Europan 9: Bühne Spremberg



Text: Kotzan, Lydia, Berlin


    Chrisoph Rokitta

    Chrisoph Rokitta

2008 gewannen die Architektin Saskia Hebert und das Büro subsolar den Europan 9-Wettbewerb in Spremberg. Die ungewöhnlich schnelle Realisierung zeigt beispielhaft, mit welchen Strategien sich die Preisträger wappnen müssen, wenn sie den gewonnenen Ideenwettbewerb erfolgreich umsetzen wollen.
Sieben deutsche Städte beteiligten sich 2007 am Europan 9- Wettbewerb (Bauwelt 17–18.2008), darunter Spremberg, eine Kleinstadt im Südosten von Brandenburg. Der Stadt mit ihren 26.000 Einwohnern ging es um die Verknüpfung und Aufwertung von isolierten Stadträumen, die im Laufe der letzten Jahrzehnte durch Zersiedlung und Straßenbau entstanden waren. Der Beitrag von Saskia Hebert und ihrem Partner Matthias Lohmann schlug vor, mit einer Reihe „poetischer Infrastrukturen“ die getrennten Räume zu überwinden.
„Praktisch wie logisch wäre es sinnlos, zu verbinden, was nicht getrennt war, ja, was nicht in irgendeinem Sinne auch getrennt bleibt“, zitierte die Wettbewerbssiegerin den Soziologen Georg Simmel auf ihren Europan-Tafeln – ein etwas kryptisch klingendes Zitat, dessen Verwendung aber angesichts der stark zerklüfteten Topographie zwischen Bahnhof und Altstadt nachvollziehbar schien. Wie aber könnte wohl in Spremberg das dauerhaft Getrennte verbunden werden? Unter dem Titel „Brücke und Tür“ entwarfen die Architekten vier punktuelle Interventionen im Stadtraum: einen „Kegel“, eine „Passage“, einen „Steg“ und einen „Wall“. Die abstrakten Zeichnungen auf den Tafeln ließen der nationalen Europan-Jury einigen Raum für Interpretation. Allein die Verbildlichung dieser architektonischen Eingriffe mit dem Verweis auf andere, von Künstlern im Bereich der Land-Art realisierte Installationen macht die tragende Idee des Entwurfs ein Stück weit greifbar. Im Rückblick auf die erfolgreiche Realisierung stellt sich trotzdem die Frage: Gewinnt man beim Ideenwettbewerb Europan mit poetischer Unschärfe die Jury?

Praxistest der Wettbewerbsgrafik

Der Weg vom Wettbewerbsgewinn zur Realisierung war für Saskia Hebert und Matthias Lohmann jedenfalls steinig. Die Schwierigkeit in der Lesbarkeit ihres Projektes ließ die Stadt zunächst ein anderes Konzept favorisieren. Sie musste von dem Projekt „mit der schlechtesten Grafik“ erst überzeugt werden.
Zwei Monate nach der Wettbewerbsentscheidung im Januar 2008 wurden die Architekten der vier besten Arbeiten zu einer Präsentation nach Spremberg eingeladen. Unter der Moderation von Ulrike Poeverlein von Europan Deutschland und unter Beteiligung der Stadtverordneten bot sich den Architek­ten die Möglichkeit, den Bürgern der Stadt ihr Konzept zu erläutern. Die Frage der Realisierbarkeit des Gewinnerprojektes oder auch nur der bloßen Umsetzung einzelner Elemente aus mehreren Wettbewerbsbeiträgen stand zur Debatte. Für die darauffolgende Präsentation im öffentlichen Bauausschuss fertigten Saskia Hebert und Matthias Lohmann ein einfaches, aber präzises Pappmodell, das die städtebaulichen Qualitäten der punktuellen Verknüpfungsstrategien des Entwurfs – gerade angesichts der schwierigen Topographie – besser verständlich machte. Die Leiterin der Stadtplanung Claudia Wolf äußerte später: „Die Ortskenntnis und der Entwurf aus einem Guss haben uns imponiert und letztlich davon überzeugt, die Vorgaben dieses Projekts in Gänze zu verwirklichen.“

Erste Umsetzung: die Freilichtbühne

Doch zunächst ging es in Spremberg nicht um die Realisierung der Teile des Entwurfs. Als vordringliche Aufgabe erkannte die Stadt zu jenem Zeitpunkt die Sanierung der Freilichtbühne, die zwar innerhalb des Europan-Wettbewerbsgebietes lag, von den Preisträgern aber zunächst nur als periphere Aufgabe wahrgenommen worden war. Zusammen mit der Umgestaltung des Bahnhofs und seines Vorplatzes, der Festwiese und der ehemaligen Textilfabrik war sie einer von mehreren Schwerpunkten der Auslobung gewesen. Der Reiz des Ideenwettbewerbs Europan lag allerdings für die Stadt von Anfang an darin, dass die Teilnehmer die verschiedenen Bedürfnisse der Stadt mit unvoreingenommenen Blick erkennen und eigene Vorschläge einbringen.
So lautete der konkrete Realisierungsauftrag an die Architekten im August 2008 dahingehend, die eingeschränkte Nutzbarkeit der alten Freilichtbühne zu verbessern und den Ort durch ein neues Bühnenhaus aufzuwerten. Mit dem Wettbewerbsgewinn im Hintergrund fiel es der Stadt leichter, zusätzliche Fördertöpfe anzugehen. Spremberg glückte es, in das Förderprogramm EFRE, den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, der Regionen mit Strukturproblemen unterstützt, aufgenommen zu werden. Ohne diese Unterstützung hätte das Bühnenhaus kaum realisiert werden können. Bis der Bau vor wenigen Wochen, am 11. Juni, eröffnet werden konnte, mussten die Architekten eine ganze Reihe weiterer Hürden überwinden. Die Grundsteinlegung war im September 2009. „Zum Glück haben wir Holz verwendet, und zum Glück war der Bau weitgehend vorgefertigt, sonst hätten wir die kurze Bauzeit, die uns nach dem langen Winter blieb, kaum einhalten können“, sagen die Architekten heute. Das Kulturamt, Eigentümer der Freilichtbühne, zeigte sich am Anfang skeptisch und musste von den Möglichkeiten des variablen Holzbaus erst überzeugt werden. Von den Anwohnern wurde die moderne Architektursprache auf Anhieb angenommen – durchaus keine Selbstverständlichkeit, denn das neue ambitionierte Bürgerhaus am Marktplatz, das ebenfalls aus einem Wettbewerb hervorging, kämpft bis heute um entsprechende Akzeptanz. Eigentlich schade, denn der Bau hätte dies verdient.
Für Saskia Hebert und Matthias Lohmann ist der Standort Spremberg jedenfalls zum Erfolgsfall geworden. Ihren Vorschlag für die Veränderung des Bahnhofsgebäudes mit dem Vorplatz werden sie nun in einem nächsten Schritt umsetzen. Ein neues multifunktionales Verbindungsgebäude, das die Funktionen einer Wartehalle, eines Infopunkts und einer Gastronomie unter einem begehbaren Dach zusammenfasst, ist bestimmender Teil des Entwurfs. Zurzeit zögern die bürokratischen Planungen der Deutschen Bahn an den Bahnsteigen die Umsetzung des Konzepts noch etwas hinaus.



Fakten
Architekten subsolar Architekten, Berlin
Adresse Bahnhofsstraße


aus Bauwelt 29.2010
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