Schule in Saragossa


Eine Schule als Motor der Stadtentwicklung: In Saragossa haben Magén Arquitectos die Schule vom neuen Stadtteil Arcosur als nach Innen orientierte Struktur angelegt, um die bislang noch unwirtliche Umgebung auszublenden. Die Schüler sollen hier öffentlichen Raum im Kleinen vorfinden und zu benutzen lernen, um auf die anstehende Urbanisierung vorbereitet zu werden.


Text: Aguirre Such, Adriana, Barcelona


    Die neue Schule in Saragossa soll auch als Motor der Urbanisierung fungieren und die Identifikation der künftigen Bewohner mit der neuen Umgebung befördern.
    Foto: Rubén P. Bescós

    Die neue Schule in Saragossa soll auch als Motor der Urbanisierung fungieren und die Identifikation der künftigen Bewohner mit der neuen Umgebung befördern.

    Foto: Rubén P. Bescós

    Bislang sind erst vereinzelt Baufelder realisiert worden. Die Immobilienkrise nach 2008 hat auch in Saragossa die Entwicklung gelähmt.
    Foto: Rubén P. Bescós

    Bislang sind erst vereinzelt Baufelder realisiert worden. Die Immobilienkrise nach 2008 hat auch in Saragossa die Entwicklung gelähmt.

    Foto: Rubén P. Bescós

    Zentraler Raum der Schule ist der Spielhof, umgeben von Laubengängen
    Foto: Rubén P. Bescós

    Zentraler Raum der Schule ist der Spielhof, umgeben von Laubengängen

    Foto: Rubén P. Bescós

    Foto: Rubén P. Bescós

    Foto: Rubén P. Bescós

    Die Räume öffnen sich in die aufgefaltete Dachlandschaft, ...
    Foto: Rubén P. Bescós

    Die Räume öffnen sich in die aufgefaltete Dachlandschaft, ...

    Foto: Rubén P. Bescós

    ... was die Raumluft verbessert und zusätzliche Belichtungsmöglichkeiten schafft.
    Foto: Rubén P. Bescós

    ... was die Raumluft verbessert und zusätzliche Belichtungsmöglichkeiten schafft.

    Foto: Rubén P. Bescós

    Der Korridor weitet und verengt sich und dient auch als Aufenthalts- und Spielbereich
    Foto: Rubén P. Bescós

    Der Korridor weitet und verengt sich und dient auch als Aufenthalts- und Spielbereich

    Foto: Rubén P. Bescós

Wenn angesichts einer Welt des ständigen Wandels und der herrschenden Wegwerfphilosophie das Bauen etwas für sich hat – im Guten wie im Schlechten –, dann ist es seine Dauerhaftigkeit. So sind auch zehn Jahre später noch immer die verheerenden Folgen zu spüren, die der zwanzig Jahre andauernde Immobilienboom und die zweifache Krise, also die Weltfinanzkrise und die einheimische Immobilienkrise, die so genannte „Ziegelkrise“, in Spanien mit sich gebracht haben. Eine solche Folge ist das Quartier Arcosur, die letzte Erweiterung der Wohnbebauung im Süden von Saragossa. In Arcosur, das physisch durch eine abrupte Topographie und psychologisch durch die unwirtliche Umgebung von der Stadt getrennt ist, gibt es bis heute nur 2500 von den fast 22.000 Wohnungen, die während der Euphorie vor der Krise geplant waren. Ein 435 Hektar großes Quartier, in dem Straßen ohne jegliche Ordnung angelegt und erschlossen wurden. Allerdings hat die Stadt Saragossa inzwischen damit begonnen, diese Situation zu verändern.

