Kulturzentrum in Vreden


In der kleinen Grenzstadt Vreden, ganz im Westen des Münster­landes, ist aus einem Gebäudekonglomerat rund um ein Heimat­museum ein kulturhistorisches Zentrum entstanden, entworfen und geplant von den Münchner Architekten Martin Pool und Isabella Leber.


Text: Hoetzel, Dagmar, Berlin


    Das Kulturhistorische Zentrum steht direkt am Stadtgraben und an der Schnittstelle zwischen ehemaligen Damenstift und mittel­alterlicher Stadt.
    Foto: Brigida González

    Das Kulturhistorische Zentrum steht direkt am Stadtgraben und an der Schnittstelle zwischen ehemaligen Damenstift und mittel­alterlicher Stadt.

    Foto: Brigida González

    Der Kopfbau mit Veranstaltungssaal und Museum im 1. und 2. OG fasst den Stadtplatz. Die Fuge im Erdgeschoss nimmt dem Baukörper Schwere.
    Foto: Brigida González

    Der Kopfbau mit Veranstaltungssaal und Museum im 1. und 2. OG fasst den Stadtplatz. Die Fuge im Erdgeschoss nimmt dem Baukörper Schwere.

    Foto: Brigida González

    Die Fassade aus Kohlebrand-Ziegel erhält feine Nuan­cierungen durch leichte Helligkeitsabstufungen.
    Foto: Brigida González

    Die Fassade aus Kohlebrand-Ziegel erhält feine Nuan­cierungen durch leichte Helligkeitsabstufungen.

    Foto: Brigida González

    Die Museumsflächen im 1. und 2. OG sind rund um das dreigeschossige offene Foyer an­geordnet.
    Foto: Brigida González

    Die Museumsflächen im 1. und 2. OG sind rund um das dreigeschossige offene Foyer an­geordnet.

    Foto: Brigida González

    Es ergeben sich immer neue Durchblicke und Ausblicke.
    Foto: Brigida González

    Es ergeben sich immer neue Durchblicke und Ausblicke.

    Foto: Brigida González

    Blick entlang der Zentrumsachse zum Foyer

    Blick entlang der Zentrumsachse zum Foyer

    Im 2. OG befindet sich der „kirchliche“ Teil der Ausstellung.
    Foto: Brigida González

    Im 2. OG befindet sich der „kirchliche“ Teil der Ausstellung.

    Foto: Brigida González

    Die Fenster orientieren sich zur Stiftskirche.
    Foto: Brigida González

    Die Fenster orientieren sich zur Stiftskirche.

    Foto: Brigida González

Glücksfall. Als solchen könnte man den Neubau des Kulturhistorischen Zentrums „kult“ in der kleinen Stadt Vreden bezeichnen. Oder: Manchmal lohnt es sich, die großen Städte zu umfahren, um in der Provinz auf kleine Juwele zu stoßen. Dort, ganz im Westen des Münsterlandes, direkt an der niederländischen Grenze, findet man ein klug und sorgfältig geplantes Gebäude auf der Basis einer seriösen Grundlage hinsichtlich der städtebaulichen Entwicklungsziele und der Nutzung und der Finanzierung, die die Stadt Vre­den und der Kreis Borken in enger Zusammen­arbeit und im Rahmen der Regionale 2016 in sieben Jahren erabeitet hatten.
Mit dem Ziel, die Innenstadt aufzuwerten und die Stadt neu zu ordnen, entwickelten die Verwaltungen von Stadt und Kreis die Strategie, die kulturellen Orte Vredens mittels einer „Kultur­achse“ stadträumlich zu verbinden; für die kommerziellen Nutzungen wiesen sie eine andere Achse aus. Wichtigster Baustein der Kulturachse – und der, der diese ausformulieren musste! – solltedas kulturhistorische Zentrum werden, in dem das bestehende Hamalandmuseum, das Landeskundliche Institut sowie die historischen Teile des Kreisarchivs und des Archivs der Stadt Vre­den unter einem Dach zu einem neuartigen Kultur- und Bildungsort zusammengeführt werden sollten.

