Die Kunst zu handeln

Athen gilt derzeit als Paradebeispiel für eine Stadt, die kreativ ums Überleben kämpft. Doch die Krise ist Dauerzustand auch für andere Städte. Unter welchen Bedingungen arbeiten Künstler und Architekten in Bukarest, Mardin und Sarajevo? Das Projekt Actopolis vernetzt Aktivisten aus Deutschland und Südeuropa

Text: Kleilein, Doris, Berlin

    Kunsthochschule, Athen
    Abb.: Michael Pappas

    Kunsthochschule, Athen

    Abb.: Michael Pappas

    „Soft Power Lectures“: Die Temporäre Kunstakademie PAT hat performative Lesungen an öffentlichen Orten Athens veranstaltet ...
    Abb.: Michael Pappas

    „Soft Power Lectures“: Die Temporäre Kunstakademie PAT hat performative Lesungen an öffentlichen Orten Athens veranstaltet ...

    Abb.: Michael Pappas

    ... im Café ebenso wie ...
    Abb.: Michael Pappas

    ... im Café ebenso wie ...

    Abb.: Michael Pappas

    ... in der Turnhalle.
    Abb.: Michael Pappas

    ... in der Turnhalle.

    Abb.: Michael Pappas

    Reise durch das weniger europäische Bukarest: „Southern Stories“ von Mihai Duţescu
    Abb.: Andrei Mârgulescu

    Reise durch das weniger europäische Bukarest: „Southern Stories“ von Mihai Duţescu

    Abb.: Andrei Mârgulescu

    Eine Straße nach Neu-Zagreb, die nie gebaut wurde. Übrig bleibt die Ruine des Kreisverkehrs: Lichtinstallation „Road to Beloning“ von Nikola Bojić
    Abb.: Ana Opalić, Dinko Cepak

    Eine Straße nach Neu-Zagreb, die nie gebaut wurde. Übrig bleibt die Ruine des Kreisverkehrs: Lichtinstallation „Road to Beloning“ von Nikola Bojić

    Abb.: Ana Opalić, Dinko Cepak

    Mehr in: Actopolis. Die Kunst zu handeln, Goethe-Insitut und Urbane Künste Ruhr mit Katja Aßmann, Angelika Fritz, Martin Fritz (Hg.) und blog.goethe.de/actopolis
    Abb.: Herausgeber

    Mehr in: Actopolis. Die Kunst zu handeln, Goethe-Insitut und Urbane Künste Ruhr mit Katja Aßmann, Angelika Fritz, Martin Fritz (Hg.) und blog.goethe.de/actopolis

    Abb.: Herausgeber

Die Kunst zu handeln

Athen gilt derzeit als Paradebeispiel für eine Stadt, die kreativ ums Überleben kämpft. Doch die Krise ist Dauerzustand auch für andere Städte. Unter welchen Bedingungen arbeiten Künstler und Architekten in Bukarest, Mardin und Sarajevo? Das Projekt Actopolis vernetzt Aktivisten aus Deutschland und Südeuropa

