Vom Volksbad zur Ruine

Seit 25 Jahren steht das Sachsenbad in Dresden leer. Es ist ein Beispiel für das landesweite Bädersterben und die Probleme, die beim Umgang mit kleineren, funktionaleren Schwimmbädern aus den 1920er Jahren vorherrschen.

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

    Eine eindrucksvolle Atmos­phäre: Die historische Aufnahme des im Stadtteil Pieschen gelegenen Sachsenbades fungiert auf Plakaten, Postkarten und in dem Katalogeinband einer aktuell im Stadtmuseum in Dresden laufenden Ausstellung zur „Dresdner Moderne 1919–1933“ als Blickfang, ...
    Foto: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.2. Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. II7225, A. E. Schütte, 1928

    Eine eindrucksvolle Atmos­phäre: Die historische Aufnahme des im Stadtteil Pieschen gelegenen Sachsenbades fungiert auf Plakaten, Postkarten und in dem Katalogeinband einer aktuell im Stadtmuseum in Dresden laufenden Ausstellung zur „Dresdner Moderne 1919–1933“ als Blickfang, ...

    Foto: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.2. Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. II7225, A. E. Schütte, 1928

    ... dabei ist das Bad in der Realität eine Ruine.
    Foto: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.2. Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. II7225, Frank Seltmann

    ... dabei ist das Bad in der Realität eine Ruine.

    Foto: Stadtarchiv Dresden, 6.4.40.2. Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. II7225, Frank Seltmann

Vom Volksbad zur Ruine

Seit 25 Jahren steht das Sachsenbad in Dresden leer. Es ist ein Beispiel für das landesweite Bädersterben und die Probleme, die beim Umgang mit kleineren, funktionaleren Schwimmbädern aus den 1920er Jahren vorherrschen.

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

1994 wurde das Sachsenbad in Dresden, 65 Jahre nach seiner Fertigstellung, geschlossen und verfällt seitdem immer mehr. Ein Trauerspiel für die Stadt, die – im ständigen Spagat zwischen dem barocken Erbe, der DDR-Architektur und dem Wunsch nach zeitgemäßen Neubauten – lange versucht hat, alle anderen Zeitschichten möglichst auszublenden.
Das vom Dresdner Stadtbaurat Paul Wolf (1879–1957) entworfene Sachsenbad (1927–29) wurde zusammen mit der direkt angeschlossenen Volksbibliothek als städtebaulicher und gesellschaftlicher Mittelpunkt eines damals teilweise gerade neu entstehenden Quartiers im Stadtteil Pieschen konzipiert, zu dem auch eine auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegene modern-dynamische Wohnanlage von Hans Richter (1882–1971), dem wichtigsten Dresdner Architekten des Neuen Bauens, gehörte. Aufgrund seiner vielen verschiedenen Angebote mit Schwimm-, Wannen- und Brausebädern, Kurabteilung, Friseur, Erfrischungsraum und Gymnastiksaal übernahm das Sachsenbad zusammen mit der Bibliothek und den angrenzenden Sportanlagen jahrzehntelang die Funktion eines lokalen Freizeitzentrums, mit bis zu 300.000 Besuchern pro Jahr. Das Ensemble wurde „als herausragendes städtisches Projekt der Weimarer Republik, das Funktionen wie Bildung, Sport und Wohnen mit einander verband“ unter Denkmalschutz gestellt. Gleichzeitig hat es eine hohe orts- und sozialgeschichtliche Bedeutung für das umliegende Stadtviertel.
Nach der Wende musste sich die Stadt Dresden entscheiden, welche Gebäude in der Stadt zuerst modernisiert werden. Zwei Schwimmbäder, das „Elbamare“ im Plattenbauviertel Gorbitz und das ebenfalls unter Paul Wolf entstandene Georg-Arnhold-Bad (1928, Erweiterungsumbau 1994–97) wurden zu Freizeit- und Erlebnisbädern umgestaltet. Mehrere andere Bäder wurden aufgrund von bautechnischen Mängeln geschlossen, dar­unter auch das Sachsenbad. Seitdem fordern die Pieschener eine Sanierung und Wiedereröffnung. Denn das Einzugsgebiet im Dresdener Nord-Westen hat rund 200.000 Einwohner und einen hohen Anteil junger Familien und Rentnern. Bisher scheiterte die Sanierung jedoch immer an den fehlenden finanziellen Mitteln.

