Kritisch Denken und Zeichnen

Bruno Flierl ist kürzlich 90 Jahre alt geworden. Das IRS widmet dem Architekturtheoretiker und -kritiker eine Ausstellung

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

    „Monumentalplastik im Stadtraum. Karl-Marx-Denkmäler im maßstäblichen Vergleich“: Zeich­nung von Bruno Flierl, mit der er die Gigantomanie des 1957 für das Ost-Berliner Marx-Engels-Forum geplanten Marx-Engels-Denkmals (Entwurf: Gerhard Kosel) kritisierte.
    © Bruno Flierl

    „Monumentalplastik im Stadtraum. Karl-Marx-Denkmäler im maßstäblichen Vergleich“: Zeich­nung von Bruno Flierl, mit der er die Gigantomanie des 1957 für das Ost-Berliner Marx-Engels-Forum geplanten Marx-Engels-Denkmals (Entwurf: Gerhard Kosel) kritisierte.

    © Bruno Flierl

Kritisch Denken und Zeichnen

Bruno Flierl ist kürzlich 90 Jahre alt geworden. Das IRS widmet dem Architekturtheoretiker und -kritiker eine Ausstellung

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Bruno Flierl war einer der profiliertesten Architekturtheoretiker und -kritiker der DDR. Bis heute schaltet er sich konstruktiv in laufende Debatten ein – vor allem, wenn es um den Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR oder um die Zukunft Berlins geht. Sein Engagement rief immer wieder starke Reaktionen hervor: Maßregelung von oben, Zustimmung und Solidaritätsbekundungen von unten. Am 2. Februar ist Flierl 90 Jahre alt geworden. Sein Geburtstag bot den Anlass für eine Ausstellung des IRS in Erkner und für zwei Publikationen, die sich mit dem charismatischen Architekten und Autor und seinem Wirken auseinandersetzen.
1950, während seines Architekturstudiums, entschied sich Bruno Flierl, von West- nach Ostberlin übersiedeln, um sich unter sozialistischen Zielsetzungen für ein erfolgreiches Zusammenspiel von Architektur und Gesellschaft einzusetzen. Von 1952 bis 1961 und von 1965 bis 1979 arbeitete er als Architekturtheoretiker an der Deutschen Bauakademie (später: Bauakademie der DDR). Dort beschäftigte er sich mit den Baustrukturen und Blickbeziehungen im Ost-Berliner Stadtzentrum sowie mit der Gestaltung öffentlicher Räume. Dabei sind viele beeindruckende Handskizzen und Standort-Analysen entstanden, die immer wieder in verschiedenen Fachbüchern abgedruckt wurden und werden.
Wenn es um die Aufstellung politischer Denkmäler ging, pochte er auf die Wahrung des menschlichen Maßstabs. Als im Zuge der Planung eines (nicht realisierten) rund 150 Meter hohen Regierungsgebäudes im stalinistischen Stil auch ein 25 Meter hohes Marx-Engels-Denkmal auftauchte, brüskierte Flierl den gesellschaftlichen Auftraggeber mit präzisen Maßstabsvergleichen internationaler Marx-Denkmäler, die die Megalomanie dieser Monumentalplastik klar vor Augen führten. Später schwand das Interesse der Partei- und Staatsführung an der Figurengruppe. Das Denkmal wurde letztendlich in anderer Form und in deutlich bescheidenerer Größe (dem Anderthalbfachen eines Normalmenschen) ausgeführt.
Als Flierl 1962, in einer kulturpolitischen Tauwetterperiode, den Auftrag erhielt, das vorher eher dogmatische Fachorgan „Deutsche Architektur“ als Chefredakteur zu einer modernen Zeitschrift weiterzuentwickeln und er dabei auch kritische Töne zuließ, wurde er sofort wieder abgesetzt (1964). Nach dem ungenehmigten Druck der Vorträge einer Tagung zur „Komplexen Stadtgestaltung“ (1982), die herbe Kritik an den starren Planungs- und Projektierungsprozessen sowie am geringem Einfluss der Architekten geübt hatte, wurde Flierl als „Konterrevolutionär“ eingestuft, aus seinen Ämtern entlassen und zwei Jahre später in die Frührente geschickt.
Seitdem arbeitet er als Freiberufler mit un­gebrochenem Elan weiter an seinem Thema der komplexen Wechselbeziehung zwischen Architektur und Gesellschaft. Seit der Wende engagiert er sich in den Diskussionen über die wei­tere Entwicklung Berlins im Zuge der Wiedervereinigung. Er war u.a. auch Mitglied in der Inter­nationen Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“ (2001–04).
Bruno Flierl ist seit langem eng mit dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner verbunden. Das IRS ist die wichtigste Anlaufstelle in Deutschland für die Erforschung der Planungs- und Baugeschichte der DDR. Einen bedeutenden Teil seiner Arbeitsunterlagen hat Flierl den wissenschaftlichen Sammlungen des IRS übergeben. Daraus stellte das Institut bereits vor zehn Jahren, anlässlich von Flierls 80. Geburtstag, eine Arbeitsbiografie und Werkdokumentation zusammen, die seit langem vergriffen ist. Eine deutlich erweiterte Version ist nun als Open-Access-Veröffentlichung frei verfügbar (siehe bibliografische Angaben unten).
Auch der Verlag DOM publishers hat zu Flierls 90. Geburtstag einen umfangreich bebilderten Sammelband herausgebracht. Das Buch präsentiert erneut zwanzig seiner wichtigsten Texte aus den letzten 60 Jahren (u.a. zur Rolle der Architekten im Sozialismus sowie zu den Ost-Berliner Stadtzentrumsplanungen der DDR- und Nachwende-Ära). Der Jubilar kommentiert sie selbst aus heutiger Perspektive – als vehemente Aufforderung, gesellschaftskritische Standpunkte als wesentlichen Teil der gegenwärtigen Architekturdebatten zu verstehen. Ganz ohne Zwei­-fel: Charaktere wie Bruno Flierl, die sich nicht nur durch einen differenzierten Blick, sondern auch durch ihren Mut auszeichnen, Klartext zu reden und gegen Fehlentwicklungen anzugehen, sind weiterhin gefragt.

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