Die Charta muss mehr als nur aktualisiert werden

Seit März ist Anne Katrin Bohle Baustaatssekretä­rin im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Boris Schade-Bünsow und Kaye Geipel fragten die Staatssekre­tä­rin, welche Ziele sie mit der neuen Leipzig Charta verbindet.

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

    Chefredakteure Kaye Geipel und Boris Schade-Bünsow im Gespräch mit Anne Katrin Bohle in den Räumen des Innenministeriums.
    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Chefredakteure Kaye Geipel und Boris Schade-Bünsow im Gespräch mit Anne Katrin Bohle in den Räumen des Innenministeriums.

    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Europa in Deutschland: Der Fotograf Hendrik Lietmann hat bundesweit Orte mit dem Namen „Europaplatz“ fotografiert. Berlin.
    Foto: Hendrik Lietmann

    Europa in Deutschland: Der Fotograf Hendrik Lietmann hat bundesweit Orte mit dem Namen „Europaplatz“ fotografiert. Berlin.

    Foto: Hendrik Lietmann

    Aachen.
    Foto: Hendrik Lietmann

    Aachen.

    Foto: Hendrik Lietmann

    Herne.
    Foto: Hendrik Lietmann

    Herne.

    Foto: Hendrik Lietmann

    Castrop-Rauxel.
    Foto: Hendrik Lietmann

    Castrop-Rauxel.

    Foto: Hendrik Lietmann

    Siegburg.
    Foto: Hendrik Lietmann

    Siegburg.

    Foto: Hendrik Lietmann

Die Charta muss mehr als nur aktualisiert werden

Seit März ist Anne Katrin Bohle Baustaatssekretä­rin im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Boris Schade-Bünsow und Kaye Geipel fragten die Staatssekre­tä­rin, welche Ziele sie mit der neuen Leipzig Charta verbindet.

