Möchtegern-Flurfunk

Beatrix Flagner weiß dank ihres Platzes, wer in der Bauwelt Redaktion den starken Kaffee kocht.

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Beatrix Flagner weiß dank ihres Platzes, wer in der Bauwelt Redaktion den starken Kaffee kocht.

Beatrix Flagner weiß dank ihres Platzes, wer in der Bauwelt Redaktion den starken Kaffee kocht.


Möchtegern-Flurfunk

Beatrix Flagner weiß dank ihres Platzes, wer in der Bauwelt Redaktion den starken Kaffee kocht.

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Er wurde aus den meisten Grundrissen verbannt. In Büros ist er jetzt die Kommunika­tionsfläche, in Schulen eine zentrale, multifunktionale Mehrzweckzone, manch einer fällt in die eigenen vier Wände mit der Tür direkt in den „Wohnbereich“ und in Inseraten wird er manchmal als Diele umschrieben, damit er nicht so zwecklos klingt: der Flur. Jetzt, wo so viele im Homeoffice arbeiten, wächst er wohl denen ans Herz, die einen haben und weckt Sehnsüchte bei jenen, die ohne ihn auskommen müssen. Er verbindet Räume, aber vor allem trennt er sie: Die Küche, wo der Wasserkocher laut rauscht, vom Wohnzimmer daneben, in dem die wichtige Telefonkonferenz läuft; das Kinderzimmer, wo getobt wird, vom Schlafzimmer, das zum ruhigen Arbeitsraum umfunktioniert wurde, da es am weitesten von der schrillen Türklingel entfernt ist, die vom Paketboten im Sturm geläutet wird. Ohne den Flur könnte all das nicht gleichzeitig stattfinden. Er bietet mehr als Platz für Schuhe und Jacken − notwendige Distanz.

Anders im Büro. In diesen Wochen habe ich häufig an den Flur in der Schlüterstraße 42 gedacht. Auch er trennt Räume, aber vor allem verbindet er sie. Von meinem Arbeitsplatz in der Bauwelt Redaktion kann ich seitlich den circa vierzig Meter langen Raum hinunterschauen. Ich sehe, wer meiner Kollegen zum Kopierer geht, mit dem Bürohund Else spielt, in der Teeküche die nächste Kanne Kaffee aufsetzt, eine Besprechung in der Layoutabteilung hat, wer die Belegexemplare in die Poststelle bringt und mich damit daran erinnert diese auch fertigzumachen. Von uns, die wir weiter vorne am Flur sitzen, weiß ich als Ers­te, dass es gleich zum Mittagessen geht, wenn die Kollegen am anderen Ende ihre Jacken anziehen. Er ist mehr als Verkehrsfläche − er bietet notwendige Nähe. Für inoffizielle Unterhaltungen am Türrahmen, bevor man zurück ins eigene Büro kehrt, oder für das abendliche „Schönen Feierabend“ beim Rausgehen muss keine Besprechung einberufen, müssen keine Termine und Verabredungen getroffen werden. Diesen informellen Austausch hält nur ein Flur aus, auch wenn wir derzeit versuchen ihn per Chat, E-Mail, Telefonat oder Videokonferenz zu imitieren.

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