Historische Architektur als Teil des Alltags

Die Arbeit von Giuseppe Pagnano (1942–2017) außerhalb von Militello auf Sizilien

Text: Bartels, Olaf, Hamburg

    Giuseppe Pagnanos Bibliothek in seinem Wohnhaus ...
    Portraitfoto: Antonio Gennaro

    Giuseppe Pagnanos Bibliothek in seinem Wohnhaus ...

    Portraitfoto: Antonio Gennaro

    ... an der Einmündung der Via Latrini in die Via S. Giovanni ist für interessierte Besucher zugänglich.
    Foto: Olaf Bartels

    ... an der Einmündung der Via Latrini in die Via S. Giovanni ist für interessierte Besucher zugänglich.

    Foto: Olaf Bartels

    Erst in diesem Jahr wurden mit der Fertigstellung ...
    Foto: Olaf Bartels

    Erst in diesem Jahr wurden mit der Fertigstellung ...

    Foto: Olaf Bartels

    ... der neuen Nebengebäude die Arbeiten ...
    Foto: Olaf Bartels

    ... der neuen Nebengebäude die Arbeiten ...

    Foto: Olaf Bartels

    ... auf dem Grabungsgelände des römischen Theaters in Catania abgeschlossen.
    Foto: Olaf Bartels

    ... auf dem Grabungsgelände des römischen Theaters in Catania abgeschlossen.

    Foto: Olaf Bartels

    In Syrakus plante Pagnano 2003 die Erweiterung der Provinzverwaltung.
    Foto: Olaf Bartels

    In Syrakus plante Pagnano 2003 die Erweiterung der Provinzverwaltung.

    Foto: Olaf Bartels

    Der Anbau versteckt sich in einem Hof nahe der Via Roma im Zentrum der Stadt.
    Foto: Olaf Bartels

    Der Anbau versteckt sich in einem Hof nahe der Via Roma im Zentrum der Stadt.

    Foto: Olaf Bartels

    An der Restaurierung des Benediktinerklosters in Catania arbeitete Pagnano ab 1990 gemeinsam mit Giancarlo di Carlo, ...
    Foto: Olaf Bartels

    An der Restaurierung des Benediktinerklosters in Catania arbeitete Pagnano ab 1990 gemeinsam mit Giancarlo di Carlo, ...

    Foto: Olaf Bartels

    ... der neue Treppen einfügte.
    Foto: Olaf Bartels

    ... der neue Treppen einfügte.

