Die Stimme der Vernunft und die Stimme des Traums
Dem Designerduo Lella und Massimo Vignelli ist auf der Mailänder Triennale die Ausstellung "Eine Sprache der Klarheit" gewidmet
Text: Francesca Acerboni, Mailand
Die Stimme der Vernunft und die Stimme des Traums
Dem Designerduo Lella und Massimo Vignelli ist auf der Mailänder Triennale die Ausstellung "Eine Sprache der Klarheit" gewidmet
Text: Francesca Acerboni, Mailand
„Design ist eins. Wenn man eine Sache zeichnen kann, kann man alles zeichnen“ – Massimo Vignelli
Wer schon einmal in New York war, hat den beruhigenden Reisebegleiter im Kopf: die klare, bunte Karte des U-Bahn-Netzes des Big Apple. Das 1966 von der New York City Transit Authority in Auftrag gegebene und Lella (1934–2016) und Massimo Vignelli (1931–2014) gemeinsam mit Bob Noorda entworfene Projekt umfasst sowohl die Beschilderung als auch den U-Bahn-Plan, der von 1972 bis 1979 in Gebrauch war und die nachfolgenden Versionen maßgeblich beeinflussen sollte. Bunte Kreise und lange, stilisierte Linien, die das Streckengewirr eines komplexen Netzwerkes ordnen und lesbar machen. Keine physisch-geografische Karte, eher ein logisch-abstraktes Schema, das nicht nur die Art und Weise revolutioniert, wie städtische Kartografie verstanden wird, sondern den Menschen die Fähigkeit verleiht, sich zu orientieren, an der richtigen Haltestelle auszusteigen und die unterirdische Stadt der Tunnel kennenzulernen, die sich unterscheidet von der oberirdischen Stadt der Straßen. Es ist ein System, um sich fortzubewegen. Das Projekt ist bezeichnend für die Arbeitsweise von Lella und Massimo Vignelli: Klarheit, Strenge, Methodik. Und nichts weiter als der Stadtplan New Yorks, dieser so komplexen und weitläufigen Stadt, wird zum fruchtbaren Boden für Überlegungen, Experimente und Lösungen. „Massimo Vignelli hatte die Fähigkeit, kartografische Komplexitäten zu entschlüsseln“, schreibt Peter B. Lloyd in seinem Essay „A measure of the awesome“ (2026), „und den Mut, sie beiseitezulassen, um Klarheit in den unterirdischen Nahverkehr zu bringen.“
Dies ist eines der vielen perfekten, unglaublichen, spannenden Projekte, um die sich die Retrospektive „Lella and Massimo Vignelli. A Language of Clarity“ dreht, die in der Triennale in Mailand zu sehen ist. Die von Francesca Picchi gemeinsam mit Marco Sammicheli und dem Studio Mut kuratierte Ausstellung entstand mit dem Ziel, eine Lücke zu schließen. Die Präsentation des immensen Gesamtwerks der Vignellis ist viel zu lange in der Schublade geblieben – die letzte, vom Kritiker Gillo Dorfles kuratierte Ausstellung, stammt aus dem Jahr 1981. Dieses Werk „wiederentdecken“ zu lassen, das im kollektiven Bewusstsein oft nur unbewusst präsent war: Man denke an die Logos von Knoll, American Airlines und Benetton sowie, in Italien, an das Logo des TG2 (1988), des zweiten nationalen Fernsehsenders und an die Plakate des Piccolo Teatro von Strehler. Grafikprojekte, auch wenn von höchstem Niveau, bleiben fast immer anonym, der Name Vignelli ist daher vor allem in Fachkreisen ein Begriff.
Francesca Picchi hebt die Kraft einer Entwurfsmethode hervor: rational, klar, präzise, aufklärerisch und aufgeklärt. Die Vignellis „gehören jener Generation von Architekten und Designern an, die das Bild der Moderne in Italien zu verdanken ist – in ständigem Gleichgewicht zwischen Klassik und Experimentalismus, Diskontinuität und Tradition, geprägt von einer Vorliebe für Paradoxe, Mehrdeutigkeit und einer angedeuteten Ironie“, erzählt Picchi im äußerst umfangreichen Buch zur Ausstellung (Electa, Triennale, 2026). Die Vignellis verfügen in der Tat über eine solide Ausbildung als Architekten: Lella, die Schwester von Gino Valle, stammt aus einer Architektenfamilie und schloss ihr Studium an der IUAV (Venedig) bei Carlo Scarpa, Ignazio Gardella und Franco Albini ab, während Massimo am Polytechnikum Mailand und anschließend an der IUAV studierte. Gemeinsam bildeten sie ein unzertrennliches Lebens- und Arbeitspaar, „die Stimme der Vernunft und die Stimme des Traums“. Sie entwarfen nicht etwa nach einem stilistischen Ansatz, sondern nach einer humanistischen, zeitlosen Methode. Ihre einheitliche Formensprache manifestiert sich in der Schriftart Helvetica, die die Vignellis für einen Großteil ihrer Arbeit bevorzugten: schlicht und einfach, wird sie zu einer leuchtenden Synthese – keine Stellungnahme, sondern eine natürliche und konsequente Wahl, die dazu führt, dass ihre Entwürfe im Laufe der Zeit stets hochmodern und doch zeitlos sind. Wenn man durch die Ausstellungsräume schlendert, fällt es schwer, ihre Arbeiten zeitlich einzuordnen.
