Do the Wright Thing

Ende Januar verkündete die School of Architecture at Taliesin ihre Schließung in diesem Mai. Die Schule sah sich gezwungen, ihr weltweit einzigartiges Curriculum aufzugeben, das auf dem von Frank Lloyd Wright im Jahr 1932 gegründeten Taliesin Fellowship basiert. Die drohende Schließung würde das Ende der 88-jäh­rigen Tradition von Wrights experimenteller Architekturausbildung bedeuten.

Text: Martin, Felix, Aachen

1911 errichtete Frank Lloyd Wright sein Atelier und Wohnhaus bei Spring Green, Wisconsin. Ab 1932 diente Taliesin dem Fellowship als Sommersitz.
Foto: Felix Martin

1911 errichtete Frank Lloyd Wright sein Atelier und Wohnhaus bei Spring Green, Wisconsin. Ab 1932 diente Taliesin dem Fellowship als Sommersitz.

Foto: Felix Martin


Do the Wright Thing

Ende Januar verkündete die School of Architecture at Taliesin ihre Schließung in diesem Mai. Die Schule sah sich gezwungen, ihr weltweit einzigartiges Curriculum aufzugeben, das auf dem von Frank Lloyd Wright im Jahr 1932 gegründeten Taliesin Fellowship basiert. Die drohende Schließung würde das Ende der 88-jäh­rigen Tradition von Wrights experimenteller Architekturausbildung bedeuten.

Text: Martin, Felix, Aachen

Hintergrund der Ankündigung ist das problematische Verhältnis zu der 1940 gegründeten Frank Lloyd Wright Foundation, mit der die Schule die Gebäude in Taliesin und Taliesin West gemeinsam nutzt. Die Stiftung hegt Zweifel an der Wirtschaftlichkeit der Schule. Die wesentlichen Elemente des Fellowships, zum Beispiel das gemeinschaftliche Leben der Lehrenden und Lernenden, werden bis heute praktiziert – dennoch hatte die Schule in der Vergangenheit mit niedrigen Studierendenzahlen zu kämpfen. Seit dem Antritt des gegenwärtigen Direktors Aaron Betsky im Jahr 2015, gelang es der Schule wieder verstärkt Anklang zu finden. Anstatt die Formgebung des Meisters nachzuahmen, setzen sich die Studierenden nun mit den grundlegenden Prinzipien von Wrights organic architecture auseinander und suchen einen interpretierenden und zeitgenössischen Zugang zu dessen intellektuellen und baulichen Erbe.
Nach Vorbild der europäischen Reformschulen des frühen 20. Jahrhunderts etablierte Frank Lloyd Wright mit seiner Frau Olgivanna ab 1932 eine ganzheitliche Architekturausbildung. Neben dem täglichen Leben in Taliesins Gebäuden und in den Landschaften von Wisconsin und Arizona sind eine weiter gefasste künstlerische Förderung sowie das gemeinschaftliche Leben fester Bestandteil der Lernerfahrung. Den Höhepunkt des Studiums stellt der selbstorganisierte Bau eines Shelter in der Wüste Arizonas dar, der von nachfolgenden Kommilitonen bewohnt wird. Nach dem Tod ihres Mannes führte Olgivanna das Fellowship zunächst bis 1985 fort, gemeinsam mit ehemaligen Schülern. Erst 1986 erhielt die damalige Frank Lloyd Wright School of Architecture eine Akkreditierung für ihr Curriculum. Mit der Berufung Betskys begann die jüngste Phase der Schule, die vor allem durch die Trennung von der Stiftung im Jahr 2017 geprägt ist. Zuvor hatte die Higher Learning Commission – die zuständige Akkreditierungskommission – die Schule aufgefordert, sich von der Stiftung zu lösen, die als bisheriger Betreiber die Bedingungen der Kommission nicht erfüllen wollte. Die Schule hat sich somit 2017 als formell unabhängige Organisationkonstituiert, nun School of Architecture at Taliesin genannt. Eine tatsäch­liche Trennung hat jedoch nie stattgefunden, die Stiftung behielt das Anrecht auf drei Sitze im Vorstand der Schule und urteilt weiterhin abschließend über die neu zu bauenden Shelter.