Text: Kleilein, Doris, Berlin

Athen gilt als Brennpunkt des Widerstands, aus dem man lernen kann“, schreiben die griechischen Kuratorinnen Elpida Karaba und Glykeria Stathopoulou. „Galerien, angesagte Orte und besetzte Räume der Stadt haben reichlich offiziellen und und privaten Besuch zu verzeichnen. Die über Airbnb tätigen Immobilieninvestoren rechnen damit, dass Athen zu einem begehrten Reiseziel werden wird – zu einem Schwerpunkt eines alternativen exotischen Katastrophen- und Überlebenstourismus.“ Wie problematisch ist dieses Bild in einem prekären Europa, wo Mittel für Kultur gekürzt und Kunst nur noch als unbezahltes Hobby gilt? Und könnten nicht auch die Bewohner Athens von dieser „Exotisierung der Krise“ profitieren? Diese und andere ins Schwarze treffende Fragen stellten die Actopolis-Teilnehmerinnen aus Griechenland bei einer Reihe von performativen Lesungen an öffentlichen ­Orten Athens. Die „Soft Power Lectures“, so der Titel der Reihe, war nur eine von vielen Arbeiten, die für Actopolis konzipiert wurden, wenn auch eine herausragende, wie sich bei einer Kostprobe in Oberhausen zeigte. Dort trafen sich im März alle Beteiligten von Actopolis zu einem Symposium, dort war der Auftakt zur Wanderausstellung, die bis 2018 durch Europa reist.
Was ist Actopolis? Eine Mischung aus inter­nationalem Kuratorenprogramm, Künstleraustausch und politischem Handlungsaufruf. Ein Projekt wie ein Bienenschwarm: Mehr als 70 Künstler, Kuratoren, Architekten und Aktivisten aus sieben Ländern waren involviert, haben sich gegenseitig besucht und Arbeiten in ihren Heimatstädten realisiert. Neben Athen waren das Bukarest, Ankara, Mardin, Belgrad, Sarajevo, ­Zagreb – und Oberhausen. Die geographische Ausdehnung vom Ruhrgebiet bis an die türkisch-syrische Grenze erklärt sich in erster Linie aus den handelnden Personen: Angelika Fitz hat Actopolis noch vor ihrer Zeit als AZW-Direktorin mit dem Goethe-Institut Südosteuropa entwickelt, um den Fokus auf eben jene Städte zu richten, die im Diskurs wenig vertreten sind; später kam Martin Fritz ins Kuratorenteam und mit Katja ­Aßmann die Urbanen Künste Ruhr als Projektpartner und Oberhausen als siebter Standort. Bei einem gemeinsamen Spaziergang durch die Stadt wird allerdings deutlich, dass Oberhausen mit seinen vernachlässigten öffentlichen Räumen vielleicht gar nicht so weit von Athen entfernt liegt. Womit man mitten im Thema wäre: Wie kann man Stadt mitgestalten? Wie geht das ­anderswo? Und: was haben die ausgewählten Städte eigentlich miteinander zu tun?
Rückzug des Staates
Die vordergründigen Antworten sind schnell geliefert: Soziale Ungleichheiten, prekäre Lebenssituationen oder die Auswirkungen der Flüchtlingsbewegungen spielen in allen Städten eine Rolle. Bei genauerer Betrachtung (die vor allem durch die Berichte der lokalen Kuratoren möglich war) treten sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede schärfer hervor: Boba Mirjana Stojadinović aus Belgrad etwa beschreibt den Rückzug des Staates aus Planung, Kultur und sozialen Aufgaben, der an vielen Orten zur Selbstorganisation führt: „Seit 2000 wurde viele staatliche Institutionen in Serbien geschlossen. Das öffentliche Leben liegt brach. Wir erleben eine gesellschaftliche Desorganisation.“ In diese ­Lücken springen private Initiativen wie das Kreativlabor „City Guerilla“, das jugendliche Künstler unterstützt. Aber ist Selbstorganisation nun wünschenswert, oder übernehmen Aktivisten staatliche Aufgaben und beuten sich selbst aus? Eine Frage, die nicht nur für serbische Künstler, sondern beispielsweise auch für Flüchtlingshelfer in ganz Europa relevant sein dürfte.
An anderer Stelle lassen sich die Produktionsbedingungen nicht vergleichen: Wie die türkische Architektin Pelin Tan berichtet, die im südanato­lischen Mardin an der Architekturfakultät lehrt, war es bei dem in der Türkei herrschenden Ausnahmezustand nicht möglich, kritische Kunstprojekte im öffentlichen Raum anzustoßen: zu gefährlich. Ein Actopolis-Workshop in Mardin musste aufgrund von Sicherheitsrisiken abgesagt werden. Dennoch geben Videoarbeiten wie „The Residual“ von Artıkişler Collective einen Eindruck vom städtischen Leben Mardins, indem sie den Spuren syrischer Flüchtlinge folgen. Grundsätzlich gehe es auch nicht darum, Gemeinsamkeiten zu finden, so Pelin Tan, sondern darum, Verhandlungsgrundlagen zu schaffen: Welche gemeinsame Basis haben unterschiedlich geprägte Menschen?
Zugehörigkeit und Konflikt
Einige Arbeiten stellen Gewissheiten in Frage: Was bringt Partizipation? Wie gut kenne ich ­meine Stadt? Die rumänischen Kuratoren Raluca Voinea und Ștefan Ghenciulescu (der in Bukarest die Architekturzeitschrift Zeppelin herausgibt) hatten das „ewige Lamento über Bürokratie, Korruption und die Unmöglichkeit guter Bürgerschaft“ satt. Bei ihrer Aktion „Be a Mayor for Ten Minutes“ fragten sie Bürger, wie sie ihre Stadt sehen würden, wenn sie Entscheidungen selbst fällen könnten. Die kroatische Kuratorin Ana ­Dana Beroš wiederum fragt nach der Zugehö­rigkeit: Wie kann Nachbarschaft entstehen in Vierteln wie Folnegovićevo am Rand von Zagreb, einer Großsiedlung der Nachkriegsmoderne?
Actopolis, und das ist das Erfrischende an diesem wuseligen Format, spart weder Konflikte noch Selbstkritik aus, im Gegenteil. Es fordert dazu auf, das eigene Handeln zu überdenken. Wer sich demnächst nicht in Wien oder Ankara aufhält, dem sei der Katalog empfohlen, der neben allen künstlerischen Arbeiten auch sieben lesenswerte Essays versammelt.

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