Mariupol. Stadtplanung im Feindgebiet

Die legitime Stadtverwaltung von Mariupol arbeitet derzeit von Saporischschja aus, um über den Wiederaufbau der Heimatstadt nachzudenken. Wie lässt sich planen für einen Ort, der auf brutale Weise dem Erdboden gleichgemacht wurde?

Text: Treffers, Fulco, Amsterdam

    Durch Beschuss beschädigte Wohnhäuser an der Ecke Schewtschenko-Boulevard/Kuprina-Straße Mit-te März 2022, als die russische Armee behauptete, nur militärische Ziele anzugreifen.
    Foto: picture alliance/Profimedia

    Durch Beschuss beschädigte Wohnhäuser an der Ecke Schewtschenko-Boulevard/Kuprina-Straße Mit-te März 2022, als die russische Armee behauptete, nur militärische Ziele anzugreifen.

    Foto: picture alliance/Profimedia

    Symbol einer humanitären Katastrophe: Im Keller des Theaters von Mariupol hatten Hunderte Familien mit kleinen Kindern Schutz gesucht, ...
    Foto: picture alliance/TASS/Vladimir Gerdo

    Symbol einer humanitären Katastrophe: Im Keller des Theaters von Mariupol hatten Hunderte Familien mit kleinen Kindern Schutz gesucht, ...

    Foto: picture alliance/TASS/Vladimir Gerdo

    ... als das Gebäude am 16. März vermutlich von einer 500-Kilo-Bombe getroffen wurde.
    Foto: picture alliance/TASS/Yegor Aleyev

    ... als das Gebäude am 16. März vermutlich von einer 500-Kilo-Bombe getroffen wurde.

    Foto: picture alliance/TASS/Yegor Aleyev

    Der Generalplan von 2020 dient dem Stadtplanungsamt im Exil als Grundlage für eine neue Zukunftsvision. Das Asow-Stahlwerk liegt direkt an der Küste (rosa Fläche).
    Abbildung: Staatliches Forschungs- und Planungsinstitut „Dipromisto“, Kyjiw

    Der Generalplan von 2020 dient dem Stadtplanungsamt im Exil als Grundlage für eine neue Zukunftsvision. Das Asow-Stahlwerk liegt direkt an der Küste (rosa Fläche).

    Abbildung: Staatliches Forschungs- und Planungsinstitut „Dipromisto“, Kyjiw

    Wohnungsbau als Machtdemonstration: Unmittelbar nach Einmarsch in Mariupol erhielt ein Baubatallion der russischen Armee den Befehl zur Planung neuer Häuser.
    Foto: picture alliance/AP

    Wohnungsbau als Machtdemonstration: Unmittelbar nach Einmarsch in Mariupol erhielt ein Baubatallion der russischen Armee den Befehl zur Planung neuer Häuser.

    Foto: picture alliance/AP

    In Rekordgeschwindigkeit errichteten Bautrupps des russischen Militärs zwischen Juni und September am Stadtrand Wohnungen für 2500 Menschen – Armeeangehörige und Russland-treue Vorzeigefamilien.
    Foto: picture alliance/TASS/Vladimir Gerdo

    In Rekordgeschwindigkeit errichteten Bautrupps des russischen Militärs zwischen Juni und September am Stadtrand Wohnungen für 2500 Menschen – Armeeangehörige und Russland-treue Vorzeigefamilien.

    Foto: picture alliance/TASS/Vladimir Gerdo

Mariupol. Stadtplanung im Feindgebiet

Die legitime Stadtverwaltung von Mariupol arbeitet derzeit von Saporischschja aus, um über den Wiederaufbau der Heimatstadt nachzudenken. Wie lässt sich planen für einen Ort, der auf brutale Weise dem Erdboden gleichgemacht wurde?

