sicher nicht. Man kann aber gewissermaßen besser von den Fragen als von den Antworten lernen. Wie lässt sich kulturhistorisches Erbe pflegen und die Identität einer Stadt achtsam in eine neue Zukunft überführen? Wie kann man die Bewohner an den Prozessen sinnvoll beteiligen? Dafür braucht es einen Umbau der Planungsinfrastruktur. Ein Dialog der Regionen wäre insofern sehr wünschenswert.
Welche Relevanz hat dabei der Titel Kulturhauptstadt?
Ich wäre vorsichtig, ihm zu viel Bedeutung beizumessen. Dennoch hat er seine Berechtigung. Im Zusammenhang mit dem Titel werden sehr unterschiedliche Projekte gefördert. Manche davon haben das Potenzial, Dinge anzustoßen; andere fallen eher unter die Rubrik Kultur-Event – wobei ja auch Tourismus positive Effekte mit sich bringen kann. Letztlich kann der Titel aber nur als ein Faden in einem Bündel von Maßnahmen funktionieren. Anstatt zu viele kleine Veranstaltungen zu fördern, hätte man sich meiner Meinung nach auf fünf bis zehn Leuchtturm-Projekte mit Langzeitwirkung konzentrieren sollen. Was man mitbedenken muss: Veränderung klingt nicht für jede Person gleichermaßen verlockend. Die EU will in 28 Jahren CO2-neutral sein. Das geht in einer Stadt mit Schwerindustrie-Tradition schon an die Substanz. Wichtig ist hier, Ängste abzubauen und die Chancen der Transformation aufzuzeigen. Der Status Kulturhauptstadt wird für ein Jahr vergeben, Stadtentwicklung ist eine langfristige Aufgabe.
Fakten
Architekten Miessen, Markus, Berlin
aus Bauwelt 10.2022
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