Nicht die einzelne Farbe ist entscheidend, sondern ihre Kombination mit anderen Farben
Es ist ein bisschen wie mit dem Senf in der Salatsauce: Wenn er fehlt, ist sie fad. Ester Bruzkus und Peter Greenberg über Harmonie, Widersprüche und Farbenblindheit.
Text: Caroline Kraft, Berlin
Nicht die einzelne Farbe ist entscheidend, sondern ihre Kombination mit anderen Farben
Es ist ein bisschen wie mit dem Senf in der Salatsauce: Wenn er fehlt, ist sie fad. Ester Bruzkus und Peter Greenberg über Harmonie, Widersprüche und Farbenblindheit.
Text: Caroline Kraft, Berlin
Was ist Farbe für Sie?
Peter Greenberg Ein grundlegendes architektonisches Element, kein Zusatz.
Wissen Sie von Anbeginn eines Projekts, wo welche Farbe ins Spiel kommt?
Ester Bruzkus Wir wissen, dass wir Farbe einsetzen werden. Welche genau, ist zunächst zweitrangig. Es geht immer um das Zusammenspiel mit dem Raum. Farbpsychologie ist ein schmaler Grat: Rot ist nicht überall aktivierend und Blau nicht überall beruhigend.
Peter Greenberg Wir wollen Kontraste oder Highlights erzeugen. In unserem Projekt Green Box haben wir ein freistehendes Volumen in einem Betonriegel platziert. Es ging nicht um die Farbe, sondern den Kontrast zur Farbe der Hülle. Es hätte auch eine andere Farbe sein können – entscheidend war, dass sie den Gedanken von Kontrast und Hierarchie vermittelte. Später haben wir dieses Konzept in einer Wohnung weitergeführt: Blue Box.
Wenn es also nicht um die Farbe selbst geht, worum dann?
Peter Greenberg Um ihre Anwendung, die die Idee transportiert. Auf lasiertem Holz bleibt die Maserung sichtbar, bei deckender Farbe nicht. Durchgefärbte Materialien sind auch an den Schnittkanten farbig. Farbe verändert nicht nur die Oberfläche, sondern die Materialwirkung.
Ester Bruzkus Auf lasierten Flächen entstehen auch Lichtreflexionen, fast wie Farbverläufe.
Hat Farbe in der Architektur in Deutschland einen schweren Stand?
Peter Greenberg Im Moment wird Farblosigkeit häufig mit Authentizität gleichgesetzt. Das finde ich merkwürdig. Farbe ist nicht unauthentisch. In der Natur ist alles voller Farben. Die Skepsis hängt wohl auch mit der Dominanz von Trockenbau, Sichtbeton und industriellen Materialien zusammen. Und ganz pragmatisch sind farbige Anstriche teurer als weiße.
Ester Bruzkus Das erleben wir gerade. Bei einem aktuellen Projekt gilt Weiß als Standard. Jede andere Farbe kostet einige Euros mehr pro Quadratmeter – beim Boden wie beim Anstrich. Gleichzeitig herrscht eine gewisse Scheu vor Farbe. Das sieht man schon an den Farbfächern vieler Hersteller: oft fast nur Grautöne. Dabei gibt es gute Gegenbeispiele. In Basel haben wir ein Gebäude von Valerio Olgiati besucht. Fensterrahmen, pulverbeschichtete Elemente, Beton – alles in einem rostigen Rot.
Peter Greenberg Olgiati setzt Farbe architektonisch ein.
Was heißt das?
Peter Greenberg Dass Farbe die Projektidee trägt, nicht umgekehrt. Sie unterstützt Assoziationen. Sie ist wie Material. Viele Architektinnen und Architekten tun sich damit schwer. Sie sagen: Stein hat seine Farbe, Beton ebenfalls. Natürlich stimmt das, aber wie ein Material behandelt wird, ändert seine Farbe auch. Ein lasiertes Holz bleibt Holz und entwickelt dennoch eine zusätzliche räumliche Qualität.
