Eine diverse Moderne

Yangon nach der Unabhängigkeit

Text: Henning, Moritz, Berlin

    Stadtplan von Yangon, 1911
    Abb.: A Handbook for Tra­vellers in India, Burma and Ceylon including all British India, the Portuguese and French Possessions, and the Indian States

    Stadtplan von Yangon, 1911

    Abb.: A Handbook for Tra­vellers in India, Burma and Ceylon including all British India, the Portuguese and French Possessions, and the Indian States

    Die britische Typologie der City Hall ist geblieben, doch das Gewand, in das Architekt U Tin das Ge­bäude kleidet, zitiert unmiss verständlich die tra­ditionelle religiöse Ar­chitektur des Landes.
    Foto: Moritz Henning

    Die britische Typologie der City Hall ist geblieben, doch das Gewand, in das Architekt U Tin das Ge­bäude kleidet, zitiert unmiss verständlich die tra­ditionelle religiöse Ar­chitektur des Landes.

    Foto: Moritz Henning

    Mit dem Neubau der Kaba Aye Pagode als Sinnbild eines zukünftigen, buddhistischen Staates geht eine räumliche Neudefinition der klassischen Stupa einher: normalerweise massiv und geschlossen, können die Gläubigen nun das Innere betreten.
    Foto: Moritz Henning

    Mit dem Neubau der Kaba Aye Pagode als Sinnbild eines zukünftigen, buddhistischen Staates geht eine räumliche Neudefinition der klassischen Stupa einher: normalerweise massiv und geschlossen, können die Gläubigen nun das Innere betreten.

    Foto: Moritz Henning

    Gut sichtbar sind Teile der Stahlkonstruktion, die für diese Neuinterpretation die technischen Möglichkeiten schuf.
    Foto: Moritz Henning

    Gut sichtbar sind Teile der Stahlkonstruktion, die für diese Neuinterpretation die technischen Möglichkeiten schuf.

    Foto: Moritz Henning

    Einheimische Architekten führten eine neue Wohnungsbautypologie ein: Laubenganghäuser mit kleinen Wohnungen, erschlossen über offene Treppenhäuser an beiden Enden der Zeile.
    Foto: Moritz Henning

    Einheimische Architekten führten eine neue Wohnungsbautypologie ein: Laubenganghäuser mit kleinen Wohnungen, erschlossen über offene Treppenhäuser an beiden Enden der Zeile.

    Foto: Moritz Henning

    Bagger, Pagode, Hochhäuser: Der Umschlag von „Pydawtha. The New Burma“ verkörpert sinnbildlich die Ambitionen des jungen Landes im Aufbruch.

    Bagger, Pagode, Hochhäuser: Der Umschlag von „Pydawtha. The New Burma“ verkörpert sinnbildlich die Ambitionen des jungen Landes im Aufbruch.

    Das Bibliotheksgebäude besteht aus mehreren ringförmigen Schichten, die den Zentralraum „umkreisen“ und Räume für die buddhistischen Schriften beherbergen.
    Foto: Moritz Henning

    Das Bibliotheksgebäude besteht aus mehreren ringförmigen Schichten, die den Zentralraum „umkreisen“ und Räume für die buddhistischen Schriften beherbergen.

    Foto: Moritz Henning

    Schattige Gänge verbinden die einzelnen Teile.
    Foto: Moritz Henning

    Schattige Gänge verbinden die einzelnen Teile.

    Foto: Moritz Henning

    Das Museum öffnet sich mit einem großen Rundfenster zur Landschaft.
    Foto: Moritz Henning

    Das Museum öffnet sich mit einem großen Rundfenster zur Landschaft.

    Foto: Moritz Henning

    Der Zentralraum.
    Foto: Moritz Henning

    Der Zentralraum.

    Foto: Moritz Henning

    Eine Art geflecktes Tageslicht, wie in einem tropischen Dschungel, wollte Raglan Squire im Inneren
    mit der farbigen Fassade des Bibliotheksturmes simulieren. Ursprünglich enthielten viele der Fenster auch rotes Glas, doch diese sind heute durch blaue und grüne Scheiben ausgetauscht.
    Foto: Moritz Henning

    Eine Art geflecktes Tageslicht, wie in einem tropischen Dschungel, wollte Raglan Squire im Inneren
    mit der farbigen Fassade des Bibliotheksturmes simulieren. Ursprünglich enthielten viele der Fenster auch rotes Glas, doch diese sind heute durch blaue und grüne Scheiben ausgetauscht.