Text: Treffers, Fulco, Amsterdam

Vor einigen Jahren empfahl der niederländische Architekt und Stadtplaner Fulco Treffers Bürgern und Poli­tikern in Mariupol behutsame Eingriffe, um die Lebensqualität zu verbessern – mit Erfolg. Heute, nachdem die Stadt fast vollständig zerstört und von Russland besetzt ist, ringen er und seine Mitstreiter um eine neue Strategie. Die legitime Stadtverwaltung von Mariupol arbeitet derzeit von Saporischschja aus, um über den Wiederaufbau der 200 Kilometer südöstlich gelegenen Heimatstadt nachzudenken. Wie lässt sich überhaupt planen für einen Ort, der auf brutale Weise dem Erdboden gleichgemacht wurde?
Am 20. Mai 2022 gingen Bilder aus Mariupol um die Welt: Drei Monate lang hatten ukrainische Soldaten der russischen Armee Widerstand geleistet, bis sie schließlich nur noch das Gebiet des Asow-Stahlwerks hielten – und nun mussten auch dort die letzten Kämpfer aufgeben. Nach Wochen schwerer Kämpfe, Artilleriebeschuss und Bombardierungen schien die Lage aussichtslos. Es war das tragische Ende einer Belagerung, bei der mindestens 22.000 Zivilisten ums Leben gekommen sein sollen. Viele Menschen hatten erfolglos versucht, zu fliehen. Ein zerstörtes Theater im Herzen der Stadt wurde zum Symbol der humanitären Katastrophe. Dort hatten im Keller Hunderte Familien mit kleinen Kindern Schutz gesucht.
Von Mariupol hat der Krieg praktisch nichts übriggelassen. Laut Schätzungen sind 65 bis 85 Prozent der Gebäude irreparabel beschädigt. Vor Russlands Angriff war die Metropole im Südosten der Ukraine, gelegen an der Mündung des Kalmius in das Asowsche Meer, ein wichtiges wirtschaftliches Zentrum, nicht zuletzt durch ihren Hafen. Im vergangenen Jahr zählte Mariu­pol noch mehr als eine halbe Millionen Einwohner, heute sind es weniger als 100.000. Damals gab es 9,4 Millionen Quadratmeter Wohnfläche, jetzt sind es nurmehr 470.000. Von einst 63 Schulen stehen noch zwei, und die 82 Kindergärten und 13 Hochschulen aus der Vorkriegszeit sind komplett zerstört. Ähnliche Zahlen ließen sich für Unternehmen, Infrastruktur und öffentlichen Einrichtungen anführen.
Während sich Mariupol jetzt vollständig unter Kontrolle Russlands und der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk befindet, denken die geflohenen Entscheidungsträger und Mitarbeiter der Verwaltung im Exil darüber nach, wie eine Zukunft für ihre Stadt aussehen könn­te: Wie lässt sich Mariupol besser wieder aufbauen? Wie knüpft man dabei an die Identität des Ortes an? Und wie muss man umgehen mit dem Leid, das sich nun in die Geschichte der Stadt eingeschrieben hat?
Viele der Beamten leben momentan in Saporischschja und in anderen nahe gelegenen Orten. Einer von ihnen hat zum Beispiel die Aufgabe, die Zerstörungen zu dokumentieren. Die meisten Bürger sind derweil über das Land verstreut. An die Online-Zusammenarbeit haben wir uns durch die Covid-19-Pandemie gewöhnt. Aber eine Vision für eine Stadt zu schaffen, die man als Stadtplaner nicht besuchen kann – das ist eine neue Form der Komplexität. Wir arbeiten dabei mit vielen Ungewissheiten über Gegenwart und Zukunft.
Das Ruhrgebiet der Ostukraine
Wie viele ostukrainische Städte erlebte Mariupol durch die Industrialisierung der Sowjetzeit einen raschen Aufstieg. Die Region ist reich an Bodenschätzen, liegt nah an wichtigen Absatzmärkten, und das Klima dort ist – insbesondere im Vergleich zu anderen Teilen der einstigen Sowjetunion – recht mild. Man kann die Gegend als eine Art großes Ruhrgebiet beschreiben, wenngleich die Ballungszentren weiter auseinanderliegen und die Region insgesamt weniger dicht besiedelt ist. Bis in die Gegenwart spielen der Bergbau unddie verarbeitende Industrie eine zentrale Rolle, von Stahl bis Kohle, von Salz bis Uran. Allerdings ist die Technologie im internationalen Vergleich meist veraltet, das gilt auch für die Wirtschaft von Mariupol.
