Bauwelt

Über Exzesse in der Architektur, Kontrollverlust, Schönheit und Desaster

Text: Heinich, Nadin, München

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Historische Bausubstanz ist nur sehr eingeschränkt geschützt. Wohlhabende Viertel wie Achrafieh wurden in den Boomjahren sukzessive mit immer höheren Wohnhochhäusern überformt.
Foto: Sergey Ponomarev

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Historische Bausubstanz ist nur sehr eingeschränkt geschützt. Wohlhabende Viertel wie Achrafieh wurden in den Boomjahren sukzessive mit immer höheren Wohnhochhäusern überformt.

Foto: Sergey Ponomarev


Über Exzesse in der Architektur, Kontrollverlust, Schönheit und Desaster

Text: Heinich, Nadin, München

Die Flasche Wein, die ich gerade gekauft habe, kostet laut Kassenzettel 525 Dollar. Ich bezahle jedoch nur sieben Dollar und fünfzig Cent. In bar.
Beirut, Hauptstadt des Libanon, liberales Zentrum im Nahen Osten mit glamouröser Vergangenheit, spannungsreicher Geschichte und extremen Ausschlägen. 18 Religionsgemeinschaften sind seit der Staatsgründung 1943 offiziell anerkannt und entsprechend an der Macht beteiligt. Kein Staat hat pro Kopf mehr Flüchtlinge aufgenommen, allein 1,5 Millionen Syrer seit dem Krieg im Nachbarland. Gleichzeitig leben etwa dreimal so viele Libanesen in der Diaspora wie im Land selbst. Innerlibanesische Machtkonflikte waren meist ein Spiegel der Weltpolitik, vom Kalten Krieg bis heute verbunden mit der (in)direk-ten Einmischung Frankreichs, der USA, Irans, Israels, Saudi-Arabiens, der Türkei, Syriens oder Russlands.
Nach Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs 1990 setzte in Beirut ein Bauboom ein, befeuert durch viel Geld aus dem Ausland, ein ab 2015 zunehmend degeneriertes Bankensystem und geringe staatliche Regulierung. Gebaute Geldanlagen, entworfen von internationalen Stars, Hochhäuser ohne Höhenbegrenzung, eine Stadt ohne Grenzen. Es war ein Schneeballsystem. Ab 2019 verschärfte sich die Wirtschaftskrise. Die Landeswährung, seit den 1990er Jahren an den Dollar gekoppelt, verlor rasant an Wert. Der Bankensektor brach zusammen. Für viele Libanesen sind ihre Ersparnisse nur noch eine Zahl auf dem Kontoauszug. Bezahlt wird heute wieder in bar und in US-Dollar. Die Zentralbank hat den offiziellen Wechselkurs auf 15.000 Lira für einen Dollar festgesetzt, doch auf dem Schwarzmarkt werden derzeit etwa 100.000 Lira für einen Dollar gehandelt. Den tagesaktuellen Kurs erfährt man über eine App.
Wie rational ist Geld? Was bedeutet es für eine Stadt, wenn staatliche Institutionen als Kontrollinstanzen komplett ausfallen? Gibt es so etwas wie Moral in der Architektur? Wenn ja, wie verträgt sich das mit einem internationalen Architektursystem, mit dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Macht? Was erzählt das Zusammenspiel von Bauen und Geld über eine Gesellschaft? Wieviel staat-liche Regulierung braucht eine Stadt? Wo verläuft die Grenze zwischen zu wenig und zu viel – auch mit Blick auf die Situation hierzulande, wo nicht nur wegen der Verwerfungen am Kapitalmarkt vielerorts das Bauen eingestellt wird?

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