Wir sollten überlegen, was wir noch brauchen
Wie steht Deutschland im europäischen Vergleich beim Thema nachhaltiges Bauen da? Und was können Planende tun, um den Fußabdruck ihrer Projekte zu minimieren?
Text: Kraft, Caroline, Berlin
Wir sollten überlegen, was wir noch brauchen
Wie steht Deutschland im europäischen Vergleich beim Thema nachhaltiges Bauen da? Und was können Planende tun, um den Fußabdruck ihrer Projekte zu minimieren?
Text: Kraft, Caroline, Berlin
2026 haben Sie FrieNa gegründet, ein Büro für Nachhaltigkeitsberatung im Architekturkontext. Warum?
Ich möchte die Dekarbonisierung des Bausektors praktisch voranbringen. Mich interessiert, wie wir Klimaziele tatsächlich in Entwurf und Konstruktion übersetzen können. Dahinter steht auch die Klimagerechtigkeit: Die Folgen der Klimakrise treffen immer zuerst die Schwächsten.
Was haben Sie in der klassischen Planung vermisst?
Mir wurde bewusst, wie groß die Lücke zwischen Forschung und Praxis noch immer ist. Ich war lange bei weberbrunner architekten in der Projektleitung und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Bauhaus Erde tätig. Heute versuche ich, beides zu verbinden: Erkenntnisse aus der Wissenschaft und die konkrete Umsetzung.
Wann werden Sie als Nachhaltigkeitsberaterin hinzugezogen?
Zu mir kommen vor allem Architekturbüros, aber auch öffentliche Einrichtungen oder Universitäten, die nachhaltiges Bauen stärker integrieren wollen. Oft beginnt das mit Workshops oder Schulungen. Idealerweise steige ich bereits in Leistungsphase 2 in ein Projekt ein und begleite den Entwurf wie andere Fachplaner:innen auch.
Was verändert sich dadurch konkret?
Bei einem Projekt eines Berliner Architekturbüros ging es beispielsweise darum, den Aushub zu reduzieren. Statt einer klassischen Stahlbetonplatte konnten wir eine schwebende Holzbodenplatte realisieren. Gerade arbeite ich mit weberbrunner an einer Lebenszyklusanalyse (LCA) für die Deutsche Energie-Agentur, die den Einfluss von Konstruktion und Materialwahl beim seriellen Sanieren untersucht.
Wie funktioniert eine LCA?
Lange lag der Fokus fast ausschließlich auf dem Energieverbrauch im Betrieb, wie beim Heizen. Inzwischen schauen wir auch vermehrt auf den Energieverbrauch in der Herstellung der Materialien. Und was mit ihnen am Ende des Lebenswegs passiert: Können sie recycelt werden? Werden sie thermisch verwertet? Oder landen sie auf der Deponie, wie die gerne verbaute Mineralwolle? In der LCA können verschiedene Indikatoren betrachtet werden, wie zum Beispiel die Treibhausgasemissionen. So können wir denCO₂-Fußabdruck einzelner Bauteile berechnen und sehen dadurch, wo die großen Hebel liegen – etwa bei Decken oder Außenwänden. Daraus ergeben sich oft andere konstruktive Entscheidungen: weniger Stahlbeton, mehr Holz oder Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen.
Die LCA verändert also den Entwurf selbst.
Ja, zum Beispiel, wenn großflächig Holz eingesetzt werden kann. Oftmals sind die Kosten dafür noch höher – aber für innovative Bauten können dann Förderungen beantragt werden.
Welchen Handlungsspielraum haben Planende im Sektor nachhaltiges Bauen aktuell?
Einen großen. Man muss sich immer wieder vor Augen führen: Der Entwurf spielt eine riesige Rolle. Und natürlich der Bestand. Ich versuche immer, ihn zu erhalten und zu transformieren. Auf unterirdische Räume wie Tiefgarage oder Keller zu verzichten, ist auch wirksam. Sie sind schlecht umzunutzen, außerdem ist die Materialwahl im Erdbereich beschränkt auf Stahlbeton und synthetische Dämmung und Abdichtungen. Auch die Lastenabführung, der Stützabstand, die Flexibilität des Grundrisses, die Gebäudeklasse – das sind alles entwurfliche Fragen, die ganz am Anfang stehen und einen Unterschied machen. Und: Man kann auch sehr gut mit nachwachsenden Rohstoffen und Lehm sanieren.
Ist nachhaltiges Bauen zwangsläufig teurer und aufwändiger?
Nein. Manche Techniken wie Stampflehm sind aufwendig und teuer, vieles andere basiert aber auf traditionellen Bauweisen. Holzbau kann durch Vorfertigung effizient sein, gerade im seriellen Bauen. Aktuell sind die Kosten oft schwer vergleichbar, weil nachhaltige Konstruktionen noch häufig als Einzelprojekte umgesetzt werden. Das wird sich verändern, sobald LCA und CO₂-Bepreisungen stärker in die Regulierung einfließen – nachwachsende Rohstoffe werden dann punkten.
Wie selbstverständlich ist es inzwischen, eine Nachhaltigkeitsberatung hinzuzuziehen?
Es fängt langsam an, in der Vergangenheit gab es das so nicht. Ich habe nach meinem Studium in eher klassischen Architekturbüros gearbeitet, wo auch der Holzbau kaum vorkam. Das Bewusstsein für Materialien und ihren Lebenszyklus hat mir gefehlt, die Auftraggeber:innen waren nicht dafür offen. Die Büros haben demnach geliefert, was gefordert war. Aber das wandelt sich.
Andere europäische Länder sind weiter.