    Foto: Moritz Henning

    Das Eingangsportal der Yangon Technological Univer­sity transportiert sowjetisches Flair ins ferne Rangun.
    Foto: Moritz Henning

    Das Eingangsportal der Yangon Technological Univer­sity transportiert sowjetisches Flair ins ferne Rangun.

    Foto: Moritz Henning

    Damit kontrastiert die Gestaltung der Innenhöfe.
    Foto: Moritz Henning

    Damit kontrastiert die Gestaltung der Innenhöfe.

    Foto: Moritz Henning

    Foto: Moritz Henning

    Foto: Moritz Henning

    Erst kürzlich wurde das Inya Lake Hotel renoviert, und dabei die vormals rein weiße Farbgebung geändert, sowie der Eingangsbereich mit folkloristischem Dekor versehen.
    Foto: Moritz Henning

    Erst kürzlich wurde das Inya Lake Hotel renoviert, und dabei die vormals rein weiße Farbgebung geändert, sowie der Eingangsbereich mit folkloristischem Dekor versehen.

    Foto: Moritz Henning

    Das Yangon Children Hospital ist trotz der schwieri­gen Rahmenbedingungen in seiner Entstehungszeit ein gelungenes Beispiel tropischer Architektur.
    Foto: Moritz Henning

    Das Yangon Children Hospital ist trotz der schwieri­gen Rahmenbedingungen in seiner Entstehungszeit ein gelungenes Beispiel tropischer Architektur.

    Foto: Moritz Henning

    Ein massiver Betonwürfel beherbergt das Grab von Thakin Kodaw Hmaing. Foto: Moritz Henning

    Ein massiver Betonwürfel beherbergt das Grab von Thakin Kodaw Hmaing.

