Zukunft Zwanzigeinundzwanzig

Optimismus und Zuversicht prägen die Nachrichten der zurückliegenden Tage, Licht am Ende des Tunnels ist erkenn­bar. Und auch für Architektur und Stadt­pla­nung wird diese Krise schon bald in die zweite Reihe treten. Denn die großen Fragen, die Wohnungsbau, Klimakrise, Mobilität und Identität stellen, bleiben.

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

Zuversichtlich in die Zu­-kunft. Mies van der Rohe im Souterrain der sanier­ten Neuen Nationalgalerie, deren Schlüsselübergabe im April erfolgen wird.
Foto: Kaye Geipel

Zuversichtlich in die Zu­-kunft. Mies van der Rohe im Souterrain der sanier­ten Neuen Nationalgalerie, deren Schlüsselübergabe im April erfolgen wird.

Foto: Kaye Geipel


Zukunft Zwanzigeinundzwanzig

Optimismus und Zuversicht prägen die Nachrichten der zurückliegenden Tage, Licht am Ende des Tunnels ist erkenn­bar. Und auch für Architektur und Stadt­pla­nung wird diese Krise schon bald in die zweite Reihe treten. Denn die großen Fragen, die Wohnungsbau, Klimakrise, Mobilität und Identität stellen, bleiben.

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

Ein Jahr wie kein anderes liegt hinter uns. Das festzustellen, wäre eine Platitude, wenn wir nicht auf dieses außergewöhnliche 2020 zurückblickten. Vor zwölf Monaten war es kaum mehr als ein Poltern aufschreckender Nachrichten aus China, das andeuten konnte, dass etwas Großes und ganz und gar Unerwartetes einbrechen würde in die Routinen der Planung von Architektur und Stadt. Wenig später waren dann auch bei uns die Gewohnheiten auf den Kopf gestellt. Statt sich weiter mit der Spirale des immer knapperen städtischen Bodens, mit noch mehr Nähe und architektonischer Dichte auseinanderzusetzen, bekamen wir den Begriff einer ‚distant city‘, einer Stadt der großen Abstände, vor die Füße geknallt. Von heute auf morgen war die Redaktion wie ein Geheimbund über die Stadt verteilt, um die aktuellen Hefte zu realisieren, ausgestattet mit Laptop, MS Teams und vielen Telefonaten als einzigem Werkzeug. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert: Nur unter Sicherheitsvorkehrungen begegnen wir uns in der Redaktion in der Schlüterstraße, um die nächsten Themen zu vereinbaren.
Aber nicht nur die Erstellung der Bauwelt-Hefte war davon betroffen. Schon früh wurde uns bewusst, dass der Bauwelt Kongress, geplant im Dezember, in der bisherigen Form keinesfalls stattfinden würde. Nach vier Iterationen haben wir unser Format gefunden, eine digitale Veranstaltung, teilweise aufgezeichnet, teilweise live und mit Zuschauern, die digital zugeschaltet waren. Die gewonnenen Erkenntnisse werden wir in Zukunft nutzen, der Bauwelt Kongress wird zukünftig immer eine digitale Komponente erhalten.
Welche Agenda hat das neue Jahr für Architekten und Planer? Zum Jahreswechsel gab es erstmal für alle nur die große Stille, kein Feuerwerk weit und breit. Aber der Eindruck täuscht. Die Debatten des zurückliegenden Jahres warten dringlich auf entsprechende Konzepte zur Umsetzung.
Unser Kongress im Dezember, die digitale Debatte, hat schon mal deutlich gemacht, was in den nächsten Monaten zu tun ist, um die Architektur selbst robuster zu machen, Anpassungsfähigkeit und gleichzeitig Dauerhaftigkeit dürfen zukünftig kein Widerspruch sein. Wir werden im nächsten Heft die Ergebnisse genauer vorstellen.
Ein weiterer großer Prüfstein sind die Anforderungen, jedes Bauprojekt mit den unverzichtbaren Veränderungen in der Stadtpolitik – Klima und Mobilität, um nur zwei zu nennen – in Verbindung zu setzen. Über die uns auferlegten Corona-Regeln beim Verlassen der Wohnung spüren wir Tag für Tag, wie dringlich der gemeinsame, für unterschiedlichste Bedürfnisse strukturierte öffentliche Raum für das eigene Wohlbefinden ist. Die eigene Wohnung kann das nicht leisten. Welche Anforderungen das an den „ganz normalen Geschosswohnungsbau“ stellt, wird uns 2021 beschäftigen.
Schließlich geht es um die Frage, ob die heutige Architektur in Zeiten einer als Bedrohung empfundenen Globalisierung zu wenig „Heimatgefühl“ und Identitätsstiftung bietet. Der Streit um die Rekonstruktion historischer Identifikationspunkte wurde zuletzt von konservativer Seite mit zunehmender Aggressivität geführt, im öffentlichen Raum wie in den Medien. In Frankfurt musste sich der Direktor des Deutschen Architekturmuseums kürzlich gar gegen die Schläge eines ungebetenen Gastes wehren, der den Wiederaufbau der Alten Oper mit aller Macht herbeiführen will, in Berlin wurde die Senatsbaudirektorin in der letzten Woche als Maoistin beschimpft, die sofort abtreten müsse, nachdem sie die – moderne – Landschaftplanung auf den Flächen rund um das rekonstruierte Schloss erläutert hatte.
Neben solchen Herausforderungen gibt es 2021 auch Ereignisse, auf die wir uns jetzt schon freuen. Zum Beispiel ein Projekt, dem die Bauwelt seit den 60er Jahren besonders eng verbunden ist: die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, die seit 2015 von Chipperfield Architects in seine Bestandteile zerlegt, saniert und wieder zusammengesetzt wurde. Vor drei Wochen besichtigten wir den lange hinter Planen verschwundenen Museumsbau, um eine entsprechende Veröffentlichung zur Schlüsselübergabe im April vorzubereiten. In der großen Halle, beim Blick durch die riesigen neuen, jetzt freigelegten Glasscheiben spürten wir handgreif­liche Aufregung, die sich einstellt, wenn etwas fertig wird, was die Stadt an dieser Stelle, zum zweiten Mal nach mehr als fünfzig Jahren, architektonisch prägen wird.
Wir stiegen hinab in den Sockel und entdeckten im Waschraum der Toiletten vor den Ausstellungsräumen noch ein kleines unerwartetes Baustellen-Stillleben. Dort, wo die weißen Keramikkacheln saniert und die im Stil der 60er Jahre originalgetreuen, unprätentiösen Waschbecken gerade an der Wand fixiert worden waren, hatte jemand unter ein noch nicht mit der passenden Lampe verbundenes Elektrokabel eine Fotografie von Mies van der Rohe an die Wand geklebt. Ganz selbstverständlich lehnt er dort im Souterrain am Fenster, blickt vielleicht in die Zukunft und uns über die Schultern.

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