Verlustgeschäft Schwimmbad

Das Sachsenbad ist kein Einzelfall. Immer weniger Städte sind mittlerweile bereit, ihre Bäder zu sanieren. Neben der baulichen Instandhaltung ist auch der dauerhafte Betrieb teuer und das dafür notwendige Personal nur noch schwer zu finden. Seit 2014 macht auch noch der Bund der Steuerzahler (BdSt) unter der Devise „Sparen in der Kommune“ großen Druck, die Kosten und den Zuschussbedarf der Frei- und Hallenbäder mit den Werten aus anderen Kommunen zu vergleichen, eine „Energieeinsparung in den Bädern (z.B. durch Absenkung der Wassertemperatur)“ anzustreben, die Bäder möglichst in andere Träger zu überführen und „hochdefizitäre Bäder“ zu schließen. Dass bei niedrigen Raum- und Wassertemperaturen immer weniger Gäste kommen, liefert vielen Kommunen ein schlüssiges Argument, ihre Bäder gleich ganz aufzugeben.
Die mit dem Trend zur Errichtung von Spaßbädern einhergehende Schließung der deutlich funktionaleren kleineren Bäder führt auch dazu, dass die Entfernung zwischen Schulen und Schwimmbädern immer öfter so großist, dass kein oder nur noch eingeschränkter Schwimmunterricht stattfindet. In einigen Regionen, speziell im ländlichen Raum, hat dies dramatische Ausmaße angenommen und führt neben vermehrten Rettungseinsätzen der DLRG auch zu einer Zunahme tödlicher Badeunfälle. 2018 starben in Deutschland mehr als 500 Menschen – und damit knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr – durch Ertrinken: die meisten an ungesicherten Badestellen in Flüssen, Bächen, Kanälen, Teichen und Binnenseen. Die Zahl der ertrunkenen Kinder und Jugendlichen stieg im selben Jahr sogar um 38 Prozent an. Laut einer von der DLRG in Auftrag gegebenen Umfra­-ge können mittlerweile knapp 60 Prozent der 10-Jährigen nicht mehr sicherschwimmen. Die DLRG startete in diesem Sommer eine Online-Petition gegen das Schließen von Schwimmbädern, die mehr als 100.000 Menschenunterschrieben haben. Denn das 2016 aufgrund der dramatischen Entwicklungen von der Bundesregierung groß ausgelobte Programm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“ fördert nur einen Bruchteil des realen Bedarfs: lediglich 67 der 408 dafür eingereichten Schwimmbad-Sanierungsprojekte.
Anfang der 1990er Jahre konnten noch 90 Prozent der Bevölkerung „sicher schwimmen“ und das bedeutete damals – genauso wie heute bei der DLRG – 200 Meter am Stück schwimmen können, vergleichbar mit dem Jugendschwimmabzeichen Bronze. In Sachsen wurden jedoch vor eini­ger Zeit die Anforderungen heruntergesetzt. Seitdem haben bereits Kinder, die sich über eine Strecke von lediglich 25 Metern über Wasser hal­-ten können und dabei das „Seepferdchen“ erreichen, das Lernziel der „Schwimmfähigkeit“ erreicht. Dies reicht aber, wenn Jugendliche in unbeaufsichtigten Fließgewässern mit der Strömung klar kommen müssen oder aber bei Baggerseen die Strecke bis zur in der Mitte des Sees gelegenen Badeinsel zurücklegen wollen, nicht aus.