    Foto: Olaf Bartels

Historische Architektur als Teil des Alltags

Die Arbeit von Giuseppe Pagnano (1942–2017) außerhalb von Militello auf Sizilien

Text: Bartels, Olaf, Hamburg

Der Architekt und Architekturhistoriker Giuseppe Pagnano hat dem Sizilianischen Städtchen Militello seit den 1980er Jahren eine deutliche Prägung gegeben – auch wenn davon im Stadtbild nur wenig zu sehen ist. Das einzig wirklich markante Bauwerk in diesem Ort ist ein Mahnmal aus Beton im Stadtpark für den Widerstand gegen den Faschismus, das dem faschistischen Kriegerdenkmal direkt gegenüber steht. Pagnanos Hauptwerk in Militello liegt im buchstäblichen und im übertragenen Sinn im Verborgenen. In beiden großen Kirchen im Ort hat er ein Museum entworfen und eingerichtet: 1980–83 in der Kirche Santa Maria della Stella, die der Schutzheiligen von Militello gewidmet ist, 1985 in der Mutterkirche San Nicolò. Hier liegt Pagnano auch begraben; er starb vor drei Jahren in Militello. Dort ist man ihm für seinen Einsatz, die Schätze der Stadt und ihrer vielen Kirchen zu heben und in den beiden Museen zu bewahren, die Pagnano hier eingerichtet hat, sehr dankbar. Ende Februar, noch vor den auch auf Sizilien massiven Einschränkungen der Öffentlichkeit zur Bekämpfung der Corona-Epidemie, wurde sein ehema­liges Wohnhaus im alten Palazzo Latrini und damit seine umfangreiche Bibliothek zu einem Gedenkort. Das Haus wurde aber eben auch als ein Ort der Forschung dem Publikum zugänglich gemacht. Aus diesem Anlass kündigte Bürgermeister Giovanni Burtone eine intensive Zusammenarbeit der Stadtverwaltung von Militello mit der Fakultät für Architektur an der Universität Catania in Belangen der Stadtentwicklung an. Auch mit dieser Kooperation tritt die Universität Catania das Erbe ihres langjährigen Mitglieds an, Giuseppe Pagnano war hier seit 1975 Professor für Zeichnen und die Geschichte der modernen Architektur. Als Hochschullehrer wirkte er auch in Syrakus und in Palermo. Der Stadt Catania, wo er 1942 geboren wurde, blieb er allerdings auch mit wichtigen Bauwerken verbunden. Architektur studierte Pagnano in Venedig und schloss 1969 bei Carlo Scarpa ab. Er arbeitete außerdem noch ein Jahr im Studio des Meisters, der damals neue und international beachtete Maßstäbe für die Begegnung von moderner und historischer Architektur setzte.
Architekturgeschichte zur Gegenwart machen
Auch Giuseppe Pagnano machte diese Begegnung zu seinem Lebensthema. Davon zeugen seine Bauten auf Sizilien. Er stellte architekturhistorische und archäologische Forschungen an, beließ es aber nicht dabei, sondern arbeitete außerdem an der Integration der Funde in dem Alltag der Gegenwart. Das ist besonders gut an seinen Ergänzungsbauten für das römische Theater in Catania zu sehen, die Pagnano 2008 mit dem Eingangsgebäude, einem darin integrierten kleinen Museum sowie einem Seminar- und Vortragsgebäude dem Grabungsfeld hinzufügte. Das Theater, mit ihm ein Odeon, ist erst spät ausgegraben worden. 2008 fanden die Arbeiten einen vorläufigen Abschluss. In diesem Jahr sind auch die Bauten von Pagnano fertig geworden. Noch heute liegt das Gelände sehr versteckt und wird von den umgebenden Gebäuden fast vollständig abgeschirmt. Nur von der rückwärtigen Straße, an der auch das Seminar- und Vortragsgebäude liegt, ist ein Blick auf die an­tike Anlage möglich. Da das gesamte Gelände bebaut, genutzt und bewohnt war, blieben die antiken Zeugnisse der sizilianischen Baukultur lange verborgen. Einige der Wohnhäuser stehen heute noch, sie bezeugen sozusagen die Schichtungen der Kultur in der sizilianischen Hafenstadt. Das entspricht durchaus Pagnanos Arbeitsweise. Hier ist es im Detail ein robustes, vorwiegend als Stahlkonstruktion ausgeführtes Design für die Geländer und Laufstege, die durch die antiken Bauwerke führen. Seine Architektur wirkt sehr introvertiert. Das Eingangs- und Museumsgebäude ist beispielsweise in ein bestehendes Gebäude integriert. Das rückwär­tige Seminar- und Vortragsgebäude nehmen Besucher eigentlich nur von innen wahr. Von der Straße gesehen, ist auch dieses Bauwerk zwar betont ein Kind seiner Zeit, nimmt aber mit sei­-nen quasi-romanischen Fensteröffnungen Bezug zu den historischen Bauwerken auf, denen es dient: dem römischen Theater und dem Odeon von Catania.
Die Kunst der Schattenfuge
Ganz anders nimmt sich das Verwaltungsgebäude der Provinz Syrakus aus, das Giuseppe Pagnano 2003 in einen der zahlreichen Innen­höfe auf der historischen Halbinsel Ortiga nahe der zentralen Via Roma im Zentrum von Syrakus implantiert hat. Die exzellent ausgeführten Betonoberflächen an den konstruktiven Teilen der Fassade geben dem Gebäude einen spätbrutalistischen Charakter. Die Übergänge zur historischen Bausubstanz sind – für Pagnano ungewöhnlich – allerdings ruppig ausgeführt.
Seit 1990 arbeitete Giuseppe Pagnano an der Restaurierung und der Modernisierung desBenediktinerklosters in seiner Heimatstadt Catania. In diesem um zwei annähernd gleich große Innenhöfe gebauten Barockgebäude ist die Architekturfakultät untergebracht, an der er auch lehrte. Aber nur in der ehemaligen Wohnung des Abtes ist seine Architektur der Spurensicherung zu erkennen, die mit zurückhaltender Ästhetik die historischen Bauteile hervorhebt. Als in einer späteren Bauphase 1995 das ganze Gebäude saniert wurde, teilte sich Pagnano die Arbeit mit seinem Kollegen Giancarlo di Carlo. Während sich Pagnano im hinteren Kreuzgang auf die sensibel poetische Rekonstruktion des ortstypischen Barock aus weißgelblichem Vulkangestein und schwarzem Lavaputz konzentrierte, wagte Di Carlo die Konfrontation moderner und historischer Bausubstanz, indem er recht selbstbewusst neue Treppenläufe in alte Treppenhäuser einsetzte, einen mit feinen Hölzern ausgestatteten Hörsaal in die über Jahrhunderte patinierte Substanz einfügte oder in einem der Quergänge studentische Arbeitsplätze in einem Splitlevel so integrierte, dass von jedem Arbeitsplatz der kontemplative Blick in einen der Innenhöfe möglich ist, die den Benediktinern einst als Kreuzgang dienten.
Hob Carlo Scarpa die Authentizität der alten, überkommenen Bauelemente nicht nur mit betont schlichten und schroffen Ergänzungen konfrontativ hervor, verfolgte Pagnano das Prinzip der rauen Begegnung zwischen Alt und Neu bei seinen Bauten mit einer sehr differenzierten eigenen Formgebung, Materialwahl sowie hier und da einer Schattenfuge und erreichte damit ein hohes Maß der Harmonie zwischen Alt und Neu. Giuseppe Pagnano konnte sich auf das Pia­nissimo beschränken. Er brauchte nicht in jedem Stück ein Crescendo, manchmal reichten ihm auch die Zwischentöne.
Fakten
Architekten Pagnano, Giuseppe (1942–2017)
aus Bauwelt 12.2020
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