Bürogebäude 2226 in Emmenbrücke


In der Schweiz realisierten Baumschlager Eberle erneut einen Neubau ohne Heizung, Lüftung und Kühlung.


Text: Schiele, Jasmin, Zürich


    In Emmenbrücke ersetzte der Büroneubau ein altes Fabrikgebäude.
    Foto: Roger Frei

    In Emmenbrücke ersetzte der Büroneubau ein altes Fabrikgebäude.

    Foto: Roger Frei

    Foto: Roger Frei

    Foto: Roger Frei

    Für Temperaturstabilität sorgt ein knapp 80 cm dickes, zweischichtiges Mauerwerk.
    Foto: Roger Frei

    Für Temperaturstabilität sorgt ein knapp 80 cm dickes, zweischichtiges Mauerwerk.

    Foto: Roger Frei

    Foto: Roger Frei

    Foto: Roger Frei

    Ohne Heizung, Lüftungs- und Kühlungsgeräte wirken die Innenräume ungewöhnlich aufgeräumt und frei.
    Foto: Roger Frei

    Ohne Heizung, Lüftungs- und Kühlungsgeräte wirken die Innenräume ungewöhnlich aufgeräumt und frei.

    Foto: Roger Frei

Es haben sich zwei Lager bei der Suche nach Lösungsansätzen für die enorme CO2-Emission im Bausektor gebildet: Hightech versus Lowtech. Sinnvolle Gebäudetechnik kann dazu beitragen, den energetischen Aufwand von Bauten zu reduzieren, jedoch ist die eingesetzte Technik selbst mit grauer Energie belastet. Ist deshalb der radikale Verzicht auf Haustechnik das konsistentere Konzept? Wie das gebaut aussehen kann, ist im Schweizerischen Emmenbrücke erneut zu begutachten: beim Bürogebäude „2226“ von Baumschlager Eberle Architekten. Der Name steht für eine konstante „Komforttemperatur“ von 22 bis 26 Grad. Der fünfgeschossige Neubau kommt ohne Heizung, mechanische Lüftung und Kühlung aus und wird als „energetisches Bauwunder“ gelobt.
Die Architekten sehen ihr Konzept als Manifest für nachhaltiges Bauen. Wuchtiges Mauerwerk, wie man es beispielsweise vom traditionellen Engadinerhaus kennt, sorgt für thermische Speichermasse, ein sensorgesteuertes Lüftungskonzept für ein angenehmes Raumklima. Mit diesem Rezept haben Baumschlager Eberle bereits 2013 bei ihrem eigenen Firmensitz in Lustenau in Österreich gezeigt (Bauwelt 44.2013), dass ihre Architektur hält, was sie verspricht: In zweijähriger Entwicklungsphase wurden alle Parameter im Vorfeld simuliert, von der Dicke der Außenwände bis zur Höhe der Räume. Die gesammelten Betriebsdaten der letzten Jahre bestätigen, dass sich das Klima in der anvisierten Temperaturzone bewegt. Auch die Nutzer sind überzeugt: Bei einer Befragung empfanden am kältesten Tag noch 95 Prozent das Raumklima als angenehm.
In Emmenbrücke ersetzte der Neubau mit seinen 2815 Quadratmeter Nutzfläche ein altes Fabrikgebäude. Die städtebauliche Setzung mit ähnlicher Kubatur sowie das Walmdach übernimmt das monolithische Bürogebäude vom Vorgänger. Auf den zweischaligen Wandaufbau, mit jeweils 38 Zentimeter tragendem und wärmedämmendem Ziegelmauerwerk ist beidseitig ein 15 Millimeter starker Kalkputz aufgetragen – die helle Farbe verhindert unnötiges Aufheizen im Sommer. Tagsüber nimmt diese massive Hülle Wärme auf und gibt sie nachts nach innen ab.
Der offene, nutzungsneutrale Grundriss gliedert sich um den Erschließungskern mit Sanitäranlagen und Nebenräumen. Alle innen liegenden Tragelemente sind ebenfalls aus Ziegelstein. Als Wärmequelle genügt die Abwärme von Menschen, technischen Geräten und Beleuchtung sowie im Winter auch von solaren Gewinnen. Sensoren auf jedem Geschoss messen Temperatur, CO2-Gehalt und die relative Luftfeuchtigkeit. Auf dem Dach befindet sich zudem eine Wetterstation. Die Regulierungssoftware betätigt je nach Bedarf Lüftungsklappen seitlich der innen liegenden, festverglasten Fenster und sorgt so für eine angenehme Raumtemperatur und Luftqualität. Die Nutzer können mit der Software die Automatik auch selbst übersteuern – bei ex­trem hohen oder niedrigen Temperaturen macht dies allerdings keinen Sinn, da sonst zu viel warme beziehungsweise kalte Luft einströmen würde.
Damit das Lüftungskonzept aufgeht, braucht es ein großes Luftvolumen, welches durch lich-te Raumhöhen von 3,40 Meter im Regelgeschoss und 4,50 Meter im Erdgeschoss gegeben ist. Der Anteil der Öffnungen ist vergleichsweise gering mit nur 18 Prozent, liegt damit aber um zwei Prozent höher als beim Prototyp in Lustenau. Tiefe Laibungen sorgen für Verschattung und verhindern das Aufheizen des Innenraums. Helle Böden und Wände tragen zur besseren Lichtausnutzung bei. Die strenge Rhythmisierung der Fassade wird mit einer gleichmäßigen Belichtung und Querlüftung begründet, ist aber ebenso eine stilistische und kostensparende Entscheidung.
Komfort trotz Verzicht
Ein überdurchschnittlich hohes Maß an Komfort trotz oder wegen des bewussten Verzichts auf herkömmliche Haustechnik ist gegeben. Studien belegen, dass Nutzer ihre thermische Behaglichkeit höher einstufen, wenn Räume natürlich belüftetet werden können. Berechnet man den Energiebedarf, wird der Faktor Mensch als konstant angenommen, sein irrationales Heizen und Lüften (manchmal sogar zur selben Zeit), treibt den Energieverbrauch in die Höhe und kann dazu führen, dass Zielwerte am Ende nicht eingehalten werden. Bei Baumschlager Eberle darf der Mensch irrational sein, ohne dabei die Umwelt zu belasten – ganz ohne Techniküberfrachtung. Die Reduktion von Haustechnik ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Erprobung solcher Ansätze, auch für den Umbau von Bestandsgebäuden wäre ein weiterer wichtiger Schritt, auch wenn dies oft nicht die kostengünstigste Alternative ist.
Neben der langlebigen Bausubstanz macht auch die Nutzungsneutralität das 2226-Gebäude nachhaltig. Während man in Lustenau Büroräume, Fitnessstudio und Wohnungen mischte, gibt es im 2226 Emmenbrücke unter anderem eine Bildungseinrichtung für 650 Schüler. Dieses Jahr wird nach dem gleichen Prinzip ein Therapiezentrum mit Wohnungen in Österreich fertigstellt.



Fakten
Architekten Baumschlager Eberle Architekten, Zürich; USUS Landschaftsarchitektur AG, Zürich
Adresse Emmenweidstraße 58a, 6020 Emmenbrücke, Schweiz


aus Bauwelt 24.2019
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