Ester Bruzkus Beim Restaurant REMI sprach der Architekt von einem „warmen Grau“ für Beton, Fenster und Boden. Das haben wir respektiert. Farbe kommt nur an wenigen, genau definierten Stellen hinzu: Die Servicebereiche bestehen aus dunkelrotem, durchgefärbtem MDF, die Gästebereiche aus hellem Holz und Currytönen. Es entstehen Räume im Raum.
Peter Greenberg Die Farbe wird gezielt eingesetzt, oder besser: diszipliniert. Es geht um eine innere Logik.
Das Minimalistische scheint den Einsatz von Farbe teils zu behindern. Wenn in einer Gesellschaft alles immer ähnlicher aussieht – könnte dann nicht auch die Abwesenheit von Farbe politisch sein?
Peter Greenberg Ich bin kein Deutscher. Als ich nach Berlin kam, war ich überrascht, wie bunt die Stadt ist. Deutsche sehen ihre eigenen Farben oft gar nicht. Historisch war deutsche Architektur viel farbiger als wir heute glauben: das Bauhaus, Bruno Taut... Viele dieser Gebäude wurden vor allem in Schwarz-Weiß veröffentlicht. Deshalb verbinden wir die Moderne bis heute mit Weiß, obwohl sie das nie war. Die Vorstellung, Authentizität bedeute Farblosigkeit, ist jung. Und ich glaube, sie wird vorübergehen.
Sie haben auch in der Innenarchitektur gelehrt. Versteht eine Architektin Farbe grundsätzlich anders als ein Innenarchitekt?
Peter Greenberg Architektinnen würden im Idealfall sagen: Eine Wand besteht aus einem bestimmten Material, also sollte sie auch dessen Farbe haben. Innenarchitekten entscheiden meist gar nicht darüber, woraus eine Wand besteht, können aber die Wirkung, die sie erzeugt, annehmen oder ablehnen. Farbe wird zu einem Mittel, auf den Raum Einfluss zu nehmen.
Ester Bruzkus Erst seit etwa fünfzehn Jahren wird die Innenarchitektur langsam als eigenständige Disziplin ernstgenommen. Selbst im privaten Bereich gilt es oft noch als fragwürdig, eine Innenarchitektin zu engagieren – als müsste jeder seine Wohnung selbst gestalten. Es wird einem dann vorgeworfen, man habe selbst nicht genügend Geschmack.
Peter Greenberg Auch die Ausbildung ist eine andere. Architektur beginnt mit einer Ortsanalyse: Man untersucht Stadt, Nachbarschaft und Licht und entwickelt daraus einen Entwurf. Wir übertragen das auf den Innenraum. Unser Ort ist das Gebäude selbst. Welche Materialien bringt es mit? Welche Farben? Wie fällt das Licht? Was erzählt der Bestand? Wir hören dem Gebäude zu. Dann entscheiden wir, ob wir ihm folgen oder widersprechen. In einem Dialog muss man schließlich nicht immer derselben Meinung sein.
Ester Bruzkus Sonst entstehen Räume, denen man ansieht, dass sich niemand wirklich um sie gekümmert hat. Das erlebt man häufig in Schulen oder Krankenhäusern. Ich war einmal in einem Krankenhauszimmer, das angeblich mit „heilenden Farben“ gestaltet worden war. Heilend war daran gar nichts.
Peter Greenberg Ein Innenraum sollte mehr sein als die Konsequenz der Fensterpositionen und des Budgets, das nach dem Rohbau noch für den Boden übrigbleibt. Ich glaube, dass viele Architektinnen ein gewisses Misstrauen gegenüber der Innenarchitektur haben. Sie verstehen ihre Arbeit als vollständig, und dann kommt der Innenarchitekt mit seinen vermeintlich dekorativen Ideen.
Ester Bruzkus Ich habe neulich gehört, Innenarchitektinnen seien ein bisschen wie Neurochirurgen. Sie verändern die Verdrahtungen eines Raumgefühls. Um dieses Gefühl zu beeinflussen, brauchen sie kein Skalpell.
Vermittelt ein gutes Farbkonzept Gefühle?
Peter Greenberg Es entwickelt die Grundidee des Projekts weiter. Atmosphäre entsteht aus vielen Faktoren – Farbe ist einer davon.
