Analoge Stadt – analoge Debatte

Adrian Streich hat in der Architektur Galerie Berlin eine „Città analoga“ gebaut. Zu sehen noch bis 17. Oktober

Text: Jan Friedrich

Foto: Jan Bitter

Foto: Jan Bitter


Analoge Stadt – analoge Debatte

Adrian Streich hat in der Architektur Galerie Berlin eine „Città analoga“ gebaut. Zu sehen noch bis 17. Oktober

Text: Jan Friedrich

Häuserfassadenmodelle im Maßstab 1:10 sind seltsame Zwitterwesen. Einerseits sieht man ihnen natürlich auf den ersten Blick an, dass sie Modelle sind – klar, sie sind zehnfach verkleinert –, andererseits sind sie wiederum so groß, dass eine Kombination aus mehreren von ihnen auf verstörende Weise „echte“ Stadträume bildet. Verstörend, weil man sich als „Passant“ in einem solchen Stadtraum ein bisschen wie ein Eindringling fühlt, wie ein Riese, der sich erstaunt im Habitat kleiner Menschlein umschaut. Man würde sich zumindest nicht sonderlich wundern, wenn aus einer der Eingangstüren in den Kulissen der „Città analoga“, die der Züricher Architekt Adrian Streich für seine Ausstellung in der Architektur Galerie Berlin aufgebaut hat, plötzlich ein Zwerg herausmarschieren würde. In diesem Zustand der Verunsicherung ist man genau in der richtigen Verfassung, um sich auf Ungewohntes einzulassen.
Ausgehend von Aldo Rossis Begriff der „analogen Stadt“ aus den späten Sechzigern, bei der Architekturen aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und an anderer Stelle zu einem imaginären Ort zusammengefügt werden, hat Adrian Streich vier Wohnungsbauten in den Galerieraum auf der Karl-Marx-Allee disloziert und zu einer kleinen Folge von Straßen und Plätzen arrangiert. Es handelt sich um zwei eigene Züricher Projekte, die er kombiniert hat mit einem Block der Wohnanlage Viale Etiopia in Rom von Mario Ridolfi und Wolfgang Frankl (1954) und dem Sammelsurium des Quartiers Schützenstraße in Berlin von Aldo Rossi (1997): einem tatsächlich gebauten Stück „analoger Stadt“. Außer den vier perfekt gearbeiteten Fassadenmodellen aus bedrucktem Sperrholz gibt es in der Ausstellung eine Faltkarte, die die Versuchsanordnung erläutert und die vier durch die Modelle repräsentierten Bauten vorstellt. Als weitere Artefakte: einen Tisch und drei Stühle, die den kleinen Platz vor dem Quartier Schützenstraße möblieren. Die sind nun freilich, damit nutzbar, im Maßstab 1:1, womit der Galerieraum dann tatsächlich zu einer (Stadt)-Bühne mutiert zu sein scheint. Welches Stück wird hier genau aufgeführt?
Für den Abend des 15. Oktober schien die Sache klar zu sein: Da fand hier das Galeriegespräch zwischen Adrian Streich und dem Architekturkritiker André Bideau statt. Jedenfalls im Prinzip. Aufgrund der aktuellen Pandemie-Lage konnten Streich und Bideau jedoch nicht persönlich anreisen. Den Platz am Tisch in der Ausstellung nahm deshalb allein Galerist Ulrich Müller ein, alle führten das Galeriegespräch miteinander als öffentlichen Instagram-Chat. Im Grunde war das die perfekte Fortsetzung des Prinzips der „analogen Stadt“: Die Gesprächsteilnehmer werden aus ihrem Kontext gelöst und andernorts neu zusammengestellt: „analoge Debatte“, digital, im Maßstab 1:10.
Das aufgezeichnete etwa einstündige Gespräch ist nachzusehen auf dem Instagramkanal von ulrichmuellerberlin
Die Ausstellung kann noch bis 17. Oktober besucht werden
www.architekturgalerieberlin.de


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