Bauwelt

Wer Farben verstehen will, sollte nicht nur auf Fassaden und Grundrisse schauen, sondern auch in den Kleiderschrank

Welche Emotionen lösen welche Farben von welchen Objekten aus? Architekt und Psychologe Axel Buether über Wahrnehmung, Atmosphäre, Ausstrahlung und Gestaltung als Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.

Text: Michael Kasiske, Berlin

  • Axel Buether wurde zum Steinmetz und Restaurator ausgebildet, danach studierte er Architektur an der Technischen Universität und Universität der Künste Berlin sowie an der Architectural Association London. Seit 2012 lehrt er als Professor die „Didaktik der Visuellen Kommunikation“ an der Bergischen Universität Wuppertal.<br />
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    Axel Buether wurde zum Steinmetz und Restaurator ausgebildet, danach studierte er Architektur an der Technischen Universität und Universität der Künste Berlin sowie an der Architectural Association London. Seit 2012 lehrt er als Professor die „Didaktik der Visuellen Kommunikation“ an der Bergischen Universität Wuppertal.
    Foto: Martin Jepp

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    Axel Buether wurde zum Steinmetz und Restaurator ausgebildet, danach studierte er Architektur an der Technischen Universität und Universität der Künste Berlin sowie an der Architectural Association London. Seit 2012 lehrt er als Professor die „Didaktik der Visuellen Kommunikation“ an der Bergischen Universität Wuppertal.

    Foto: Martin Jepp

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Axel Buether wurde zum Steinmetz und Restaurator ausgebildet, danach studierte er Architektur an der Technischen Universität und Universität der Künste Berlin sowie an der Architectural Association London. Seit 2012 lehrt er als Professor die „Didaktik der Visuellen Kommunikation“ an der Bergischen Universität Wuppertal.
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Axel Buether wurde zum Steinmetz und Restaurator ausgebildet, danach studierte er Architektur an der Technischen Universität und Universität der Künste Berlin sowie an der Architectural Association London. Seit 2012 lehrt er als Professor die „Didaktik der Visuellen Kommunikation“ an der Bergischen Universität Wuppertal.

Foto: Martin Jepp


Wer Farben verstehen will, sollte nicht nur auf Fassaden und Grundrisse schauen, sondern auch in den Kleiderschrank

Welche Emotionen lösen welche Farben von welchen Objekten aus? Architekt und Psychologe Axel Buether über Wahrnehmung, Atmosphäre, Ausstrahlung und Gestaltung als Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.

