Ieoh Ming Pei 1917–2019

Eine Komposition von klaren geometrischen Grundformen, die Inszenierung des Lichts und eine Auswahl von Natursteinplatten, die mit größter Präzision gefügt werden, prägen sein Spätwerk – auch den „Pei-Bau“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

    Ieoh Ming Pei 1917–2019
    Foto: getty images

    Ieoh Ming Pei 1917–2019

    Foto: getty images

    Zentrale Halle des auch „Pei-Bau“ genannten Erweiterungsgebäudes vom Berliner Deutschen Historischen Museum von 2003. Es wird für temporäre Ausstellungen genutzt.
    Foto: Ulrich Schwarz

    Zentrale Halle des auch „Pei-Bau“ genannten Erweiterungsgebäudes vom Berliner Deutschen Historischen Museum von 2003. Es wird für temporäre Ausstellungen genutzt.

    Foto: Ulrich Schwarz

Ieoh Ming Pei 1917–2019

Eine Komposition von klaren geometrischen Grundformen, die Inszenierung des Lichts und eine Auswahl von Natursteinplatten, die mit größter Präzision gefügt werden, prägen sein Spätwerk – auch den „Pei-Bau“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

In den 1980er Jahren waren die Proteste heftig, auch über Frankreich hinaus. Anlass war der Entwurf einer gläsernen, knapp 22 Meter hohen Pyra­mide mitten im Cour Napoléon des Grand Louvre in Paris als neues zentrales Entree für die Besuchermassen des Museums, damals bereits drei Millionen pro Jahr. Man wehrte sich gegen moderne Architektur an diesem besonderen Ort der Grande Nation. Die Pyramide als elementare Form der Baugeschichte wurde dann doch akzeptiert und 1989 fertiggestellt. Heute ist der Bau dort nicht mehr wegzudenken. Mehr noch, er ist am Ende der alten Königsachse zum Glanzlicht und Symbol des Louvre geworden.
Der US-amerikanische Architekt Ieoh Ming Pei, kurz I. M. Pei, hatte den Entwurf der Pyramide vorgelegt. Den Auftrag dazu erhielt er vom dama­ligen Staatspräsidenten François Mitterrand, der für seine „Grands Projets de l’Etat“ die Kraft der Symbole schätzte. Die Pyramide ist aber nur das „Dach“ des Entwurfs eines neuen Eingangs. I.M. Pei entwarf auch die unterirdische zentrale Halle und die breiten Wege in die Gebäudeflügel des Museums, gesäumt von Shops, Restaurants, Auditorium ... Dieser zweite, weitaus größere Teil des Projekts verlangt einer besonderen Betrachtung, denn hier zeigt sich unabhängig von der mutigen, feingliedrig konstruierten Pyramide das Können des Architekten. Die offenen und großzügigen Räume des Durchgangs fügen sich mit ihren Wänden, Böden, und Treppen zu einem Ganzen – alles ist bis in die Zuschnitte der Natursteinplatten und dem subtil behandelten Sichtbeton bewundernswert präzis.
Mit der Diskussion um dieses Großprojekt war der Architekt auf einem Schlag in Europa bekannt. Pei stammte aus Guanghzou, dem früheren Kanton. Mit 18 Jahren ging er in die USA, um am MIT und später in Harvard, u.a. bei Walter Gropius, Architektur zu studieren. Sein Vater war Bank­direktor und konnte ihm dies ermöglichen. Mies van der Rohe und Le Corbusier waren seine Vorbilder. In das China nach der Kulturrevolution kehr­te er nicht zurück. Es folgte ab 1955 der schnelle Aufstieg im neu gegründeten New Yorker Büro Pei Cobb Freed & Partners mit vielen Büro-, Hotel- und auch Wohnbauten, meist im Auftrag boomender Immobilienkonzerne. Das Büro entwarf in den 1980er Jahren das US Holocaust Memorial Museum in Washington. Richtig bekannt wurde Pei bereits vorher mit der John-F. Kennedy-Gedenkbibliothek. Schon damals ein Direktauftrag. Die Witwe Jackie Kennedy soll vom charismatischen Auftreten des Architekten sehr angetan gewesen sein. I. M. Pei war auch später in hohem Alter immer eine strahlende, oft humorvolle Präsenz in eleganter Kleidung.
Mit 73 Jahren löste sich der Pritzker-Preisträger vom Büro und es folgte sein eigenes Spätwerk mit mehreren Museen. Wichtigster Vorgänger dieser Museen war der Ostflügel der Nationalgalerie in Washington von 1978. Diese seine Architektursprache mit den klaren kubischen Baukörpern und den hellen Natursteinplatten blieb konstant – auch bei seinem Bau für Bundeskanzler Helmut Kohl. Der Historiker Kohl konnte sein Deutsches Historisches Museum in Berlin nicht bauen, da die deutsche Einheit dazwischen kam. Den Wettbewerb für dieses Projekt am heutigen Bundeskanzleramt hatte 1988 Aldo Rossi gewonnen. Mit der Maueröffnung ein Jahr später blieb es bei der Grundsteinlegung. Kohl setzte sich dann für die Erweiterung des Deutschen Historischen Museums im Zeughaus Unter den Linden ein. Wie sein Freund François Mitterrand erhielt Pei 1995 auch von Kohl einen Direktauftrag – sehr zum Ärger der deutschen Architektenkammer, die einen Wettbewerb forderte. Es war ein deutlich kleinerer Auftrag hinter dem eigentlichen Museum aber mit Blick auf die Rückseite der Neuen Wache von Schinkel. Diese Nähe zu Schinkel soll auch einer der Grün­-de gewesen sein, dass der wählerisch gewordene I.M. Pei den Auftrag annahm. Schinkel kannte er durch Mies van der Rohe und verehrte seine Bauten.
Bei diesem Museum faszinieren die Zuordnung der verschiedenen Ebenen innerhalb des Volumens mit den Treppen, Rolltreppen, Brücken und Terrassen, gläsernen Brüstungen und die mächtigen Wände mit ihren überraschenden Öffnungen und Durchdringungen. Die Verkleidung wurde durchgehend aus dem Louvre-Kalkstein aus Burgund mit geschlossener Verfugung und eingekerbten Handläufen ausgeführt. Die Geschossdecken und Balken bestehen aus speziell gefärbtem Sichtbeton, dessen Struktur durch eine feingemaserte Holzverschaltung als Oregon Pine heraus­gearbeitet wurde. Die Flächen passen sich perfekt dem Kalkstein an. Für Böden und Treppen wählte Pei nordamerikanische Granitplatten. Deut­lich auffälliger als diese Halle ist für viele die vorgesetzte gläserne Treppenspindel. Zu ihrer Gestalt kann man jedoch geteilter Meinung sein.
Es folgten zwei weitere Museen in Luxemburg und Doha. I. M. Pei zog nochmals alle Register seiner Baukunst. In Doha war er als 93jähriger mit seiner Frau zur Eröffnung des Museums für islamische Kunst noch einmal angereist. Am 16. Mai ist Ieoh Ming Pei mit 102 Jahren in New York gestorben. Sein Werk lohnt einer genauen Betrachtung bis in alle Ecken, um sich gewahr zu werden, mit welcher Erhabenheit in der detaillierten Gestalt und mit welchem Verlangen nach einem klar definierten Raumerlebnis er sich seinen Entwürfen widmete.

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