Das erwähnte Asow- und ein weiteres Stahlwerk prägen nicht nur die Struktur der Stadt, sie waren der mit Abstand wichtigste Arbeitgeber und bestimmten auch entscheidend die Atmosphäre: Man roch sie, sah den durch sie verursachten Schmutz an Fassaden und auf Terrassen. Schon lange vor dem Krieg war Mariupol in einer schwierigen Lage: Seit 2014 kontrollieren prorussische Separatisten einen Teil der Ostukraine; die besetzten Gebiete begannen zum Teil nur zehn Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Unter den getrübten Beziehungen zum großen Nachbarn im Osten litt auch der Handel, er ging in den folgenden Jahren stark zurück. Mariupol war plötzlich in eine ganz andere geopolitische und ökonomische Landschaft eingebettet – gelegen genau zwischen dem Donbass und der 2014 von Russland annektieren Krim. Da die Bahnen nicht mehr über das nun besetzte Donezk fahren konnten, dauerte eine Zugfahrt von Kyjiw fortan ganze 24 Stunden.
Bevor die Industrialisierung Mariupol wachsen ließ, war Handel die Haupteinnahmequelle der Stadt gewesen. Ausgeprägt waren damals die Verbindungen nach Italien und Griechenland, an die noch heute Straßen und Nachnamen erinnern – Mariupol ist eines der wichtigsten histo­rischen Zentren der griechischen Minderheit in der Ukraine. Gegründet im Jahr 1779, besaß die Stadt schon vor den jüngsten Zerstörungen nur wenige Gebäude aus ihrer Anfangszeit. Bestimmend für das Stadtbild waren vielmehr die Mehrfamilienhäuser, die errichtet wurden, als die Stadt boomte und in kurzer Zeit viele neue Bewohner aufnehmen musste: Wohngebiete mit solch typischen sowjetischen Plattenbauten, von der Stadtplanung nicht immer nachvollziehbar platziert, wechselten sich hie und da ab mit Siedlungen von Einfamilienhäusern.
Insgesamt war Mariupol nie eine Stadt, die sichdurch historische Schönheit auszeichnete, aber ihre Lage am Meer und ihre Parks, die sich auf Hügeln erstrecken, gaben ihr doch Charakter – eine einzigartige Verbindung von Natur und Industriekultur. Jeder, der schon einmal den örtlichen Strand besucht hat, weiß zum Beispiel, dass dort mehrmals pro Stunde Züge vorbeirauschten, die Güter von den Fabriken zum Hafen transportieren. Orte wie dieser machten, unberührt von den Ideen der Stadtplaner, den Charme von Mariupol aus.
Mariupol im Zangengriff
Ich war 2015 das erste Mal in der Stadt. Die Kulturplattform lzolyatsia – mit Sitz in Kyjiw, seit ihre Mitglieder aus Donezk fliehen mussten – hatte mich gebeten, am Programm „Architekten in der Stadt“ teilzunehmen. Durch den russischen Zangengriff, indem es sich befand, galt Mariupol der New York Times schon damals als „neues Bonbon für Putin“. Die Frage, der ich nachgehen sollte, lautete: Was können Architekten und Stadtplaner tun, um das Leben in Mariupol zu verbessern, wenn es für die schwierige Lage im Moment weder eine politische noch eine militä­rische Lösung gibt?
Es interessiert mich seit langem sehr, welche Bedeutung Architekten und Stadtplaner in Kriegs- oder Wiederaufbauzeiten haben. Ich ha­be mein Studium an der Technischen Universi­tät Eindhoven mit einem Stadtentwicklungsprojekt über Belgrad abgeschlossen. Welche Möglichkeiten können Architekten und Stadtplaner in einem Land aufzeigen, in dem kein Geld vorhanden ist, Investoren fehlen und die Bevöl­kerung schrumpft? Wie stellt man sicher, dass eine Stadt nicht völlig zum Stillstand kommt?
