Bauwelt

Großstadt oder Gräserbeet?

In Wien wird gestritten, ob der Michaelerplatz zwischen Hofburg und Looshaus begrünt werden soll. Es ist nicht der einzige Konflikt zwischen historischem Stadtbild und klimagerechtem Stadtumbau.

Text: Novotny, Maik, Wien

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Rendering der künftigen Anmutung des Michaelerplatzes, Blick zum Looshaus.
© zoomvp.at/Mobilitätsagentur Wien

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Rendering der künftigen Anmutung des Michaelerplatzes, Blick zum Looshaus.

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Großstadt oder Gräserbeet?

In Wien wird gestritten, ob der Michaelerplatz zwischen Hofburg und Looshaus begrünt werden soll. Es ist nicht der einzige Konflikt zwischen historischem Stadtbild und klimagerechtem Stadtumbau.

Text: Novotny, Maik, Wien

Der Michaelerplatz im Zentrum Wiens ist ein Ort, der eher gequert wird, als dass er zum längeren Aufenthalt einlädt. Hier warten die Fiaker auf Kundschaft, hier kreuzen sich Touristenströme zwischen Hofburg, Hofreitschule, Café Central und Kohlmarkt. Hier stehen sich mit Looshaus, Michaelerkirche und dem Michaelertrakt der Hofburg elementare und durchaus konträre Bausteine des Wiener Stadtbilds gegenüber. Mitten auf dem Platz eingeschnitten: das 1992 von Hans Hollein gestaltete und inzwischen denkmalgeschützte „Archäologiefeld“. Jetzt soll dieser bislang ausschließlich steinerne Platz „klimafit“ werden, wie es in der Kommunikation der Stadtverwaltung heißt. Dies hat eine Diskussion über das historische Stadtbild und die Bepflanzung von Plätzen und Straßen ausgelöst, die ein breites mediales Echo erzeugte.
Anlass war ein offener Brief der Initiative SOS Michaelerplatz an Bürgermeister Michael Ludwig, den inzwischen über 400 Personen unterzeichnet haben, darunter zahlreiche Professoren und Institutionen aus dem In- und Ausland, Architekten und Landschaftsarchitekten (Anm. d. Red.: Der Autor ist Mitunterzeichner). Der Kunsthistoriker Richard Bösel, Mitgründer der Initiative, schrieb nach der Bekanntgabe der Umbaupläne im Juni 2023 in einem Gastkommentar in der Tageszeitung Der Standard: „Dem nun zur Bespaßung und Behübschung zur Diskussion stehenden Platz sollte man mit Respekt begegnen, mit einem planerischen Verantwortungsgefühl, das leichtfertige Banalisierung vermeidet und nicht Gefahr läuft, sich international zu blamieren.“
Niemand würde auf die Idee kommen, auf der Piazza Navona in Rom, der Grand-Place in Brüssel oder auf dem Domplatz in Salzburg Bäume zu pflanzen, heißt es in dem offenen Brief. Die Kosten wären an anderer Stelle wesentlich besser investiert und zur Verbesserung des Stadtklimas effektiver, zum Beispiel durch die Entsiegelung des teilweise als Parkplatz genutzten Heldenplatzes oder die Begrünung von Wohngebieten, die mit Parks unterversorgt sind.
Nach der Bekanntgabe der Pläne folgten Gespräche der Initiative mit Stadtplanung, Denkmalamt, Architekt Paul Katzberger und den privaten Geldgebern des als Public-Private-Partnership finanzierten Umbaus. Einige Details wurden in diesen Monaten geändert, doch das Konzept blieb dasselbe. Ende Mai begannen die Bauarbeiten. Neun Bäume, Gräserbeete, ein Wasserspiel sowie mehr Platz für Fußgänger. Abgesehen von Renderings wurden bisher keine Pläne veröffentlicht, ein Mangel an Transparenz, der typisch ist für die Wiener Stadtplanung.
