Bibliothek in Kressbronn


Thomas Steimle von Steimle Architekten im Gespräch über Fassadengestaltung, die Arbeitsweise seines Büros und die neue Bibliothek in Kressbronn


Text: Darstein-Ebner, Iris, Stuttgart


    Thomas Steimle gründete 2009 sein eigenes Büro. Seit vier Jahren leitet er es gemeinsam mit seiner Frau Christine. Er hat einen Lehrauftrag für Baukonstruktion und Entwerfen an der Hochschule für Technik, Stuttgart, inne und ist Mitglied im Landesbeirat Baukultur Baden-Württemberg.
    Foto: Steimle Architekten

    Thomas Steimle gründete 2009 sein eigenes Büro. Seit vier Jahren leitet er es gemeinsam mit seiner Frau Christine. Er hat einen Lehrauftrag für Baukonstruktion und Entwerfen an der Hochschule für Technik, Stuttgart, inne und ist Mitglied im Landesbeirat Baukultur Baden-Württemberg.

    Foto: Steimle Architekten

    Foto: Brigida Gonzalez

    Foto: Brigida Gonzalez

    Foto: Brigida Gonzalez

    Foto: Brigida Gonzalez

    Der Sockel des alten Heustadels konnte nicht er­halten werden. An seine Stelle tritt eine mit rauen Brettern geschalte Betonkubatur. Darüber flimmern Latten aus Weißtanne.
    Foto: Brigida Gonzalez

    Der Sockel des alten Heustadels konnte nicht er­halten werden. An seine Stelle tritt eine mit rauen Brettern geschalte Betonkubatur. Darüber flimmern Latten aus Weißtanne.

    Foto: Brigida Gonzalez

    Das alte Fachwerk konnte erhalten werden. Die Ar­chitekten nutzen die Struktur für Bücherregale.
    Foto: Brigida Gonzalez

    Das alte Fachwerk konnte erhalten werden. Die Ar­chitekten nutzen die Struktur für Bücherregale.

    Foto: Brigida Gonzalez

    Neu eingebrachte Teile wie die Erschließungskerne mit Treppe und Aufzug sowie die Empore grenzen die Architekten mittels Materialwahl und Ausführung formal vom Bestand ab.
    Foto: Brigida Gonzalez

    Neu eingebrachte Teile wie die Erschließungskerne mit Treppe und Aufzug sowie die Empore grenzen die Architekten mittels Materialwahl und Ausführung formal vom Bestand ab.

    Foto: Brigida Gonzalez

    Foto: Brigida Gonzalez

    Foto: Brigida Gonzalez

    Beton wurde rau und ruppig verwendet, wo er an frü­here Bausubstanz erinnert, glatt geschalt, wo neue Teile, etwa die Erschließungskerne, hinzukamen.
    Foto: Brigida Gonzalez

    Beton wurde rau und ruppig verwendet, wo er an frü­here Bausubstanz erinnert, glatt geschalt, wo neue Teile, etwa die Erschließungskerne, hinzukamen.

