Places to Enjoy, Teil III

... in Kopenhagen, Berlin, Graz, Rom

Text: Mandrup, Dorte, Kopenhagen; Hofmann, Susanne, Berlin; Jeschauing, Markus, Graz; Clemente, Maria Claudia, Rom; Labics, Francesco Isidori, Rom

    Augen auf. Dorte Mandrup, Dorte Mandrup Architects, Kopenhagen

    Foto: Ditte Valente/dpa

    Augen auf. Dorte Mandrup, Dorte Mandrup Architects, Kopenhagen

    Foto: Ditte Valente/dpa

    Gepflegtes Verlaufen
    Foto: Susanne Hofmann Die Baupiloten, Berlin

    Gepflegtes Verlaufen

    Foto: Susanne Hofmann Die Baupiloten, Berlin

    Stadt-Landleben
    Foto: Markus Jeschaunig Agency in Biosphere, Graz

    Stadt-Landleben

    Foto: Markus Jeschaunig Agency in Biosphere, Graz

    Der römische Acker
    Foto: Maria Claudia Clemente und Francesco Isidori Labics, Rom

    Der römische Acker

    Foto: Maria Claudia Clemente und Francesco Isidori Labics, Rom

Places to Enjoy, Teil III

... in Kopenhagen, Berlin, Graz, Rom

Text: Mandrup, Dorte, Kopenhagen; Hofmann, Susanne, Berlin; Jeschauing, Markus, Graz; Clemente, Maria Claudia, Rom; Labics, Francesco Isidori, Rom

Augen auf
Dorte Mandrup Dorte Mandrup Architects, Kopenhagen
Einzig schlimmer als eine unorganisierte Party ist eine überorganisierte Party. Eine, bei der Gäste die sorgsam für Konversationen arrangierten Sitzgelegenheiten und die leeren Tanzflächen zu vermeiden versuchen. Stattdessen versammeln sie sich in der Küche, wo die überehrgeizigen, wenn auch wohlgemeinten Absichten der Gastgeber sie nicht erreichen können.
So notwendig der Lockdown auch war, die vergangenen Monate erinnerten mich an jene Situationen. In Kopenhagen – und in Skandinavien –tendieren wir ohnehin schon dazu unsere Städ­te bis ins Detail zu organisieren. Wir haben eine Art kulturelle Neigung uns unerwarteten Zusammenkünften mit Fremden zu entziehen. Stattdessen bevorzugen wir die Kontrolle und Regulierungvon prinzipiell jeder Art der Interaktion. Dabei gilt es als eine bedeutsame Aufgabe der Stadt, zu gewährleisten, dass sich Bewohner geschmeidig durch die Stadt bewegen können, ohne da­bei Menschenansammlungen, Gefahren oder Hindernissen zu begegnen. In Zeiten einer Pandemie ist das sehr komfortabel, aber ich hoffe nicht, dass diese Krise die städtischen Räume der Zukunft bestimmen wird.
Ich genieße die kleinen Nischen in Kopenhagen, welche sich der öffentlichen Regulierung widersetzen. Mein liebster Ort heißt Værnedamsvej im Stadtteil Vesterbro. Es ist eine kleine, bescheidene Straße, die als schmale Verbindung zwischen großen Verkehrsachsen liegt. Hier geht es sehr lebendig zu. Trotz der vielen Radfahrer gibt es keinen Radweg und auf dem knapp bemessenen Gehsteig stehen Tische, Bänke, Stühle, Schilder und Blumenkübel dicht beieinander. Værnedamsvej ist so untypisch für die heutige Stadtplanung, dass die Straße häufig als „Parisisch“ bezeichnet wird – als die unverantwortliche, aber charmante Mixtur des Flanierens und entschlossenen Durcheinanders, welches gewöhnlich mit südeuropäischen Stadtvierteln assoziiert wird. Auf dem Værnedamsvej kann es einem schnell passieren mit dem Fahrrad einen hastig geparkten Wagen zu rammen, während der Fahrer geschwind sein Takeaway abholt. Als Fußgänger stolpert man über Tische und Stühle mittig des Gehwegs.
All das geschieht, wenn man auf seine Recht beharrt, ohne Hindernisse zu fahren, zu radeln oder zu gehen. Da man aber gezwungen ist, aufmerksam zu sein, ist man es. Man ist hellwach, denn man weiß, hier gibt jeder auf den anderen Acht, sonst funktioniert es nicht. (Text stammt teilweise aus Dorte Mandrups Essay „Lysvågen i Byen“ im Buch „Offentlighedens rum“).
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Gepflegtes Verlaufen
Susanne Hofmann Die Baupiloten, Berlin