Ester Bruzkus Essenziell sind präzise Planung und klare Organisation. Ein sehr reduzierter Raum kann selbst mit einer kräftigen Farbe beruhigend wirken – aufgrund seiner Ordnung.
Peter Greenberg Farbe ist ein Werkzeug. Manchmal entsteht die stärkste Atmosphäre gerade dadurch, möglichst wenig von ihr einzusetzen. Außerdem kommt Farbe nicht nur aus dem Anstrich. Sie steckt im Material, im Licht und im Raum selbst. Deshalb schauen wir immer zuerst, was schon da ist.
Gibt es Farben, die Sie grundsätzlich meiden?
Ester Bruzkus Ich mag Granny-Smith-Grün nicht. Vor ein paar Jahren hätte ich wiederum niemals Braun oder Orange verwendet. Das ändert sich ständig. Entscheidend ist ohnehin nicht die einzelne Farbe, sondern ihre Kombination mit anderen. Deshalb würde ich sagen: Wir verwenden alle Farben.
Peter Greenberg Josef Albers sagte: „Hasse niemals eine Farbe.“ Ihre Wirkung entsteht immer erst im Zusammenspiel mit anderen Farben. Manchmal braucht eine Komposition eine vermeintlich hässliche Farbe, damit sie funktioniert.
Ester Bruzkus Die Köche von REMI mochten Currygelb erst überhaupt nicht. Trotzdem haben sie uns vertraut. Es funktioniert als Gegenpol. Deshalb arbeiten wir so gern für die Gastronomie: Ich mag keinen Zimt. Aber ich würde niemals einen Koch bitten, ihn wegzulassen.
Peter Greenberg Es ist wie mit der Musik. Man würde nicht sagen, dass man einen bestimmten Ton nicht verwendet. Erst im Verhältnis zu anderen Tönen entsteht Harmonie.
Ester Bruzkus Oder Disharmonie.
Würden Ihre Projekte auch ohne Farbkonzept funktionieren?
Peter Greenberg Alles hat doch eine Farbe. Auch ein weißer Kubus ist ein Farbkonzept. Die meisten nehmen das nur nicht wahr.
Ester Bruzkus Manche Projekte funktionieren am besten monochrom. Beim Burgerrestaurant Flip & Fry wollten wir ein monochromes Farbkonzept. Der Bauherr wünschte sich jedoch mehrere Farben. Unterschiedliche Materialien bleiben auch innerhalb eines einzigen Farbtons lesbar. Monochromie kann unglaublich kraftvoll sein. Bei diesem Projekt haben wir dann mit Farbblöcken gearbeitet.
Kann Farbe schlechte Architektur retten? Oder anders gefragt: Kann sie unsere Wahrnehmung eines Gebäudes grundlegend verändern?
Ester Bruzkus Ich glaube schon. Taucht man einen Raum konsequent in eine Farbe, lässt sich alles andere wegschauen.
Peter Greenberg Schlechte Architektur ist allerdings nicht schlecht, weil ihr Farbe fehlt, sondern weil sie schlecht ist.
Ester Bruzkus Andererseits: Stell dir einen Raum mit klobigen Kunststofffenstern und einer abgehängten Holzdecke vor. Fasst man Fensterrahmen, Decke, Wände und vielleicht sogar den Boden in einem einzigen Farbton zusammen, treten die einzelnen Oberflächen optisch zurück. Oft geht es auch gar nicht darum, etwas hinzuzufügen, sondern Schichten abzutragen und die vorhandenen Qualitäten wieder sichtbar zu machen. Das ist wie eine Entgiftung für ein Gebäude.
Ester Bruzkus studierte Architektur an der TU Berlin und der Ecole Nationale Supérieure d‘Architecture de Paris-Belleville. Sie arbeitete unter anderem bei Zvi Hecker, bevor sie 2002 ihr eigenes Büro gründete.
Peter Greenberg studierte Architektur an der Yale University und der Harvard Graduate School of Design. Nach leitender Mitarbeit bei Robert Luchetti Associates machte er sich 2005 selbstständig und arbeitet seit 2016 mit Ester Bruzkus.






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