Bauwelt

Die verdrängte Seite der Stadt

Jede Stadt produziert Abfall – das ist eine Konstante ihrer Geschichte. Gewandelt hat sich über die Zeit allerdings nicht nur dessen Menge, sondern auch der Wert, der dem Müll beigemessen wurde.

Text: Köster, Roman, München

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    Müllbeseitigung als Straf­arbeit: Im Hamburg des 17. Jahrhunderts hatten Gefangene die Abfälle der Stadt aufs Land zu bringen.
    Foto: Staatsarchiv Hamburg

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    Müllbeseitigung als Straf­arbeit: Im Hamburg des 17. Jahrhunderts hatten Gefangene die Abfälle der Stadt aufs Land zu bringen.

    Foto: Staatsarchiv Hamburg

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    Das Foto aus dem 19. Jahrhundert zeigt in der Bildmitte eine Mündung der antiken Cloaca Maxima in den Tiber von Rom.
    Foto: Wellcome Collection Gallery

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    Das Foto aus dem 19. Jahrhundert zeigt in der Bildmitte eine Mündung der antiken Cloaca Maxima in den Tiber von Rom.

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    Ein Lumpensammler auf der Avenue des Gobelins von Paris im Jahr 1899.
    Foto: Eugène Atget

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    Ein Lumpensammler auf der Avenue des Gobelins von Paris im Jahr 1899.

    Foto: Eugène Atget

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    In einer Lappenwerkstatt wurden im 19. Jahrhundert gesammelte Stoffreste sortiert, geschnitten und zu neuen, verwertbaren Textilien hergerichtet.
    Zeichnungen aus: Louis Figuier: Les merveilles de l’industrie ou, Description des principales industries modernes. Band II, Paris, 1873–1877.

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    In einer Lappenwerkstatt wurden im 19. Jahrhundert gesammelte Stoffreste sortiert, geschnitten und zu neuen, verwertbaren Textilien hergerichtet.

    Zeichnungen aus: Louis Figuier: Les merveilles de l’industrie ou, Description des principales industries modernes. Band II, Paris, 1873–1877.

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    Ein mechanischer Lappenschneider, 1873.
    Zeichnungen aus: Louis Figuier: Les merveilles de l’industrie ou, Description des principales industries modernes. Band II, Paris, 1873–1877.

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    Ein mechanischer Lappenschneider, 1873.

    Zeichnungen aus: Louis Figuier: Les merveilles de l’industrie ou, Description des principales industries modernes. Band II, Paris, 1873–1877.

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    In den 1920er Jahren begannen deutsche Städte mit der Einfuhr einer „staubfreien Müllabfuhr“, bei der die Größe der Mülltonnen auf die Öffnungen der „Spezialwagen“ angepasst wurde.
    Foto: Staats­archiv Hamburg

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    In den 1920er Jahren begannen deutsche Städte mit der Einfuhr einer „staubfreien Müllabfuhr“, bei der die Größe der Mülltonnen auf die Öffnungen der „Spezialwagen“ angepasst wurde.

    Foto: Staats­archiv Hamburg

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    Aufgereihte Mülltonnen, befestigt in einem Hamburger Wohnhof 1925.
    Foto: Staats­archiv Hamburg

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    Aufgereihte Mülltonnen, befestigt in einem Hamburger Wohnhof 1925.

    Foto: Staats­archiv Hamburg

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    „Tieni Venezia pulita“ – Halten Sie Venedig sauber. Wo viele Menschen zusammenkommen, ist Sauberkeit eine Sisyphosarbeit. Damit Müllsäcke den öffentlichen Raum der Touristenstadt nicht verschandeln, müssen sie zu Sammelbooten gebracht werden; oder man wartet auf die Straßenreinigung, die die Säcke an der Tür abholt.
    Foto: Simona Abbondio/Alamy

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    „Tieni Venezia pulita“ – Halten Sie Venedig sauber. Wo viele Menschen zusammenkommen, ist Sauberkeit eine Sisyphosarbeit. Damit Müllsäcke den öffentlichen Raum der Touristenstadt nicht verschandeln, müssen sie zu Sammelbooten gebracht werden; oder man wartet auf die Straßenreinigung, die die Säcke an der Tür abholt.