    Foto: Brigida Gonzalez

    Foto: Brigida Gonzalez

    Foto: Brigida Gonzalez

Es fällt auf, dass die Bauaufgaben, die Sie gerade realisieren, sehr vielseitig sind: vom Rathaus über Wohn- und Geschäftshäuser bis hin zum neuen Besucherzentrum für die Bundesschule Bernau, einer Ikone der Bauhausarchitektur. Wie nähern Sie sich diesen unterschiedlichen Aufgaben?
Ein Allgemeinrezept haben wir nicht. Zum Beispiel aber hat der Standort immer großen Einfluss darauf, wie ein Baukörper letztendlich aussieht. Gerade in der Entwurfsphase verbringen wir viel Zeit direkt vor Ort und versuchen gemeinsam mit dem Bauherrn die Aufgabe zu konkre­tisieren. Nur im Dialog können wir die Schwerpunkte der jeweiligen Aufgabe ausloten. Gebäude entwickeln sich im Zusammenspiel von Innen und Außen: Funktion und die Qualität des gebauten Raums spiegeln sich dann in der Fassade wider.
Sie lassen sich nicht auf eine bestimmte Spezialisierung für eine Bauaufgabe festlegen, wie es viele andere Kollegen – vielleicht notgedrungen – tun. Auch bei Wettbewerben nicht. Wie funktioniert das?
Wir lieben die Vielfalt in der Architektur und möchten auch vielseitig bauen. Darum versuchen wir tatsächlich – auch wenn wir uns für Wettbewerbequalifizieren – einer Zwangsspezialisierung zu entkommen. Es läuft ja oft so: Hat man eine Schule gebaut, darf man die nächste machen, und die übernächste... Das wird auf Dauer aber langweilig! Die Qualität kommt mit der Individualität, und deshalb versuchen wir uns ganz bewusst auf alle möglichen Aufgaben zu bewerben. Wenn ein Wettbewerb ausgeschrieben wird, der uns reizt, dann bewerben wir uns. Auch wenn wir die Kriterien nur am Rande oder nicht vollständig erfüllen. Und oft funktioniert es!
Gibt es Gebäude der jüngeren oder älteren Architekturgeschichte, die Ihnen als Inspirationsquelle dienen?
Mit konkreten Inspirationen ist es heute ja eher schwierig: Jeden Tag flattern so viele Informationen ins digitale Postfach, dass ich eher versucht bin, diese Flut auszublenden und mich davor zu schützen, als sie als Anregung zu nutzen. Einer Aufgabe wird man meiner Meinung nach nur dann gerecht, wenn man sich intensiv mit ihr auseinandersetzt und die Hintergründe dazu hinterfragt. Darum eifern wir keinen direkten Vorbildern nach, sondern beschäftigen uns bei unseren Projekten intensiv mit dem, was wir vorfinden und was wir daraus ableiten können.
Bei der Fassadensanierung am Haus Englisch von Paul Stohrer in der Stuttgarter Königstraße – ein Betonbau aus den 50er Jahren – ließ sich zum Beispiel sehr gut nachvollziehen, wie sich die konstruktive Ehrlichkeit im Umgang mit einem Material in der Fassade widerspiegelt. Auch der Mariendom von Gottfried Böhm in Nerviges von 1968 ist dahingehend sensationell. Derlei ist für uns Inspiration.
Die Bibliothek in Kressbronn ist auch aus einem Wettbewerb heraus entstanden. Allerdings erhielten Sie zuerst den dritten Preis. Wie und warum haben Sie dennoch den Zuschlag für die Realisierung bekommen?
Der Wettbewerb sah von Anfang an vor, dass die ersten drei Preise im Gemeinderat neu diskutiert werden. Dieser sollte dann schlussendlich darüber abstimmen, welcher Entwurf umgesetzt wird. Wir waren auf Platz drei und rechneten uns ehrlich gesagt keine großen Chancen aus. Als nach zwei Entscheidungsrunden das Ergebnis eindeutig bei uns lag, waren wir sehr überrascht.
Ausschlaggebend für die Entscheidung des Gemeinderats war wohl, dass wir mit unserem Entwurf die besondere Geschichte des Bestandsgebäudes, einer historischen Scheune im alten Ortskern von Kressbronn, weitererzählt und in die heutige Zeit gehoben haben. Wir fanden einen Ort vor, der bereits eine Geschichte erzählt, mussten also nichts neu erfinden, sondern einfach weitererzählen. Diesen Spirit einzufangen, zu erhalten und das Gebäude gleichzeitig einer modernen öffentlichen Nutzung zuführen, ist uns wohl ganz gut gelungen.
Früher hat die Landwirtschaft mit Obstplantagen die Gemeinde geprägt, heute gibt der Tourismus den Ton an: Jede Scheune, jede Obstwiese steht in Gefahr, an Immobilienhaie für aufgeblasene Wohnhäuser oder Tourismusimmobilien verloren zu gehen. Vor diesem Hintergrund war es wichtig und richtig, der Gemeinde Kressbronn ein Stück Historie zu erhalten.