Auch wenn es in Berlin keine wirkliche Ausgangssperre gegeben hat, fühlte sich die Summe der Kontaktbeschränkungen wegen des Corona-Virus doch manchmal genau so an: geschlossene Geschäfte, Cafés und Restaurants. So manche Straße und so mancher Platz im Kiez wirkten gespenstisch leer – wie unter einem melancho­lischen Schleier oder auf einem Gemälde von Giorgio de Chirico.
Die Berliner Parks dagegen füllten sich. Ich hat­te den Eindruck, dass ganz Berlin anfing zu joggen. Den Tiergarten passierte ich vor Corona gewöhnlich nur mit dem Fahrrad oder auf gelegent­lichen Spaziergängen für kleine Pausen im Grünen. Nun rückte der Park stärker in meinen Fokus, denn auch ich drehte hier einige Joggingrunden und entdeckte ihn dabei als interessanten Irrgarten. Sich darin zu Verlaufen hatte, wie ich feststellte, einen besonderen Reiz. Ich bemerkte vieles im Park, das mir sonst nicht aufgefallen war. Mit fortschreitender Zeit, brachte das Frühjahr weitere neue Erfahrungen mit sich: Gerüche, Farben und Vogelstimmen veränderten den Park und kreierten immer neue Atmosphären. Meine Begeisterung für den Park wuchs und Treffen mit Freundinnen wurden von nun an vermehrt zu gemeinsamen Spaziergängen. Hier waren wir in Bewegung und ständig auf Entdeckungstour.
Wir genossen die Verlangsamung. Das gepflegte Verlaufen offenbarte dabei den Tiergarten zunehmend in seiner atmosphärischen und räumlichen Dichte. Im östlichen Teil, zwischen Rosengarten und Luiseninsel, erinnerte er mich durch das satte Grün und die reizvollen Anblicke an frühere Besuche an tropischen Orten.
Je nach Verabredung oder Laune haben sich für mich mittlerweile zwei unterschiedliche Lieblingsrouten herausgebildet: zum Einen die naturnahe Runde, auf der man sich in der Dichte des Tiergartens verliert und zum anderen die urbane Runde, ein langer Spaziergang auf weiten, lichten Wegen. Vorbei am Tipi Zelt und dem Bundeskanzleramt, entlang der Spree zum Schloss Bellevue und zurück zur Luiseninsel.
Mit der Öffnung der Biergärten und einer Pause am Haus der Kulturen der Welt bei Aperol Spritz ist diese Runde zu einer regelmäßigen „Spritztour“ geworden.

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Stadt-Landleben
Markus Jeschaunig Agency in Biosphere, Graz