Die Krise als urbane Referenz

Der Schulkomplex Centro de Educación Infantil Arcosur des spanischen Studios Magén Arquitectos ist das erste in diesem bislang noch brachliegenden Gebiet errichtete Gebäude; es liegt an der Hauptachse, welche die Verbindung mit der Stadt herstellt. Angesichts der Situation, dass sich das Areal noch im Anfangsstadium der Bebauung befindet und es dort daher nur Straßen mit leeren Parzellen statt mit Wohnhäusern voller Menschen gibt, wie es im Vorfeld der Krise erwartet wurde, haben sich Magén Arquitectos überzeugend positioniert: Keine Projektplanung, bei der ungewisse Erwartungen an eine unvorhersehbare Zukunft gestellt werden, und damit auch kein Bau auf spekulativer Basis. Das Projekt stellt stattdessen die Emanzipation von seinem Umfeld dar. Dabei wird erwartet, dass der Komplex nicht nur an einem Ort mit bereits eigener Identität funktioniert, sondern auch in der Übergangszeit zur Identitätsbildung – und Bebauung – des Arcosur-Quartiers beiträgt.
Die städtebauliche Strategie ist klar. Der Blick wird nach innen gelenkt, indem die Architektur eine eigene Welt erzeugt: ein Gebäude, dem es gelingt, die Leere, die es umgibt, physisch wie mental vergessen zu machen. In dem Bestreben, sich von einer reizlosen Umgebung abzugrenzen, aber gleichzeitig von außen gewisse Erwartungen an die Außergewöhnlichkeit ihres Inneren zu wecken, haben die Architekten die Schule mit einer durchgehenden und meist undurchsichtigen Umfassung versehen. Diese variiert nach den verschiedenen Bereichen, ist manchmal ein Zaun, manchmal die Fassade der Schule. Die Fassade nutzt die unterschiedlichen Niveaus des Untergrunds und nimmt die gleiche Höhe wie die Umfassung ein, um so einen durchgehenden Sockel zu erzeugen, über dem sich eine künstliche Topographie aus Dachmodulen erhebt. Nicht nur die Anordnung der Dächer, die an das Bild von Giebeldächern erinnert, wenn auch in modernisierter Form von Metallblech-Flächen, steht im Kontrast zu der hermetischen Strenge der Umfassung. Auch wenn die nicht durchbrochene Fassade aus blassrosa Beton – dieselbe Farbe, die auch der Bürgersteig in Arcosur trägt – Festigkeit und Härte vermittelt, bildet der Metallzaun einen Durchlass, der Einblicke in die Innenhöfe zulässt, wo sich die lebendige Fassade des Gebäudes abbildet. Sowohl die längs verlaufenden Höfe als auch die beiden Haupthöfe – der Eingangshof und der Spielplatz – erzeugen durch Holzfurniere in verschiedenen Farben, die Vegetation und die Fenster eine ganz eigene Sprache, die mit den Materialien des Außenbereichs, Beton und Metall, kontrastiert.

Kompaktheit durch minimale Einheiten

Die Haupthöfe dienen nicht nur dazu, den durch den umlaufenden Sockel erzeugten kompakten Charakter zu durchbrechen, sondern sie tragen auch zur Organisation der Module bei, aus denen sich die Schule zusammensetzt. Auf der einen Seite steht der Eingangsbereich, der den Speisesaal von den übrigen Räumlichkeiten abgrenzt – neun Klassenräume und ein doppelt so großer Raum für Psychomotorik. Die neun Klassenzimmer wiederum sind rund um den Hauptspielplatz angeordnet, der das Zentrum des Gebäudes bildet. Beide Innenhöfe erinnern konzeptionell an die Architektur der Plätze in spanischen Städten. Sie sind durch einen umlaufenden Laubengang mit schrägem Dach in Form eines Impluviums geschützt und bilden so einen Raum zum Schutz vor Regen und starker Sonneneinstrahlung, die für Saragossa so typisch ist.
Die Klassenzimmer bestehen jeweils aus ei­­-nem rechteckigen Modul von mindestens 9 x 7,2 Metern und werden durch die dazwischen liegenden Toiletten getrennt. Die Form der Bedachung des Moduls entsteht dadurch, dass eine der Seiten des Kubus gestreckt wird. Diese minimale Volumenvergrößerung ist ideal für den Unterrichtsbetrieb, da sie bessere Umgebungsbedingungen bietet. Zum einen wird durch die mit schallabsorbierendem Material bedeckten Schrägflächen und die größere Bauhöhe der Nachhallpegel auf ein Minimum reduziert, zum anderen wird durch die Anhebung der Wand­höhe der Einbau eines Seitenfensters ermöglicht. Mit diesem Fenster wird das Dach in eine zweite Fassade des Klassenzimmers umgewandelt, die neben der Querlüftung auch einen doppelten, aber entgegengesetzten Lichteinfall ermöglicht und so das in Schulen übliche graduelle Licht vermeidet.

