Quartiersschule in Turin


Die jungen Turiner Architekten Alberto Bottero und Simona Della Rocca haben ein Schulhaus im Süden der Stadt in die Gegenwart geführt. Ihre Erneuerung des Sechziger-Jahre-Baus zeigt, dass auch das eher alltägliche ar­chitektonische Erbe der Nachkriegsmoderne Eingriffe erlaubt. Das Ergebnis soll Schule machen: Es ist ein Modellvorhaben.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    „Rückseite wird Vorderseite“ lautete der Ansatzpunkt des Erneuerungsprojekts.
    Foto: Simone Bossi

    „Rückseite wird Vorderseite“ lautete der Ansatzpunkt des Erneuerungsprojekts.

    Foto: Simone Bossi

    Die Schule orientiert sich jetzt nach Osten zu einem neu geschaffenen Garten.
    Foto: Simone Bossi

    Die Schule orientiert sich jetzt nach Osten zu einem neu geschaffenen Garten.

    Foto: Simone Bossi

    Die Eingriffe im Inneren waren minimal, ...
    Foto: Simone Bossi

    Die Eingriffe im Inneren waren minimal, ...

    Foto: Simone Bossi

    ... schaffen aber neue Möglichkeiten, die Räume zu gliedern.
    Foto: Simone Bossi

    ... schaffen aber neue Möglichkeiten, die Räume zu gliedern.

    Foto: Simone Bossi

    Rechts und links des neuen Haupteingangs liegen Cafeteria und Bibliothek mit Blick in den Garten. Nicht nur diese Räume sollen nach Schulschluss um 16 Uhr nachbarschaftlichen Zwecken dienen.
    Foto: Simone Bossi

    Rechts und links des neuen Haupteingangs liegen Cafeteria und Bibliothek mit Blick in den Garten. Nicht nur diese Räume sollen nach Schulschluss um 16 Uhr nachbarschaftlichen Zwecken dienen.

    Foto: Simone Bossi

    Zuvor lag der Hauptzugang an der Piazza, ...
    Fotos Bestand: Architekten

    Zuvor lag der Hauptzugang an der Piazza, ...

    Fotos Bestand: Architekten

    ... eine Rampe führte hinauf ins Mittelgeschoss.
    Fotos Bestand: Architekten

    ... eine Rampe führte hinauf ins Mittelgeschoss.

    Fotos Bestand: Architekten

    Diese wurde beseitigt zugunsten einer Treppe hinab ins Erdgeschoss, das dadurch besser belichtet ist.
    Foto: Simone Bossi

    Diese wurde beseitigt zugunsten einer Treppe hinab ins Erdgeschoss, das dadurch besser belichtet ist.

    Foto: Simone Bossi

    In der Bibliothek ist ein Raum für Versammlungen abteilbar.
    Foto: Simone Bossi

    In der Bibliothek ist ein Raum für Versammlungen abteilbar.

    Foto: Simone Bossi

    Aufgrund der nicht weiter belastbaren Decken musste die neue Installation darunter geführt werden.
    Foto: Simone Bossi

    Aufgrund der nicht weiter belastbaren Decken musste die neue Installation darunter geführt werden.

    Foto: Simone Bossi

    Für den Schulalltag entscheidend ist zum einen die Neuorganisation des Inneren nach dem Cluster-Modell, zum anderen die vorgelager­te Loggienkonstruktion, dank der sich der Unterricht ins Freie öffnen lässt.
    Foto: Simone Bossi

    Für den Schulalltag entscheidend ist zum einen die Neuorganisation des Inneren nach dem Cluster-Modell, zum anderen die vorgelager­te Loggienkonstruktion, dank der sich der Unterricht ins Freie öffnen lässt.

    Foto: Simone Bossi

    Zum Gemeinschaftsraum hin sind die Unterrichtsräume verglast.
    Foto: Simone Bossi

    Zum Gemeinschaftsraum hin sind die Unterrichtsräume verglast.

    Foto: Simone Bossi

    Auch die Turnhalle soll für Vereinsnutzungen am Abend offen stehen.
    Foto: Simone Bossi

    Auch die Turnhalle soll für Vereinsnutzungen am Abend offen stehen.

    Foto: Simone Bossi

    Seit dem Umbau ist der Raum dank der neuen Fenster zum Hof mit Tageslicht gefüllt.
    Foto: Simone Bossi

    Seit dem Umbau ist der Raum dank der neuen Fenster zum Hof mit Tageslicht gefüllt.

