Filmische Provokationen
Es ist durchaus möglich, ein ganzes Berufsleben mit Planen und Bauen zu verbringen, ohne je eine Architekturdokumentation gesehen zu haben. Doch ihre Faszination bleibt unbestritten. Unser Autor berichtet vom 25. Architekturfilmfestival Rotterdam.
Text: Dimendberg, Edward, Irvine (USA)
Filmische Provokationen
Es ist durchaus möglich, ein ganzes Berufsleben mit Planen und Bauen zu verbringen, ohne je eine Architekturdokumentation gesehen zu haben. Doch ihre Faszination bleibt unbestritten. Unser Autor berichtet vom 25. Architekturfilmfestival Rotterdam.
Text: Dimendberg, Edward, Irvine (USA)
Architekturdokumentationen sind Mischformen, weder unverzichtbare Gestaltungswerkzeuge noch reine Unterhaltung. Das Genre (sofern es sich denn um eines handelt) umfasst didaktische Ungeheuerlichkeiten, ermüdende Zusammenstellungen schlecht gefilmter Gebäude und hölzerner Interviews sowie schamlose Geschichten, die einzig dem Personenkult dienen. Gut durchdachte und professionell inszenierte Filme existieren zwar, sind aber eher die Ausnahme. Im Idealfall vermitteln sie Wissen über die gebaute Umwelt und beweisen, dass das Bewegtbild einen Platz in Fachdiskussionen verdient. Dazu werfen sie Fragen auf und geben den Plänen, Visualisierungen, Fotos und Dokumenten, mit denen Gebäude geschaffen und verstanden werden, einen Mehrwert.
Vor 25 Jahren gründete der Architekt, Filmemacher und Kurator Jord den Hollander das Architekturfilmfestival Rotterdam aus dem Nichts. Heute gilt es als Cannes seiner Art, und die Liste der ambitionierten Filmschaffenden, die ihre Werke dort präsentieren möchten, wird immer länger. Jedes Jahr im Oktober versammeln sie sich mit Architekten, Kritikerinnen, Wissenschaftlern und Cineastinnen in Alvaro Sizas Kino Lantaren Venster zu fünf Tagen mit Filmvorführungen, Gesprächen und Debatten. Diese lebhaften öffentlichen Diskussionen überwinden die Trennlinien, die oft zwischen beruflichen, akademischen, journalistischen und öffentlichen Diskussionen über die gebaute Umwelt bestehen. Wenn die Lichter ausgehen und der Zauber des Zusammenseins mit Fremden im Dunkeln zu wirken beginnt, werden sogar die Rivalitäten und Revierkämpfe, die die Architektur manchmal prägen, vorübergehend ausgesetzt.
Die Zukunft des Films ist kurz
Dass das Festival neben Filmen über Architekten und Themen für das Mainstream-Publikum auch unbekannte Werke zeigt, spricht für sein Engagement und seinen Idealismus. In einer Zeit, in der kostenlose Inhalte nur so aus dem Internet strömen, ist es eine Herausforderung, ein junges Pub-likum in die Kinosäle zu locken und für die große Leinwand zu begeistern. Eine Methode sind laut Programmleiterin Christina Ampatzidou Kurzfilme: „Wir lernen aus dem Verhalten unseres Publikums. Kurzfilme ziehen durchweg jüngere Gruppen an, daher bieten wir jedes Jahr mehr davon an. Sie bieten eine Vielfalt an Geschichten, Perspektiven und filmischen Ansätzen und sind zugleich auf eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne zugeschnitten.“
Arthur Erickson: Beauty Between the Line
Bei der großen Mehrheit der Architekturdokumentationen handelt es sich um Filmbiografien über Architekten. Unweigerlich konzentrieren sie sich auf eine individuelle Laufbahn oder ein Gesamtwerk, und nur wenige sind in beiden Bereichen erfolgreich. Arthur Erickson: Beauty Between the Lines (Ryan Mah und Danny Berish, 2024) handelt vom Leben des Mannes, der bis heute als bester kanadischer Architekt seiner Ge-neration, wenn nicht sogar aller Zeiten gilt. Heute wird Erickson verehrt für seine weltberühmten Gebäude in Vancouver wie den Robson Square, die Simon Fraser University und das Museum of Anthropology an der University of British Columbia. Doch seine Karriere beendete er bankrott und ohne Lizenz.
