Bauwelt

Stadtteilschule Kirchwerder in Hamburg


Es kostet Mut und Überzeugung, um gewohnten Bildern Neues entgegenzusetzen, etwa dann, wenn man den Clustergrundriss moderner Schulen nicht in gestapelten Klötzen verpackt. Im Hamburger Bezirk Bergedorf haben Thomas Kröger Architekten es gewagt, anders zu bauen.


Text: Briegleb, Till, Hamburg


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    Straßenseitig stehen die beiden Riegel des Schulhauses leicht zueinander versetzt, zur Landschaft streben sie trichterförmig auseinander und bilden einen geschützten Schulhof.
    Foto: Thomas Heimann

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    Straßenseitig stehen die beiden Riegel des Schulhauses leicht zueinander versetzt, zur Landschaft streben sie trichterförmig auseinander und bilden einen geschützten Schulhof.

    Foto: Thomas Heimann

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    Ortstypisch, aber neu interpretiert: Die Ziegelfassaden erinnern an reetgedeckte Häuser. Obenauf sind sie begrünt und mit Photovoltaik-Anlagen versehen.
    Foto: Hannes Heitmüller

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    Ortstypisch, aber neu interpretiert: Die Ziegelfassaden erinnern an reetgedeckte Häuser. Obenauf sind sie begrünt und mit Photovoltaik-Anlagen versehen.

    Foto: Hannes Heitmüller

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    Der neue Schulbau von Tho- mas Kröger Architekten ist für 1200 Schülerinnen und Schüler ausgelegt – mit Aula, Mensa, Mediathek und einer Dreifeld-Sporthalle von ZRS Architekten.
    Foto: Thomas Heimann

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    Der neue Schulbau von Tho- mas Kröger Architekten ist für 1200 Schülerinnen und Schüler ausgelegt – mit Aula, Mensa, Mediathek und einer Dreifeld-Sporthalle von ZRS Architekten.

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    Die Sichtbetonwände im Eingangsbereich ...
    Foto: Hannes Heitmüller

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    Die Sichtbetonwände im Eingangsbereich ...

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    ... legen die Konstruktion der Schulbauten offen: Massivbauweise in Ortbeton.
    Foto: Thomas Heimann

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    ... legen die Konstruktion der Schulbauten offen: Massivbauweise in Ortbeton.

    Foto: Thomas Heimann

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    Die Mensa erstreckt sich über die gesamte Gebäudebreite. Dreieckige und trapezförmige Ausschnitte in der Fassade legen sich wie ein Vorhang vor die rechteckigen Fensterformate.
    Foto: Thomas Heimann

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    Die Mensa erstreckt sich über die gesamte Gebäudebreite. Dreieckige und trapezförmige Ausschnitte in der Fassade legen sich wie ein Vorhang vor die rechteckigen Fensterformate.

    Foto: Thomas Heimann

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    Der Grundriss ermöglicht, trotz seiner langgestreckten Grundform, die Organisa- tion der Klassenverbände sowie naturwissenschaftlichen Räume in Clustern.
    Foto: Hannes Heitmüller

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    Der Grundriss ermöglicht, trotz seiner langgestreckten Grundform, die Organisa- tion der Klassenverbände sowie naturwissenschaftlichen Räume in Clustern.

    Foto: Hannes Heitmüller

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    Die den Marktplatz, Mittelpunkt des Clusters, säumenden Wände wurden mit schwarzem Tafellack gestrichen.
    Foto: Hannes Heitmüller

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    Die den Marktplatz, Mittelpunkt des Clusters, säumenden Wände wurden mit schwarzem Tafellack gestrichen.

    Foto: Hannes Heitmüller

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    Die Fassade setzt sich aus fein geschuppten Ziegelplatten zusammen, die in vier Bändern um das Gebäude laufen und sich geschossweise leicht überlappen.
    Foto: Hannes Heitmüller

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    Die Fassade setzt sich aus fein geschuppten Ziegelplatten zusammen, die in vier Bändern um das Gebäude laufen und sich geschossweise leicht überlappen.

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    Blick auf die lockere Besiedlung der Nachbarschaft
    Foto: Hannes Heitmüller

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    Blick auf die lockere Besiedlung der Nachbarschaft

    Foto: Hannes Heitmüller

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    Das Treppenhaus
    Foto: Hannes Heitmüller

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    Das Treppenhaus

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    Die Aula ist doppelgeschossig und steht auch außerschulischen Veranstaltungen zur Nutzung offen.
    Foto: Thomas Heimann

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    Die Aula ist doppelgeschossig und steht auch außerschulischen Veranstaltungen zur Nutzung offen.

    Foto: Thomas Heimann

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    Die beiden Riegel, 100 und 130 Meter lang, sind V-förmig zueinander angeordnet und rahmen den Schulhof.

    Foto: Thomas Heimann

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    Die beiden Riegel, 100 und 130 Meter lang, sind V-förmig zueinander angeordnet und rahmen den Schulhof.

