Architektenausbildung in Moskau: Erste Schritte in eine neue Richtung

Mit den Ausbildungsstätten Strelka und MARCh hat sich die Bandbreite der Lehre für angehende Architekten deutlich erweitert. Internationale Maßstäbe beginnen, Geltung zu erlangen

Text: Mukosey, Ilya, Moskau

Architektenausbildung in Moskau: Erste Schritte in eine neue Richtung

Mit den Ausbildungsstätten Strelka und MARCh hat sich die Bandbreite der Lehre für angehende Architekten deutlich erweitert. Internationale Maßstäbe beginnen, Geltung zu erlangen

Text: Mukosey, Ilya, Moskau

Aufder Liste der 100 besten Architekturschulen in Europa, die jährlich von der Zeitschrift Domus herausgegeben wird, werden drei Ausbildungsstätten in Moskau genannt: das Strelka Institute for Media, Architecture and Design, die Archi­tekturschule MARCh und das Moskauer Architekturinstitut MArchI. Alle drei unterscheiden sich grundsätzlich hinsichtlich Lehrmethoden und Auswahl der Studenten.

Das sowjetische Erbe – MARchI

Das Moskauer Architekturinstitut MArchI ist die größte Ausbildungsstätte Russlands mit annähernd 1500 Studenten. Die Gründung geht auf den Architekten Dmitri Uchtomski zurück, der 1749 im Moskauer Kreml die erste Architekturschule etablierte. Unmittelbarer Vorgänger des MArchI waren die WChUTEMAS, die Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten, die von 1920 bis 1926 existierten und zum Zentrum der russischen Avantgarde wurden. In den WChUTEMAS unterrichteten unter anderem El Lissitzky, Konstantin Melnikow, Alexander Rodtschenko, Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin. Einer ihrer berühmtesten Absolventen war Iwan Leonidow.
In seiner jetzigen Form wurde das MArchI 1933 gegründet, als sich in der sowjetischen Architektur ein deutlicher Umschwung von der Avantgarde zum Historismus und Neoklassizismus abzeichnete. Während die Lehrmethoden der WChU- TEMAS nur in geringem Umfang übernommen wurden, wurde das Lehrprogramm stark von der Pariser Ecole des Beaux-Arts beeinflusst und in der Folge von allen anderen sowjetischen Architekturschulen aufgegriffen. Gegenwärtig gibt es in Russland über 60 Universitäten, an denen man Architektur studieren kann, acht davon befinden sich in Moskau.
Über 80 Jahre lang hat sich das Lehrprogramm am MArchI nicht wesentlich verändert. Viele tei­len die Meinung, dass die Eintönigkeit und fehlende alternative Lehrmethoden zu den Hauptpro­blemen der Architekturausbildung in Russland gehören. Nach wie vor werden mehr künstlerische als technische Fächer unterrichtet 1. Die Studierenden lernen weder etwas über moderne Baustoffe oder Konstruktionsprinzipien, noch über internationale zeitgenössische Tendenzen. Auch erhalten sie nur einen sehr oberflächlichen Einblick in den tatsächlichen Büroalltag, da es in Russland nicht üblich ist, das Studium für Praktika zu unterbrechen. Geisteswissenschaftliche Fächer werden ebenfalls nur oberflächlich unterrichtet.
Wirklich rückwärtsgewandt ist das Unterrichtssystem am MArchI jedoch auch nicht, die Verbindung zu den Traditionen der klassischen Architektur brach in den sechziger Jahren ab. Davon zeugt die große Anzahl gestalterisch fragwürdiger Gebäude, die seit Beginn der neunzi­ger Jahre von Absolventen des MArchI in Moskau errichtet worden sind. Die wenigen Architekten, die momentan in der russischen Hauptstadt auf internationalem Niveau bauen, zum Beispiel Juri Grigorjan oder Sergei Skuratow, wurden zwar ebenfalls am MArchI ausgebildet, ihr Erfolg basiert jedoch vor allem auf ihren eigenen Bemühungen.
Wichtigste Treiber des Wandels am MArchI waren in den achtziger Jahre einige Dozenten wie Walentin Rannew und Jewgeni Ass, die 1989 dort die Lehrwerkstatt für experimentelle Planung (MEUP) gründeten. Die Aufgaben für die Studenten vom dritten bis zum sechsten Lehrjahr wichen von den Standardaufgaben am MArchI ab, indem nicht einfach nur ein Gebäudetyp entworfen, sondern grundlegende Prinzipien der Raumgestaltung untersucht wurden. Die Pro­jekte waren im Maßstab gestaffelt, vom Objekt über das Gebäude bis zu städtischen Strukturen. Die Leitung des MArchI beobachtete dieses Experiment nicht ohne Misstrauen, duldete es aber. Die experimentelle Lehrwerkstatt existierte bis 2012. Insgesamt wurden knapp 60 Studie­rende ausgebildet, wobei nur zwölf alle vier Jahre aufgenommen wurden. Nachdem die Arbeitsbedingungen am MArchI 2012 untragbar geworden waren, gründeten Jewgeni Ass und Nikita Tokarew 2, der Nachfolger Rannews, eine neue Architekturschule, MARCh 3.

