Citizens Theatre in Glasgow
Von Glasgows historischer Arbeitervorstadt Gorbals kündet heute nicht mehr viel, nach der Flächensanierung der sechziger Jahre. Das Citizens Theatre immerhin hat überdauert. Bennetts Associates haben dem Auditorium von 1878 eine neue Umhüllung geschneidert, die großzügige Foyerflächen enthält, aber auch eine Studiobühne.
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
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Die Arbeiterviertel Gorbals liegt südlich des Clyde, dem Stadtzentrum direkt gegenüber.
Foto: Mark Liddell
Die Arbeiterviertel Gorbals liegt südlich des Clyde, dem Stadtzentrum direkt gegenüber.
Foto: Mark Liddell
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Bis zur Flächensanierung zeigte sich die Gorbals Street als urbane Hauptstraße.
Foto: Architekten
Bis zur Flächensanierung zeigte sich die Gorbals Street als urbane Hauptstraße.
Foto: Architekten
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Nur das Citizens Theatre überstand die Flächensanierung und erhielt in den 80er Jahren ein neues Eingangsgebäude.
Foto: Architekten
Nur das Citizens Theatre überstand die Flächensanierung und erhielt in den 80er Jahren ein neues Eingangsgebäude.
Foto: Architekten
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Das neue Eingangsgebäude an der Straße zieren die historischen Skulpturen des abgebrannten Palace Theatre.
Foto: Hufton + Crow
Das neue Eingangsgebäude an der Straße zieren die historischen Skulpturen des abgebrannten Palace Theatre.
Foto: Hufton + Crow
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Der neue Gebäudetrakt auf der Südseite hält Abstand zum historischen Auditorium.
Foto: Hufton + Crow
Der neue Gebäudetrakt auf der Südseite hält Abstand zum historischen Auditorium.
Foto: Hufton + Crow
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Das neue Foyer und die Treppenhalle erinnern an die ursprüngliche Raumfolge Straße–Durchgang–Hof, ...
Foto: Hufton + Crow
Das neue Foyer und die Treppenhalle erinnern an die ursprüngliche Raumfolge Straße–Durchgang–Hof, ...
Foto: Hufton + Crow
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... durch die das Publikum ins Citizens Theatre gelangte.
Foto: Hufton + Crow
... durch die das Publikum ins Citizens Theatre gelangte.
Foto: Hufton + Crow
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Der denkmalgeschützte Theatersaal wurde behutsam mit neuer Lüftungstechnik und Bestuhlung erneuert, ...
Foto: Hufton + Crow
Der denkmalgeschützte Theatersaal wurde behutsam mit neuer Lüftungstechnik und Bestuhlung erneuert, ...
Foto: Hufton + Crow
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... der Mittelgang im Parkett wurde aufgegeben.
Foto: Hufton + Crow
... der Mittelgang im Parkett wurde aufgegeben.
Foto: Hufton + Crow
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Seit der Wiedereröffnung im letzten Herbst sehen die Schauspieler auch auf dem zweiten Rang Zuschauende – bis zur Erneuerung waren dort die Sichtverhältnisse zu schlecht, um reinen Gewissens Karten dafürzu verkaufen. Bennetts Associates haben ihn nun steiler angelegt, mit Sicht auf die Bühne auch aus den hinteren Reihen.
Foto: Hufton + Crow
Seit der Wiedereröffnung im letzten Herbst sehen die Schauspieler auch auf dem zweiten Rang Zuschauende – bis zur Erneuerung waren dort die Sichtverhältnisse zu schlecht, um reinen Gewissens Karten dafürzu verkaufen. Bennetts Associates haben ihn nun steiler angelegt, mit Sicht auf die Bühne auch aus den hinteren Reihen.
Foto: Hufton + Crow
Das Citizens Theatre in Glasgow ist ein Überbleibsel. Zeuge einer untergegangenen Stadt. Ein Rest der Gorbals, jener auf der Südseite des Clyde, dem Stadtzentrum gegenüber, gelegenen Arbeitervorstadt. Im Zuge der Industrialisierung wuchs hier ein urbanes Quartier, in dem, unter den damals üblichen prekären sanitären Bedingungen, Arbeitsmigranten vornehmlich aus Irland, Russland und Italien unterkamen. Rund 90.000 Menschen lebten um 1930 in den Gorbals und den angrenzenden Stadtteilen Laurieston und Hutchesontown; die Bevölkerungsdichte betrug 40.000 Menschen pro Quadratkilometer – doppelt so viel wie in Paris, zehnmal so viel wie in der deutschen Hauptstadt, aber etwa vergleichbar mit der Situation in Berlin-Kreuzberg vor dem Zweiten Weltkrieg, wo rund 33.000 Menschen auf dem Quadratkilometer lebten. Warum der Vergleich mit Kreuzberg? Weil die vergleichbare Ausgangslage zu vergleichbaren Ansätzen der Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg führte, und die lautete damals: Flächensanierung. In Kreuzberg 36 konnte die „behutsame Stadterneuerung“ ab den siebziger Jahren einen Komplettverlust der gründerzeitlichen Mietshausbebauung abwenden, die Gorbals dagegen verschwanden ab den sechziger Jahren zugunsten einer Neubebauung mit Hochhäusern. In Windeseile zum sozialen Brennpunkt avanciert, sind inzwischen auch diese bereits wieder abgerissen; heute findet der Besucher dort eine suburban anmutende Neubebauung aus ein bisschen Geschosswohnungsbau und Reihenhäusern – „demolition is the city‘s structure of feeling“, brachte der Journalist Rory Olcayto in seiner 2023 bei der Royal Incorporation of Architects in Scotland gehaltenen Vorlesung „Welcome to the Shipwreck“ die Stadtentwicklung in Glasgow auf den Punkt.