    Foto: Moritz Henning

Eine diverse Moderne

Yangon nach der Unabhängigkeit

Text: Henning, Moritz, Berlin

Wir schreiben den 4. Januar 1948, 4.20 Uhr morgens. In Beisein des britischen Gouverneurs Sir Hubert Elvin Rance und des birmanischen Präsidenten Sao Shwe Thaik wird die Fahne Großbritanniens am Secretariat, dem Verwaltungssitz der Kolonialregierung in Rangun, eingeholt und die Flagge von Birma gehisst. Nach Jahrzehnten wird Birma unabhängig. Zwei Stunden später verlässt Rance das Land. Um 8.30 wird der Grundstein für das Unabhängigkeitsdenkmal im Mahabandoola Park vor der City Hall gelegt.
Die Mitte des letzten Jahrhunderts ist eine Zeit des Neuanfangs, in vielen Regionen der Welt: In Europa verschwinden die Trümmer des Zweiten Weltkriegs, der afrikanische Kontinent wird dekolonisiert, und auch in Süd- und Südostasien entlassen Frankreich, Großbritannien und die Niederlande ihre Kolonien in die Unabhängigkeit. Länder wie Indien, Indonesien oder Kambodscha stehen vor der Aufgabe, sich als Nationen zu konstituieren und eine eigene Identität im internationalen Kontext zu definieren. Damit einher geht meist der Wunsch nach einem Neubeginn auch in Architektur und Städtebau. Eine zeitgenössische Form, in der sich die Erwartungen an Fortschritt und Wohlstand spiegeln sollen, und die gleichzeitig in einem ambivalenten Verhältnis dazu dient, sich von den ehemaligen Kolonialherren zu emanzipieren, verspricht vielen Ländern die Architektursprache der internationalen Moderne. Das ist auch in Birma nicht anders, und so entsteht in den 1950er bis 1970er Jahren eine Architektur, die das Wissen um die Anforderungen tropischen Bauens und den Gestaltungswillen derModerne mit lokalen Bautraditionen verbindet.
An dieser Stelle symbolträchtig von einer „Architektur der Unabhängigkeit“ zu sprechen, würde allerdings in die Irre führen, denn an den Neubauten des jungen Landes lässt sich nicht nur eine Fortschreibung von Abhängigkeiten von der einstigen Kolonialmacht festmachen, sondern auch ihre Diversifizierung im Kontext des kalten Krieges. Die Architektur, die in diesem Spannungsfeld zwischen (Re-) Nationalisierung und früher Globalisierung entsteht, ist überaus aussagekräftig, und jetzt, wo sich das Land nach über vier Jahrzehnten der Abschottung Schritt für Schritt öffnet, wird sie auch wieder zugänglich. Im Folgenden möchte ich deshalb einige dieser bei uns noch nahezu unbekannten Bauten vorstellen und Einblicke in ihre Entstehungsgeschichte geben. Aufgrund der langjährigen Isolation, aber auch wegen des bislang allzu engen Blicks der Fachwelt, der nahezu ausschließlich auf die religiösen Bauten des Landes und die Vermächtnisse des Britischen Empire fokussiert, ist die Ausgangslage allerdings schwierig und das Folgende daher der Versuch einer Annäherung.
Wie viele ehemalige Kolonien steht Birma nach der Erlangung der Unabhängigkeit vor gewaltigen Aufgaben. Dabei ist das Land auf finanzielle Unterstützung und Expertise aus dem Ausland angewiesen und bleibt wirtschaftlich und militärisch insbesondere mit dem Vereinigten Königreich eng verbunden. Der 1948 ernannte Premierminister U Nu engagiert eine Vielzahl von externen Beratern, von denen nicht wenige bereits zu Zeiten des Empires im Lande arbeiteten, aber auch Experten aus den Vereinigten Staaten und weiteren Ländern. Dies gilt auch für die Architektur, denn erst 1954 wird in Rangun eine Architekturausbildung begründet. Die ersten birmanischen Architekten der Nachkriegsgeneration kommen noch von der Architectural Association in London, vom MIT, aus Harvard oder dem indischen Nagpur, und es dauert lange, bis ein in Rangun ausgebildeter Nachwuchs, der bis 1960 wohl kaum mehr als 20 Absolventen umfasst, Aktivitäten entfalten kann. Die Bauten des Empire wurden selbstredend von britischen Architekten und Ingenieuren geplant und transportierten als physische Manifestation des territorialen Machtanspruchs die Bauweise des britischen Empire ins ferne