Abschied vom Bauhaus (1919-2019)

Schorsch Kameruns „Bauhaus – ein rettendes Requiem“ feiert im Jubiläumsjahr der Institution ihre Totenmesse an der Berliner Volksbühne

Text: Thein, Florian, Berlin

    Foto: David Baltzer, 2019

    Foto: David Baltzer, 2019

    Foto: Florian Thein

    Foto: Florian Thein

    Schorsch Kamerun
    Foto: David Baltzer, 2019

    Schorsch Kamerun

    Foto: David Baltzer, 2019

    Corinna Scheurle
    Foto: David Baltzer, 2019

    Corinna Scheurle

    Foto: David Baltzer, 2019

Abschied vom Bauhaus (1919-2019)

Schorsch Kameruns „Bauhaus – ein rettendes Requiem“ feiert im Jubiläumsjahr der Institution ihre Totenmesse an der Berliner Volksbühne

Text: Thein, Florian, Berlin

Das Bauhaus – bekannt aus dicken Coffee Table Books und geschmackvoll eingerichteten Anwaltskanzleien, in diesem Jahr zudem omnipräsent in Form postfachverstopfender, als Glückwünsche zum hundertjährigen Jubiläum getarnter Werbemails für Produkte im „Bauhausstil“. Die große interdisziplinäre Kunstschule, die Begründung der Moderne, deutscher Exportschlager – verkommen zum degenerierten Label? Vor dem Hintergrund einer mittels Popdurchschnitt maximal konsensfähigen Eventreihe wie zdf@bauhaus, die in der Ausladung der Chartpunks Feine Sahne Fischfilet ihren schmachvollen Höhepunkt fand, kann man dem Bauhaus tatsächlich eine gewisse Schmerzbefreiung konstatieren. Die Relevanz der ehemaligen Avantgarde für die Gegenwart scheint sich jedenfalls im romantischen Rückblick zu erschöpfen, das Vermächtnis sich im musealen Wachkoma zu befinden.
Mit dem Musical „Bauhaus: ein rettendes Requiem“ schickt sich der Musiker und Regisseur Schorsch Kamerun an, die lebenserhaltenden Maschinen in Hoffnung auf Wiedergeburt abzuschalten. Die Inszenierung an der Berliner Volksbühne soll das Bauhaus „grounden“.
Wer nun Klischeeerfüllung in bauhausartiger Reduktion und streng formaler Komposition erwartet, wird enttäuscht. Kameruns Stück ist Bauhaus minus Freischwinger. Allenfalls spielerisch angedeutet tauchen Details wie die bauhaustypischen Grundfarben im Bühnenbild von Katja Eichbaum oder Referenzen bei den Kostümen von Gloria Brillowska auf. Das gleichzeitig in mehreren Räumen der Volksbühne stattfindende Stück erkundet der Rezipient mit blau leuchtenden Kopfhörern auf den Ohren, über die permanent Musik (großartig: PC Nackt, Schorsch Kamerun) oder Gesprochenes ertönt. Vom Ort des jeweiligen Hauptgeschehens wird dabei auf allgegenwärtige Leinwände und Bildschirme übertragen. Die Gleichzeitigkeit zwingt zur Entscheidung und als Teil der Inszenierung wälzt sich der stumme Zuschauer herdentierartig dem Hauptstrom (Mainstream?) folgend, von Station zu Station. Schnell wird klar, dass hier kein Handlungsrahmen in klassischer Erzählstruktur abgearbeitet wird. Eine traumwandlerische Collage aus assoziativen Versatzstücken schießt als Bauhaus-Schnipsel aus der Konfettikanone: Beleuchtete Zitronenbäume werden durch die Gegend getragen, zwei Bauhaus-Experten diskutieren im weißen Plastik-Partyzelt und eine junge Frau beschreibt im Stil von ASMR-Internetvideos im Flüsterton die Gestaltung zweier Tassen. An der Bar gibt es jetzt Schnaps, hier eine Popcornmaschine, schnell noch ein Selfie mit Schorsch im Hintergrund, da werden Buchstaben gebügelt, dort entstehen Latexmasken. Stellenweise sind aber auch kritische Themen, wie die Rolle der Frau am Bauhaus, in den Flickenteppich eingewoben.
Viele Abschnitte der vermeintlichen Beerdigungsprozession erinnern weniger an ein dahingeschiedenes, denn an ein quicklebendiges, experimentelles Bauhaus in seiner Geburtsstunde kurz nach dem Krieg, das inspiriert von Aufbruchsstimmung und dem Wunsch die Welt neu zu Denken noch Bürgerschreck und nicht bürgerlich war. Parallel zu den von Kamerun rezitierten Bundestagsreden zum Bauhausjubiläum, kulminiert das Ganze schließlich auf der Hauptbühne in einem fiktiven Best-of der legendären Bauhaus Feste. Da wird in einem wilden Durcheinander kostümiert getanzt. So muss das damals gewesen sein.
Die Wiedergeburt oder die Neuerfindung durch Bruch von Erwartungshaltungen, wie sie Kamerun Anfang der 1990er Jahre mit seiner Band „Die goldenen Zitronen“ durch konsequenten Stilwechsel erfolgreich praktizierte, lässt sich jedoch nur bedingt auf „Bauhaus – ein rettendes Requiem“ übertragen. Obwohl sie ungewöhnlich erscheinen mag, findet mit der Inszenierung, und das dürfte Kamerun durchaus bewusst sein, kein Bruch statt. Die an ihn gestellten Erwartungen erfüllt er verlässlich. Der nachgespielte Anfang entfacht keinen Neuanfang, die Rettung bleibt eine Ehrenrettung. Versöhnlich strahlt ein Wochenende lang das helle Strohfeuer der Erinnerung – ein wohlwollender Nachruf auf einen lieben Gefährten. Das Bauhaus bleibt Geschichte.
Fakten
Architekten Kamerun, Schorsch, Hamburg

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