Obwohl seine Homosexualität nie ein Geheimnis war (sondern in den 1970er Jahren, als selbst im relativ toleranten Kanada ein Coming-out beruflich riskant sein konnte, eher hinter vorgehaltener Hand anerkannt wurde), untersucht der Film die öffentliche Selbstdarstellung, die dies erforderte sowie seine dysfunktionale Beziehung zu Francisco Kripacz und die finanzielle Verschwendungssucht (50.000 Dollar für Blumenschmuck auf einer Party!), zu der sein jüngerer Liebhaber ihn ermutigte. Die größte Neuerung des Films besteht darin, dass er dramatische Nachstellungen der wichtigsten Wendepunkte im Leben des Architekten enthält. Auch wenn es faszinierend und bedrückend sein mag, Erickson dabei zu beobachten, wie er mit seinen Charakterfehlern seine glanzvolle Karriere zunichte macht, so lenkt der Film doch letztlich die Aufmerksamkeit weg von seinen Bauwerken, die nach wie vor unterschätzt werden.
Miralles
Miralles (Maria Mauti, 2025) geht in die entgegengesetzte Richtung und präsentiert die Architektur des Spaniers Enric Miralles in einer Reihe von filmischen Erkundungen bedeutender Werke, darunter das schottische Parlament in Edinburgh, der Markt Santa Caterina in Barcelona und der Friedhof von Igualada, auf dem der Architekt nach seinem Tod infolge eines Hirntumors im Alter von 45 Jahren im Jahr 2000 beigesetzt wurde. Der Film bricht mit der lange vorherrschenden Konvention, Architektur ohne Menschen zu filmen, und zeigt stattdessen sehr eindrucksvoll die Kinder im Internat in Morella, Spanien, das Miralles mit seiner ersten Frau Carmen Pinós entworfen hat.
Miralles’ zweite Ehefrau, Benedetta Tagliabue, war jedoch eine nicht minder wichtige Mitwirkende. Sowohl das komplexe Privatleben des Architekten mit seinen zwei Ehefrauen als auch seine intellektuelle und krea-tive Entwicklung werden in einem Film, der den Schwerpunkt auf das Erleben der Architektur legt und dabei auf eine ausführliche Darstellung der Architekturschaffenden verzichtet, nur am Rande behandelt. Der Film gewährt tiefe Einblicke in beeindruckende Gebäude, wenn auch mit zu vielen selbstverliebten Sequenzen im bodenständigen und dadurch umso bezaubernderen Haus des Architekten, und erweckt durchaus den Wunsch, alle vorgestellten Werke zu besuchen und mehr über andere Arbeiten Miralles’ zu erfahren. Möglicherweise sollten wir von Architekturdokumentationen gar nicht mehr erwarten, als die Neugier des Publikums zu erregen.
Schindler Space Architect
Ein Film, der eine vorbildliche Balance zwischen Leben und Werk findet, ist Schindler Space Architect (Valentina Ganeva, 2024), eine Auseinandersetzung mit der Biografie und Karriere von Rudolph Schindler, seinem zeitweise guten Freund Richard Neutra sowie Frank Lloyd Wright, den Schlüsselfiguren der frühen Jahre der modernen Architektur in Kalifornien. Sowohl Neutra als auch Schindler ließen sich vom Schaffen Otto Wagners in Wien inspirieren und übersetzten seine Ideen über Funktionalität und die Ablehnung von Ornamenten auf vollkommen unterschiedliche Weise in ihre eigene Architektur. Ihre Arbeitsmethoden und Persönlichkeiten hätten jedoch kaum unterschiedlicher sein können. Neutra war nahezu besessen von Plänen und seiner Liebe zum Detail; Schindler hingegen war ein Improvisator, der seine Entwürfe oft vor Ort noch änderte. Sein Haus an der Kings Road wurde zum Zentrum eines Salon Bohème, den er zusammen mit seiner Frau Pauline kuratierte und der in den faszinierendsten Szenen des Films zu sehen ist. Es sieht ganz so aus, als sei er ein Hippie avant la lettre gewesen, der unkonventionelle Kunden anzog, darunter James How, den „Millionär-Hobo“, der in Harvard und Oxford studiert hatte und sein Leben dem Aufbau von Organisationen zur Unterstützung von Obdachlosen widmete. Weitere bedeutende Kunden waren Philip und Leah Lovell, für die er ein Strandhaus entwarf, das noch vor seiner Fertigstellung zu einer internationalen Ikone wurde – und nicht zu verwechseln ist mit ihrem von Neutra entworfenen Haus in den Hollywood Hills.