Text: Michael Kasiske, Berlin

Herr Buether, bei Ihrem Fachgebiet dachte ich an die Farbdeutung von Wassily Kandinsky und der Zuordnung zu Formen: Rot – Quadrat, Blau – Kreis und Gelb – Dreieck. Ist das eine Form von „Evidenzbasierter Farbpsychologie“ gewesen?
Nein. Ich vertrat sechs Jahre an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle die Professur „Licht, Farbe, Raum“, die der von Kandinsky oder Josef Albers am Bauhaus glich. Da habe ich die Bauhauslehre analysiert. Sie führt zu falschen Schlüssen, weil sich die Leitwissenschaft von der Physik zur Biologie verschoben hat, auf der die evidenzbasierte Farbpsychologie aufbaut.
Sie spielen auf die Wahrnehmung an.
Genau, denn wir wissen heute aus Erkenntnissen der Neurowissenschaft, dass die Farben nicht außerhalb von unserem Bewusstsein zu finden sind. Wie alles, was wir wahrnehmen, sind sie Teil der uns über unsere Sinne zugänglichen Wirklichkeit. Farben funktionieren ähnlich wie unsere Temperatursensoren: Sie sind ein Mittel zum Messen und Beurteilen von Umweltdaten, auf die unser Gehirn unmittelbar und zumeist unwillkürlich reagiert.
Licht spielt also eine der Farbe nachrangige Rolle?
Wahrnehmungspsychologisch ist Licht ein Bestandteil der Farbe. Wir haben nur Rezeptoren auf der Netzhaut des Auges, die auf Farbreize reagieren. Physiologisch betrachtet gibt es in der Retina Centralis, dem Ort, mit dem wir scharf und bewusst sehen, ausschließlich Farbreize, die wir in Bezug auf unsere Lebenserfahrungen durch Parameter wie Helligkeit, Buntheit, Brillanz und Farbsättigung spezifizieren oder auch in Licht- und Oberflächenfarben einteilen können.
Was bedeutet das für die Wahrnehmung?
Farbreize übermitteln uns nicht nur Informationen über die Bedeutung unserer Lebenswelt. Sie verändern über die Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern auch unmittelbar unseren Körperzustand. So beeinflussen sie unter anderem Wachheit, Aufmerksamkeit, Motivation, Appetit, Verdauung, Leistungsbereitschaft, Stress, Entspannung und Wohlbefinden.
Haben bestimmte Farben denn eindeutige Wirkungen, wie Kandinsky meinte?
Kandinsky war für seine Zeit enorm wichtig, aber aus heutiger Sicht ist seine Farblehre überholt. In meinem Fach geht es darum, welche messbaren Effekte Farben auf Wohlbefinden, Gesundheit, Motivation, Leistung und soziale Interaktion haben. Dabei interessieren mich nicht spekula-tive Bedeutungen, sondern evidenzbasierte Zusammenhänge: Wie beeinflussen Farben Aufmerksamkeit, Emotionen, das vegetative Nervensystem, hormonelle Prozesse und damit den Körperzustand?
Das ist die Theorie. Was bedeutet das konkret, etwa für das Handeln?
Wir haben eine Sensorik dafür, etwa an welchen Orten wir uns für welche Tätigkeit wohl fühlen. Wo sind wir gern, wenn wir uns erholen wollen, wenn wir arbeiten wollen. Das heißt, wir haben die Fähigkeit, das zu messen, die ist biologisch entwickelt. Die funktioniert in allen Bereichen unseres Lebens. Die Farben unserer Lebensmittel stellen den Körper bereits vor dem ersten Bissen auf die Nahrungsaufnahme ein; Teller, Tischdecke, Wandfarben und Beleuchtung modulieren diese Wirkung: Verdauungsprozesse werden angeregt, der Blutzuckerspiegel sinkt und Appetit entsteht.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Farbexperte?
Meine Aufgabe ist, die Wahrnehmung auf die elementaren und spezifischen Bedürfnisse des Menschen zu lenken. Ich verstehe Farbpsychologie in der Raumgestaltung als unterstützendes Werkzeug. Deshalb befrage ich die Nutzerinnen und Nutzer: Was tun Sie hier? Was brauchen Sie? Soll die Atmosphäre eher beruhigen oder aktivieren? Geht es um konzentriertes Arbeiten, Erholung oder soziale Interaktion? Sind Flure reine Durchgangszonen oder auch Orte des Aufenthalts? Um die bestmögliche Qualität für die Menschen zu erreichen, konzentriere ich mich auf die Wirkungen von Farben. Die Ästhetik der Gestaltung ist dabei nicht Selbstzweck, sondern Mittel, um diese Wirkung gezielt erfahrbar zu machen. Das ist der Ansatz der evidenzbasierten Farbpsychologie.
Ich habe Ihre Farbgestaltung in einem Krankenhaus gesehen: Die Aufenthaltszone für das Personal ist kräftig gelb, die natürlich belichteten Patientenzimmer sind in gedeckten Farben gehalten. Können ähnliche Atmosphären auch mit anderen Farben entstehen – abhän-gig von den jeweiligen Lichtverhältnissen?
Ja, ähnlich wie Sprache lässt sich dieselbe Wirkung mit unterschiedlichen Mitteln erzeugen. Entscheidend ist nicht der einzelne Farbton, sondern sein Zusammenspiel mit Licht, Material, Sättigung, Helligkeit und Nutzungssituation. Die Kompetenz liegt darin, eine gewünschte Atmos-phäre präzise in Farbe zu übersetzen – und sie an den jeweiligen Raum anzupassen.
Welche Wirkungen sind damit gemeint?