Können Sie den Entwurf kurz erklären?
Der klassische Heustadel in unmittelbarer Nähe zu Festhalle, Rathaus und Kirche war ein einfacher Bau. Im massiven Sockel wurden früher Maschinen untergestellt und einige Tiere gehalten, obenauf saß die Holzkonstruktion mit offener Lattung, zum Trocknen und Lagern des Heus. Bis der Rohbau begonnen wurde, war geplant, am „offenen Herzen des Bauwerks zu operieren“ – sprich das Sockelgeschoss aus grobem Mauerwerk und Beton wo immer möglich zu erhal­ten. Doch seine Substanz entpuppte sich als so schlecht, dass es komplett abgetragen und neu erstellt werden musste. Das alte Holztragwerk mit dem großen überkragenden Dach hingegen wurde abgetragen, restauriert und wieder auf das neu betonierte Sockelgeschoss aufgesetzt. Die neue Fassade orientiert sich gestalterisch an der vertikalen Holzlattung des alten Stadels. Wir haben sie interpretiert und den Anforderungen einer modernen Bibliothek angepasst.
Das Gebäude baut sich in Schichten auf: Das Erdgeschoss und die Treppenhaus- und Nebenraumkerne sind in Stahlbeton erstellt, darauf sitztdie restaurierte, tragende Holzkonstruktion der Obergeschosse. Die Fassade aus Holzlamellen befindet sich als zweite Schicht davor. Alles überspannt dann die ebenfalls restaurierte Dachkonstruktion mit neuer Deckung.Im Erdgeschoss sind neben dem Foyer ein teilbarer Multifunktionsraum für Veranstaltungen, Sanitärräume und eine separat zugängliche 24 Stunden-Ausleihe untergebracht. Im Obergeschoss und dem neu eingezogenen Galeriegeschoss befindet sich die eigentliche Bibliothek mit Lesezonen und einigen abgeschlossenen Räumen für konzentriertes Arbeiten.
Welches Konzept verbirgt sich hinter der Fassade?
Ein Heustadel hat ja keine Fenster, denn es gibt keine Notwendigkeit, von innen nach außen zu schauen. Beim Fassadenkonzept der Bibliothek galt es nun eine entsprechende Übersetzung zu finden, einen an sich geschlossen wirkenden Baukörper mit einem qualitätsvollen Innenraum zu schaffen, der auch schöne Ausblicke bietet. Im Zuge des Wettbewerbskolloquiums konnten wir das alte Gebäude auch von innen besichtigen. Als wir sahen, wie schön das Sonnenlicht durch die Ritzen der Lattung fiel, wollten wir das Thema aufgreifen. Als Abstraktion des Vorgefundenen ist die Idee der neuen Fassadenschicht aus vertikalen Holzlamellen in regionaler Weißtanne entstanden. Die Lamellen sind an sich nicht beweglich, aber in unterschiedlichen Winkeln angeordnet. Sie dienen als baulicher Sonnenschutz ohne den Nutzern das Gefühl zu geben, in einem abgedunkelten Raum zu sein. Es kommt gerade so viel Licht herein, dass es die Bibliotheksnutzung nicht stört. Durch die Lattung entsteht eine Wechselwirkung: Von innen nach außen ist der Durchblick gut möglich. Von außen hingegen sieht man nicht ins Gebäude hinein, der Holzkubus wirkt geschlossen.Glasfronten und Fensteröffnungen liegen von außen unsichtbar hinter dieser Lattung. Die Giebelfront ist sogar vollständig verglast – acht Meter bis unter den First. So fällt das Licht sehr tief in den Baukörper hinein.
Der Sichtbeton des Sockels zeigt eine sehr schöne Struktur. Wie ist sie entstanden?
Die Sockelwände bestehen aus 70 Zentimeter starkem Dämmbeton, weil wir eine massive Anmutung erreichen wollten. Um geeignete Bretter für die raue Schalung zu erhalten, haben wir es uns nicht einfach gemacht: Rund zwölf Sägereien ließen wir Muster anfertigen. Schlussendlich hat die Sägerei mit der ältesten und unperfektesten Bandsäge den Zuschlag bekommen. Das Holz bekam durch das flatternde Band einen ganz besonderen Schlag und eine Individualität, die sich an der Fassade in einer außergewöhnlich lebendigen Anmutung zeigt.
Die Details am und im Gebäude sind sehr hochwertig ausgeführt. War es schwer, Handwerker zu finden, die so ein Projekt umsetzen können?
Hier am Bodensee war das verhältnismäßig einfach – gerade was die Holzarbeiten angeht. Durch die Seenähe wird Holz hier ganz anders beansprucht, und man weiß, wie mit dem Material richtig umgegangen werden muss. Es sind auch bereits die Architektureinflüsse von Vorarlberg spürbar, einer ländlichen Region, in der Handwerk noch Bedeutung hat. Es gibt noch so etwas wie „Handwerkerehre“, und viele Firmen wollen einfach auch Qualität bauen.
