Bauwelt

Zwei Ausstellungen, eine Stadt

Zwei fotografische Perspektiven auf Halle an der Saale: Helga Paris und Konstanze Göbel dokumentieren zwischen Verfall und Aufbruch den Wandel der Stadt kurz vor der Wende.

Text: Miriam Zimmermann, Leipzig

  • Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85<br />
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    Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85
    © Nachlass Helga Paris

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    Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85

    © Nachlass Helga Paris

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    Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85
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    Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85

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  • Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85<br />
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    Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85
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    Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85

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  • Konstanze Göbel, Geiststraße, 1988, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989<br />
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    Konstanze Göbel, Geiststraße, 1988, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989
    © Konstanze Göbel

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    Konstanze Göbel, Geiststraße, 1988, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989

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  • Konstanze Göbel, Geiststraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989<br />
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    Konstanze Göbel, Geiststraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989
    © Konstanze Göbel

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    Konstanze Göbel, Geiststraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989

    © Konstanze Göbel

Zwei Ausstellungen, eine Stadt

Zwei fotografische Perspektiven auf Halle an der Saale: Helga Paris und Konstanze Göbel dokumentieren zwischen Verfall und Aufbruch den Wandel der Stadt kurz vor der Wende.

Text: Miriam Zimmermann, Leipzig

„Schwarz – Grau – Weiß ist meine Farbigkeit. Mit ihr versuche ich, meine Betroffenheit vom Leben sichtbar werden zu lassen.“ (Konstanze Göbel)

Als Auftakt des Halleschen Foto-Sommers zeigen das Kunstmuseum Moritzburg und das Literaturhaus Halle zwei Ausstellungen, die sich zwar auf zwei Orte verteilen, jedoch als zusammenhängende Erzählung gelesen werden können: „Häuser und Gesichter“ von Helga Paris (*1938–2024) und „Halle im Umbruch“ von Konstanze Göbel (*1950). Beide Serien erzählen vom Zustand einer Stadt, deren Alltag von Verfall und Erneuerung gleichermaßen geprägt ist wie von Resignation und Aufbruch. Wer den beiden fotografischen Positionen chronologisch begegnen mag, beginnt in der Moritzburg und setzt den Rundgang oder die Radtour wenige Minuten später im Literaturhaus Halle fort.
Anfang der 1980er Jahre regte der Fotograf Arno Fischer an, die DDR in der Tradition der sozialdokumentarischen US-amerikanischen Fotografie der 30er Jahre zu porträtieren. In dem Zuge entschied sich Helga Paris, damals in Berlin lebend, für Halle an der Saale: eine Stadt, zu der sie über ihre Tochter, die dort eine Ausbildung machte, eine persönliche Beziehung pflegte. Zwischen 1983 und 1985 entstand eine ebenso präzise wie poetische Bestandsaufnahme des urbanen Lebens. Auf ihren Streifzügen fotografierte Paris öffentliche Plätze, vom Verfall gezeichnete Gebäude und die Menschen, die sich darin aufhielten.
„Später hat Helga Paris berichtet, dass sie während des Fotografierens in Halle ungewöhnlich viele Anfeindungen erlebt hat“, erzählt Kuratorin Jule Schaffer, Leiterin der Sammlung Fotografie des Kunstmuseums Moritzburg. Davon ließ sich die Fotografin jedoch nicht beirren. Ihre einfühlsamen Porträts, häufig nach direkter Ansprache entstanden, begegnen den Menschen mit großer Nähe. Nicht nur die Fassaden, auch die Gesichter scheinen müde und resigniert. Gerade diese schonungslose Authentizität wurde der Serie zum Verhängnis: Als sie 1986 erstmals gezeigt werden sollte, wurde die Ausstellung auf Betreiben der SED-Kulturpolitik verhindert. Der Verfall der Stadt erschien den Verantwortlichen als Angriff auf die sozialistische Stadtplanung; der begleitende Katalog wurde eingezogen.
Vier Jahrzehnte später präsentiert das Kunstmuseum Moritzburg erstmals die vollständige Serie gemeinsam mit dem ursprünglichen Katalog. Die zurückhaltende, gleichmäßige Hängung lässt den Fotografien Raum, ihre Wirkung zu entfalten. Viele Besucherinnen und Besucher erkennen Straßenzüge, Häuser oder ihre Nachbarn wieder. Vor den Fotografien entstehen immer wieder spontane Gespräche. Die Ausstellung ist Ort kollektiver Erinnerung.
Nur wenige Straßen entfernt setzt Konstanze Göbels Serie „Halle im Umbruch“ diese Erzählung anders fort. Sie entstand unmittelbar im Anschluss an die Arbeit von Helga Paris und wurde vom Rat der Stadt Halle als Gegenbild in Auftrag gegeben. Im Auftrag der Stadt sollte sie den städtebaulichen Fortschritt und die neu entstandenen Wohnquartiere dokumentieren. Doch Göbel liefert keine Erfolgsgeschichte. Stattdessen entstand eine vielschichtige Beobachtung einer Stadt im Wandel.
Aus mehr als 2000 Negativen wählte Göbel 50 Fotografien aus. Sie zeigen verwitterte Altbauten neben frisch entstandenen Baulücken und neu errichteten Plattenbauten, überzogen von einer gleichförmigen grauen Atmosphäre. Dazwischen entfaltet sich der Alltag: Menschen gehen einkaufen, fahren Fahrrad oder beobachten spielende Kinder. Mit großer Sensibilität für räumliche Strukturen und beiläufige Details dokumentiert Göbel das Nebeneinander von Abriss und Leben. Die Risse in den Fassaden werden dabei zu sichtbaren Spuren eines gesellschaftlichen Umbruchs, der sich unmittelbar in den Stadtraum einschreibt.
Die Präsentation der Serie im Literaturhaus Halle verleiht ihr eine zusätzliche räumliche Ebene. Die gründerzeitliche Villa mit ihren großzügigen Raumfluchten, hohen Decken und sorgfältig restaurierten historischen Details bildet einen starken Kontrast zu den fotografierten Straßenräumen. Während Göbels Bilder vom Verlust, von Brüchen und tiefgreifenden Veränderungen erzählen, steht das Gebäude selbst für Kontinuität und den behutsamen Erhalt historischer Bausubstanz. Gerade dieses Spannungsverhältnis schärft den Blick auf die Fotografien: Architektur erscheint hier nicht allein als Motiv, sondern als Träger von Erinnerung und gesellschaftlicher Geschichte.
Die Fotografien von Göbel und Paris nutzen Motive der Architektur als Dokument gesellschaftlicher Zustände, politischer Entscheidungen und individueller Biografien. Die Fotografien von Helga Paris und Konstanze Göbel machen sichtbar, wie sich Geschichte nicht nur in Archiven, sondern unmittelbar im Stadtraum einschreibt.
Konstanze Göbel. Halle im Umbruch 1987–1989
im Literaturhaus Halle
Bis 16. August 2026
Helga Paris. Häuser und Gesichter Halle 1983–85
im Kunstmuseum Moritzburg
Bis 20. September 2026


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