Die lokale Bäderentwicklung

Um die Eigendarstellung zu verbessern geben Städte mit einem hohen Anteil von großen Spaß- oder Freibädern gerne nur das „Wasserflächenangebot“ (Wasserflächen pro Einwohner) an. Laut dem 2018 fortgeschriebenen Dresdner Bäderkonzept, das die Elbestadt mit anderen Städten ähn­licher Größenordnung vergleicht (Stand Dezember 2017), müssen sich in Dresden bei den Hallenbädern 111 Einwohner einen Quadratmeter Wasserfläche teilen, in Westdeutschland bildet Nürnberg mit 93 Einwohner pro Quadratmeter das Schlusslicht, in Duisburg kommen sogar nur 62 Einwohner auf einen Quadratmeter. Bei genauerer Betrachtung der Situation ist jedoch auffällig: In Dresden gibt es nur noch sieben öffentlich zugäng­liche, ganzjährig nutzbare Hallen- oder Kombibäder. Zwei sind Spaßbäder (das Arnhold-Bad und das„Elbamare“) und das relativ kleine historische Nordbad wird, um das Personal in den Freibädern einsetzen zu können, im Sommer monatelang geschlossen. Neben dem Elbamare in Gorbitz liegen noch drei weitere, davon zwei marode, am äußersten Stadtrand: in Prohlis, Klotzsche und Bühlau. Das einzige danach noch übrig bleibende Hallenbad ist der ursprünglich für den Leistungssport und die nationalen Wettkämpfe der DDR errichtete, aktuell gerade für 32 Millionen Euro aufwendig sanierte und umfangreich erweiterte Schwimmkomplex mit Turmspringerhalle am Freiberger Platz. Dabei hat die 1968/69 errichtete denkmalgeschützte Schwimmhalle mit Seildachkonstruktion, weil sie der Pro­totyp der auf dem Potsdamer Brauhausberg abgerissenen Typen-Schwimmhalle ist, einige der lokalen Gelder für diese Baugattung auf lange Zeit gebunden. Viele Förderprogramme kommen nur für wettkampffähige Sportbäder in Frage.
Die Stadtbäder der späten 1920er Jahre entstanden in einer Zeit, als die Errichtung von öffentlichen Badeanstalten als eine zur Förderung der Volksgesundheit sinnvolle und notwendige kommunale Sozialleistung angesehen wurde. Diese Schwimmbäder sollten gleichzeitig aber auch brei­ten Bevölkerungsschichten Freizeit- und Sportmöglichkeiten bieten. Daher waren sie lange Zeit ein Ort, an dem sich ganz unterschiedliche Bevölkerungsschichten trafen. Einige dieser ehemaligen Volksbäder liegen – wie das Sachsenbad in Dresden-Pieschen – heute noch in sozialen Problemgebieten, in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Alleinerziehenden, kinderreichen Familien, Migranten und Rentnern, die jedoch meist keine Lobby haben, um sich ihre Teilhabe am Freizeitangebot der Stadt einzufordern.