Eine neue Hochschule – MARCh

Die Gründung einer Lehranstalt „aus dem Nichts“ ist ein in finanzieller und administrativer Hinsicht schwieriges Unterfangen. MARCh fand jedoch gleich Partner: Die in Moskau aktive British Higher School of Art and Design sowie die London Metropolitan University LMU, die dafür sorgte, dass die Absolventen der MARCh ein Di­plom nach britischem Vorbild erhalten. Die besten Moskauer Architekten unterrichten hier, unter anderem Sergei Skuratow, Alexander Brods­­ki, Sergei Tchoban, Wladimir Plotkin. Die Ingenieurfächer werden unter anderem von Mitarbeitern von Buro Happold und Werner Sobek 4 unterrichtet. Die Studenten arbeiten mit den neues­ten CAD-Programmen, es gibt Unterrichtsmodule zu Urbanismus und geisteswissenschaftli­chen Themen, dazu Austauschprogramme mit der LMU, der Architectural Association und der TH Luzern. Während in den ersten drei Jahren nur ein Master-Studiengang angeboten wurde 5, gibt es seit 2015 auch ein Bachelor-Programm 6. Die Gesamtzahl der Studierenden soll diesen Herbst 120 Personen betragen. Für die Aufnahmeprüfung müssen sie auch keine Gipsabgüsse mehr abzeichnen, sondern werden auf Grundlage ihre Portfolios und einem Gespräch mit Dozenten ausgewählt.
Die Unabhängigkeit vom offiziellen russischen Bildungssystem hat aber auch Nachteile. Da MARCh nicht den Status einer russischen Hochschule hat, kann den Absolventen kein rus­sisches Diplom ausgestellt werden 7. Im Unterschied zum MArchI, welches zwei Drittel der Studierenden auf Staatskosten besuchen, ist das Studium hier kostenpflichtig. MARCh finanziert sich momentan ausschließlich über seine Studiengebühren. Stipendien gibt es bisher keine.