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

Die Leipzig Charta soll in ihren Grundsätzen erneuert werden. Wie läuft diese europaweite Neuformulierung ab? Von außen betrachtet wirkt das ganze Verfahren wie eine Blackbox.
Die Neuformulierung basiert auf einem klassischen Vorbereitungsprozess mit Partnern innerhalb der Europäischen Union. Anfang 2018 beauftragten wir als Bundesregierung ein Konsortium, die neue Leipzig Charta zu entwickeln. Das Konsortium besteht aus dem Deutschen Verband für Wohnungswesen, der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und dem europäischen Urban Knowledge Network. Dieses Konsortium hat einen Erarbeitungsprozess erstellt, bestehend aus einer Grundlagenstudie zu aktu­ellen und künftigen Trends in der europäischen Stadtentwicklung sowie einer nationalen und einer internationalen Dialogreihe. Die Studienerstellung und die Dialogreihe laufen parallel und sind miteinander verzahnt.
Wie können wir uns die Zusammenarbeit mit den anderen EU-Ländern vorstellen?
Ich war kürzlich auf Einladung Rumäniens auf einem europäischen Kongress der Stadtentwicklungsminister. Rumänien hatte zu der Zeit die europäische Ratspräsidentschaft inne und es oblag daher auch ihnen, den Prozess zur Neuformulierung zu tragen. Unter ihrer Leitung wurde ein Treffen derer organisiert, die in den Ländern der EU auf Regierungsebene für die Stadtentwicklung zuständig sind. In meinem Ministerium gibt es hierfür ein Referat, das sich fast ausschließlich mit der Charta beschäftigt. Dieses tauscht sich dann mit den jeweiligen europäischen Kollegen, vor allem in Frankreich, den Niederlanden und Portugal aus. Wir benennen die Partner nicht ausdrücklich, aber es gibt schon ein paar Länder, die besonders aktiv sind.
Ich bin aber sehr erfreut, dass gerade auch osteuropäische Staaten wie Rumänien ein großes Interesse an Themen zeigen, die seit der Erstfassung der Charta von 2007 überarbeitet oder ergänzt werden sollten. Sicher ist auch für mich: Die bisherige Charta von Leipzig muss mehr als nur aktualisiert werden.
Wird sie denn wieder Leipzig Charta heißen?
Der Arbeitstitel lautet Leipzig Charta 2.0. Wir planen auch, während der EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands die abschließende Tagung wieder in Leipzig stattfinden zu lassen.
Wird die Finalisierung dieser Leipzig Charta 2.0 in die EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands fallen?Das ist das Ziel: in der zweiten Hälfte 2020.
Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung für dieses Projekt. Können Sie sicher­stellen, dass die Charta unseren Maßstäben gerecht werden kann?
Ja, wenn wir alles dafür tun, dass sie ein Gemeinschaftswerk wird und die Herausforderungen der nächsten Jahre klar und deutlich benennt.
Welche Herausforderungen sind das?
Klima, Digitalisierung und nach wie vor die soziale Frage der Migration. Über letzteres habe ich mich gerade mit meinem französischen Amtskollegen ausgetauscht, dem das Thema ebenfalls besonders wichtig ist. Allerdings ist die Lage in den Banlieues ja weitaus schwieriger als in unseren Problemgebieten.
Die Stichworte, die Sie nennen, sind derzeit ohnehin in der Stadtentwicklung aktuelle Themen. Was sind für Sie persönlich die Schwerpunkte, von denen Sie sich wünschen, dass sie in die Leipzig Charta kommen?
Die Klimafrage! Ich könnte mir dafür eine stärkere Differenzierung vorstellen, bis hin zu Fragen der Mobilität – und dass man konkreter wird als bei der bisherigen Leipzig Charta. Das ist keine Kritik an der bestehenden Charta, aber ich glaube, dass wir in den letzten zwölf Jahren auch eine Schärfung innerhalb der einzelnen Themenfelder erlebt haben. Ganz besonders bei der sozialen und wirtschaftlichen Integration benachteiligter urbaner und ländlicher Gebiete. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, einem Bundesland, in dem mir als Abteilungsleiterin für Stadtentwicklung diese In­tegration besonders wichtig war. Eine Leipzig Charta 2.0 kann sich nicht nur auf das beziehen, was die meisten Leute mit Stadt assoziieren: Innenstadt, Zentren, Verdichtung.
Die Mobilität, die uns bevorsteht, wird das Verhältnis zwischen Stadt und Land, aber auch das Leben in der Stadt dramatisch verändern. Muss der Verkehr nicht auch ein Schwerpunkt in der Charta sein?
Ich bin ein großer Fan von integrierter Stadtentwicklung. Das bedeutet, dass man alle entscheidenden Komponenten – Wirtschaft, Mobilität, Klimafrage, die Versorgungssituation bis hin zu den Segmenten sozial-kultureller Versorgung – verbindet. Mobilität ist da ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Thema, wenn wir eine klima­gerechte und klimaangepasste Stadt wollen. Wie gehen wir mit der Veränderung der ehemals autogerechten Stadt um? Wie erreichen wir die Stadt der kurzen Wege ohne Abhängigkeit vom reinen Individualverkehr. Ist es nur eine Frage des Antriebs des Individualverkehrs, oder ist es auch die Ausrichtung?
Ich schätze shared spa­ces, was Rücksichtnahme und ähnliches betrifft. So präzise wird jedoch keine Stadtentwicklungs-Charta dieser Welt sein können.