    Foto: Thomas Heimann

Wenn in einer Jury 13 von 14 Teilnehmenden „Nein“ zu einem Entwurf sagen, der am Ende gebaut wird, dann ist etwas Besonderes geschehen. Wenn dieser Vorschlag dann am Abrechnungstag auch noch 70 statt der veranschlagten 47 Millionen Euro kosten durfte, kann es sich doch eigentlich nur um eine kleine Elbphilharmonie handeln. Aber mitten in den Vier- und Marschlanden, dem Gemüse- und Blumengarten von Hamburg? Da erwarten nicht einmal die Ausflügler mit Rennrad, die an schönen Tagen durch das schwach besiedelte Idyll hinter Deichen strampeln, ein kleines Architekturwunder.
Aber sie irren sich. Genauso wie die 13 Preisgerichtsmitglieder, die sich 2016 beim Neubau-Wettbewerb für eine Stadtteilschule in Kirchwerder zunächst für einige sehr gewöhnliche Klötzchenlösungen der Konkurrenten von Thomas Kröger stark gemacht hatten, um sich dann doch vom damaligen Hamburger Oberbaudirektor Jörn Walter sukzessive umstimmen zu lassen. Nach einer Überarbeitungsphase, während der Kröger auf einen sehr emotionalen Brief des damaligen Schulleiters, wie schrecklich er den Entwurf des Berliner Architekten fände, dann doch entschied, etwas Grundsätzliches zu ändern, war die Mehrheit klar. Das Aufbrechen des zunächst geplanten Langriegels diagonal über das Gelände in eine V-Form mit zwei Gebäuden sicherte den Erfolg.
Und das sei städtebaulich auch wirklich viel besser, wie Thomas Kröger gerne eingesteht. Denn nun besitzt das Ensemble einen trichterförmigen Außenraum zwischen den dreigeschossigen Gebäuden, der mit einem dynamisch geschwungenen grünen Sitzhügel und lose verteilten Bänken und Beeten in Umrissform der Schultrakte die alte Bezeichnung „Pausenhof“ verscheucht, obwohl er natürlich genau das ist.
Aus der architektonischen Perspektive lässt sich die anfänglich starke Opposition bei den Sach- und Fachpreisrichtern vermutlich nur durch traurige Gewöhnung an den rechtwinkligen Schulbaustandard erklären. Denn aus dem regionalen Kontext heraus sind die Gebilde, die Thomas Kröger für die Lerngebäude entwickelt hat, eigentlich maximal ortsbezogen. Orientiert an monumentalen Langhöfen mit Fachwerk und tiefgezogenen Reetdächern in dieser fruchtbaren Gegend, ist die Abstraktion der Vorbilder als Schulgebäude eine kulturelle Geste von großer freundschaftlicher Ausstrahlung. Und im fertigen Zustand dann eine echte Erscheinung.
Denn mochte der mimetische Entwurf bei Puristen noch den Verdacht des Regionalkitsches wecken, so ist bei der Transmission zum Gebäude eine geniale Balance zwischen Referenz und Vision gelungen. Mitten in dem langen Straßendorf an der Elbe wirken die komplexen Strukturen im Ziegelkleid tatsächlich von allen Seiten, von nah und fern, von innen und außen wie jene Verlockung, die in der seriellen Monotonie des kostengünstigen Bauens eigentlich für spektakuläre Kulturbauten reserviert ist.
An ihrer Kopfseite zur Straße etwa sind die Enden der Riegel als zwei Geschwister entworfen, die aus der gleichen Struktur einer abstrahierten Bauernhausfassade zwei unterschiedliche Charaktere gewinnen. Wie zwei monumentale Spitzhelme, der eine geschlossen, der andere mit offenem Visier, wirken die Strukturen mit ihren vier Ziegelbändern. Von hier aus verbreitert sich das Gebilde mit Rundungen, die an einen gestrandeten Wal mit Klinkerschuppen erinnern. Von der Seite zeigen sich die Trakte dann in Wimpelstrukturen, die Bezüge zum spitzwinkeligen Backsteinexpressionismus erlauben, für den Fritz Högers Chilehaus in der Stadt das berühmteste Beispiel ist.
Rural ist an dieser vielseitigen Wirkungsmacht nur noch das Echo der Vergangenheit. Die aus den imposanten Hufnerhäusern aus dem 17. Jahrhundert entwickelte Kubatur der zwei Riegel mit 130 und 100 Metern Länge lässt so viele Assoziationen gedeihen, wie es nur gelungene Bauskulpturen können. Ob als gestrandete Kähne oder gelandete Raumschiffe, als Erdkaskaden oder tropische Gemeinschaftshäuser, den Analogien, die aus den diversen Perspektiven auf die Baukörper erweckt werden, ist kein Limit gesetzt.
