Das atmende Haus

In der Laubengang-Siedlung Dessau-Törten realisierten Studierende aus Kassel einen Entwurf des Bauhaus­lehrers Ludwig Hilberseimer

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Neben einem der Laubenganghäuser wurde ein L-Haustyp von Hilberseimer realisiert.
    Foto: Wilkhahn/Christoph Petras

    Neben einem der Laubenganghäuser wurde ein L-Haustyp von Hilberseimer realisiert.

    Foto: Wilkhahn/Christoph Petras

    Zeichnung: Ludwig Hilberseimer

    Zeichnung: Ludwig Hilberseimer

    Im Inneren des Re-Enactments befindet sich eine kleine Ausstellung zum „wachsenden Haus“, die Möbel sponserte Wilkhahn.
    Foto: Wilkhahn/Christoph Petras

    Im Inneren des Re-Enactments befindet sich eine kleine Ausstellung zum „wachsenden Haus“, die Möbel sponserte Wilkhahn.

    Foto: Wilkhahn/Christoph Petras

Das atmende Haus

In der Laubengang-Siedlung Dessau-Törten realisierten Studierende aus Kassel einen Entwurf des Bauhaus­lehrers Ludwig Hilberseimer

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Im offiziellen Programm „Bauhaus 100“ findet sich kein Hinweis auf dieses Experiment: „Bauhaus Bauen! Das wachsende Haus“, eine Forschungsinitiative der Universität Kassel, Fachgebiet Architekturtheorie und Entwerfen unter der Leitung von Philipp Oswalt. Sie umfasste die konstruktive und bauhistorische Rekonstitu­tion sowie den eigenhändigen Nachbau eines Entwurfs des Bauhauslehrers Ludwig Hilberseimer (1885–1967), eines „mit Abstand der innovativsten Beiträge des Bauhauses zum Wohnungsbau“, so die Verlautbarung aus Kassel.
Ludwig Hilberseimers Eintritt Anfang 1929 in Dessau als Dozent für die „Baulehre“ zählt zu den konstanten personellen wie pädagogischen Veränderungen am Bauhaus. Der visionäre Stadtplaner, Architekt und Theoretiker wurde in der Ära Hannes Meyer berufen, nachdem er bereits im Wintersemester 1928 ein Gastseminar abgehalten hatte. Hilberseimer blieb bis zur Auflösung 1933 unter Mies van der Rohe am Bauhaus. 1938 holte ihn dieser an das Armour Ins­titute of Technology nach Chicago, wo Hilbers­eimer die Städtebaulehre vertrat.
Das gebaute Werk Hilberseimers beschränkt sich in Deutschland auf wenige Wohnhäuser: 1927 in der Weißenhofsiedlung, 1932 das Haus Blumenthal in Berlin-Zehlendorf, 1935 eines am Rupenhorn in Berlin-Westend, nahe Erich Mendelsohns Villa. Einflussreicher war sein theoretisches und publizistisches Wirken. 1925 erschien in Kurt Schwitters Apossverlag Hilbers­eimers frühe Schrift „Großstadtbauten“. Sie blieb das erste und einzige Heft der Reihe „Neue Architektur“. Den Einband zierte Hilberseimers Wettbewerbsbeitrag von 1922 für den Verlagsneubau der Chicago Tribune: ein Hochhaus als knochentrockener Rasterbau, bewusst ohne „Eigenschaften“. Diese Reduktion auf das „Knappste, Notwendig­ste, Allgemeinste“, so Hilberseimer, propagierte er bereits seit 1919. In der 1963 erschienenen Lebensrückschau „Entfaltung einer Planungsidee“ lässt sich aber auch nachvollziehen, welche durchaus divergenten Erkenntnisse Hilberseimer ab den späten 1920er Jahren zu seiner Vorstellung einer „Mischbebauung“ miteinander verband. In ihr treffen städtische Dichte mehrgeschossiger Bauformen, die Grundvoraussetzung für eine leistungsfähige Infrastruktur, auf niedrige Reihen- oder besser: frei stehende Einfamilienhäuser mit Garten, der zur Selbstversorgung dienen könnte. In Zeiten wirtschaftlicher Depression schwebten Hilberseimer nicht nur Mischformen zwischen städtischen und ländlichen Bautypologien vor, sondern auch eine derartige Existenzsicherung: Industrie- und Agrararbeit sollte sich in jedem Haushalt ergänzen können.