Die Erhaltung des Lebenssystems des Planeten Erde und der damit verbundenen direkten Lebensumgebung erfordert ein umwelt-einbeziehendes Handeln jedes Einzelnen. Die Wucht der Covid-19-Pandemie führte besonders dramatisch vor Augen, wie stark die Interkonnektivität aller Existensen auf der Erde ausgeprägt ist – dazu zählen auch nicht-menschliche Lebensformen wie Pflanzen, Tiere und Viren, so wie Phänomene des Wetters und das Klima.
In meiner Arbeit als Architekt und Künstler stel­le ich Fragen zum Umgang der Menschen mit der Natur und wie man festgefahrene Produktions- und Lebensweisen neu denken kann. Ein Beispiel dafür war das Projekt „Oase No 8“ (2015/16), indem Abwärme ein tropisches Gewächshaus in Graz beheizt hat.
Die Zeit des österreichischen Lockdown habe ich an einem Ort im Speckgürtel von Graz verbracht und viel Inspiration gewonnen. Der „Rurbani Hof“ (wie wir ihn liebevoll nennen) ist eine Art Mikro-Bauernhof, den ich vor vielen Jahren leerstehend von meinen Großeltern übernahm. Der verstummte Verkehrslärm im März lies das Summen der Obstbaum bestäubenden Bienen unglaublich laut ertönen. Der Garten bot Distanz, Ruhe und Denkraum gepaart mit lokaler Selbstversorgung sowie luftiger Begegnungszone für Familie und Freunde mit ausreichendem Social Distancing. Der „Rurbani Hof“ steht für ein aktives Projekt, wie man Landleben (rural) und Stadtleben (urban) neu denken kann. Im Lichte globaler Versorgungsketten möchte dieser Ort synergetische Effekte der direkten Umgebung nutzen, wie lokale Ressourcen, enge Nachbarschaftsbeziehungen und regional und selbst produzierte Nahrungsmittel. Im Rahmen eines Sommerfestes habe ich Gäste mit der Frage „Welche Vorstellung hast du von der Zukunft des Landlebens?“ um persönlichen Beiträgen gebeten. Durch gemeinschaftsstiftende Aktionen wie suburbane Pirschgänge, Motorradstunts über den Zaun, singende Sägen im Wald und Gärtneraktivitäten wird hier spielerisch an nachhaltigeren Lebensformen des Landlebens laboriert, welche Gemeinschaftsdenken vor Besitz stellen und Formen des Öffentlichen stimulieren.
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Der römische Acker
Maria Claudia Clemente und Francesco Isidori Labics, Rom

Während des Lockdown war in Rom alles geschlossen, nicht einmal die Parks konnten besucht werden. Die Stadt war eine Wüste, denn überraschenderweise hielt sich jeder an die neuen Regeln. Und so sind die Bilder der menschenleeren Spanischen Treppe oder der Piazza Navona um die Welt gegangen – Orte, die unter normalen Umständen überproportional dicht besucht sind. Die Stille und Leere, die sich aufgrund der Abwesenheit von Anwohnern, Autos und Touristen ausbreiteten, brachten ei­ne besondere Präsenz in der Stadt zum Vorschein: Die Landschaft.
Die Landschaft in Rom, an den äußeren Grenzen der Stadt, sowie in ihrem Inneren, ist von ebenso großer Bedeutung, wie die der gebauten Denkmäler. Denn beide sind am Ende Teil der gleichen Geschichte. Landschaft in ihrer unberühr­ten Form gedacht, eine alte und ursprüngliche Landschaft: der agro romano, zu Deutsch: der römische Acker.
Rom ist eine offene Stadt, nicht bloß aufgrund ihrer Geschichte, sondern auch in ihrer Form. Tatsächlich ist Rom eine Stadt, die sich aus zahlreichen Inseln zusammenfügt. In einer komplexen und zusammenhängenden Landschaft, die 70 Prozent des städtischen Gebiets ausmacht. Die Na­tur ist Teil der urbanen Struktur, doch es scheint als ließe uns der Alltag diesen unbeschreiblich wertvollen Schatz vergessen.
Mit der Abwesenheit der Menschen, ist die Landschaft zurück in unser Bewusstsein gekehrt. In einer Zeit, in der wir auf Distanz bleiben mussten und offene Räume zunehmend lebendig wurden, sind diese natürlichen Orte unsere liebsten geworden. Orte, die eine ergänzende Rolle einnehmen, gegenüber den bekanntesten öffentlichen Plätzen der Stadt. Gemeinsam sind sie eine wertvolle Ressource für die Zukunft von Rom.

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