    Foto: Simona Abbondio/Alamy

Die verdrängte Seite der Stadt

Jede Stadt produziert Abfall – das ist eine Konstante ihrer Geschichte. Gewandelt hat sich über die Zeit allerdings nicht nur dessen Menge, sondern auch der Wert, der dem Müll beigemessen wurde.

Text: Köster, Roman, München

Müll ist ein Gattungsmerkmal: Menschen haben schon immer Abfälle produziert, Dinge, mit denen sie nichts mehr anfangen konnten, die sie störten, die sie als schmutzig empfanden. Was sie allerdings an Müll produzierten, hat sich durch die Geschichte hindurch stark verändert: In vormodernen Gesellschaften bis ins 18. Jahrhundert fielen hauptsächlich organische Abfälle an, die nach kurzer Zeit zu Kompost wurden. Heute hingegen wird nicht nur immer mehr, sondern immer diverserer Müll produziert. Gerade Chemikalien oder Kunststoffe vergehen nicht mehr so einfach – eine im Meer schwimmende Plastikflasche braucht bis zu tausend Jahre, bis sie sich vollständig zersetz hat.
Entsprechend hat sich auch die Wahrnehmung und der Umgang mit Abfällen grundlegend verändert. Abfälle galten durch die Geschichte hindurch als nutzlos oder potenzielle Gefahr. Doch abgesehen davon warfen sie ein einfaches und grundlegendes Problem auf: Sie nahmen Platz weg. Selbst in Gesellschaften, die nur sehr wenig Müll produzierten, sammelte er sich an und wurde irgendwann zu viel. Diese Probleme stellten sich besonders dort, wo die Menschen den Raum, in dem sie zusammenlebten, durch Gebäude beengten: in Städten. Auf dem Land gab es stets genug Platz, um Abfälle loszuwerden, zumal organische Abfälle sehr häufig auch als Dünger auf die Felder aufgetragen werden konnte. In der Stadt war das jedoch viel schwieriger. Betrachtet man die frühen Anstrengungen, mit Müll umzugehen, dann lassen sich diese praktisch immer in den Städten lokalisieren.
Es gab zwei Wege, Abfälle aus der Stadt zu schaffen: Entweder wurden sie in Gruben oder Latrinen gesammelt oder über Flüsse und Kanäle abgeschwemmt. Das antike Rom beispielsweise konnte trotz seiner großen Bevölkerungszahl von etwa einer Million auf „professionelle“ Sammeldienste verzichten, weil ein Großteil der Abfälle über die Cloaca Maxima in den Tiber geschwemmt wurde. Doch das Abschwemmen des Mülls war nicht überall möglich und auch nicht immer sinnvoll. Die Städte mussten Gefälle nutzen können oder an einem Fluss liegen. Zudem vergab man damit die Möglichkeit, Abfälle wieder- und weiterzuverwenden. So waren Fäkalien beispielsweise der wichtigste Dünger vormoderner Gesellschaften.Die Alternativen zum Abschwemmen waren Misthaufen oder Senkgruben, die aber rasch zu groß oder zu voll wurden und dann weggeschafft und entleert werden mussten. Das war alles andere als eine leichte Aufgabe. Um eine Senkgrube zu entleeren, brauchte es Fuhrwerk und mindestens einen Arbeitstag. Und wohin sollten die Abfälle dann gebracht werden? Naheliegend war, sie vor die Tore der Stadt zu schaffen. Dort konnten sie in den Gartenwirtschaften, die sich üblicherweise um die Städte im christlichen und islamischen Kulturkreis angelagert hatten, als Dünger verwendet werden.
Hinaus vor die Tore der Stadt