In der Zeit des Übergangs von der Hochhaus- zur Reihenhausbebauung ragte allein das Gebäude des Citizens Theatre auf der Brache in die Höhe. Die Spielstätte, 1878 als „The Royal Prin- cess’s Theatre“ erbaut, lag einst versteckt im Hof hinter der die Gorbals Street begleitenden Randbebauung. Gleich nebenan entstand später ein zweites Etablissement, das 1904 errichtete „Palace Theatre“, das sich mit seiner kolossalen Säulenfassade, gekrönt von Statuen griechischer Göttinnen und britischer Dichter und Dramatiker, sehr viel präsenter im Stadtraum präsentierte. Das Palace wurde durch ein Feuer 1976 zerstört und dann abgerissen, lediglich die Attika-Statuen und indisch anmutende Elefanten-Skulpturen aus dem Innenraum wurden damals geborgen. Das Citizens aber blieb unversehrt. In den achtziger Jahren spendierte ihm Glasgows City Coun-cil ein neues Eingangsgebäude zur Straße hin, in dem die besagten Statuen des Palace Theatre eine neue Bleibe fanden, in den neunziger Jahren wurde die Probebühne auf der Nordseite erneuert. 2012 lobte die Stadt schließlich einen offenen Wettbewerb für die Erneuerung der Spielstätte aus, aus dem das in London und Edinburgh ansässige Architekturbüro Bennetts Associates als Sieger hervorging.
Das Citizens Theatre ist ein „producing”, kein „receiving theatre” – und zwar eines der großen derartigen Theater im UK. Hier werden Inszenierungen selbst entwickelt, Kulissen gezimmert, Kostüme geschneidert. Das bedeutet, dass die Institution nicht nur ihren Besuchern und dem Ensemble ausreichend Raum bieten muss, sondern auch all den Handwerkern, die für solch einen Betrieb nötig sind, und natürlich auch der für all das erforderlichen Technik. Apropos Technik: Die Erhöhung des historischen Bühnenturms mitsamt seines ebenso historischen Innenlebens ist ein zentraler Aspekt der von 2019 bis 2025 mit einigen Änderungen gegenüber dem Wettbewerbsentwurf realisierten Erneuerung; dabei blieben die alten Anlagen zum Heben und Senken der Kulissen an Ort und Stelle erhalten und wurden durch verglaste Öffnungen auch für das Publikum sichtbar gemacht.
Augenfälliger und für den Besuch des Theaterswichtiger ist die neue Ummantelung des Auditoriums auf der West- und Südseite, also zur Straße und zum angrenzenden Parkplatz hin, darin ein neues Foyer, Gastronomie und eine Studiobühne mit 150 Plätzen, und, ja, auch Platz für die güldenen Elefanten. Die Attikastatuen dagegen können nun wieder im Stadtraum wirken, indem sie die Klinkerfassade des Neubaus zieren. Die L-förmige Ergänzung hält Abstand zum histo-rischen Auditorium und nimmt damit Bezug auf die ursprüngliche Raumsequenz Straße–Durchgang–Hof–Theater, die das Publikum bis zum Abriss des Vorderhauses erlebte.
„Wir wollten den ,shabby chic‘ des Achtziger-Jahre-Foyers aufgreifen“, fasst Architektin Hannah Arminage ihren Ansatz zusammen. Blickfang ist die hellrot gestrichene Treppenanlage, die sich vor der historischen Westwand des Auditoriums in die Höhe schraubt und großzügig dimensioniert ist: In der Pause schlendert man hier sicher gern auf und ab, um das Treiben ringsum zu beobachten und selbst Teil davon zu sein – die Pause ist schließlich ein wichtiger Bestandteil eines Theaterbesuchs und bedarf eines entsprechenden Rahmens. Diese von einem Glasdach überdeckte Halle erinnert an den alten Innenhof, von dem aus das Theater einst betreten wurde. Auch entlang der Südseite des Auditoriums zieht sich eine lange, einläufige Treppe, von der aus die besagten Einblicke in die historische Theatertechnik möglich sind, darunter auch der einzige in einem britischen Theater erhalte-ne Kulissenrahmen der viktorianischen Ära.
Das sechshundert Plätze bietende Auditorium wirkt wie im Originalzustand belassen. Tatsächlich hat sich auch hier einiges verändert. Nicht sichtbar sind der neue Bodenaufbau und eine neue Lüftungsanlage; die neue Bestuhlung dürfte das Publikum spätestens bei einer längeren Aufführung bemerken. Entfallen ist der Mittelgang, steiler angelegt der Oberrang, der zuvor eine derart schlechte Sicht bot, dass das Theater nicht wagte, Karten dafür zu verkaufen. Nun kann der Saal zur Gänze erlebt und belebt werden, und damit ist zumindest diese Erinnerung an die alten Gorbals in neuen Wert gesetzt.
Fakten
Architekten
Bennetts Associates, Edinburgh/London
Adresse
119 Gorbals St, Gorbals, Glasgow G5 9DS, Vereinigtes Königreich
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