Dänemark, die Niederlande oder Frankreich haben Benchmarks für die LCA eingeführt. Dänemark für Gebäude über 1000 Quadratmeter, die Niederlande für Gebäude ab 100 Quadratmeter – da sind ja schon fast alle dabei. Deutschland muss nachziehen. Das wird auch passieren, weil es neue EU-Gebäuderichtlinien gibt. Sie geben vor, dass die Länder einen nationalen Fahrplan für die Klimaneutralität bis 2050 entwickeln. Die LCA wird eingeführt und es wird eine Deklarationspflicht geben. Für das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude muss man jetzt schon eine LCA machen, sonst greift die KfW-Förderung nicht. In Zukunft wird das einfach dazugehören.
Wird derzeit also eher „effizient falsch“ gebaut?
Grundsätzlich muss man dem Neubau kritisch gegenüberstehen. Deutschland ist fertig gebaut. Wir sollten überlegen, was wir noch brauchen und nicht mehr auf der grünen Wiese bauen. Gleichzeitig herrscht krasser Wohnungsmangel. Der kommt nicht daher, dass wir nicht genug Fläche hätten, sondern dass sie falsch verteilt ist. Politisch sind andere Regelungen nötig.
Nehmen Sie häufig Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit und Regulierung wahr?
Das kommt vor. Bei einem Projekt sollte Photovoltaik in die Fassade integriert werden. Dadurch steigt die technische Komplexität, das Gebäude wird regulatorisch anders eingestuft und bestimmte Materialien sind nicht mehr zulässig. Ich interessiere mich für Low-Tech-Strategien und traditionelle Bauweisen: Ausrichtung, Verschattung, Durchlüftung, thermische Speichermasse oder konstruktiven Holzbau – Architektur, die mit möglichst wenig Technik auskommt.
Warum setzen sich natürliche Materialien wie Holz, Lehm oder Stroh trotzdem nur langsam durch?
Sicherlich erschweren es die Gesetze und Regelungen. Das fängt mit Brandschutzprüfzeugnissen an, die gibt es nicht immer für diese Bauteilaufbauten, weil Brandschutztests teuer sind und erneuert werden müssen. Wenn kein gültiges Prüfzeugnis vorliegt, traut sich niemand, so zu bauen. Auch die Musterholzbaurichtlinie hat strenge Regulierungen: Eine Holzfassade in Gebäudeklasse 5 braucht beispielsweise eine nicht-brennbare Dämmung, also Mineralwolle. Viele Planer:innen und Handwerker:innen haben zudem auch noch wenig Erfahrung. Wenn alles schnell gehen muss, macht man, was man kennt und wo das Detail schon in der Schublade liegt. In anderen Ländern scheinen die Menschen etwas mutiger im „einfach mal machen“. Deutschland ist fehlerscheu.
Wie werden wir mutiger im Experimentieren?
Durch Pilotprojekte oder wenn klar wird, dass es zum Wohnen zum Beispiel viel angenehmer ist. Und indem man zeigt: Bauen mit natürlichen Materialien muss weder kompliziert noch teuer sein. Mit dieser Idee habe ich im Winter 2025 zusammen mit Architekt:innen, Bauingenieur:innen und Handwerker:innen den Verein SoLA e.V. gegründet, der das nachhaltige Bauen in die breite Masse bringen soll. Wir wollen auch Details und Bauteile aus Holz und Lehm entwickeln, die wir dann öffentlich zur Verfügung stellen.
Wo endet Ihr Einflussbereich?
An manchen Stellen stoße ich an regulatorische oder wirtschaftliche Grenzen. Wenn Bauherr:innen bestimmte Mehrkosten nicht mittragen oder der Brandschutz sehr enge Vorgaben macht, wird der Spielraum klein. Gleichzeitig hängt viel davon ab, welche Fachplaner:innen beteiligt sind. Wenn Statiker:innen, Brandschutz- oder Energieberater:innen Erfahrung mit nachhaltigem Bauen haben, entstehen oft deutlich innovativere Lösungen.
Bemerken Sie ein wachsendes Interesse?
Eindeutig. Fortbildungen zu Holz-, Lehm-, Hanf- oder Strohbau, aber auch zur LCA sind oft ausgebucht. Auch in der Lehre verändert sich viel. Themen wie Umbau, Flächensuffizienz oder zirkuläres Bauen spielen im Studium heute eine wesentlich größere Rolle als noch vor einigen Jahren, es gibt neue Professuren dazu. Und auch alteingesessene Büros kommen auf mich zu und wollen ihre Strukturen ändern.
Sind Sie optimistisch, was die Bauwende in Deutschland angeht?
Die neuen EU-Regelungen und das Interesse vieler jüngerer Planer:innen stimmen mich positiv. Gleichzeitig erleben wir auch Rückschritte und politische Verzögerungen. Die EU-Gebäuderichtlinie sollten wir einhalten, sonst werden wir hohe Strafen zahlen müssen.
Wann würden Sie sagen: Jetzt hat sich wirklich etwas verschoben?
Wenn ich nach Berlin komme und Dachaufstockungen und Blockrandverdichtung sehe, idealerweise im Holzbau, keine gesichtslosen Betonklötze auf der grünen Wiese.
Und wenn Wohnen genossenschaftlicher und mehr geteilt wird: Gästezimmer, Waschmaschine, Gemeinschaftsflächen. Eine soziale, grüne Stadt wäre eine echte Verschiebung. Es wird noch dauern, bis ich da keine Arbeit mehr habe. Als die Ex-Bauministerin Klara Geywitz 2024 beim Bündnis bezahlbarer Wohnraum dann aber anfing, von Holzbau, dem zirkulären Bauen und der LCA zu sprechen, habe ich gemerkt: Es kommt doch an.






0 Kommentare