In den vormodernen Städten gab es zahlreiche Menschen, die in der einen oder anderen Weise ihren Lebensunterhalt mit der Sammlung und Verwertung von Abfällen bestritten. Erstaunlich ist, wie viele Bezeichnungen es beispielsweise in Neapel während der Frühen Neuzeit für die Tätigkeiten gab, die sich in der einen oder anderen Weise mit Abfällen befassten. Gebrauchtwarenhändler firmierten hier unter der Bezeichnung Banca­ruzzari. Ein Capillo sammelte Haarflechten und Frauenhaare, um sie an Perückenmacher zu verkaufen. Ein Ceneraro verkaufte Asche, die für die große Wäsche gebraucht wurde. Latrenare verkauften Schlamm aus den Abflussgräben als Dünger, fungierten aber auch als Zwischenhändler für die Lutammari, die Latrinen säuberten, und die Puzzari, die Senkgruben entleerten. Die Mussolinare wiederum sammelten Stofffetzen und andere noch verwertbare Materialien von den Straßen und Hinterhöfen auf. Ein faszinierendes Kaleidoskop an Berufsbezeichnungen für diejenigen, die in irgendeiner Form mit Überresten der Stadtgesellschaft ihren Lebensunterhalt finanzierten.
Neben den Praktiken des Wiedernutzens antworteten beispielsweise englische Städte schon seit dem Spätmittelalter auf ihre Abfallprobleme, indem sie Gruppen damit beauftragten, für die Sammlung und Wegschaffung von Abfällen zu sorgen. Das war besonders dann der Fall, wenn die Städte wohlhabend und dicht bevölkert waren. Da man sich auf diese Weise auch verwertbare Materialien aneignete, konnte es dafür, wie in London seit dem 16. Jahrhundert, sogar regelrechte Ausschreibungen geben. Trotzdem hatten diese Sammeldienste noch wenig damit zu tun, was wir heute unter einer Müllabfuhr verstehen. Zumeist handelte es sich um Bauern aus der Umgebung, die mit Pferdefuhrwerken operierten und vor allem Verwertbares aus dem Müll ziehen wollten.
Auch wenn es zwischen den Städten große Unterschiede gab – je nachdem wie eng die Menschen zusammenlebten, ob Tiere in der Stadt gehalten wurden – blieb diese vormoderne „Abfallwirtschaft“ vielerorts bis ins 19. Jahrhundert bestehen. Dann jedoch begannen sich die Dinge grundlegend zu verändern. Das hing zunächst mit einem der großen säkularen Trends seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusammen, nämlich dem Bevölkerungs- und Städtewachstum. Immer mehr Menschen erzeugten immer mehr Abfälle, für deren Beseitigung gesorgt werden musste. Damit mussten sich auch die Sammelanstrengungen verstärken, zumal man mit der Zeit den Zusammenhang zwischen Hygiene und der Ausbreitung von Infektionskrankheiten besser verstand.
Hygiene, Gesundheit, Verdrängung
Nach Ansicht des Historikers Lewis Mumford bestand die bemerkenswerteste Leistung der industriellen Stadt darin, Lösungen für die Probleme gefunden zu finden, die sie selbst erst hervorgebracht hatte: die katastrophale Wohnsituation der unteren Schichten beispielsweise. Dazu gehörten auch die dramatischen hygienischen Probleme, die die Ausbreitung von Epidemien wie der Cholera beförderten, die zum großen Schrecken des 19. Jahrhunderts wurde und in verschiedenen Wellen besonders während der 1830er und 1860er Jahre Städte immer wieder in einen Ausnahmezustand versetzte.
Gleichwohl war die Verbesserung der Verhältnisse ein langfristiger Vorgang, der erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirklich zum Durchbruch kam. In den 1850er Jahren wurde in Metropolen wie London und Paris mit dem Bau unterirdischer Kanalisationssysteme begonnen, mit denen Fäkalien separat abgeführt werden konnten. Im gleichen Zeitraum begann auch der Siegeszug der kommunalen Müllabfuhr, deren Zweck die Gefahrenabwehr innerhalb des Stadtraums war und nicht mehr vorrangig die Verwertung der Abfälle. Das verband sich mit verschiedenen technischen Innovationen, insbesondere aus Stahlblech gefertigten geschlossenen Mülltonnen seit den 1880er Jahren. Mit diesen ließen sich Abfälle hygienisch lagern, der traditionellen Verwertungsarbeit standen sie jedoch im Weg. Wie die Einführung solcher Mülltonnen in Paris 1883/84 durch den Stadtpräfekten Eugène Poubelle zeigte, ging es nicht nur um Hygiene, sondern auch um die Verdrängung der abertausenden von Chiffonniers, der Lumpensammler, die auf den Straßen der Seine-Metropole ihren Lebensunterhalt bestritten.