Die Eroberung des Spontanen

Das beabsichtigte minimale Volumen begründete den Aufriss des Gebäudes, und die Konstruk­tion aus minimalen Modulen definiert den Grundriss. Die Ecken der Module sind zurückgesetzt, um breite Zugänge zu schaffen. Die Module wurden gedreht, um den starren Raum zu durchbrechen, wodurch Ausdehnungen und Verengungen entlang der Korridore entstanden, verstärkt durch die bereits erwähnten längs verlaufen­­-den Innenhöfe, die zwar untergeordnet, aber ebenso notwendig sind. Diese Lichtschneisen tragen auch dazu bei, die Korridore wahrnehmbar zu erweitern. Vor allem aber sorgen sie dafür, dass der Korridor zu einem Ort wird, der von den Kindern eingenommen wird. Auf diese Weise wird ein Raum gewonnen, der im ursprünglichen Programm nicht enthalten war, angefüllt mit Aktivitäten, ohne dass seine Hauptfunktion als Verbindungsgang beeinträchtigt wird.
Die Höhe von 1,20 Metern, also die „Kinder­höhe“, ist eine Grundgröße für das Innere des Gebäudes. Alles darunter ist durch eine differenzierte Oberflächenbehandlung auf die Bedürfnisse von Kindern ausgelegt. Die Materialien haben eine Textur von erdiger Farbe, sind wasserdicht, fugenlos und leicht zu reinigen. Ab 1,20 Metern aufwärts beginnt die Welt der Erwachsenen, der weiß verputzten Oberflächen. Allerdings ist dies nicht das Einzige, was darauf hindeutet, dass bei der Gestaltung der Schule das Kind im Mittelpunkt stand.
Die verschiedenen Materialien – Sand, Kork, Gras – im Innenhof animieren zum Spielen. Die Verbindungsgänge schaffen kleine Räume für Freizeit und Erholung. Die Farben der Fassade regen die Phantasie an. Die Dimensionen des Gebäudes insgesamt, mit einer niedrigen Höhe im Flur, sind so gewählt, dass sich die Kleinsten wohl fühlen, ohne die Erwachsenen außen vor zu lassen. Sogar die Dächer sehen so ähnlich aus, wie sie Kinder kennen und zeichnen würden. Somit ist die Schule nicht nur eine Schule, sondern erinnert an eine kleine Stadt, die ausschließlich für ihre Nutzer konzipiert wurde: eine Stadt des Kindes, mit einem zentralen Platz, mit Straßen und Vegetation und Rückzugsräumen. Das Kind wird zum Bürger der Schule, in der es nicht nur lernt, sondern sich auch spielend mit seiner Umgebung beschäftigt, sich den öffentlichen Raum aneignet und lernt, ihn zu teilen. Das Gebäude ist nicht mehr nur ein Raum des schulischen Lernens, es wird zum Lernen an sich. Sicher ist, dass damit die übliche Art und Weise, wie spanische Schulen gestaltet werden, auf den Prüfstand gestellt wird. Die große Frage bleibt, ob dieses Gebäude darüber hinaus in der Lage sein wird, auch seine Nachbarn zu erziehen: Wird die Stadt des Kindes ein Vorbild dafür sein können, wie die zukünftige Nachbarschaft aussehen soll, zu der sie am Ende gehören wird?
Übersetzung aus dem Spanischen: Beate Staib



Fakten
Architekten Magén Arquitectos, Saragossa
Adresse Calle San Juan Bautista de la Salle, 21, 50012 Zaragoza, Spanien


aus Bauwelt 2.2020
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