Wir Architekten haben noch Glück

Der Arbeitscomputer im Zimmer erinnert auch nach Feierabend an das eigene Projekt, der Austausch mit den Kollegen läuft über Slack und Zoom und die Skizze gewinnt als Kommunikationsmittel an Bedeutung. Oliver Czaia und Henning Struve von dem Berliner Büro Czaia Architekt über ihren Arbeitsalltag in Zeiten von Corona.

Text: Redaktion

    Oliver Czaia und ...
    Foto: privat

    Oliver Czaia und ...

    Foto: privat

    ... Henning Struve in ihrem Homeoffice.
    Foto: privat

    ... Henning Struve in ihrem Homeoffice.

    Foto: privat

Wir Architekten haben noch Glück

Der Arbeitscomputer im Zimmer erinnert auch nach Feierabend an das eigene Projekt, der Austausch mit den Kollegen läuft über Slack und Zoom und die Skizze gewinnt als Kommunikationsmittel an Bedeutung. Oliver Czaia und Henning Struve von dem Berliner Büro Czaia Architekt über ihren Arbeitsalltag in Zeiten von Corona.

Text: Redaktion

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Eure Arbeit?
Oliver Czaia, Büroleiter: In meinem Büro sind 6-7 Mitarbeiter beschäftigt. Deshalb befinden wir uns bei der Projektarbeit in einem ständigen und direkten Austausch. Auch unsere Räume und die Möblierung sind auf diese Arbeitsweise ausgelegt. Sowohl aus Verantwortung den Mitarbeitern und ihren Familien und Partnern gegenüber, als auch aus Verantwortung gegenüber unserer Gemeinschaft, war es klar, dass Maßnahmen gegen die Corona-Krise ergriffen werden müssen. Ein neuer Umgang mit der klassischen Projektbearbeitung war gefordert – und fordert uns immer noch.
Henning Struve, angestellter Architekt: Es ist eigentlich normal für uns, mit allen Mitarbeitern in einem Raum zu sitzen und in direktem Austausch zu stehen. Nun arbeiten wir von zu Hause und der Kontakt zwischen den Kollegen beschränkt sich auf die reine Informationsübergabe. Das spontane Austauschen über den Bildschirmrand hinweg fehlt. Da wir kürzlich ein neues CAD-Programm eingeführt haben und ich erst seit einigen Monaten in dem Büro arbeite, gibt es nur wenig Routine, die wir uns jetzt per Telefon erarbeiten müssen.
Welche Auswirkungen hat die Krise auf Eure Projekte?
Oliver Czaia: Unser Schwerpunkt liegt in der Bearbeitung der Leistungsphasen 1–5. Glücklicherweise gibt es von der Bauherrenseite keine Tendenzen, den Planungsprozess zu unterbrechen. Vielmehr werden auch in Abstimmung mit dem Bauherrn Mittel und Wege gefunden, den notwendigen Austausch zur Planung und damit verbundene Entscheidungsfindungen vor allem auf digitaler Ebene herbeizuführen. Zum Beispiel wurden zu den periodischen Projektbesprechungen, die normalerweise eine persönliche Anwesenheit erfordern, nun Online-Konferenzräume eingerichtet.
Bei den Projekten, die sich in der Baudurchführung befinden, ist jedoch deutlich zu merken, dass sich zeitliche Verzögerungen einstellen. Einerseits durch reduziertes Personal auf den Baustellen, andererseits durch sich andeutende, verlängerte Materiallieferzeiten. Baustellen in vermieteten Räumen und Gebäuden, die ursprünglich während eines laufenden Betriebes geplant waren, sind vollkommen zum Erliegen gekommen.

