Experimentelle Archäologie des modernen Holzbaus

Das Holzhaus prägte das waldreiche Litauen über viele Jahrhunderte. Mit der Sowjet-Ära geriet diese Tradition in Vergessenheit. Ein Architekt setzt sich in Kaunas für die Wiederentdeckung der alten Techniken und für ein neues ökologisches Bauen ein.

Text: Stumm, Alexander, Berlin

    Jonas Andriūnas entwarf 1925 die hölzerne Villa für Antanas Jokimas.
    Foto: Norbert Tukaj

    Jonas Andriūnas entwarf 1925 die hölzerne Villa für Antanas Jokimas.

    Foto: Norbert Tukaj

    Viele der Holzhäuser aus den 1920er und 30er Jahren in Kaunas ...
    Foto: Povilas Konkulevicius

    Viele der Holzhäuser aus den 1920er und 30er Jahren in Kaunas ...

    Foto: Povilas Konkulevicius

    ... sind heute in einem schlechten Zustand.
    Foto: Povilas Konkulevicius

    ... sind heute in einem schlechten Zustand.

    Foto: Povilas Konkulevicius

    Links: Das Sommerhaus des Geschäftsmanns Romanas Polovinskas (1936, Architektur: B. Vaškelis) wurde unter sowje­tischer Besatzung ent­eignet und in ein Tuberkulose-Sana­torium umfunktioniert. Heute dient der restaurierte Bau als Bibliothek und Stadtteilzentrum.
    Foto: Martynas Plepys

    Links: Das Sommerhaus des Geschäftsmanns Romanas Polovinskas (1936, Architektur: B. Vaškelis) wurde unter sowje­tischer Besatzung ent­eignet und in ein Tuberkulose-Sana­torium umfunktioniert. Heute dient der restaurierte Bau als Bibliothek und Stadtteilzentrum.

    Foto: Martynas Plepys

    Die hochentwickelten Holzbautechniken gerieten während der sowjetischen Besatzung ...
    Foto: Povilas Konkulevicius

    Die hochentwickelten Holzbautechniken gerieten während der sowjetischen Besatzung ...

    Foto: Povilas Konkulevicius

    ... großteils in Vergessenheit.
    Foto: Povilas Konkulevicius

    ... großteils in Vergessenheit.

    Foto: Povilas Konkulevicius

    Ist die Zeit für ihre Wiederentdeckung jetzt reif?
    Foto: Povilas Konkulevicius

    Ist die Zeit für ihre Wiederentdeckung jetzt reif?

    Foto: Povilas Konkulevicius

Experimentelle Archäologie des modernen Holzbaus

Das Holzhaus prägte das waldreiche Litauen über viele Jahrhunderte. Mit der Sowjet-Ära geriet diese Tradition in Vergessenheit. Ein Architekt setzt sich in Kaunas für die Wiederentdeckung der alten Techniken und für ein neues ökologisches Bauen ein.