Den Blick weiten – Strelka

In dieser Hinsicht das genaue Gegenteil ist Strelka Institute for Media, Architecture and Design. Dieses Institut wurde mit dem Geld des russischen Milliardärs Alexander Mamut gegründet. Das Studium ist kostenlos, zusätzlich erhalten die Studierenden noch eine kleine monatliche Zuwendung, damit sie während des Studiums nicht arbeiten müssen. Strelka ist jedoch keine Hochschule im klassischen Sinne 8. Aufgenommen werden nur Studenten, die bereits einen Hochschulabschluss haben. Auch entschieden sich die Gründer bewusst gegen eine russi­-sche oder internationale Akkreditierung. Den guten Ruf des Instituts stellten sie sicher, indem sie einige der international besten Architekten einluden, das Lehrprogramm zu gestalten und zu unterrichten 9. Das Curriculum für die ersten drei Jahre entwickelten Rem Koolhaas und sein Büro OMA/AMO, 2014 Winy Maas, einer der Gründer von MVRDV. Zu den Lehrerenden zählten nicht nur Architekten wie Stefano Boeri, Theo Deutinger und Juri Grigorjan, sondern auch Design- und Marketingexperten wie David Erixon und der Kulturberater Michael Schindhelm.
Für jeden einjährigen, in Englisch stattfinden Studienzyklus werden etwa 40 Personen auf­genommen. Viele von ihnen kommen aus dem Ausland, aus China, Lateinamerika, Indien oder den USA. Die Anzahl der Bewerber übersteigt erheblich die Zahl der Plätze. Um aufgenommen zu werden, muss man nicht unbedingt Architekt sein, auch ein Hochschuldiplom in Betriebswirtschaft, Politik oder Soziologie wird akzeptiert. Jedes Jahr werden einige Themen angeboten, die sich nicht allein auf Architektur, sondern auch auf allgemeine globale Fragen, wie Bildung, Information, Energie, oder stadtspezifische Pro­bleme, zum Beispiel Wohnungsbau oder öffent­licher Raum, beziehen. Die Studierenden forschen zu einem dieser Themen, wobei sich häufig Architekten mit Probleme aus der Wirtschaft und Politikwissenschaftler mit Designfragen befassen. Die Hauptaufgabe der Ausbildung am Strelka-Institut besteht darin, den Blick der Studierenden zu weiten, über die engen Grenzen des eigenen Berufs hinweg den globalen Kontext zu sehen.
Fester Bestandteil am Ende des Studienjahres ist eine große, öffentliche Ausstellung der Projekte aller Studierenden. Genauso viele Mittel wie für sein Lehrproramm wendet das Strelka-Ins­titut für öffentliche Veranstaltungen, Vorträge, Filmvorführungen und öffentliche Diskussionen, auf. Zu der 2009 gegründeten Institution gehören heute außerdem der Verlag Strelka Press, das Beratungsbüro Strelka KB, das internationale Architekturwettbewerbe veranstaltet, Richt­linien für die städtebauliche Gestaltung erarbeitet und das alljährliche Moscow Urban Forum organisiert, sowie das Architekturbüro Strelka Architects, das sich auf die Gestaltung öffentlicher Räume spezialisiert hat.

Erste Schritte

Doch trotz des beachtlichen Erfolgs von MARCh und Strelka ist die Anzahl an hochqualifizierten Absolventen gering im Vergleich zu den zigtausenden weniger gut ausgebildeten Architekten, die jedes Jahr die russischen Architekturschulen abschließen. Es ist kein Zufall, dass die meisten Gebäude, die heute in Moskau gebaut werden, hinsichtlich ihrer Qualität nicht einmal mittleres europäisches Niveau erreichen, und dass Russland seit den WChUTEMAS keine Architekten von Weltklasse mehr vorweisen konnte. Die ersten Schritte in die richtige Richtung sind jedoch erfolgt.
1 Hier braucht lediglich gesagt zu werden, dass ein Schulabgänger nur zwei Prüfungen im Zeichnen ablegen muss, um in das MArchI aufgenommen zu werden; unter ande­­rem muss er den Gipsabdruck eines menschlichen Kopfes von einer klassischen antiken Skulptur abzeichnen können. Dabei brauchen seine Mathematikkenntnisse nur mittelmäßig zu sein, und seine Physikkenntnisse bleiben gänzlich außer Betracht.
2 Der MEUP-Absolvent Nikita Tokarew wurde nach Walentin Rannews Tod 2002 zweiter Dozent in der Werkstatt.
3 Die Bezeichnung MARCh steht für Moskauer Architekturschule
4 Werner Sobek berät persönlich seine Mitarbeiter, die im MARSch tätig sind.
5 MA in Architecture and Urbanism
6 BA (Hons) in Architecture and Urbanism
7 Übrigens kann das britische Diplom der MARSch nach der Nostrifikation auch in Russland verwendet werden.
8 „The Strelka Institute is not a school.“ Europe’s Top 100 Schools of Architecture and Design 2014 selected by Domus, supplement to Domus 975, December 2013, p.87
9 In diesem Jahr schlug Strelka dennoch den „offiziellen Bildungsweg“ ein und verkündete, dieses Jahr zusammen mit der Moskauer Higher School of Economics, HSE, ein Master-Studienprogramm für Urbanistik (MA In Ad­vanced Urban Design) zu starten.
Aus dem Russischen: Helena Lautner/LRS Dolmetschen-Übersetzen

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