Im Innenraum haben wir Altes und Neues zusammengeführt. Über die Haptik und die Mate­rialsprache grenzen wir beides dennoch präzise voneinander ab. Alte Bauteile, die durch neue ersetzt wurden, wie Decken, Wände, Böden, stellen sich grober dar. Alle Elemente, die wirklich neu hinzugekommen sind, wie Fenster und Einbauten, sind hingegen sehr viel feiner bearbeitet und bündig eingebaut. Dieses Prinzip zieht sich konsequent durch. Auch die Betonflächen der neu hinzugefügten Treppenhauskerne sind haptisch sehr glatt. Dennoch wollten wir keinen „Museumsbeton“ herstellen oder „Betonkosmetik“ machen, sondern haben das Material als handwerklichen Werkstoff so genommen, wie es aus der Schalung kam. Bei den alten Holzbalken gibt es auch Spreißel und Unregelmäßigkeiten – genauso wollten wir das beim Beton haben.
Sie sprechen von alt und neu – gibt es auch die Thematik laut und leise bei Fassaden? Sie bevorzugen ja eher traditionelle Materialien mit natürlichen zurückhaltenden Farbtönen – so richtige Farbknaller bleiben aus.
Das stimmt, wir haben keinen „Konfetti-Kasten“ im Repertoire. Aber es kommt natürlich immer auf die Aufgabe an, wenn man über Farbigkeit spricht. Bei der Feuerwache in Germersheim haben wir beispielsweise einen rot durchfärbten Beton verwendet. Aber eine Farbe von außen auftragen ist mir zu wenig authentisch. Manche Kollegen machen das sehr gut, aber wir wollen eher aus dem Material heraus arbeiten.
Wie würden Sie zusammenfassend den Begriff „Gebäudehülle“ definieren?
Die Gebäudehülle ist kein Kleidungsstück, das über das Bauwerk geworfen wird, sondern über sie zeigen Häuser ihre inneren Werte nach außen. Mit der Gebäudehülle schärfen wir die Charakterzüge eines Bauwerks. Am Beispiel des Rathauses Remchingen, das wir gerade bauen, kann man das gut sehen: Ein Rathaus mit seiner öffentlichen Verwaltung ist ein Repräsentant unserer politischen Wertesys­teme, unserer Demokratie, und sollte darum anders aussehen als ein normales Büro- und Verwaltungsgebäude. Auf der einen Seite strahlt es Solidität aus, deshalb haben wir eine klar strukturierte, gerasterte Fassade entwickelt. Zum anderen hat es einen sehr transparenten Charak­ter, indem sich der Ratssaal mit großen Fensterflächen sehr offen nach außen wendet. Das Rathaus nimmt im Stadtgefüge als Solitär eine Sonderstellung ein, dennoch braucht die Fassade keine große Geste. Die Funktionen und Qualitäten im Inneren übertragen sich auf die Fassade.
Zum Schluss möchte ich noch einmal auf Ihren eingangs erwähnten Wettbewerbsgewinn für das neue Besucherzentrum der Bundesschule Bernau bei Berlin vom Bauhaus Ar­chitek­ten Hannes Meyer eingehen. Neben einem so geschichtsträchtigen Gebäude zu bauen war bestimmt keine leichte Aufgabe. Wie kann Ihr Neubau neben dem Weltkultur­erbe bestehen?
Was gibt es Tolleres, als für das Bauhaus – 30 Meter neben dem größten noch erhaltenen und baulich nahezu unveränderten Ensemble von Hannes Meyer – ein Besucherzentrum zu realisieren!? Dennoch war die Annäherung zugegebenermaßen mühsam: Weit über 80 Modellvarianten zu unterschiedlichen Gebäudevarianten, in alle erdenklichen Richtungen, haben wir entworfen, um dann festzustellen: Zurück! Wir müssen das Gebäude auf das reduzieren, was es ist. Ein Funktionsgebäude neben einer Ikone. Unser Entwurf spiegelt darum die Philosophie des Architekten Hannes Meyer wider und bildet einen Rahmen für dessen Idee, Baukunst nicht als bildhauerische, gestaltende Kunst zu sehen, sondern als etwas, das sich aus dem Handwerk entwickelt. Der Pavillon gliedert sich rein aus seiner Funktion heraus. Sich mehr mit der ganzheitlichen Qualität von Räumen zu befassen – vom großen städtebaulichen Gefüge bis hin zum kleinsten Interior-Detail –, das würde ich mir auch heute bei vielen Architektur-Projekten wünschen.



Fakten
Architekten Steimle Architekten, Suttgart
Adresse Hemigkofener Str. 11, 88079 Kressbronn am Bodensee


aus Bauwelt 11.2019
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