Bauwelt

Konsequenteste Form des Naturschutzes

Das Haus, wie wir es in Zukunft bauen müssten – robust konstruiert, ­flexibel nutzbar, üppig begrünt und ein kleines Kraftwerk –, gibt es in Darmstadt seit über fünfzig Jahren: Ot Hoffmanns Baumhaus.

Text: Förster, Yorck, Frankfurt am Main

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    Ende März war „Baumhausfest“ und Tag der offenen Tür im ganzen Haus.
    Foto: prosa Architektur + Stadtplanung, Darmstadt

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    Ende März war „Baumhausfest“ und Tag der offenen Tür im ganzen Haus.

    Foto: prosa Architektur + Stadtplanung, Darmstadt

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    Zeichnung: Ot Hoffmann

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    Zeichnung: Ot Hoffmann

Konsequenteste Form des Naturschutzes

Das Haus, wie wir es in Zukunft bauen müssten – robust konstruiert, ­flexibel nutzbar, üppig begrünt und ein kleines Kraftwerk –, gibt es in Darmstadt seit über fünfzig Jahren: Ot Hoffmanns Baumhaus.

Text: Förster, Yorck, Frankfurt am Main

Das Baumhaus von Ot Hoffmann in Darmstadt war bei seiner Fertigstellung 1973 eine einsame Pionierpflanze der Stadtverwaldung. Friedensreich Hundertwasser hat zu dieser Zeit zwar auch zur allgemeinen Belustigung in einem Fernsehauftritt bei Wünsch Dir Was Modelle von Häusern mit grünen Dächern vorgestellt, Ot Hoffmann aber war es, der in einer konsequenten Selbstpraxis ein anderes Bauen und Wohnen erprobte.
Schon der Standort wirkt wie eine exemplarische Verdichtung von Themen der Stadtdiskussion und Wiederaufbaukritik seit den späten Sech­zigerjahren: neben dem Herrengarten, einem innerstädtischen Park, und mit Blick auf die Reste der Residenzstadt mit dem Hessischen Landesmuseum und der (damaligen) Ruine des Hoftheaters gelegen und zugleich von der Verkehrsachse der B 26 touchiert. Das Baumhaus ist vieles zugleich: ein gemischt genutztes Haus von städtischen Dimensionen, ein Bekenntnis zur architektonischen Moderne und Manifest und Demonstra-tor für eine andere Architektur in der Stadt und – nicht zuletzt – eben auch eines anderen Wohnens.
Heute ist das einstmals provokante Gebäude ein arriviertes Einzelkulturdenkmal. Der wegweisende Esprit ist dem Baumhaus aber immer noch eigen. Die Eingangsfront mit der weit über die Straße ragenden Terrassen­ebene im ersten Obergeschoss und die im Sommer üppig sprießenden Gärten überraschen nach wie vor, genauso wie die in einer ständigen Optimierungsschleife entwickelten Wohnmodule für das Leben im Haus.
Ot Hoffmann (1930–2017) hatte in Darmstadt Architektur studiert und war dort seit Mitte der Fünfzigerjahre als freier Architekt und Autor umtriebig. In einer Kurzbiografie schrieb er über sich: „besonderes Interesse am Wohnen – als persönliche Lebensphilosophie; eigene Experimente und Entwicklungen in ökologisch-determinierten Wohnformen“.
Hoffmann hat dieses experimentelle Wohnen 1981 anschaulich in dem Band Für eine andere Architektur beschrieben. Herausgeber waren neben ihm der Leiter des Deutschen Werkbund Hessen, Michael Andritzky, sowie der Soziologe und Spaziergangswissenschaftler Lucius Burckhardt. Statt die Natur weiter durch Häuser im Grünen zu zersiedeln, postuliert Hoffmann das entwickelte Stadthaus als die konsequenteste Form des Naturschutzes. Wenn es gelingt, auch der Natur in der Stadt einen Ort zu geben, bleibt die natürliche Natur weitgehend unberührt, und die Stadt wird natürlicher – oder auch wohnlicher. Entsprechend wurde das Baumhaus in der Zeit der Stadtflucht als städtische Antithese zum Haus auf dem Land konzipiert.