Mit diesem persönlichen Hintergrund und dieser Perspektive ging ich vor sieben Jahren für einige Monate nach Mariupol. Eine Stadt mit massiver Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung. Eine Stadt, die unter der starken Abwanderung junger, hochqualifizierter Menschen und einer ungewissen wirtschaftlichen Zukunft litt. Eine Stadt, die schwer zu lesen ist – und in der die Dinge vor allem nicht von selbst geschehen. Ich fand das reizvoll. Man musste dort wirklich für Lebensqualität kämpfen, selbst aktiv werden. Ich begegnete inspirierenden Menschen: Zum Beispiel kulturbegeisterten jungen Leuten, die Orte fürs Freeclimbing in leerstehenden Gebäuden fanden oder von alten Fabrikschornsteinen Bungee sprangen.
Schnell wurde mir klar, dass die Herausforderungen – der schwelende militärische Konflikt in der Nachbarschaft, die veraltete Infrastruktur, die wirtschaftliche Misere – überwältigend waren. Also riet ich der Gemeinde, keine größenwahnsinnige Strategie zu verfolgen, sondern überschaubare, realistische Ziele ins Auge zu fassen, die der Bevölkerung auf der Mikroebene wirklich zugutekommen. Ich spreche in diesem Zusammenhang vom Akupunktur-Prinzip: An der richtigen Stelle appliziert, können auch kleine Veränderungen langfristig auf die ganze Stadt ausstrahlen.
Nadelstiche in einem urbanen Flickenteppich
Zu den stadtplanerischen Nadelstichen, die ich empfahl, gehörten die Förderung von Jugendkultur, um die Abwanderung in andere Städte der Ukraine zu bremsen – durch Investitionen in die Hochschulbildung und in ein Jugendkulturzentrum. Oder die Schaffung von Orten, an denen Soldaten auf Wochenendurlaub eine entspannende Zeit verbringen oder sich Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten sicher und wertgeschätzt fühlen können. Ein Vorschlag für einen solchen Ort war das „Zentrum der Stille“ in einem Park. Mein Schwerpunkt lag dabei weniger auf Fragen der Ästhetik, es ging mir vielmehr darum, Öffentlichkeit zu schaffen und programmatische Akzente zu setzen. Die Stichworte dafür lauteten: Feste, Parks und Plätze, Empfänge – und Dialog. Vor allem sollte die Bevölkerung unbedingt Teil dieses Prozesses sein.
Der öffentliche Raum in Mariupol ist aufgeladen mit Botschaften, wenngleich sie für einen Außenstehenden vielleicht nicht sofort erkennbar sind. In der Sowjetzeit war jeder Platz und jeder Park ein Symbol der Macht oder zumindest verknüpft mit der kommunistischen Ideologie: Man denke nur an Straßen, die bis 1991 nach Karl Marx, Karl Liebknecht oder Rosa Luxemburg benannt waren. Diesen formellen Charakter, der die öffentliche Sphäre dominierte, zu brechen, war ein weiterer Vorschlag meinerseits. Informelle Orte sollten entstehen, an denen die Menschen sich treffen und auf Augenhöhe begegnen können. Statt dem Politischen sollte das Persönliche in den Vordergrund rücken, das Organische das Orthogonale ersetzen, der Humor die Ernsthaftigkeit, das menschliche Maß die Gigantomanie. Das bedeutet zum Beispiel, dass bei der Gestaltung eines Parks oder Platzes organische Formen und logische menschliche Wege als Grundlage für die Neugestaltung verwendet wurden. Dies zeigt sich etwa an der Erneuerung des Kulturparks oder des Vaselka-Parks.
Mariupol nahm in den folgenden Jahren tatsächlich eine positive Entwicklung, und auch wenn ich es nicht mit Sicherheit sagen kann, so hoffe ich doch, dass die Strategie einen kleinen Beitrag dazu geleistet hat. Die Ukrainer sprachen zunehmend mit Erstaunen über diese Stadt, in der Erneuerung als selbstverständlich galt und in der wieder investiert wurde. Diese Investitionen wurden von internationalen Fonds, aber auch durch Entscheidungen lokaler Poli­tiker getätigt. Die Dezentralisierungsgesetze, die den lokalen Regierungen seit 2014 mehr Geld und damit mehr Macht verleihen, haben ebenso dazu beigetragen.
