Bauwelt

Martin Kaltwasser (1965–2022)

Text: Maechtel, Annette, Berlin

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Foto: M. Jezierny

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Martin Kaltwasser (1965–2022)

Text: Maechtel, Annette, Berlin

Martin habe ich 2004 beim Hausbau auf einem Acker vor der Kulisse der Berliner Gropiusstadt kennengelernt. Dort bauten er und Folke über Nacht aus Abfallholz ein Gecekondu, was auf türkisch: Haus, über Nacht gebaut, heißt. Die Arbeit war ein Ergebnis ihrer Recherchen in Istanbul und für Berlin eine neue Form der Raumaneignung. Das Baumaterial – wie auch wirklich alles andere – wurde mit dem Lastenrad transportiert. Martin und Folke waren die ersten, die ich kannte, die ein Lastenrad hatten. Aber zuletzt war Martin eher mit einem Klapprad unterwegs, das er im Zug nach Dortmund – wo er seit 2019 eine Professur für das Fachgebiet Plastik an der TU hatte ­– besser mitnehmen konnte.
In den letzten Jahren verband uns das Buch „die stadt von morgen“, nicht der Interbau-Führer mit den Architektengrößen von 1957, sondern das Buch von Karl Otto, in dem die Ideologie der Nachkriegsmoderne vorgestellt wurde. Regelmäßig lieh er sich das Buch bei mir aus. Als ausgebildeter Architekt recycelte er nicht nur Material, sondern auch architektonische Konzepte. Im Berliner Hansaviertel gab es für ihn viel Potenzial für gemeinschaftlich genutzte Räume, die dort brach lagen. Die Familie war 2004 selbst dorthin gezogen.
An Martin werde ich denken, wenn ich die Wäsche in der Gemeinschaftswaschküche im 9. Stock mit Blick über ganz Berlin aufhänge. Die Waschküche sollte 2008 verkauft werden und damit das Herzstück des Hauses, in dem wir beide wohnten. Martin stimmte – als einer der wenigen aus der Eigentümergemeinschaft – gegen den Verkauf. Mit nur einer Gegenstimme konnte die Waschküche nicht verkauft werden. In der Waschküche steht ein Körbchen mit Wäscheklammern und einem Pappschild mit der Schrift von Martin: „von Martin für alle“.
Mehrfach lief er beim Marathon mit. Das Laufen war ihm wichtig, um nachzudenken. Er war sehr friedfertig, aber einen klaren Gegner hatte er: den ehemaligen Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann. Die von diesem verantwortete Stadt stand für alles, wofür Martin nicht stand: eine historisierende Rekonstruktion, eine ren­diteorientierte Immobilienwirtschaft, geschlossene Fassaden und homogene Stadträume. Stimmanns Planwerk Innenstadt verfolgte Martin selbst beim Laufen. Dazu gibt es ein wunderbares Video.
Ich durfte einige seiner künstlerischen Projekte in einer Überschneidung als Nachbarin, Mutter gleichaltriger Kinder, Freundin und Kuratorin begleiten. Viele Überschneidungen gab es auch durch die neue Gesellschaft für bildende Kunst. Dort war er in vielen wichtigen Ausstellungen und Arbeitsgruppen vertreten, die sich mit Urbanismus, Konsumkritik, Nachhaltigkeit, Selbstorganisation – aber auch den prekären Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern beschäftigten.
Viele Projekte fanden außerhalb von Berlin statt, im Ruhrgebiet, in England, in Kanada. Es waren aufwendige Projekte, bei denen Räume entstanden – nicht für, sondern mit den späteren Nutzerinnen. Er ging grundsätzlich von dem aus, was vorhanden ist. Nicht „form follows function“, sondern „function follows form“ war seine Devise. Das, was andere wegwarfen, wurde von ihm weiter genutzt, benutzt, umgenutzt.
Die Projekte kosteten Zeit und enormen körperlichen Einsatz. Ich kann mich an wenige Geburtstagsfeiern erinnern, denn dafür hatte er keine Zeit. Um genug Zeit für seine Projekte zu haben, führte er lange To-do-Listen, ganz unten stand „ausruhen“. Für Martin war Tod kein Tabu­thema. Mit 13 hatte er seinen Vater verloren, später seine Freundin. In einem Video von 2010, in dem es eigentlich um eine künstlerische Arbeit ging, sagte er: „The experience of death was fundamental. Life can be over in half a year.“ Er lebte im Jetzt. Und nutzte – und kostete – wirklich jede Minute des Lebens aus.
Er hinterlässt ein bedeutsames künstlerisches Werk, das vor allem eine Praxis war, bei der Raum Ausgangspunkt und zugleich Ergebnis eines sozialen Prozesses ist. Raum war für ihn keine feste Größe, sondern veränderbar und gestaltbar. Insofern gab es für ihn zwischen Kunst, Architektur und Aktivismus keine Trennung. Er hinterlässt eine Lücke als politisch-visionärer Künstler, als liebenswerter Freund und als besonderer Mensch.

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