Diese Vorstellung Hilberseimers hätte während seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus konkret Gestalt annehmen können, nämlich ab 1929 in dem zweiten Bauabschnitt der Laubengang-Siedlung in Dessau-Törten, seit 2007 UNESCO-Weltkultur­er­be. Die gemeinsame Planung von Meyer, Hil­bers­eimer und „vertikalen Brigaden“ Studierender sah südlich des von Gropius gebauten ersten Siedlungsabschnitts, einer monostrukturellen Reihenhaussiedlung, unter anderem 14 schmale Flurstücke an Nord-Süd-Straßen vor. Sieben sollten mit mehrgeschossigen Laubenganghäusern – Kollektiveigentum in proletarischer Genossenschaft – bebaut werden, die weitere Bebauung gliederte sich in drei Typen eingeschossiger Eigenheime auf kleiner Parzelle. Insgesamt waren über 500 Einheiten ausgewiesen. Neben orthogonal gesetzten Reihen- und Winkelbauten fallen in die Diagonale gedrehte, gekoppelte Häuser auf. Diese markante Positionierung einer Wohnsitua­tion begründete Hilberseimer in ihren Beziehungen zu Nachbarn, Außenwelt sowie Licht- und Sonneneinfall. Von dem Gesamtplan wurden lediglich fünf Laubenganghäuser durch Hannes Meyer gebaut und stehen inmitten der ab 1935 alternativ realisierten „Junkerssiedlung“.
Für die Ausstellung „Das wachsende Haus“, 1932 in Berlin, entwickelte Hilberseimer einen diagonal gestellten Bautyp und realisierte ein voll eingerichtetes Demonstrationsobjekt: Der L-Haustyp, der nun von Studierenden nachgebaut wurde.
Der originale Winkelbau liegt auf der südlichen Straßenseite, wird von Norden erschlossen und orientiert seine Flanken nach Südwesten (Wohnen) und Südosten (Schlafräume). Konzipiert als vorgefertigter Holzbau, hat das funktionsfähige Kleinsthaus etwa 40 Quadratmeter Nutzfläche. Im Schenkel des Winkels können ein bis drei (Zweibett-) Schlafraumeinheiten von je 14 Quadratmeter Größe angesetzt werden. Eine maximal sechsköpfige Familie verfügte dann über ein rund 80 Quadratmeter großes Wohnhaus.
So anschaulich und konstruktiv praktikabel das modulare Prinzip auch erscheinen wollte, haftete dem Typus doch ein fundamentaler Mangel an: Er funktioniert nur in dieser einen Lage. Hilberseimer bleibt das Gegenstück für die spiegelbildliche Lage, also einen von Süden erschlossenen Haustyp, schuldig. Ihm schien ein Siedlungszusammenhang, also das Partizipieren und Interagieren entlang einer beidseitig bebauten Erschließungsstraße, den er in Dessau so schlüssig formuliert hatte, nicht (mehr) bedenkenswert. Er platzierte in einer Vogelschau (siehe unten) einzig sein Modellhaus auf Kleinstparzel­len von wohl nur 200 Quadratmeter Größe: So ließen sich zwar stattliche Dichtezahlen nachweisen, aber um den Preis unverhältnismäßigen Erschießungsaufwands.
Für das Re-Enactment des Hauses in Dessau fand sich zum Glück eine Südlage an einer Ost-West-Straße, zudem genau neben einem Laubenganghaus von Hannes Meyer. Hier haben Studierende aus Kassel und Dessau, unterstützt von der europäischen Selbstbauplattform Construct- lab, in einfacher, ungedämmter Holzbauweise die Kubatur eines voll ausgebauten wachsenden Hauses errichtet. Die Studierenden eliminierten Hilberseimers kleinteilige Raumgliederung und wiesen zwei großflächig verglaste Zonen aus und entwickelten dazu passende Szenarien für die nutzungsneutralen Räume. Während des Sommers standen sie dem benachbarten Gropius-Gymnasium oder als Stadtteiltreffpunkt zur Verfügung, zudem interessierten Touristen, die der Bauhausbus hier regelmäßig abliefert. Bei entsprechenden Temperaturen lassen sich diverse Wandflächen wie große Türelemente aufstellen: Aus dem wachsenden wird so ein befreit atmendes Haus.
Neben der architekturhistorischen Entdeckungsowie profunder wissenschaftlicher Recherche, auch zum Nachhall Hilberseimers Ideen in der Architektur Mies van der Rohes und dem Städtebau der USA, bot das wachsende Haus offensichtlich freudigen Anlass zur Neuauslegung handwerklich kreativer Bauhauspädagogik: Ein Aspekt, den man in anderen Aktionen zum Bauhaus­ju­bel vermisst.

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