Die ursprüngliche Gesamtplanung sah das bis zum kleinen Turmbelvedere achtgeschossige Baumhaus inmitten einer Nachbarbebauung mit Dach- und Wintergärten vor. Auskragende Ebenen und Brücken über die angrenzenden Straßen sollten hängende Gärten bilden, die Ost-West-Verkehrsachse der B 26 wäre unter der Überbauung verschwunden, und über die kleine Straße auf der Frontseite hinweg hätte sich ein grünes Po-dium zum Landesmuseum ergeben. Die weit auskragende Obergeschoss-ebene ist das Relikt dieser erst in das Citykonzept von Darmstadt aufgenommenen und später verworfenen Idee einer grünen Terrassenstadt mit einer B-Ebene über den Verkehrsachsen.
Das Haus selbst mit einer Mischnutzung aus einer großen Galeriefläche mit Zwischengeschoss, zwei heute von einem Architekturbüro und Grafikern genutzten Büroebenen und schließlich den Wohnetagen hat eine herbe, konstruktive Ästhetik. Weit entfernt von einer skulpturalen Form geben Ortbeton und Fertigteile dem Gebäude eine additive, „gestellige“ Anmutung. Dazu gehören auch die maximal zu einer Art technischen Durchstieg verknappte Treppe und der kleine Aufzug. Weniger Erschließungsfläche geht eigentlich nicht. Das Haus als Hilfsmittel statt als Skulptur zu verstehen, ist auch ein Aspekt der Haltung seines Entwerfers.
Hilfsmittel, gewissermaßen ein künstliches Riff, ist der Bau auch für die Ansiedlung der Natur. Ot Hoffmann verwendete für die begrünten Dach-terrassen einfach WU-Beton. Darauf wurden 40 Zentimeter Substrat aufgebracht, ansonsten dienen verschiedene Fertigteile als Pflanzgefäße. Hoffmann pflanzte Obst und Gemüse, ließ aber auch die Einträge aus dem benachbarten Herrengarten zu. Die Dachterrassen entwickelten sich so
zu einer Stadtwildnis mit Kiefernwäldchen, Essigbaum und Cotoneaster. Für die Bewässerung entwickelte er ein Kaskadensystem zur optimalen Regenwassernutzung, das durch Grauwasser ergänzt wurde.
Die oberste Ebene des Hauses bildet eine kleine Laube mit Windrad auf einem Mast. Über zehn Jahre zog sich der Musterprozess, bis Hoffmann schließlich mit dem so gewonnenen Strom das ehedem für alle Nutzer des Hauses zugängliche Schwimmbad beheizen konnte. Er experimentierte mit Sonnenkollektoren, einem Wintergarten als Pufferzone zum Wohnbereich und solarem Energiegewinn durch die großformatige Verglasung an der Südloggia des Hauses – und der entsprechenden Verschattung durch Schilf vor dem Fenster im Sommer.
Die Arbeits- und Wohnebene hatte Hoffmann als variablen Allraum konzipiert. Tatsächlich ist es nicht einfach ein Loft, sondern eher ein hochentwickelter Wohnorganismus. Vier Meter ist die lichte Höhe des Raums, und entsprechend differenziert ist der Raum genutzt. Die Bibliothek ist an Gewindestangen von der Decke abgehängt, ebenso die Musikboxen, die so einen Klangraum schaffen. Die große Schlafinsel wird nach Gebrauch an Seilzügen nach oben gezogen, ebenso wie ein Schreibpult, der Maltisch oder ein Hängesystem für Ausstellungen. Wenn die Wundermaschine der Minimalwohnung in den Zwanzigerjahren das Schrankbett war, um aus einem Wohn- einen Schlafraum zu machen, dann ist Ot Hoffmanns Allraum die große Bühne der permanenten Raumverwandlung.
Das Baumhaus ist eine etwas andere Wohn- und Arbeitsmaschine, die wenig determinieren und vieles möglich machen sollte für einen modernen Stadtrobinson (wie Hoffmann suggestiv schrieb). Über die Jahre und schließlich durch die trocken-heißen Sommer hat sich das Kiefernwäldchen gelichtet; inzwischen sind dort Felsenbirnen gepflanzt. Unter den Bedingungen von Starkregenereignissen funktionierten die Bewässerungskaskaden nicht mehr zuverlässig und wurden um eine automatisches System ergänzt. Insgesamt aber ist das Haus – heute unter der Obhut der beiden Söhne – über fünfzig Jahre nach seinem Entstehen mehr denn je eine exotische Insel in der Darmstädter Innenstadt.

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