Und im Gegensatz zu den modernen Betonschulen mit ihren meist homogenen Oberflächen ist das Fassadenmaterial dieser Stadteilschule nicht nur assoziiert mit einem lokalen Baustoff, dem Torfbrandklinker, sondern wirkt auch noch lebendig wie eine geologische Schichtenlandschaft. Und das entstand aus einem Fehlbrand. Bei der Präsentation einer Musterfassade von Petersen Tegl war einiges schiefgelaufen. Die flachen Ziegel zeigten sich gescheckt mit sandfarbenen Rückständen des Brandprozesses. Für Thomas Kröger war aber sofort klar, dass dieser Zufall Meister ist. Aus dem Fehler wurde ein System, dessen Konsistenz allerdings zunächst durch verschiedene Experimente bewiesen werden musste. Im Kampf mit einem sparstrengen Generalunternehmer, der dauernd scheußliche Alternativen präsentierte, brauchte es schließlich die gemeinsame Kraftanstrengung von Walters Nachfolger als Oberbaudirektor, Franz-Josef Höing, und der Gemeinde Kirchwerder, die längst das spektakuläre Gebäude so haben wollte, wie es gemeint war, um den Schaden einer Blech- oder Riemchen-Fassade abzuwenden. Auch wenn die Gemeinde dafür tief in ihren Feuerwehrtopf greifen musste, denn der Fehlbrand war rund fünf Millionen Euro teurer.
In Fern- wie Nahsicht aber sind die schließlich kalkulierten Einstreuungen Gold wert für das Besondere der Hülle. Und als die Baugemeinschaft schon bei gemeinsamen Anstrengungen zur hohen Qualität angekommen war, wurden auch die Kunststofffenster dem Generalunternehmer wieder verboten und im Treppenhaus schwarze Stahlplatten als Geländer durchgesetzt. Nur an dem massiven Betonbau ließ sich nicht rütteln. Der Wunsch der Architekten, wenigstens ein Sparrendach aus Holz bauen zu dürfen, wurde abgeschmettert. Doch auch als Sichtbeton-Struktur erreichte die Umsicht der Architekten, dass die Schule bei der ökologischen Zertifizierung Gold-Standard erhielt.
Mit Detailblick sorgte Thomas Krögers Team gemeinsam mit einem sehr engagierten Bauherrn, der Schulbau Hamburg, außerdem dafür, dass die Optik auch innen Eigenheiten entwickelt, selbst, wenn das Mobiliar aus der alten Schule mit umziehen musste. So wurden in den Klassentrakten die Wände mit Tafellack gestrichen, um die Schülerinnen und Schüler dazu zu animieren, die Wände zu verzieren statt zu vandalisieren. Organisiert sind die einzelnen Klassenzüge um so genannte Dorfplätze, immer vier Unterrichtsräume gemeinsam. Diese Architekturpädagogik soll offene Lern- und Begegnungsräume ermöglichen.
Verstärkt wird diese platzartige Verbindungsoption noch dadurch, dass jede Klasse ein großes Fenster zu ihrer „Dorfmitte“ besitzt. Vom Zentrum aus öffnen sich dem Blick dann die Weiten der Marschlandschaft in vier Richtungen durch die Schulzimmer, wie überhaupt die so verschlossen wirkende Doppelform allerorts im Inneren für großzügige Sichtbeziehungen in die Ferne sorgt, außer in der Aula. Die ist hinter dem verschlossenen Helm der Straßenfront als einzig zweigeschossiges Volumen versteckt und als klarer atmosphärischer Kontrast zu der schweren, erdigen Gesamterscheinung gestaltet. Im Bug des Gebäudes hat Thomas Kröger einen fast sakral anmutenden Raum mit Romeo-und-Julia-Balkon über dem Eingang entworfen, der, in einem hellen Grauton gestrichen, an skandinavische Holzkirchen erinnert. Hier vernetzt sich auch die Gemeinde mit dem Ort, jedenfalls der Teil, der an öffentlichen Veranstaltungen oder Konzerten in der Schule interessiert ist.
Das lange Ringen um eine wirklich stimulierende Atmosphäre in einem Schulgebäude hat dann schon bald nach der Eröffnung Anfang 2024zu einem Erfolg geführt, der den Mut zum Besonderen für alle nachträglich bestärkt. Eltern aus Hamburgs Osten wünschen in überwältigenden Mengen, dass ihre Kinder auf diese abgelegene Schule dürfen. Und viele Lehrkräfte aus ganz Deutschland, die vom ordentlichen Schulbau der geraden Linien und Linoleumdüfte erschöpft sind, bewerben sich für diese Extra-vaganz von Lernanstalt. Aber vor allem sind die Nutzer sehr glücklich mit ihren pädagogischen Hofbauten. Der ehemalige Schulleiter wurde zum größten Fan.



Fakten
Architekten Thomas Kröger Architekten, Berlin
Adresse Kirchenheerweg 85, 21037 Hamburg


aus Bauwelt 4.2026
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