Die Änderung der Mobilität wird dazu führen, dass wir in Europas Städten etwa 30 Prozent weniger Individualverkehr in den nächsten 20 Jahren erleben werden. Dadurch werden immense Flächen frei. Gibt es Ideen in der neuen Charta, wie mit diesem Flächengewinn umgegangen wird?
Die versiegelten Flächen könnten natürlich genutzt werden, um darauf Wohnungen zu bauen – oder zugunsten eines angepassten Stadtklimas auch wieder entsiegelt werden. Das ist zwar teuer, aber wichtig in dichten Räumen – wie in Stuttgart mit seiner Kessellage und einer weniger guten Lüftung. Was in der Leipzig Charta 2.0 auch eine Frage sein wird: Wie gehen wir insgesamt mit der Bauentwicklung um? Wie viel Platz werden wir Nachhaltigkeit und Resilienz einräumen? Da gibt es in der bisherigen Charta noch Anpassungsbedarf.
Die Aufgabe, eine EU-weite Charta mit allen Nachbarn zu koordinieren, und ein Programm zu erstellen, auf das sich alle einigen können, stellen wir uns schwierig vor. Bei der Charta 2007 ging es viel um die integrierte Stadtentwicklung im Sinne einer Fürsorge für die benachteiligten Quartiere. Was könnte der übergeordnete Begriff sein, den bei einer Leipzig Charta 2.0 alle europäischen Nachbarn unterzeichnen würden?
Einen solchen Schlüsselbegriff haben wir noch nicht. Ich finde, der Leitbegriff der neuen Charta könnte „Innovation“ sein. Finnland, das vor uns die Ratspräsidentschaft haben wird, würde das sicher mittragen. Unter diesem Begriff lässt sich Vieles in der gewünschten Fachlichkeit umsetzen. Allerdings soll auch keine Beliebigkeit entstehen. Ich wünsche mir schon einen hohen Grad der Konkretisierung.
Was ist konkret für Architekten und Stadtplaner zu erwarten? Welche Auswirkungen wird die Charta für deren tägliche Praxis haben?
Die Städte sind gebaut. Viel Arbeit wird daher im Umbau, im Bestand oder der Umnutzung von Beständen liegen. Wir werden beim Thema Digitalisierung enorme Anstrengungen und Veränderungen haben, die auch Planer betreffen. Und natürlich wird uns die Nachhaltigkeit von Baustoffen, der gesamte Materialbereich, weiter beschäftigen.
Sie sagen, die Städte sind gebaut. Aber mit dieser gebauten Gebäudesubstanz und Infrastruktur lässt sich das Energie- und Klima­problem nicht lösen. Wie sollten wir vorgehen: Die Gebäude mehr dämmen oder die Gebäude besser vernetzen und mit mehr Technik ausstatten?
Letzteres, eindeutig. Wenn wir dämmen, dann bitte mit adäquaten Stoffen. Auch sollten wir nicht mehr auf solitäre Lösungen für das Gebäude setzen, sondern auf Quartierslösungen. Ich habe aber den Eindruck, dass diese Nachricht nicht nur beim BDA, sondern auch bei vielen anderen längst angekommen ist. Das bedeutet jedoch auch für die dahinterstehende Industrie, ihre Forschungs- und Produktionsschwerpunkte ebenfalls in diesem Bereich zu setzen. Und dazu brauchen die Unternehmen unsere politische Unterstützung.
Derzeit läuft eine Debatte um „qualitätsvolle städtebauliche Räume“, genaugenommen um die Düsseldorfer Erklärung (Bauwelt 12.2019, 15.2019, 16.2019), die sich inzwischen auch auf die Leipzig Charta bezieht. Wird sich diese Thematik in der nächsten Charta wiederfinden?
Ich glaube nicht, dass die Charta sich das anmaßt. Generell bin ich niemand, der anderen vorschreibt, wie etwas auszusehen hat. Ich glaube aber, es gibt in der Erklärung sowie dem darauf veröffentlichten Widerspruchspapier sehr gute Ansätze, die ich persönlich unterschreiben würde. Ich begrüße auch sehr, dass wir über die architektonisch anspruchsvolle Gestaltung von Städten diskutieren. Das alleine hat diese Erklärung schon bewirkt.
Für mich ist wichtig, dass wir eine ganz herausragende Gestaltung des öffentlichen Raums haben, das ist schließlich der urdemokratische Raum. Die Stadtgesellschaft muss ein Interesse daran haben, dass wir nicht nur in Großstädten, sondern auch in den kleinen Zentren und Orten, Räume für Begegnungen haben. Nur so können wir Demokratie wirklich miteinander leben.

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