Hineingeschoben

Dort, wo die Kulturachse das Flüsschen Berkel und den Stadtgraben überquert und am ehe­maligen Damenstift, dessen Gründung auf das 9. Jahrhundert zurückgeht, vorbei und in die Stadt mit dem mittelalterlichen Grundriss hineinführt, steht das kult. Der Kopfbau mit dem Museums­-teil schiebt sich quasi in die Achse. Der Weg teilt sich, wird sowohl am Haus vorbei, als auch durch es hindurch geführt. Folgerichtig gibt es zwei Eingänge, wasserseitig und stadtseitig – und ganz beiläufig wird der Ort der Kultur in den Alltag und die täglichen Wege integriert. Die Achse führt direkt durch das Herz des Zentrums: das dreigeschossige offene Atriumfoyer. Hier trifft die sogenannte „Zentrumsachse“, der interne Weg, der die verschiedenen Funktionsbereiche des Zentrums längs durch die Bestands- und Neubauteile erschließt, auf die Treppenanlage, die zu den Museumsetagen führt. Ein Dreh- und Angelpunkt und ein öffentlicher Ort, der auch für Feste, Lesungen oder Konzerte genutzt wird.
Das Ensemble der Bestandsgebäude – „Pulverturm“, ein Relikt der alten Stadtbefestigung aus dem 14. Jahrhundert, „Armenhaus“ aus dem 16. Jahrhundert, das Hamalandmuseum aus den 1970er Jahren und eine Erweiterung aus den achtziger Jahren – bildet zusammen mit Neubauteilen das kulturhistorische Zentrum, mit einer ganz eigenen, prägnanten Erscheinung. Zusammengefasst unter einer Dachlandschaft, die in unterschiedlichen Neigungen gefaltet ist, bleibt die gewachsene Struktur erkennbar; auch der skulptural geformte Museums-Baukörper fügt sich ein und bildet doch zum Stadtplatz eine unverwechselbare Adresse. Prägend für die Ausformulierung der Silhouette war eine historische Stadtansicht, die auch heute noch gültig ist, erläutern Martin Pool und Isabella Leber.
In seiner ganzen Ausdehnung zeigt sich das Zentrum zur Flussseite. Obwohl es mit einer Länge von etwa 90 Meter kein kleines Gebäude ist, passt es in die Umgebung. Das liegt nicht zuletzt am Material der Fassaden und deren Gestaltung: beige-graue, Kohlebrand-Ziegel aus einem lokalen Ziegelwerk, bauteilweise aus unterschiedlichen Bränden, hell, mittel, dunkel mit jeweils unterschiedlicher Fugenfarbe. Feine Nuancierungen ergeben sich so, die zusammen mit Versprüngen und Zitaten der charakteristischen Eigenarten der Siebziger- und Acht­ziger-Jahre-Fassaden die lange Ansicht strukturieren.

Passgenau

Das „kult“ ist ihr bislang größtes Projekt. Mit nur einem Punkt Vorsprung hatten die Architekten Martin Pool und Isabella Leber, denen bei dem vorausgegangenen Wettbewerb (Bauwelt 17–18.2013) der 2. Preis zugesprochen worden war, das Verhandlungsverfahren für sich entscheiden können.
„Die bestehenden Strukturen so wenig wie möglich anfassen“ – dieser Prämisse folgend, begegneten sie der Forderung aus der Wettbewerbsauslobung, die Ausstellungsflächen des Museums in einer Ebene durch die Bestandsbauten und den Neubau hindurch unterzubringen, mit dem Konzept, die vorhandenen Bauteile entsprechend ihrer räumlichen Gegebenheiten zu nutzen und das Museum gestapelt über zwei Geschosse im Kopf des Neubaus am Marktplatz einzurichten. Durch die Zuordnung der Funktionsbereiche auf ein je passendes Bauteil, konnten die baulichen Eingriffe auf ein geringes Maß reduziert und die Überschneidung thermisch unterschiedlich regulierter Klimazonen minimiert werden. Ein überzeugendes Konzept, um Erstellungs- und Unterhaltkosten gering zu halten. Aber auch ein architektonisch überzeugendes.
Mit dem Foyer als Verteiler und der linearen Zentrumsachse, die in einem kleinen Innenhof mündet, wird die Erschließung im ganzen Zentrum sehr klar.
Die zentrale Treppe im Foyer führt in die Museumsgeschosse. Allein der Weg ist schon eindrucksvoll. Durch präzise gesetzte Einschnitte und Öffnungen bieten sich immer wieder neue Ein- und Durchblicke über die Geschosse hin­-weg. Dies wird fortgeführt in den Ausstellungsräumen, wo ebenso präzise gesetzte, geschosshohe Fensteröffnungen den Themen der Dauerausstellung entsprechend Blicke frei­geben. Im weltlichen Teil auf die Berkelaue und den mittelalterlich Stadthafen, im kirchlichen auf die beiden Kirchen St. Georg und St. Felicitas.
Das als Sichtbeton mit sägerauer Bretterschalung ausgeführte Stahlbeton-Tragwerk verleiht dem Neubau im Innern Klarheit und Robustheit. Dass die Holzbretter auf den Beton-Brüstungen im Ausstellungsbereich ein Wunsch des Bauherren waren, erzählen Martin Pool und Isabella Leber, und dass sie diese zunächst nicht wollten, nun aber sehr glücklich damit sind. Sie verstehen die Wünsche von Bauherren als Chance und Anregung, die Varianz in Ideen bringen. So können gute Gebäude entstehen – miteinander.



Fakten
Architekten Pool Leber Architekten, München; Bleckmann Krys Architekten, Münster
Adresse Kirchplatz 14, 48691 Vreden


aus Bauwelt 12.2018
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading

16.2018

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.