Rangun. Nur wenige Bauten machten eine Ausnahme, und ihre Errichtung fällt denn auch in eine Zeit, als die Kraft des Empi­res bereits bröckelt. Als in den 1930er Jahren Ranguns City Hall nach einem Entwurf britischer Architekten gebaut werden soll, fordern birmanische Nationalisten von lokalen Baustilen inspirierte Formen. U Tin (1890–1972), Birmas zweiter eingetragener Architekt und damals Stadtbaumeister von Rangun, überarbeitet den Entwurf und verbindet der historischen Architektur entlehnte Motive mit der Typologie und Bautechnik britischer Kolonialarchitektur. Die Central Railway Station und die Myoma National High School (heute Basic Education High School No. 2 Dagon) sind zwei weitere Beispiele einer synkretistischen Architektur, die versucht, dem Kolonialstil mit traditionellen birmanischen Elementen als Ausdruck einer gewünschten Renationalisierung zu begegnen.
Demgegenüber erscheint die Architektur nach der Unabhängigkeit wie befreit: Das Schwere, das die Bauten des Empire prägt, und das historisierend Dekorative, das die Nationalisten noch kurz zuvor durchsetzen, sind Vergangenheit. Ein postkolonialer, modernistischer Aufbruch mit einem Bauboom, wie ihn zum Beispiel Kambodschas Staatsoberhaupt Norodom Sihanouk nach der Erlangung der Unabhängigkeit inszeniert, ist in Rangun allerdings nicht nachzuvollziehen. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen wird das Land nach der Unabhängigkeit von schweren innenpolitischen Kämpfen geschüttelt und von außen, wie an der Nordwestgrenze, von der aus China eindringenden Kuonmintag-Armee Chiang-Kai-sheks bedroht. Erst Anfang der 1950er Jahre können die Konflikte soweit beruhigt werden, dass ein Blick in die Zukunft möglich ist. Auch verfügt Rangun über einen riesigen Bestand an Bauten für Verwaltung und Ministerien, den die Birmanen einfach übernehmen können. Unter diesen Umständen scheint die Vision einer baulichen Zukunft anfangs noch nicht fest umrissen. So titelt ein Leitartikel der Zeitung The Nation 1951: “Let the people know how and where to build!” und kritisiert auch die Abhängigkeit von Beratern aus dem Ausland. Diese wiederum, so andere Quellen, bemängeln die ineffiziente Bürokratie des Landes oder den Verlust von Handwerkstechniken, was zu einer Verzögerung und Verteuerung von Baumaßnahmen führe. Auch wird dem rasanten Wachstum der Stadtbevölkerung nicht mit einem adäquaten Wohnungsbau programm begegnet. Schon die Briten hatten es nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Birma zum Schlachtfeld japanischer Besatzer, britisch-indischer Truppen und der Alliierten wur­de, versäumt, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Zu Beginn der 1940er Jahre hatte die Stadt ca. 500.000 Einwohner, doch unter anderem in Fol­ge starker Flüchtlingsbewegungen aus den umkämpften ländlichen Regionen wächst diese auf ca. 826.000 in 1953 und ca. 1,285.000 bis 1960. Die meisten Neuankömmlinge müssen bei Freunden unterkommen oder sich auf Freiflächen, Parkanlagen oder in Baulücken niederlassen. Nur zögerlich wird geordneter Wohnungsbau betrieben, und dies fast ausschließlich für Mitarbeiter der Regierung, der Verwaltung oder des Militärs. Einige dieser Anlagen finden sich auch heute noch, Inseln gleich, über die Stadt verstreut. Die ersten, so erzählt mir der Architekt Kin Maung Lwin (siehe Interview Seite 30) bei einer Rundfahrt durch die Stadt, wurden noch von indischen Planern errichtet. Erst später übernahmen einheimische Architekten die Planung, erweiterten die Siedlungen und modifizierten die Haustypen. Neben der Einführung neuer Gebäudetypologien lässt sich an diesen Siedlungen noch ein anderer Paradigmenwechsel ablesen: der Wechsel vonder Blockrandbebauung zu einer aufgelockerten Zeilenbauweise.
Wer nicht zu einer der privilegierten Gruppen gehört, muss mit einer der Ansiedlungen vorliebnehmen, wie sie die Stadtverwaltung für den größten Teil der neuen Bewohner vorsah: In Erweiterungsgebieten an den Rändern der kolonialen Stadt legte man Straßen an, baute eine Wasser- und Stromversorgung, wies den zukünftigen Bewohnern Parzellen zu und überließ ihnen den Bau der Häuser.