Text: Stumm, Alexander, Berlin

Als Litauen unter der Herrschaft des russischen Zaren stand, durfte in Kaunas nicht höher als zwei Etagen gebaut werden. Mit der Neuplanung der Stadt galt für Hauptstraßen wie den Vytautas Prospekt eine Mindestbauhöhe von drei Geschossen, und es gab Vorschriften, in welchen Vierteln ausschließlich gemauerte Gebäude mit ziegelgedeckten Dächern zulässig waren. Außerhalb des Stadtzentrums florierten moderne Interpretationen der im Baltikum allgegenwärtigen Holzarchitektur. In den Stadtvierteln Zaliakalnis, Panemune und Aleksotas kombinierten Architekten traditionelle Bauformen mit neuen Einflüssen und errichteten große Mietshäuser und prachtvolle Villen. Die von Vaclovas Michnevicius entworfene hölzerne Villa für den Unternehmer Pranas Urbonas aus dem Jahr 1925 besitzt auf drei Etagen eine großflächige Verglasung mit moderner Anmutung. Bemerkenswert ist auch das gleichzeitig vom Ingenieur Jonas Andriūnas geplante Einfamilienhaus für den Leiter des Städtischen Bauamts Antanas Jokimas, das in einer Kombination aus Blockbauweise und Fachwerk errichtet ist. In beiden Beispielen finden sich auch Referenzen an die Barockzeit wie volutenbesetzte Giebel oder krönende Türmchen. Die Entwürfe stehen in ihrer unkonventionellen Art für die Suche nach dem „Litauischen“ in der Architektur.
Insgesamt entstanden in der Zwischenkriegszeit Hunderte von Holzbauten in Kaunas. Ihre Erhaltung stellt die Stadt heute vor große Herausforderungen. Bisher gibt es lediglich die private Initiative von engagierten Einzelpersonen wie Povilas Konkulevicius, die sich aktiv für den Erhalt einsetzen. Angefangen habe für ihn alles mit der Suche nach Ersatzteilen für sein eigenes Haus, wie der junge Architekt erzählt. Dabei sei er auf interessante technische und konstruktive Details bei der damaligen Planung von Holzhäusern gestoßen, zum Beispiel bei der Holzverarbeitung, bei Stecksystemen oder hölzernen Ge­lenken. Die Vorzüge des Holzbaus liegen vor dem Hintergrund der aktuellen Klimakrise auf der Hand. Er ist CO2-negativ, wiederverwend- und leicht recyclierbar. Durch den Einsatz von ausschließlich lokal verfügbaren Materialien wird auch die graue Energie niedrig gehalten. Das betrifft nicht zuletzt die in Litauen althergebrachte Verwendung von Lehm statt wie heute Zementputz oder den Anstrich mit Leinöl, der außerdem haltbarer und atmungsaktiv ist, was zu einem besseren Raumklima führt.
Mit der Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Fokus auf eine Sowjet-Architektur veränderte man viele dieser alten Gebäude unwiederbringlich: Villen wurden in Gemeinschaftswohnungen umgewandelt und damit Grundrisse sowie Innenräume zerstört, ethnografische Dekoration und Details, die ein Teil der litauischen Identität ausmachten, gingen verloren. „Russland praktiziert seit vielen Jahrzehnten die Strategie der totalen Zerstörung, wie wir es gerade in der Ukraine erleben. Unser Erbe ist deshalb zum großen Teil verloren. Es gilt zumindest die Fragmente, die diese Zeit überstanden haben, zu retten. Sie können als Ausgangspunkt für die Neuerfindung unserer reichen architektonischen Identität dienen“, sagt Konkulevicius. Heute
bedroht ein anderes Problem den Bestand. Die zentrumsnahen, aber ruhig gelegenen Grundstücke geraten in den Blick wohlhabender Bürger, die Renovierung der Holzhäuser ist dabei für die Wenigsten von Interesse. Stattdessen entstehen zweifelhafte Vorort-Neubauten ohne Respekt für den lokalen Kontext. „Wir müssen uns beeilen! Die alten Holzhäuser werden derzeit in hoher Geschwindigkeit abgerissen“, so Konkulevicius.
Ganze Gebäude können er und seine kleine Gruppe von interdisziplinär arbeitenden Mitstreitern nicht retten. Deshalb setzen sie auf ein Bauteillager. In einer kleinen Lagerhalle werden einzelne Elemente nicht mehr zu rettender Bauten gesammelt: von Holzfassadenprofilen, geschnitzten Verzierungen bis hin zu Türen, Fenstern, Beschlägen, Griffen und Scharnieren. So könnten zumindest Renovierungen von Bestandsbauten materialgerecht durchgeführt werden. Das ganze Projekt wird nur aus den begrenzten privaten Mitteln des engagierten Architekten
finanziert.
Was zuerst als Schutz historischer Bausubstanz gedacht war, hat sich bei Konkulevicius zu einer intensiven Auseinandersetzung mit historischen Holzbautechniken entwickelt. Bei der Beschreibung der litauischen Holzbautradition zieht er Parallelen zum japanischen Zimmermann, dessen Jahrhunderte altes Wissen bis heute praktiziert und damit am Leben gehalten wird. Ziel sei nicht eine umfängliche 1:1-Rekonstruk­tion oder Kopie. Die Dokumentation könne aber einer jungen Generation ermöglichen, an der Tradition anzuknüpfen und sie für die Gegenwart neu zu interpretieren.
Mittelfristig planen Povilas Konkulevicius und seine Gruppe die Einrichtung eines Zentrums, in dem alle Elemente alter Häuser gesammelt werden können und in dem jeder lernen kann, wie man ein Holzhaus pflegt, wie man gesammelte Elemente wiederverwendet oder neue Interpre­tationen entdeckt. Seine Vision ist – im Sinne einer „experimentellen Archäologie“ – die Errichtung eines ganzen Holzhauses mit historischen Bautechniken. Für ihn wäre dies der Beginn einer neuen nachhaltigen Architektur mit lokalen Materialien: die Wiederentdeckung eines Regionalismus für das 21. Jahrhundert.

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