Industrialisierung nicht das Ende des Recyclings
Überraschenderweise bedeutete Urbanisierung und Industrialisierung jedoch keineswegs das Ende des Recyclings. Die Industrialisierung beseitigte vielmehr die Engpässe von Transport und Energie, die das Wiedernutzen lange Zeit behindert hatten. Weil zugleich zahllose neue Recyclingtechnologien entwickelt wurden, recycelten Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielleicht so viel wie nie zuvor. Was eines der großen Umweltprobleme vormoderner Städte gewesen war, nämlich Tierkadaver auf den Straßen, wurde zum Rohstoff für eine effizient arbeitende Verwertungsindustrie. Es entstanden globale Märkte für aus heutiger Sicht eher unwahrscheinliche Materialien wie Lumpen oder Knochenmehl.
Eine entscheidende Wendung hin zu unserer heutigen Welt der Müll-Lawinen und Megadeponien lässt sich eher um die Wende zum 20. Jahrhundert beobachten: In den industrialisierten Ländern wurde die Güterproduktion immer effizienter, und die Reallöhne stiegen an. Damit schwanden die wirtschaftlichen Anreize für das Recycling. Zugleich veränderte sich aber nach und nach auch die materielle Grundlage der kapitalistischen Massenproduktion. Für viele klassische Recyclingmaterialien wurden Ersatzstoffe entwickelt. Fäkalien brauchte man nicht mehr zu sammeln, wenn Salpeter oder Kunstdünger reichhaltig verfügbar waren. Die Lumpenpreise fielen in den Keller, wenn sich auch hochwertige Papiersorten aus Holzschliff herstellen ließen. Für Gummi, Latex, Baumwolle und vieles andere wurden synthetisch hergestellte Alternativen entwickelt.
Trotzdem wuchsen die Abfallmengen zunächst langsam, zumal die Weiterentwicklung der Sammlungstechnologien in der Zwischenkriegszeit einen internationalen Sauberkeitswettbewerb befeuerten. Wenn Außenminister Gustav Stresemann 1927 die Städtehygiene als Deutschlands besten Botschafter in der Welt bezeichnete, dann zeigte das anschaulich, welche Rolle die Sauberkeit der Städte für die Wahrnehmung des Standes der Zivilisation spielte. Motorisierte Sammelfahrzeuge, Mülltonnen, deren Inhalt staubfrei in die Sammelfahrzeuge entleert werden konnten, Umladestationen: Sie alle standen als Botschafter für die neuen Wege, Städte sauber zu halten.
Die schöne saubere Welt der Städtehygiene sollte jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend durch neue Entwicklungen herausgefordert werden. Das war zunächst ein historisch geradezu beispielloser Anstieg der Müllmenge. In Westdeutschland verdoppelte sich die Gesamtmenge allein während der 1960er Jahre. Erst während der 1980er Jahre schwächte sich ihr Wachstum ab. Die Infrastrukturen der Abfallsammlung erwiesen sich als zunehmend überfordert. Gerade in den wohlhabenden westlichen Ländern war es zudem enorm kompliziert, noch Arbeiterinnen und Arbeiter für die Müllsammlung zu finden. Die Folgen waren bald sicht- und riechbar, etwa in Form von zahllosen wilden Mülldeponien in den Städten. Und etwas Anderes kam noch hinzu: In der Welt der Städtehygiene erschien es als ausgemacht, dass Abfallprobleme technisch lösbar waren. Die Hauptaufgabe bestand darin, Müll zu sammeln und aus der Stadt zu bringen. War das einmal geschafft, erschienen die wesentlichen Probleme als gelöst. Das alles war nun aufgrund einer veränderten Zusammensetzung des Abfalls nicht mehr der Fall, der vielmehr das Grundwasser vergiftete und leicht zu brennen anfing. Nicht mehr die Hygiene stand im Vordergrund – der Müll wurde stattdessen zu einer Umweltgefahr.
Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich der Umgang mit Müll langfristig grundlegend verändern sollte. Am erfolgreichsten war die Anpassung dabei sicherlich bei der Sammlung: Während der 1960er Jahre wurden neue Sammelfahrzeuge und Mülltonnen entwickelt, die es der Müllabfuhr ermöglichten, immer mehr Abfälle mithilfe immer weniger Menschen einzusammeln. Eine wichtige Innovation war etwa der 1964 in Wiesbaden eingeführte MGB 1,1 (MGB = Müllgroßbehälter), der besonders für große Apartmenthäuser geeignet war. Die Einführung von mit Rädern ausgestatteter Plastikmülltonnen erleichterte die Sammlung, die vormals oftmals eine kaum erträgliche Knochenarbeit gewesen war. Zu Beginn der 1970er Jahre bestand die Besatzung eines Müllfahrzeugs noch üblicherweise aus sieben Arbeitskräften, heute sind es oftmals nur noch zwei oder drei.
Kernproblem: die Entsorgung
Zur eigentlichen urbanen Streitfrage wurde aber etwas anderes, nämlich die Entsorgung. Der begrenzte Stadtraum machte die Ablagerung problematisch: Deponien wuchsen angesichts der anschwellenden Abfallströme schnell zu Pyramiden des Konsumzeitalters an. Das war nicht nur aufgrund des Platzmangels ein Problem: Vielmehr belasteten Deponien städtische Umwelten, weil sie Grundwasser und Boden kontaminierten, Ratten, Vögel und Insekten anzogen, gerade im Sommer aber auch häufig zu brennen anfingen. Das war nicht zuletzt eine Folge einer veränderten Zusammensetzung des Mülls, in dem immer mehr Kunststoffe und Chemikalien zu finden waren. Wenn es während der 1960er Jahre auf Frankfurts Zentraldeponie „Monte Scherbelino“ brannte, dann roch die ganze Stadt nach Müll.
Doch was waren die Alternativen? Viele Städte investierten seit den 1960er Jahren viel Geld in Müllverbrennungsanlagen, die in wohlhabenden Ländern bald zur bevorzugten urbanen Entsorgungslösung wurden: Sie nahmen weniger Platz weg und konnten näher an den Stadtraum heran gebaut werden. Doch seit den 1970er Jahren erwies sich auch die Verbrennung als eine zunehmend umstrittene Technologie, weil Gifte und Schadstoffe beim Verfeuern des Abfalls emittiert wurden. Insbesondere die Dioxin-Angst der 1980er Jahre blockierte vielerorts den Bau neuer Anlagen und trug zu den dramatischen Abfallkrisen dieses Jahrzehnts bei.
In gewisser Weise sieht die Situation heute besser aus: Die Technologien der Sammlung können mittlerweile als ausgereift gelten. Die Umweltgefährdung durch Verbrennung und Deponierung wurde aufgrund tech­nischer Innovationen (insbesondere der Entwicklung neuer Filtersysteme) stark verringert. Abfall galt deswegen lange Zeit als ein Umweltproblem, das tatsächlich technisch lösbar war. Und dennoch sind die Abfallprobleme gerade in den Städten heute so groß wie nie zuvor. Das gilt in Teilen für Westeuropa – vor allem zeigen sich aber in wachsenden asiatischen und afrikanischen Metropolen noch große Schwierigkeiten, Abfälle zu sammeln und umweltgerecht zu deponieren. Technologien allein lösen das Problem also nicht, sondern ihre Implementierung muss finanziert werden. Sie müssen mit der gebauten Umwelt der Städte zusammenpassen, und sie müssen von den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt akzeptiert und unterstützt werden. Erst wenn das der Fall ist, lassen sich die globalen Abfallprobleme einer Lösung näherbringen.

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