Die interessantesten architektonischen Entwicklungen lassen sich denn auch nicht am Wohnungsbau nachvollziehen, sondern an Bauten für Bildung und Religion. Gleichzeitig verweist dies auf die Prioritäten von Premierminister U Nu. Dieser ist tiefgläubiger Anhänger eines modernen Theravada-Buddhismus. 1954 veröffentlicht die Regierung die programmatische Schrift „Pyidawtha. The New Burma“, basierend auf dem 1952 ins Leben gerufenen Pyidawtha (glück­liches erhabenes Land)-Programm, in der sie ihr Konzept einer Art buddhistischen Wohlfahrtsstaates darlegt – auf dem Umschlag ist ein Bagger vor einer Pagode zu sehen. Das Buch benennt, neben vielen anderen politischen Zielen, auch die Planung von Bauprojekten, von denen einige in den folgenden Jahren auch umgesetzt werden. Doch eines der ersten wirklich bedeutenden Gebäudeensembles, die nach der Unabhängigkeit errichtet werden, dient religiösen Zwecken. Etwas nordöstlich des Inya-Sees befindet sich die Kaba Aye Pagoda (Pagode des Weltfriedens). Ihr Bau wird 1952 in Vorbereitung des Sechsten Buddhistischen Konzils begonnen, der von 1954 bis 1956 in Rangun abgehalten werden soll. Parallel wird auf dem Gelände die Maha Pasana Cave (Große Höhle aus Stein) mit einem Fassungsvermögen von ca. 10.000 Personen errichtet, eine Nachbildung der gleichnamigen Höhle in Indien, in der die erste buddhistische Synode abgehalten wurde. Der Bau von Pagode und Höhle ist Teil von U Nus Projekt, einen buddhistischen Staat zu schaffen und aus Rangun ein Weltzentrum des Buddhismus zu machen. Mit der Verbindung von Staat und Politik zieht er sich jedoch auch den Zorn vieler andersgläubiger Minderheiten zu, ebenso auch vieler Buddhisten, die eine möglichen Vereinnahmung der Religion durch die Politik als Gefahr sehen. Und wie die Landesgeschichte zeigen wird, gelingt es U Nu schlussendlich nicht, das zersplitterte Land unter dem Dach einer buddhistischen Nation zu einen.
Ohne Zweifel einer der wichtigsten Bauten der postkolonialen Moderne Ranguns ist die 1961 fertiggestellte Pitaka Taik Library auf dem nördlichen Teil des Pagodengeländes. Die Bibliothek hütet Schriften des Theravada-Buddhismus, der Name verweist auf die drei Pitaka (Körbe) genannten Teile des Pali-Kanons. Mit der Planung dieses bedeutenden Bauwerks beauftragt U Nu jedoch nicht einen der wenigen einheimischen Architekten, sondern den Amerikaner Benjamin Polk (1916–2001), Mitte der 1950er Jahre Mitgründer des indischen Büros Stein Polk Chatterjee Partnership, zeit-weise eines der größten Architekturbüros Asiens. U Nu schickt Polk 1953 auf eine Reise in den Norden des Landes, wo er die Wurzeln der birmanischen Architektur kennenlernen soll. Im Anschluss gestaltet Polk einen beeindruckenden Gebäudekomplex, der einerseits deutliche Bezüge zu traditioneller birmanischer und indischer Architektur wie auch zur buddhistischen Mythologie aufweist, andererseits den Aufbruch in ein neues Zeitalter symbolhaft verkörpert. Das aus Stahlbeton hergestellte und für eine Lebensdauer von 2500 (!) Jahre, dem Ende der nächsten buddhistischen Epoche, vorgesehene Ensemble schließen ein Museum für religiöse Kunstwerke, eine öffentliche Bibliothek und einen Hörsaal ein.
Ebenfalls 1953 macht sich der britische Architekt Raglan Squire (1912–2004) auf den Weg nach Birma, um das neue College of Engineering der Universität von Rangun zu entwerfen. Die Vorgeschichte seines Engagements wirft ein Schlaglicht auf die Abhängigkeiten, aber auch Chancen, mit denen die junge Nation konfrontiert ist. Der Zweite Weltkrieg hat der birmanischen Wirtschaft immense Schäden zugefügt, und die gerade erlangte Unabhängigkeit ver­anlasst die konkurrierenden Großmächte, ihren Einfluss in der Region nun anderweitig zu sichern. So bieten unter anderem die Vereinigten Staaten und Großbritannien