Ist der Protest nur eine elitäre Spielerei weltfremder Kunsthistoriker oder gar, wie manche Kommentartoren meinen, der „Betonfraktion“? Ist es nicht. Denn Kultur und Klimaschutz sind keine Widersprüche. Die Landschaftsarchitektinnen, die die Initiative unterstützen, fordern schon seit Jahren ein ernsthaftes Gesamtkonzept für den klimagerechten Umbau der Stadt nach dem Vorbild von Paris oder Barcelona, das sich nicht mit Stückwerk und Werbemaßnahmen begnügt. Lilli Lička vom Institut für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) ist Mit­au­torin der 2023 von der Arbeiterkammer Wien veröffentlichten Studie „Grünraumgerechtigkeit für eine resiliente Stadt“, die die Dringlichkeit des klimagerechten Stadtumbaus anmahnt und nachweist, dass einzelne PR-Aktionen wie die Installation von Nebelduschen nicht effektiv sind.
Auch die Qualität der Wiener Stadtmöblierung der letzten Jahre wird dem Anspruch des historischen Umfelds oft nicht gerecht. So wurde der Neue Markt, wenige hundert Meter vom Michaelerplatz entfernt, nach dem Bau einer Tiefgarage bis 2022 komplett neugestaltet; das Ergebnis ist ein wildes Durcheinander aus Pflanzbeeten, Kübeln und Trögen, aus Berankungen, Büschen und Bäumen.
Am Michaelerplatz selbst wird der Umbau vermutlich nicht mehr zu stoppen sein, welche Kühlungseffekte die Klimafitness dort tatsächlich bringt, wird man sehen und spüren. Immerhin jedoch hat der Protest eine produktive Debatte angestoßen, an der sich Denkmalschützer, Ministerien, Hochschulen und die Bevölkerung beteiligen und bei der die Meinungen auch innerhalb der Architektenschaft auseinandergehen. Muss man sich angesichts des Klimanotstands vom romantischen Camillo-Sitte- und Canaletto-Bild der europäischen Stadt verabschieden, wenn ikonische Plätze wie der Campo in Siena bei 45 Grad im Sommer nicht mehr betretbar und benutzbar sind? Können Stein und Blattwerk eine Symbiose eingehen, bei der das Grün nicht nur klimatisch effektiv ist, sondern Teil des Stadtbilds wird? Kann die Verflechtung von blau-grüner Infrastruktur mit dem baulichen Erbe eine ganz neue urbane Qualität erzeugen?
Klar ist: Es braucht Expertise und qualitätsvolle Prozesse, die über das stolze Bekanntgeben soundso viel gepflanzter Bäume und über das Greenwashing hinausgehen. Anregungen und Wissen dazu gibt es in der Landschaftsarchitektur genug, als aktuelles Vorbild kann Barcelona gelten. Barcelona, das mit seinem Ildefonso-Cerdà-Blockraster die steinerne, hochverdichtete europäische Stadt geradezu verkörpert – und diese Blocks nicht nur in verkehrsberuhigte Superblocks verwandelt hat, sondern sie basierend auf dem 2020 beschlossenen Barcelona Green Infrastructure and Biodiversity Plan auch mit einem dichten grünen Netz überlagert. Dessen Flora und Fauna ist genau kartiert und geplant; der Biodiversitätsatlas der Stadtverwaltung ist öffentlich einsehbar.
In Paris wiederum wird die Anpflanzung eines forêt urbaine konsequent betrieben, dafür wurden beispielsweise im Dezember 2023 auf der Place de Catalogne 478 Eichen, Eschen, Ahornbäume und Kirschbäume gepflanzt, bis 2030 sollen 50 Prozent der Grundfläche der Stadt (inklusive Dächern) versickerungsfähig sein. Über den Wald direkt vor dem Hôtel de Ville im Stadtzentrum, dessen Visualisierung 2019 für Aufregung sorgte, wird jedoch noch debattiert. So ganz will sich das steinerne Stadtbild auch in Paris nicht überwuchern lassen.
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Nachtrag (Red., 2. Juli 2024):
Nach Redaktionsschluss wurde entschieden, dass es kein Wasserspiel auf dem Michaelerplatz geben wird. Das Büro der zuständigen Stadträtin Sima hätte laut mehreren Wiener Medien diese Änderung bestätigt. Außerdem würden zu den geplanten, schnell wachsenden Blauglockenbäumen alternative Baumsorten gesucht, die ebenfalls viel Schatten spenden, ohne den historischen Baubestand zu verdecken. Quelle: Wien@orf.at

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