    Foto: Simone Bossi

Torino fa scuola, Turin macht Schule, lautet der Name eines Erneuerungsvorhabens, dass die Turiner Fondazione Giovanni Agnelli und Compagnia di San Paolo zusammen mit der Stadt vor knapp fünf Jahren ins Leben gerufen haben, um einen architektonisch-pädagogischen Anstoß für die Weiterentwicklung des italienischen Bildungssystems zu geben. Auch wenn das Projekt nur die Erneuerung von zwei Schulgebäuden umfasst, eines aus dem frühen 20. Jahrhundert, eines aus der Hochzeit der Nachkriegsmoderne, ist das Programm für Architekten nicht unin­te­ressant: Beispielhaft wurden dafür nämlich jüngere Büros einbezogen, die bis dahin noch wenige bis gar keine entsprechenden Referenzen vorzuweisen hatten und bei den üblichen Verfahren, wie sie auch hierzulande gängig sind, kaum zum Zuge gekommen wären – „Torino fa scuola“ wirkt in diesem Sinne wie ein Appell an die Verantwortlichen nicht nur in Italien, bei den an­stehenden baulichen Investitionen ins Bildungswesen auch dem Planer-Nachwuchs Chancen zum Lernen und Erfahrungen sammeln einzuräumen.
Die eine der beiden erneuerten Schulen ist die 1965 eröffnete „Scuola secondaria di primo grado Enrico Fermi“ an der Piazza Carlo Giacomini im Stadtteil Nizza Millefonti. Das ehemalige FIAT-Werk „Lingotto“ ist nur drei Blocks entfernt. Seit der erfolgreichen Konversion dieses 1982 stillgelegten Monuments des Maschinenzeitalters in ein Kommerz- und Kulturzentrum hat sich dieser Teil von Turin gewandelt. Es ist die dritte tiefgreifende Veränderung des südlichen Stadtgebiets nach seiner Industrialisierung um 1920, als sich das ehemalige Acker- und Sumpfland zwischen Bahnlinie und Po zum Arbeiterquartier entwickelte, und der einsetzenden funktionalen wie sozialen Mischung im Zuge des italienischen Wirtschaftswunders mit dem Höhepunkt der Jahrhundertausstellung „Italia ʼ61“ und ihren aberwitzig futuristischen Gebäuden und Infrastruk­turen im neu geschaffenen Po-Uferpark entlang des Corso Unità Italia (apropos, vom geplanten Shopping Center im Palazzo del Lavoro, über das wir vor zehn Jahren berichteten – Bauwelt 35.2009 und 19.2010 –, ist nach wie vor nichts zu sehen). Der Neubau des Automobilmuseums von Amedeo Albertini (2011 von Cino Zucchi umgebaut), das Krankenhaus mit seinem Bettenturm, aber auch ein vergleichsweise bescheidenes Gebäude wie die vom Architekten Augusto Romano (1918–2001) geplante Fermi-Schule zeugen von jener Zeit des Aufbruchs.
Wer weiß, vielleicht wird der jetzt erfolgte Umbau des Gebäudes dereinst mit einem ähnlichen gesellschaftlichen Wandel in Verbindung gebracht. Mit der Planung beauftragt wurde das Turiner BDR bureau. Alberto Bottero und Simona Della Rocca konnten ihren im zweiphasigen Wettbewerb 2017 mit dem ersten Preis bedachten Entwurf ohne nennenswerte Abstriche umsetzen; sogar das Möbeldesign lag in ihren Händen. Im September wurde die für insgesamt 7,3 Millionen Euro erneuerte Schule eingeweiht.
Steht man vor dem Gebäude und vergleicht es mit Fotos aus der Zeit vor dem Umbau, stutzt man durchaus: Ist hier tatsächlich nur ein Umbau vorgenommen worden oder nicht doch ein Ersatzneubau entstanden? Von der für die italienische Architektur der sechziger Jahre typischen Kombination aus hellem Sichtbetonskelett und Ziegelausfachung ist jedenfalls keine Spur mehr zu entdecken, stattdessen steht da ein Bau in einheitlichem Rosé. Erst auf den zweiten Blick fallen die feinen Unterschiede in den Oberflächen auf, die das alte Betonskelett erkennen lassen. Prägender noch als die Farbe aber sind die vor die Fassaden gestellten Stahlrahmen-Konstruktionen; sie bilden den Klassenräumen vorgelagerte Loggien, die es erlauben, den Unterricht ins Freie zu verlagern.
Fürs Quartier drumherum dürfte die Verlagerung des Haupteingangs der bedeutsamste Eingriff sein: Statt an der verkehrsreichen Via Genova bzw. der vollgeparkten Piazza Giacomini liegt der Hauptzugang aufs Schulgelände nun an der ruhigen Querstraße Giulio Biglieri, wo anstelle des vormaligen Parkplatzes ein Garten an­gelegt und die bislang abgeriegelte Via Casimiro Sperino wieder über das Grundstück geführt worden ist. Für die Nachbarschaft ist das insofern ein Gewinn, als sich die Schule ins Quartier öffnen soll: Rechts und links des mittig gelegenen Eingangs ins Gebäude liegen zum Garten hin Bibliothek und Cafeteria, in der Bibliothek, die Teil des kommunalen Bibliotheksnetzwerks ist, lassen sich auch kleinere Veranstaltungen durchführen. Doch auch die übrigen Räume, die Turnhalle an der Via Genova etwa, aber auch die Fachklassen, sollen ab dem späten Nachmittag für die Erwachsenenbildung offenstehen. Bislang wird diese Öffnung zwar erst ansatzweise praktiziert, die guten Erfahrungen, die Mailand in jüngster Zeit mit seinen „scuole aperte“ gemacht hat, lassen aber erwarten, dass sich das ändert.
Die Schüler werden das Gebäude auch aufgrund der veränderten Organisation des Unterrichts auf neue Weise erleben, denn diese hat die räumliche Struktur beeinflusst. Das zusammen mit der Südtiroler Pädagogin Beate Weyland konzipierte Programm sieht vor, dass sich die bishe­rigen Klassenräume zu Clustern gruppieren, wie sie auch hierzulande derzeit manchem als Vor­aus­setzung für einen gelingenden Unterricht gelten. Dabei sind die Räume nicht mehr den Klassen zugewiesen, sondern Unterrichtsfächern: Die derzeit rund 200 Heranwachsenden, die hier zum Lernen zusammenkommen – die Schule umfasst die Altersstufe 11 bis 14 Jahre –, „wandern“ im Lauf des Schultags von einem Raum zum nächsten.



Fakten
Architekten BDR bureau, Turin
Adresse Via Giulio Biglieri, 19, 10126 Torino TO, Italien


aus Bauwelt 2.2020
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