Ich versuche, die psychologische Dimension zu erfassen. Was erzählt mir ein Mensch? Was könnten andere ähnlich empfinden? Und was ist eher subjektiv? Bei dem Gelb für den Pausenraum wollte ich wissen, wie die Belegschaft tickt. Wenn sie sagt: Von den möglichen Varianten ist es genau dieses Gelb, das Urlaub assoziiert und mit dem wir uns wohlfühlen, dann lasse ich einen Quadratmeter Gelb an die Wand malen. Wir bemustern gemeinsam, und ich frage: „Seid ihr sicher, dass ihr mit diesem Gelb glücklich werdet, oder soll ich es noch etwas zurücknehmen?“. Das lässt sich sehr fein ausdifferenzieren. Wir arbeiten mit den großen Farbsystemen von RAL und NCS, die jeweils etwa 2000 genormte Farbtöne umfassen. Dabei gestalten wir nicht nur Anstriche. Jeder Raum hat eine farbige Haut – von Boden und Decke über Möbel und Textilien bis hin zu den Materialien. Erst dieses Zusammenspiel bestimmt seine Wirkung.
Ich vermute, die meisten Menschen können sich nicht entscheiden.
Letztlich ist jeder Mensch ein Farbexperte. Genauso wie wir Musik gut beurteilen können, obwohl wir nicht genau wissen, wie die Töne zusammengesetzt sind.
Wie bekommen Sie heraus, ob die Farbe nun die Richtige gewesen ist?
Wir messen unsere Erfolge mit objektiven Daten, in Krankenhäusern etwa Änderungen im Medikamentenverbrauch oder beim Krankheitsstand des Personals. Darüber hinaus erfassen wir, wie Farben Motivation und Verhalten beeinflussen: in Schulen beim Lernen und Lehren, in Büros oder Produktionsbereichen bei Arbeitszufriedenheit, Konzentration und Identifikation mit Arbeitsplatz und Arbeitgeber. Auch die Qualität und Quantität sozialer Interaktionen lässt sich beobachten: Werden Räume angenommen? Entstehen Gespräche, Rückzug, Aktivierung oder Erholung dort, wo sie gebraucht werden? So wird Farbgestaltung nicht nur ästhetisch bewertet sondern als Beitrag zu Gesundheit, Motivation und sozialer Qualität überprüfbar.
Sie haben selbst Architektur studiert. Warum ist der Berufsstand auf Schwarz, Weiß und Grau fixiert, also auch in der Kleidung?
Schwarz ist im Architekturbereich ein starkes Zugehörigkeitssignal: Ich bin Architekt, ich identifiziere mich mit diesem Berufsstand. Historisch steht Schwarz für Autorität, Distanz und Seriosität – früher war die Farbe wegen ihrer aufwendigen Herstellung vor allem hochgestellten Gruppen wie Richtern, Geistlichen oder Würdenträgern vorbehalten. Im Alltag ist diese Wirkung aber nicht immer hilfreich.
Was kann Respekt vor dem Architektenberuf verhindern?
Vor allem fehlende Offenheit. Aus meiner Sicht brauchen gute Architektinnen und Architekten nicht nur eine fundierte Schulung der menschlichen Wahrnehmung, sondern auch kommunika-tive Kompetenzen: zuhören, nachfragen, Bedürfnisse erkennen, Reaktionen spiegeln. Gestaltung ist nicht nur eine Frage guter Ideen, sondern auch der Fähigkeit, sich in die Nutzerinnen und Nutzer hineinzuversetzen.
Sie würden also nicht ganz in Schwarz auftreten, weil das dieser Offenheit entgegenwirkt?
Ich möchte seriös wirken und zugleich nahbar sein. Deshalb bevorzuge ich reduzierte Basisfarben wie Sand, Khaki oder ein gedämpftes Blaugrau und kombiniere sie je nach Anlass mit Akzentfarben wie Altrosa, Terrakotta oder Auber-gine. Solche Farben wirken offen, empathisch und kommunikativ, ohne an Professionalität zu verlieren. Wenn ich weiß, welche Zielgruppe mich erwartet, kann ich die Wirkung meiner Kleidung bewusst einsetzen, um den Dialog zu erleichtern.
Sie haben beschrieben, was Sie zu einem Termin anziehen, um sich gut fühlen zu können, und auch, dass die Farben in einem Kleiderschrank die Tiefe einer menschlichen Per-sönlichkeit enthüllen.
Kleidung sendet Farbsignale, und die können je nach Situation sehr unterschiedlich sein. Wenn man aber den Kleiderschrank insgesamt betrachtet und die Farben systematisch ordnet, werden Muster sichtbar: Vorlieben, Bedürfnisse, Rollenbilder, manchmal auch Dissonanzen. Ein Kleidungsstück wurde vielleicht aus einer besonderen Stimmung heraus gekauft, passt aber nicht zum übrigen Farbspektrum. Und vielleicht ist dasauch eine schöne Erkenntnis für die Architektur: Kleidung ist der erste Raum, den wir gestalten. Danach kommen Wohnung, Arbeitsplatz und Stadt. Wer Farben verstehen will, sollte also nicht nur auf Fassaden und Grundrisse schauen, sondern manchmal auch in den eigenen Kleiderschrank.

Axel Buether wurde zum Steinmetz und Restaurator ausgebildet, danach studierte er Architektur an der Technischen Universität und Universität der Künste Berlin sowie an der Architectural Association London. Seit 2012 lehrt er als Professor die „Didaktik der Visuellen Kommunikation“ an der Bergischen Universität Wuppertal.
Fakten
Architekten Buether. Axel, Wuppertal
aus Bauwelt 15.2026

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