finanzielle Unterstützung an, verbunden mit Abkommen zu Handels- und politischen Beziehungen. Doch die Situation ist komplex für das Land, das eine Position politischer Neutralität vertreten möchte, und so einigt man sich nach einigem taktischen Gezerre 1952 auf einen Beitritt zum Colombo Plan. Benannt nach ihrem formalen Gründungsort in Sri Lanka, stellt die internationale Organi­sation wirtschaftliche und technische Hilfe zur Stärkung ihrer Mitgliedsstaaten zur Verfügung, um sie so gegen die Bedrohung des kommunistischen Imperialismus zu wappnen. Die Vereinigten Staaten sind bei weitem die größten Geldgeber, die Briten geben zwischenzeitlich bei der Bank of England eingefrorene sechs Millionen Pfund Sterling frei, und Birma fordert im Gegenzug die Unterstützung britischer Architekten und Ingenieure an – der Weg ist frei für den Bau des College.
Squire ist vom Land fasziniert und entwirft einen Gebäudekomplex, der noch heute wie ein bunter Hund am Rande des Universitätscampus an der Pyay Road steht. Das markante Bibliotheksgebäude, damals das höchste Gebäude der Stadt, ist überzogen mit einer Fassade aus vorgefertigten, mit farbigem Glas gefüllten Betonelementen, angeblich inspiriert von traditionellen Stoffmustern. Zurückgesetzt von der Straße und im rechten Winkel angedockt an den Bibliotheksturm, erstreckt sich eine Reihe niedriger Gebäuderiegel mit Unterrichtsräumen, Laboren, Werkstätten und Büros in die Tiefe des Grundstücks, verbunden über Galerien und Laubengänge. Nicht mehr erhalten ist ein gewaltige, aus Teakholz errichtete Versammlungshalle, deren Form an einen Schildkrötenpanzer erinnerte, und die ursprünglich gegenüber der Bibliothek auf dem Vorplatz stand. Ove Arup and Partners berät bei der Planung der Halle, den Bau übernimmt ein britisch-birmanisches Konsortium. Neben britischen Beratern und Unternehmen engagiert Squire eine Vielzahl von lokalen Künstlern, die Wandmalereien oder Reliefs beisteuerten. Mit seinen aufgeständerten Unterrichtsräumen, dem offenen Grundriss, Flachdächern und horizontalen Fensterbändern wird das College zu einem Pionierprojekte der Moderne in Rangun und ebenso ein Lehrstück für die Anpassung von Gebäuden an tropische Klimabedingungen.
Mit der Fertigstellung des College im Jahre 1956 bekommen auch die Studierenden der Architektur eine neue Heimat, doch schon 1961 ziehen sie wieder um – in den Neubau des von der Sowjetunion finanzierten Burma Institute of Technology (heute Yangon Institute of Technology). Nach anfänglich schwierigen Beziehungen – die Sowjets unterstützen u.a. den Kampf kommunistischer Regierungsgegner in den Unruhen unmittelbar nach der Erlangung der Unabhängigkeit – eröffnet man 1951 jeweils Botschaften und nähert sich langsam an. 1955 reist Premierminister U Nu in die Sowjetunion und im Gegenzug der sowjetische Regierungschef Chruschtschow nach Birma. Nach dem Vorbild amerikanischer Auslandshilfeprogramme vereinbart man Unterstützung beim Wiederaufbau verschiedenerGemeinden, baut ein Hotel am Ufer des Inya-Sees in Rangun sowie ein Krankenhaus in Taunggi und das neue Institutsgebäude. Die Rückzahlung, so der Plan, sollte durch die Lieferung von Reis im entsprechenden Gegenwert erfolgen, für Birma einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren. Ganz ähnliche Abkommen trafen Amerikaner und Sowjets auch mit dem ebenfalls gerade unabhängig gewordenen Kambodscha und wei­teren Ländern ­– ein oftmals rücksichtslos geführter Kampf um Einfluss, der schlussendlich in vielen Teilen der Welt zu Krieg, Leid und Elend führt. Doch zurück zur Architektur: 1958 wird der Grundstein für das vom sowjetischen Architekten Pavel Stenyushin entworfene Institutsgebäude gelegt, das sich als eigenwillige Mischung aus sow­jetischer Monumentalarchitektur und tropischer Bauweise präsentiert. Nähert man sich dem Haupteingang über den beeindruckenden Vorplatz, wird man von einer imposanten Eingangshalle empfangen. Links und rechts schließen