Dennoch sind Schindlers Architektur und sein flüssiger Raumzweifellos die Stars des Films, der ihn – vielleicht mehr als jede andere aktuelle Darstellung – aus dem Schatten Neutras hervorholt und seine vielfältige Materialpalette und endlose Kreativität würdigt. Der Film zeigt Gespräche mit vielen Auftraggebern (von denen einige nicht mehr leben, umso wichtiger ihre Erinnerungen), Museumsdirektor Peter Noever und den Architekten Wolf Prix, Mark Mack und Steven Holl. Sie verdeutlichen, wie lebendig Schindlers Vermächtnis ist. Der Kameramann Jacek Laskus hat die Häuser mit außergewöhnlichem Geschick fotografiert, wie die Macherin des Films Valentina Ganeva feststellte: „Schindlers Räume sind fließend, komplex und unglaublich schwer festzuhalten. Auch aus diesem Grund wurde die Bedeutung seiner Arbeit verkannt. Man muss sich durch die Räume bewegen, um sie zu erfassen und zu verstehen. Ich denke, der Film hat dieses Problem gelöst, und wir können nun die Essenz seiner Architektur einfangen und vermitteln.“
The Rule of Stone
In den Händen einer leidenschaftlichen Regisseurin, die oft eine persönliche Verbindung zu historischen Erzählungen hat, ersetzen Polemik und Politik die Ordnungsprinzipien der Karrieren und Biografien. The Rule of Stone (Danae Elon, 2024) ist eine verstörende sowie akribische Untersuchung der während des britischen Mandats über Palästina (1922–48) verabschiedeten Bauvorschriften, nach denen alle Gebäude in Jerusalem aus lokalem weißem Kalkstein zu errichten waren. Die dadurch geschaffene ästhetische Homogenität – einige Menschen aus Berlin mögen darin eine Parallele zu den Jahren nach der Wende sehen, als Hans Stimmann die kritische Rekonstruktion der Hauptstadt beaufsichtigte – ist bei weitem nicht so bestürzend wie der Preis, den die palästinensische Bevölkerung zahlt; nach 1967 kam es zur Zwangsumsiedlung von 300.000 Menschen. Die Architektur, in diesem Fall der Baustoff Stein, war eine wichtige Grundlage für die Schaffung einer einheitlichen israelischen Nationalidentität, aus der die palästinensiche Bevölkerung physisch wie kulturell entfernt werden sollte. In einer erschütternden wie unvergesslichen Szene beschreibt ein Palästinenser, wie er gezwungen wurde, sein selbst erbautes Heim zu zerstören.
Die Tatsache, dass der Film auf jüdischen Filmfestivals gezeigt und von palästinensischen Aktivistinnen und Aktivisten gelobt wurde, zeugt von seinem gewissenhaften Bestreben, verschiedene Perspektiven zu beleuchten. Ein zionistischer Stadtplaner erklärt, dass die steinerne Stadt Jerusalem die Geschichte und das Schicksal des jüdischen Volkes verkörpert. Ein antizionistischer israelischer Aktivist beklagt, dass der nationale Architektenverband nie die Zerstörung von über 400 palästinensischen Siedlungen kritisiert habe. Und Moshe Safdie, der nach 1967 in Jerusalem arbeitete, merkt an, dass Auftraggeber Architekten beauftragen, während die Bevölkerung eine Regierung wählt, die Gesetze verabschiedet. Zu glauben, dass Architektinnen und Architekten eher in der Lage seien, politische Konflikte zu lösen als der Rest der Bevölkerung, so suggeriert er der Filmemacherin Danae Elon, sei eine Fehleinschätzung ihrer Handlungsfähigkeit. Was zunächst wie eine schwache Entschuldigung klingt, scheint bei nüchterner Betrachtung jedoch die beunruhigende Wahrheit zu sein. Selbst den engagiertesten Architekten und Aktivistinnen sind bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen und politischen Realitäten, in denen sie arbeiten, weitgehend die Hände gebunden. Als Auseinandersetzung mit der Politik des Materials, dem Bau von Denkmalarchitektur als Dreh- und Angelpunkt politischer Ideologie sowie der Handlungsfähigkeit und sozialen Verantwortung von Architekturschaffenden ist The Rule of Stone schon jetzt ein Klassiker. Für die beunruhigenden Fragen, die der Film über den Berufsstand aufwirft, lassen sich in anderen nationalen Kontexten problemlos Entsprechungen finden; sie könnten das Publikum dazu veranlassen, über das eigene Lebens- und Arbeitsumfeld sowie die Unterschiede nachzudenken. Der brisante Fall Israels und der palästinensischen Bevölkerung könnte viele dazu verleiten, selbstgefällig zu werden. Diejenigen Architektinnen und Architekten, denen es gelingt, ihre Staaten und Mitmenschen davon abzuhalten, die Tragödien der Vergangenheit zu wiederholen und neue in der Gegenwart zu erfinden, mögen den ersten Stein werfen.
Aus dem Englischen von Nele Kirstein







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