Büros statt Schwimmunterricht

Das öffentliche Schwimmen zu erschwinglichen Preisen in historischen Bauten ist ein Zuschussgeschäft. Wenn es um die Finanzierung von kommunalen Bädern geht, fallen jeder Kubikmeter mehr zu beheizender Luftraum über dem Becken, alle energetischen Schwächen des Gebäudes sowie die denkmalpflegerisch bedingten Mehrkosten der Sanierung sofort negativ ins Gewicht. Andere, finanziell nicht genau messbare Aspekte wie das architektonische Ambiente, der ideelle Wert des Gebäudes und die Steigerung der Wohnqualität der im umliegenden Quartier lebenden Menschen durch eine vor Ort gewünschte langfristig sinnvolle Nutzung zählen dagegen nicht mit. Daher werden, statt der Sanierung der vorhandenen Schwimmhallen, meist gleich größere Neubauprojekte in Angriff genommen.
Da sich aufgrund dieser schwierigen Rahmenbedingungen deutschlandweit viele der seit Jahren geschlossenen Schwimmbäder zu Lost Places entwickelten, gibt es aktuell eine Welle von kommunalen Versuchen, sich dieser unbequemen Immobilien zu entledigen. Das einzige öffentliche Hallenbad im Kasseler Osten (1930, Fritz Graubmann) wurde nach jahrelanger Verwahrlosung Ende des letzten Jahres an drei Architekten verkauft, die dort neben ihrem eigenen Architekturbüro weitere Büroräume schaffen wollen. Bei dem zwischen den beiden Duisburger Stadttei­len Hamborn und Marxloh liegenden ehemaligen Stadtbad (1929 von Stadtbaurat Franz Steinhauer erbaut) ging Anfang diesen Jahres ein Bieterverfahren mangels Interesse erfolglos zu Ende, später meldete sich ein Investor, der den Komplex zu einem Bürogebäude umbauen will. Beim Stadtbad in Berlin-Lichtenberg („Hubertusbad“, 1928 gebaut von Rudolf Gleye und Otto Weis) setzte sich eine lokale Bürgerinitiative jahrelang intensiv für eine Wiederbelebung des Bades ein: ohne Erfolg. Ein hoch angesetztes Ausschreibungsverfahren wurde, weil „sich der Erhalt des Denkmals und die Interessen potenzieller Investoren nicht in Einklang bringen ließen“, eingestellt. Jetzt soll das Gebäude im Landesbesitz bleiben und für Events genutzt werden. Auch das zum mehrteiligen Wohlfahrtsforum in Brandenburg an der Havel gehörende Friedrich-Ebert-Bad (1929/1930, Stadtbaurat Karl Josef Erbs) wurde vor einigen Jahren an einen Investor verkauft, der es anfangs für eine Wohnnutzung umbauen wollte. Mittlerweile gibt es die Idee, in diesem architektonisch beeindruckenden Gebäude ein Museum einzurichten.

Wasser ins Sachsenbad

In Dresden engagiert sich die Bürgerinitiative „Endlich Wasser ins Sachsenbad“ seit 2006 intensiv für eine Sanierung und Wiederinbetriebnahme des Bades und erarbeitete dabei auch ein überzeugendes neues Nutzungskonzept als Gesundheitszentrum „Wasser“ mit einer Kombination von Schwimmhalle, Gesundheits- und Rehaeinrichtungen, Räumen für Physiotherapie, Erweiterungsflächen für ein nahe gelegenes Ärztehaus und einem kleinen Stadtteiltreff. Eine entsprechende von mehr als 4000 Unterstützern unterschriebene Petition setzte die Stadt Dresden 2016 unter Zugzwang, endlich etwas zu unternehmen. Das Ergebnis: Weil die Stadt „aus Gründen der kommunalen Haushaltslage und der daraus erwachsenen Prioritäten“ nicht in der Lage sei, das ehemalige Sachsenbad selber zu sanieren, schrieb sie das denkmalgeschützte Gebäude zusammen mit dem dazugehörenden Grundstück im Rahmen einer Konzeptausschreibung mit Nutzungsbindung für 900.000 Euro zum Verkauf (alternativ auch zur Vergabe im Erbbaurecht) aus.
Obwohl es aufgrund des laufenden Verfahrens noch keine offiziellen Angaben über die drei Angebote gibt, ist mittlerweile über die Lokalpresse bekannt, dass einer der Bieter angeblich eine Kombination aus Saunalandschaft, Wellness und einem großen Coworking Space (ohne Wasserfläche) plane, ein zweiter ein hochwertiges Spa-Konzept – beide kostendeckend. Der dritte Bieter wolle das Sachsenbad als öffentliches Schwimmbad wiederbeleben, kalkuliere dafür aber öffentliche Zuschüsse ein. In den letzten Jahren hat sich die Stadt jedoch immer gegen eine Förderung des Sachsenbades ausgesprochen. Der Stadtrat will voraussichtlich 2020 über die Vergabe entscheiden. Und vielleicht kommt dann wirklich eine Sanierung in Gang, in welcher Form auch immer.

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