sich Riegel mit Unterrichts- und Verwaltungsräumen an. Deren Fassaden bestehen aus einem abweisend wirkenden, mehr einem Panzer denn einer Haut ähnelnden Betonraster, das die Räume vor der Sonne schützt. Hat man ehrfurchtsvoll die Eingangshalle durchquert (was heute aufgrund des allgegenwärtigen Wachpersonals nicht unbedingt gelingt), erreicht man eine Folge von Höfen, die eine ganz unerwartet fröhliche Leichtigkeit verströmen. Offene Treppenhäuser und elegante Laubengänge, einfach, aber sorgfältig kon­struiert, mit fein gearbeiteten, farbigen Metallgeländern, wie sie in Rangun an Bauten der 1950er bis 1980er Jahre häufig zu finden sind, erschließen die um großzügige Grünflächen gruppierten Unterrichtsräume.
Auch das Inya Lake Hotel, gelegen auf einer Halbinsel an der Westseite des gleichnamigen Sees, ist ein „Geschenk“ der Sowjetunion. Die Architekten Viktor Andrev und Kaleria Kislova entwerfen das 1962 im Stil eines russischen Sanatoriums fertiggestellte Hotel zu einer Zeit, als Hotels mit internationalem Standard in Rangun Mangelware sind. Der kolossale Bau mit seinen heute 185 Zimmern, der wie ein gestrandetes Schiff am Seeufer liegt, könnte so fast überall auf der Welt stehen: strahlend weiß, kompromisslos modernistisch. Bezüge zum Ort oder eine Adaption an das tropische Klima sind kaum zu erkennen. Dennoch: Wenn man dem Kampf der Systeme, wie ihn die beiden Großmächte auf dem Boden Birmas ausgetragen haben, unbedingt etwas Positives abgewinnen möchte, dann wäre das Inya Lake Hotel ein geeignetes Beispiel, und noch viel mehr wären es die Universitätsgebäude von Raglan Squire und Pavel Stenyushin.
Doch schon zehn Jahre nach der Erlangung derUnabhängigkeit ändert sich die politische Situation grundlegend. 1958 bricht die regierende Allianz, die Anti Fascist People’s Freedom League, auseinander, und U Nu überträgt die Regierungsführung an General Ne Win. Die Wahlen 1960 gewinnt U Nu wieder haushoch, doch das Militär will die Macht nicht mehr aus der Hand geben: Im Jahr 1962 übernimmt es mit einem Staatsstreich die Kontrolle, und das Land wird fortan von einem revolutionären Rat unter der Leitung von Ne Win regiert. Fast alle Aspekte der Gesellschaft werden unter dem „birmanischen Weg zum Sozialismus“, der Nationalismus, Buddhismus, Verstaatlichung im sowjetischen Stil und zentrale Planung miteinander verbindet, unter staatliche Kontrolle gebracht.
Gebaut werden muss auch im birmanischen Sozialismus, und der Architektur sieht man den neuen politischen Weg zunehmend an. Die freie Berufsausübung wird unterbunden, die Architekten werden dem Ministry of Construction unterstellt. Anfang der 1970er Jahre gründet das Bauministerium ein Architect Group II genanntes Team (siehe auch Interview mit Kin Maung Lwin Seite 30), das mehr oder weniger selbstständig arbeiten kann und Bauten für Industrie, Forschung und Bildung, darunter auch die zentrale Universitätsbibliothek (siehe Seite 32) errichtet. Materialien sind oft knapp und die Planungen der Militärregierung unterworfen. Dennoch entstehen, neben den oben erwähnten, einige bemerkenswerte Bauten, von denen hier nur zwei recht gegensätzliche vorgestellt werden sollen.
Von 1970 bis 1978 plant und baut U Tun Than – 1958 einer der ersten einheimischen Architekten, die ihren Abschluss an der neugegründeten Fakultät machten – den Neubau des Yangon Children Hospitals. Ermöglicht wird der Bau nicht durch sowjetische, sondern kanadische Hilfe. Die Architektur ist streng und die Materialauswahl minimalistisch: weiß gestrichener Beton, Ziegelmauerwerk, grau gestrichene Fenster. Die beiden Riegel mit den Bettentrakten haben eine ansehnliche Baumasse, doch die Details sind einfach, wohldurchdacht und dem Klima angepasst. Weit auskragende Gesimse verschatten Fassade und Fenster, offene Treppenhäuser gestatten eine natürliche Durchlüftung.