Henning Struve: Indirekt verändern die neuen Rahmenbedingungen auch die Projekte, gerade in Bezug auf das Entwerfen: Normalerweise sollte der Entwurf ein gruppendynamischer Prozess sein. Jetzt, ohne direkte Rückkopplung, verzögert sich der Prozess und das Ausprobieren und Experimentieren beschränkt sich auf das, was in diesem engen Rahmen möglich ist. Man denkt weniger über die Vorgaben hinaus.
Mit welchen Maßnahmen reagiert Ihr darauf?
Oliver Czaia: Ein erster Schritt war die Organisation von Homeoffice-Arbeitsplätzen. Wir haben großes Glück, dass diese Option bei allen Mitarbeitern sowohl technisch als auch räumlich möglich war und ist. Insbesondere bei den Mitarbeitern mit Kindern, stellt diese Art der Arbeit eine besondere Herausforderung dar, da ein Spagat zwischen Betreuung und Arbeit des Partners und der Projektarbeit bewältigt werden muss. Als Hilfsmittel haben wir Kommunikationsplattformen wie Slack und Zoom für uns entdeckt. Zudem haben alle Mitarbeiter direkten Zugriff auf die entsprechenden Daten unseres Projektservers. Das erleichtert vieles und jeder hat den gleichen Informationsstand.
Henning Struve: Üblicherweise versuchen wir, einen möglichst direkten Kontakt mit den Planungsbeteiligten zu haben – ein Gespräch ersetzt 20 E-Mails. Diese Arbeitsweise lässt sich schwer fortsetzen, trotzdem versuchen wir, durch Telefonkonferenzen und E-Mails unsere aktuell laufenden Projekte ohne Einschränkungen weiter laufen zu lassen. Ich bin nach einem Urlaub in Tirol zwei Wochen in freiwilliger Quarantäne gewesen und war daher schon länger im Homeoffice; meine Kollegen sind mir wenige Tage später gefolgt.
Wo seht Ihr die größten Schwierigkeiten in der aktuellen Situation? – oder seht Ihr eventuell auch Positives?
Oliver Czaia: Ein schneller Austausch in Entscheidungsfragen ist nicht mehr ohne weiteres möglich. Viele Detailabstimmungen müssen im Vorfeld organisiert und geplant werden. Dieser Umstand bindet Kapazitäten und lässt weniger Raum für die eigentliche entwurfsbezogene Projektbearbeitung. Wege zu finden, dass das Projekt nicht ins Stocken gerät und die architektonischen Qualitäten aufrechtgehalten werden, stellt eine Herausforderung dar. Das gilt insbesondere für Projekte, die einem fixierten Terminplan unterliegen.
Henning Struve: Aus meiner Sicht ist der Verlust des Miteinanderarbeitens immens, gerade die vielen kleinen Entwurfsentscheidungen bleiben auf der Strecke. Bei der Absprache via Telefon werden die Infos über Änderungen und ähnliches stark gebündelt. So verzögert und verzerrt sich die Arbeitsweise: Hat man im Büro die direkte Rückkopplung während des Prozesses, bespricht man jetzt das Resultat erst, wenn es vollständig fertig ist. Andererseits kann man Aufgaben, die man nur „abarbeiten“ muss, sehr gut auch von zu Hause aus erledigen.
Ein weiterer Punkt ist, dass durch das Homeoffice die Arbeit in meine privaten Räume eindringt. Ich wohne in einer kleinen WG und meine Mitbewohner arbeiten zurzeit auch von zu Hause. Das stellt uns manchmal auch vor Herausforderungen. Auch verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Der Arbeitscomputer in meinem Zimmer ist sehr präsent und lässt mich ständig über das aktuelle Projekt nachdenken. Irgendwie fühlt sich auch der Tee in der eigenen Küche mehr nach Faulheit an als in der Teeküche des Büros.
Lässt sich aus diesen Erfahrungen für Eure Arbeit etwas lernen?
Oliver Czaia: Es ist eine beeindruckende Erfahrung, welche Möglichkeiten die digitale Vernetzung bietet. Ohne dieses Angebot des schnellen Informationsaustauschs wäre derzeit eine Projektbearbeitung nicht möglich, und viele Projekte würden scheitern – auch unser Büro würde in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. Insofern haben wir in unserem Berufszweig bezogen auf unser Leistungsbild eine dankbare und auch glückliche Ausgangslage.
Henning Struve: Wir als Architekten haben Glück, dass ein großer Teil unserer Arbeit rechnerbasiert ist und wir im Prinzip gut von zu Hause arbeiten können. Ich habe aber das Gefühl, dass wir ein anderes Kommunikationsverhalten entwickeln müssen, das nicht durch das Versenden durchs Internet einen Teil der Informationen verliert. Wir müssen lernen, unsere Ideen stärker zu verbalisieren und auf den Punkt zu bringen. In diesem Zusammenhang wird einem erst richtig bewusst, wie wertvoll eine schnelle Skizze sein kann, um seine Ideen den Arbeitskollegen zu vermitteln. Außerdem merke ich, dass Routinen und feste Strukturen – wie Ordnerstrukturen und Datenverwaltung – bisher zwar vorhanden waren, aber oft eher stiefmütterlich behandelt wurden. Gerade jetzt spürt man aber, was für eine Arbeitserleichterung sie bieten können.
Welche Rolle haben Nähe und Distanz bislang in Euren Entwürfen gespielt – verändert Corona die Planung hinsichtlich Nähe und Distanz?
Oliver Czaia: Bemerkenswerterweise existieren schon seit geraumer Zeit, also vor Corona, Kooperation zwischen Architekten und Institutionen aus dem Gesundheitswesen, die sich mit dem Thema des Umgangs mit Viren und ihre Vermeidung in Kliniken und Einrichtungen durch räumliche und architektonische Mittel auseinandersetzen. Hier wird voraussichtlich ein weiteres Bearbeitungsfeld für Architekten mit neuen Herausforderungen entstehen. Gleichzeitig ist hiermit auch das Thema "Nähe und Distanz" verknüpft.
Für die eigene Arbeitswelt und Arbeitsweise ist zu hoffen, dass die Krise mit ihren Restriktionen alsbald ein Ende findet, da die Einschränkung des fachlichen und insbesondere des sozialen Austausches während der gemeinsamen Projektarbeit doch immens sind. Dieser Austausch ist Grundlage des kreativen Schaffens und auch der Freude an der Arbeit mit Architektur.
Henning Struve: Ich glaube nicht, dass es demnächst vermehrt Entwürfe gibt, in denen Nähe und Distanz eine vorherrschende Rolle spielen werden. Aber frei nach Marx – das Sein bestimmt das Bewusstsein – haben aktuelle Ereignisse immer Auswirkungen auf unsere Tätigkeit als Architekt. Ich möchte einem Virus nicht die Macht zusprechen starken Auswirkungen zu haben, aber ich beobachte schon eine komische Transformation in unserer Gesellschaft. Als ich Vorgestern zum ersten Mal nach meiner Quarantäne in den Supermarkt durfte, hatte ich das Gefühl, in eine Life-Performance von George Orwells 1984 gestolpert zu sein. Es wird spannend zu beobachten, wie sich diese Krise ausdrücken wird: Kommt es widererwarten zu neuen architektonischen Lösungen oder werden uns Desinfektionsmittelspender in öffentlichen WC Anlagen in einigen Jahrzenten wie stille Zeugen der 2020er Krise erscheinen? Oder vielleicht beginnt ein grundsätzliches Umdenken. Mit dem Klimawandel, Arbeit 3.0 und der Globalisierung haben wir eine Menge Felder zu beackern. Da bleibt auch ohne Virus noch viel zu tun.


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