Rückkehr nach Mariupol
Im Dezember 2021 kehrte ich für einen kurzen Besuch zurück, um die Entwicklung mit eigenen Augen zu sehen, und war überrascht: Innerhalb von sechs Jahren hatte sich Mariupol von einer tristen, halbverarmten zu einer selbstbewussten, starken Stadt entwickelt, die stolz auf eine gan­ze Reihe erfolgreicher Projekte des öffentlichen Sektors verweisen konnte.
Dieser Erfolg ist zum Teil auf Bürgermeister Vadym Boychenko zurückzuführen, der seit Dezember 2015 im Amt ist. Aber nicht nur er, ein ganzes Team von Beamten, von engagierten Einwohnern und Unternehmern hatte den Wandel bewirkt. „Be Mariupol“ wurde zu einem Statement, ein Symbol dafür, was sich mit Entschlossenheit erreichen lässt. Zu den sichtbaren Veränderungen gehörten zum Beispiel erneuerte Parkanlagen und ansprechende neue und sanierte Schulgebäude mit Spielplätzen und Sportanlagen. Musikfestivals zogen jetzt junge Leute aus dem ganzen Land an, und ein vielseitiges, rund um die Uhr geöffnetes Gastgewerbe empfing die Besucher an den örtlichen Stränden. Bei meinem Besuch konnte ich eine neue Fröhlichkeit spüren.
Der Aufbruch in den Jahren vor dem Krieg macht die Ereignisse im Frühjahr dieses Jahres nur umso tragischer. Innerhalb weniger Tage waren alle positiven Entwicklungen Geschichte. Der Wille, die Dinge zum Guten zu wenden, aber ist nach wie vor ungebrochen. Obwohl sich die Stadtunter russischer Kontrolle befindet, haben Bürgermeister und Stadtrat längst Pläne für die Zukunft geschmiedet.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist, dass die Stadt nach dem Krieg und der Befreiung wie­der auf 250.000 Einwohner anwachsen wird und dass danach ein schrittweises Wachstum auf bis zu 800.000 Einwohner möglich sein sollte. Ich selbst wurde von der Exil-Verwaltung mit der Ausarbeitung einer neuen stadtplanerischen Strategie beauftragt. Zu meinem Team gehören geflohene Spitzenbeamte und junge ukrainische Talente im Bereich Stadtplanung.
Das Akupunktur-Prinzip ist für Mariupol nicht mehr relevant. Dafür ist die Stadt zu verwüstet. Unser Team denkt nun über andere strategische Ansätze nach, die sowohl der Erinnerung an das Vergangene als auch den Herausforderungen derZukunft gerecht werden. Die große Aufgabe der kommenden Jahre wird darin bestehen, eine grüne und gesunde Stadt zu schaffen. Die Nutzung des Meeres, der Strände und der Flüsse ist eine Selbstverständlichkeit, aber damit sind Konsequenzen für die Industrie verbunden, die diese Qualitäten bisher stark beeinträchtigt hat. Von anderen Orten, die durch Kriege zerstört wurden, haben wir gelernt, wie man es nicht machen sollte. Das Beispiel Bosnien etwa zeigt, dass zunächst saubere politische Strukturen und transparente Prozesse geschaffen werden müssen, ehe Hilfsgelder fließen.
Welchen Charakter die einzelnen Stadtbezirke künftig annehmen werden, wer kann das sagen? Welche Rolle werden die Asow-Stahlwerke in Zukunft spielen: Werden sie zu einer Gedenkstätte, oder wird man sie wieder in Betrieb nehmen, oder werden sie einer neuen, post-indus­triellen Nutzung zugeführt, wie es in der westlichen Welt mit vielen Anlagen dieser Art passiert ist? Wir stehen am Anfang einer unermesslichen Aufgabe. Am wichtigsten erscheint mir dabei, dass wir mit allen Beteiligten in einen Dialog treten – dies können wir aus den Erfahrungen nach 2015 mitnehmen. Ich wünsche mir, dass das Mariupol der Zukunft nicht nur eine lebenswerte Stadt am Meer voll von Bedeutung und Erinnerungen sein wird, sondern auch eine, in der man irgendwann in seinem Leben einmal gewesen sein möchte.
Übersetzung aus dem Englischen: Björn Rosen

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