Ein ebenso interessantes, wenn auch völlig anders gelagertes Beispiel findet sich am nördlichen Ende der Shwedagon Pagoda Road. Der Architekt U Kyaw Min, der am MIT studierte, errichtet dort 1966 eine kleine, aber umso monumentaler wirkende Grabstätte für den Dichter und politischen Führer Thakin Kodaw Hmaing. Trotz seiner bescheidenen Abmessungen beeindruckt der Würfel mit seiner rigiden Geometrie – gebrochen lediglich durch einen Kranz abstrahierter Lotusblüten, der den Architrav umfließt, und die leichten, licht- und luftdurchlässigen Ausfachungen einiger Wandfelder.
Eine Reihe weiterer, interessanter Gebäude aus Myanmars Zeit nach der Unabhängigkeit gibt es noch, von Kinos über Büro- und Geschäftshäuser bis hin zu Wohnungsbauten, doch ich möchte die Zusammenstellung hier beenden. Nicht zuletzt ist dies auch der Tatsache geschuldet, dass dieser Teil der Architekturgeschichte bislang kaum zugänglich ist.
Die birmanische Ausprägung der Moderne ist bislang nur am Rande Gegenstand architekturgeschichtlicher Betrachtungen, und trotz ihrer Bedeutung als bauliche Verkörperung des jungen, unabhängigen Birma scheint ihr auch im Lande selbst keine übermäßige Bedeutung zugeschrieben zu werden. So erfasst z.B. die Denkmalgesetzgebung lediglich Gebäude, die mehr als 100 Jahre alt sind. Ein Großteil der wertvollsten Bebauung Yangons ist dadurch nicht abgedeckt. 1996 hat das Yangon City Development Committee eine Liste mit immerhin 189 historischen Gebäuden erstellt, die allerdings alle vor 1930 entstanden sind. Diese Liste ist bis heute der einzigegesetzliche Schutz für das architektonische Er­be der Stadt. Der 2012 gegründete Yangon Heritage Trust plädiert deshalb seit Jahren für eine Erweiterung des Denkmalbegriffs.
Dass die Architektur der Moderne weltweit nicht die Wertschätzung breiterer Kreise genießt, ist hinlänglich bekannt. In Myanmars ehemaliger Hauptstadt mag jedoch noch ein an­-de­rer Aspekt hinzukommen, den der Soziologe Heinz Schütte in seinem Buch „Yangon. Ein his­torischer Versuch“ ausführt: Yangon, so schreibt er, sei „eine Stadt, die nie mit sich im Gleichgewicht war“, „die zu Stein gewordene Geschichte von Selbstüberschätzung, Ausbeutung und Unterdrückung“, die ihrer Bevölkerung bis heute fremd ist. Vielleicht gilt das ja auch für die Architektur der Unabhängigkeit, geplant von Indern, Briten, Amerikanern und Russen?
Doch auch für Außenstehende haben erst Werke wie der „Architectural Guide Yangon“ (Bauwelt 6.2017) nach der langen Isolation des Lan-des wieder einen zugänglichen Einstieg in die Baugeschichte Yangons ermöglicht, der sich nicht auf die übliche Verklärung religiöser und kolonialer Bauten beschränkt, sondern den Bogen bis in die Gegenwart spannt. Das – dennoch lesenswerte – Werk 30 Heritage Buildings of Yangon zum Beispiel, herausgegeben von der Association of Myanmar Architects, dokumentiert hingegen ausschließlich Kolonialgebäude.
Demgegenüber ist zu bemerken, dass derzeit im Zuge einer auch innerasiatisch geführten Diskussion um die eigene Moderne, wie sie das 2015 gegründete und von Docomomo Japan und der Japan Foundation mitorganisierte Projekt mASEANa (modern ASEAN architecture) bis 2020 mit zahlreichen Konferenzen begleitet, eine Aufarbeitung und Neubewertung der Moderne in Südostasien stattfindet. So besteht Anlass zur Hoffnung auf eine rechtzeitige Würdigung auch der Bauten in Yangon. Denn aufgrund der nach wie vor schwer einschätzbaren politischen Entwicklung hat die ansonsten in Asien boomende (Bau-)Wirtschaft der Stadt bislang vergleichsweise wenig Schaden zufügen können. Yangon hat deshalb noch die Chance, die beispielsweise das noch vor 15 Jahren nahezu im Zustand der 1960er Jahre erscheinende kambodschanische Phnom Penh in den letzten Jahren durch den Abriss weiter Teile seiner historischen Bausubstanz vertan hat: die postkoloniale Moderne als Teil einer eigenen, wenn auch komplexen kulturellen Identität anzuerkennen und als relevanten Beitrag zur Diskussion um eine tropische Moderne zu erhalten und weiterzuentwickeln.

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