Vignelli bezeichnete seine Arbeit als „Informationsarchitektur“ und verstand Modernität als einen ständigen Kampf gegen Mittelmäßigkeit und Hässlichkeit. Die visuellen Systeme der Vignellis und die grafischen Raster, mit denen sie Informationen strukturieren, bilden ein logisches und rationales System der Klarheit, das ihre ethische (nicht nur ästhetische) Vision widerspiegelt, demokratisch für die Öffentlichkeit zu gestalten. Ein System, das sowohl unsere Art, komplexe Datensysteme zu lesen, als auch unser Denken und Gestalten der digitalen Systeme der Gegenwart enorm beeinflusst hat.
Die Darstellung der Arbeiten von Lella und Massimo Vignelli entfaltet sich wie eine „Biografie in Projekten“ des außergewöhnlichen Werkes, das das Paar – zwischen Italien und den Vereinigten Staaten – in über 60 Jahren Tätigkeit geschaffen hat: Entlang des Ausstellungsparcours und beim Durchblättern des Katalogs sind die Zeichnungen und grafischen Entwürfe wie Bausteine eines Systems angeordnet, das sich von selbst erklärt und die Gestaltungsphilosophie der Vignellis referenziert. Funktionalität und der Verzicht auf überflüssige Elemente nehmen dem Betrachter niemals das Staunen, die Schönheit und die Freude am Anblick: Die Wand mit den Logos für Knoll, mit Freihandskizzen mit Blei- und Buntstiften, um die Farben herauszustellen, stellt einen sinnlichen, lebendigen und emotionalen Dialog mit dem Betrachter her – umso wichtiger heutzutage, da der physische Aspekt der Zeichnungen in der Sterilität des digitalen Entwurfs verloren geht.
Grafik, Verlagswesen, visuelle Identität, Einrichtung, Beschilderung, Informationssysteme – alles ist Teil desselben gestalterischen Gedankengangs, der auf Rastern, Hierarchien, Typografien, Reduktionen und Farbwahlen basiert. Es gibt keine getrennten Fachbereiche, nur eine einheitliche Kontinuität im Denken und Gestalten, in der die Vignellis nicht als Schöpfer isolierter ikonischer Bilder auftreten, sondern als Gestalter visueller Strukturen. Sie waren in der Lage, Komplexität zu ordnen. Ihre Vorstellung von Klarheit zeigt sich somit nicht bloß in der minimalistischen Ästhetik, viel mehr in dem Willen, die Realität lesbar zu machen. Ein feiner Faden verbindet ihr Werk mit dem Denken der Renaissance: Es entstand ein internationales Geflecht (Mailand, Venedig, Chicago, New York), das durchdrungen von und tief verwurzelt in der italienischen Kultur war.
Die Ausstellung ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Vignelli Center for Design Studies des Rochester Institute of Technology, das über 750.000 Dokumente und Artefakte bewahrt. Aus diesem Bestand haben Francesca Picchi und die Co-Kuratoren den Kern der ausgestellten Materialien ausgewählt und mit Werken aus anderen Archiven ergänzt. Der Rundgang umfasst Skizzen, Prototypen, Filmaufnahmen, Bilder und Objekte (darunter auch die für Venini entworfenen Vasen und weitere selten ausgestellte Stücke). Diese Flut an Dokumenten ist klar strukturiert und geht auf in der ruhigen und schlichten Umgebung. Entworfen von Jasper Morrison und David Saik gemeinsam mit Micael Filipe und Oscar Parkinson folgt die Ausstellung der Curva im Palazzo dell’Arte der Triennale di Milano – ganz im Zeichen jener intellektuellen Eleganz und visuellen Kraft, die die Welt von Lella und Massimo ausmacht.
Lella and Massimo Vignelli A Language of Clarity
Triennale Milano, Piano 1, Curva
Bis 6. September 2026
Triennale Milano, Piano 1, Curva
Bis 6. September 2026







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