Nationalbibliothek von Lettland


Was lange währt ...


Text: Strauß, Anna Maria, Riga


    Foto: Indriķis Stūrmanis

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Ein Vierteljahrhundert nach Beginn der Planungen ist die neue Nationalbibliothek Lettlands fertiggestellt. Der Exil-Lette ´ hat eine Architecture parlante entworfen, die zwei nationale Mythen aufruft: den gläsernen Berg und das versunkene Lichtschloss. In einer Stadt, in der auch viel Russisch gesprochen wird, wirkt der Bau aber auch als Symbol in die Wirklichkeit von heute
Im sehr großzügigen Foyer kreuzen sich alle Wege. Hoch über den Köpfen von Ausstellungsbesuchern, Konferenzteilnehmern und Touristen erstreckt sich an der Südseite des Atriums über fünf Etagen eine Regalwand hinter Glas – das „Bücher­regal des Volkes“. Alle Lettinnen und Letten waren aufgerufen, jeweils ein Buch, das ihnen persönlich am Herzen liegt, mit kurzer Widmung „ihrer“ Bibliothek zu spenden. Die Idee, den Lesern einen ganz persönlichen Ort im Neubau einzuräumen, scheint aufgegangen. Mehr als 4000 Titel wurden seit Beginn der Aktion gestiftet. „Die Letten sind eine Nation von Buchliebhabern“, wird einem allenthalben versichert.
Langzeitprojekt mit Kontroversen
25 Jahre sind vergangen, seit der Auftrag für den Bibliotheksneubau an den in den USA lebenden (exil-)lettischen Architekten Gunnar Birkerts vergeben wurde. Ein Vorhaben, das von Beginn an von Kontroversen begleitet war: Zu teuer! Reines Prestigeprojekt! Und wenn man an den Modernisierungsbedarf der sonstigen Bibliotheken im Lande denkt: Völlig über­dimensioniert! Immer wieder gab es Verzögerungen beim Bauprozess, den schwersten Rückschlag brachte 2007 die Finanzkrise. Seit Anfang dieses Jahres nun ist Lettlands neue Nationalbibliothek für die Öffentlichkeit zugänglich, wenn auch erst in kleinen, dafür medial wirksamen Schritten. Mit der „Kette der Bücherfreunde“ wurde im Januar nicht nur das Gebäude, sondern gleichzeitig das Programm Rigas als Kulturhauptstadt Europas 2014 offiziell eröffnet. Das Bild der Menschenkette hat erhebliche Bedeutung für das Land und seine Einwohner, die im August 1989 – just zur Zeit der ersten Entwürfe für den Bibliotheksneubau – den „Baltischen Weg“ wählten, d.h. gemeinsam mit ihren estnischen und litau­ischen Nachbarn in einer Menschenkette von Tallinn über Riga bis nach Vilnius gegen die sowjetische Vorherrschaft demonstrierten. Dem offiziellen Auftakt folgte die schrittweise Öffnung des Neubaus für das Publikum. Inzwischen sind die unteren Stockwerke, erste Lesesäle und der Ausstellungs­bereich öffentlich zugänglich. Am 29. August, dem 95. Gründungstag der Lettischen Nationalbibliothek, werden alle dreizehn Stockwerke feierlich in Betrieb genommen. Doch auch diese endgültige Öffnung wird nicht lange währen: 2015 übernimmt Lettland die EU-Ratspräsidentschaft, weshalb in dieser Zeit die unteren Stockwerke staatsrepräsentativen Zwecken dienen werden. Schließlich bietet sich von hier aus ein einmaliger Panoramablick auf die vieltürmige Kulisse von Rigas Altstadt.
Und doch versteht sich die neue Nationalbibliothek vor allem als Raum für die Bevölkerung Lettlands. Diese „Volksnähe“ zeigt sich nicht nur in Events wie der Bücherkette, sondern mehr noch im Bau selbst, der als Solitär die Stadtsilhouette links der Daugava beherrscht. Seine äußere Form nimmt konkreten Bezug auf zwei Legenden, die fest im kulturellen Kanon Lettlands verankert sind.
Symbolgehalt und Identität
Der Architekt selbst beschreibt seinen Entwurf als Adaption des Gläsernen Bergs aus dem Gedicht „Das goldene Ross“. Darin erzählt der Volksdichter Rainis (1865–1929) eine Geschichte von Befreiung und Erwachen, in der eine Prinzessin aus ewigem Schlaf auf der Spitze eines gläsernen Berges erlöst wird. Vom Bezug auf dieses zentrale Werk der lettischen Literatur erhofft sich Gunnar Birkerts einen unmittelbar intellektuellen Zugang zum Gebäude. Symbolhafte Aufladung und expressive Formenwahl sind stets Markenzeichen seiner Architektur. Durch universelle Metaphern – das Licht und das Aufwärtsstreben – hofft er, seinen Bau allen kurzlebigen Moden zu entziehen.
Im Volksmund wird der Neubau eher mit einer anderen Sage assoziiert. „Gaismas pils“ – das Lichtschloss – ist der Titel eines Liedes, das zum festen Repertoire der berühmten lettischen Sängerfeste gehört. Im Lied versinkt das Lichtschloss, die Wiege der lettischen Kultur, und mit ihm versinken Licht, Wissen und Freiheit; erst mit der Wiedererstehung des Schlosses bekommt Lettland seine Freiheit zurück.
Beide Legenden eint ihr starker Symbolgehalt – sie versinnbildlichen die historische wie aktuelle Situation des Landes, nehmen Bezug auf das „nationale Erwachen“, auf die Erfahrungen der Okkupation wie auf den heutigen Staat mit seinem kulturellen Gedächtnis und immateriellen Kulturschätzen. Der Neubau schafft also nicht nur Raum für über vier Millionen Druckwerke mit der dazugehörigen Infrastruktur des Archivierens (bisher waren die Bestände auf sechs verschiedene Gebäude im Stadtgebiet verteilt), sondern steht auch für die Unabhängigkeit Lettlands, für die Zukunftsfähigkeit der Nation, für den Anspruch, die lettische Wissensproduktion zu bewahren. Nicht zuletzt soll ein starker und dauerhafter Ort für die lettische Sprache entstehen – ein Diskurs, dem man in Lettland (und besonders in Riga) mit seinem großen Anteil russischsprachiger Bevölkerung mit viel Empfindlichkeit begegnet. Diese Betonung von nationaler Identität und Bewahrung des kulturellen Erbes, die im Bau so offen zutage tritt, liegt der Bibliothek auch als Institution per se zugrunde: Vorrangig in den Bestand aufgenommen werden in Lettland publizierte Titel, internationale Veröffentlichungen über Lettland sowie Werke von emigrierten und exilierten Autoren. Warum ein Bibliotheksneubau, der sich ästhetisch so stark über nationale Identitätssymbolik definiert, dann nicht auch stärker auf lokale Materialien (wie etwa Holz) zurückgreift und so nach einer weiteren ortspezifischen Verankerung sucht, darüber ließe sich architekturkritisch trefflich spekulieren.



Fakten
Architekten Birkerts, Gunnar, Wellesley/Massachusetts (USA)
Adresse Mūkusalas iela 3 Zemgales priekšpilsēta, Rīga, LV-1048


aus Bauwelt 33.2014
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