Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik

Ein Lesevergnügen, mit treffenden Beobachtungen und klärenden Worten

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik

Ein Lesevergnügen, mit treffenden Beobachtungen und klärenden Worten

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Ein echtes Lehrbuch: Falk Schneemann hat im Rahmen seiner Dissertation, die nun bei Jovis erschienen ist, 100 Hochhäuser analysiert, die bis 1980 in der Bundesrepublik und West-Berlin gebaut worden sind. Kernfrage ist, inwiefern „Gestaltung und Technik die strukturbestimmenden Akteure des Bautyps Hochhaus sind“. Schnell beantwortet, denkt man – beides dürfte wohl eine Rolle spielen. Die Lektüre ist dann aber erkenntnisreicher und fesselnder, als die etwas schlichte Ausgangsfrage vermuten lässt. Der Autor rekurriert auf Gilbert Simondons Untersuchung zur „Existenzweise technischer Objekte“, ein Text aus den fünfziger Jahren, der anhandvon Entwicklungen wie dem Flugzeugmotor darlegt, dass Technik nach Einfachheit und Effizienz strebt und mithin zur Konvergenz von Einzelfunktionen in mehrfach belegten Elementen. Neben diesem Begriff spielen Individuum, Ensem­ble und Milieu eine Rolle in Simondons Untersuchung. Schneemann überträgt diese nun auf das Hochhaus – und hat damit einen verblüffend brauchbaren Werkzeugkasten gefunden, um den Hochhausbau im wahrsten Wortsinn auseinanderzunehmen.
Sieben Genesepfade des bundesrepublikanischen Hochhausbaus verfolgt das Buch: Verbundkern, Brikettgrundriss, Räumliche Komplexität, Hängekonstruktion, Brutale Konstruktion, Großraum und Treppe. Vor allem die Entwicklung des Verbundkerns ist anhand des Simondonschen Vokabulars leicht zu entschlüsseln: Dieser stellt sich als ein Subensemble dar aus Elementen wie Lift und Fluchttreppe bzw. Individuen wie Haustechnikschacht und Aussteifungswänden, bildet aber erst mit der umgebenden Skelettkonstruktion das Ensemble Hochhaus.
Schneemann zeigt auf, wie sich durch die Entwürfe der europäischen Architekturavantgarde in den frühen 1920er Jahren diese Beziehungen klären, wie das Hochhaus aus dem Status der Bastelarbeit mit sich gegenseitig störenden Elementen findet, wie es für den Hochhausbau bis dahin zu beobachten war. Allen voran Mies van der Rohe hat mit seinem Beitrag „Wabe“ zum Wettbewerb um ein Hochhaus am Bahnhof Frie­drichstraße die verloren im Grundriss platzierten Einzelelemente in eine vollkommen klare Struktur überführt und so den modernen Hochhausbau quasi mit einem einzigen Grundriss geschaffen.
Mit dem vom Autor untersuchten Hochhausbau nach dem Zweiten Weltkrieg wird dann deutlich, welch typologischer und gestalterischer Reichtum aus diesem Samenkorn wachsen konnte, aber auch, welche Irrwege und Übertreibungen gebaut wurden. Betrachtet werden sowohl Ikonen der bundesrepublikanischen Architektur wie das Dreischeibenhaus in Düsseldorf oder das BMW-Hochhaus in München als auch Beispiele aus der Provinz, die heute nur noch wenig bekannt sind, etwa das Mona-Hochhaus in Karlsruhe oder die Kreissparkasse Recklinghausen.
Verraten sei: Schneemanns Untersuchung ist ein Lesevergnügen, mit treffenden Beobachtungen und klärenden Worten. Ein Beispiel nur, zu Cäsar Pinnaus Reederei Hamburg-Süd-Hochhaus: „Die aussteifende Zone ist durch massive Querwände in drei Zonen aufgeteilt. Die Mittle­-re ist eine Art übergroße Liftlobby, die trotz ihrer Lage außerhalb des Kernes kein Tageslicht erhält und sehr uneffektiv ist. Auch ist die Flexibilität der Büronutzung und der Organisation der Horizontalerschließung wesentlich eingeschränkt, womit die Struktur des Hamburg-Süd-Hochhauses sich vehement gegen die sonst zu beobachtende Konvergenz der technischen Elemente im Verbundkern stellt und einen hohen Preis zahlt. Die Struktur des Hochhauses steht auch im Gegensatz zu seinem strukturierten, technisch und sauber wirkenden Äußeren. Was Pinnau zu dieser Lösung bewegt hat, ist nicht klar.“
Ein Buch, das nicht nur Architekturstudierenden uneingeschränkt empfohlen sei.
Fakten
Autor / Herausgeber Falk Schneemann
Verlag Jovis Verlag, Berlin 2021
Zum Verlag
aus Bauwelt 24.2021
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