Keine Einigung zwischen Schule und Stiftung

Die Unabhängigkeit der Schule führte zum Konflikt, da die Stiftung fortan als eine Art Vermieter fungierte, ohne von dieser klar getrennt zu sein. Das 2015 vereinbarte Memorandum of Understanding zwischen beiden Organisationen läuft diesen Sommer aus, eine Neuverhandlung scheiterte an der Forderung der Stiftung, die Akkreditierung der Schule aufzugeben sowie an steigenden Nutzungsgebühren für die beiden Standorte und deren Infrastruktur. Daraufhin entwickelte sich seit Ende Januar diesen Jahres eine größtenteils öffentlich ausgetragene Debatte. Aufgrund der regen Anteilnahme, dem Engagement der Studierenden und neuen Einnahmeaussichten hat sich der Aufsichtsrat der Schule Anfang März entschieden, einen neuen Finanzierungsplan vorzulegen, der die Erweiterung auf ein profitables Niveau von 40 bis 60 Studierenden vorsieht. Hierauf reagierte der CEO der Stiftung, Stuart Graff, in einer Stellungnahme ablehnend – er sei nach wie vor nicht von der Wirtschaftlichkeit der Schule überzeugt.

Wer soll in Taliesin unterrichten?

Trotz aller finanziellen Herausforderungen einer so kleinen und einzigartigen Schule lässt sich ein weiteres Motiv für die Unnachgiebigkeit der Stiftung vermuten. Die Studierenden benutzen Tag und Nacht die wichtigsten Räume – die von Wright mit seinen Fellows errichteten Studios in Wiscon­-sin und Arizona – und verhindern somit einen anderweitigen Gebrauch durch die Stiftung. Mit Verweis auf die Fragilität der 80 bis 100 Jahre alten Gebäude wurde der Schule die Nutzung von diversen anderen Räumen bereits untersagt. Zudem würde die Stiftung gerne – neben dem Erhalt derhistorischen Gebäude – den in Wrights Testament erteilten Lehrauftrag wieder selbst erfüllen. Sie könne mit einem neuen Programm Tausende erreichen im Vergleich zu den gegenwärtig nur 25 Studierenden. Was Graff und der Stiftung vorschwebt, scheint also ein nicht auf Kooperationen, Seminare und Workshops basierendes, gewinnbringendes Lehrprogramm zu sein. Dies entspricht weder den Standards einer heutigen Architekturausbildung, noch dem Reformcharakter der Lehre von Wright.

Die Schule ist nur formal unabhängig

Letztendlich vertreten die Schule und Stiftung diametral gegenüberstehende Ansätze, wie mit dem Erbe Wrights umgegangen werden soll. In der bis 2015 durch die Stiftung betriebenen Schule wurde Wrights organic architecture nicht nur konzeptionell als eine genuin aus dem Ort, dem Handwerk und den Nutzungsbedürfnissen hervorgehende Architektur verstanden, sondern mitunter auch als formaler Stil. Diese Nachahmung des Meisters ist den Werken der ehemaligen Fellows deutlich anzumerken und eben auch vielen der bis 2015 errichteten Shelter in Taliesin West. Dem entgegen steht der Anspruch der neuen Schule unter Betsky, Wrights Entwurfs­ansätze und Lehre experimentell und kritisch neu zu interpretieren. Der Paradigmenwechsel ist an den jüngsten Abschlussarbeiten zu erkennen. Neben der Sorge um die finanzielle Tragbarkeit der Schule scheinen auch Fragen des organisatorischen Aufbaus und der inhaltlichen Ausrichtung die Stiftung motiviert zu haben, auf eine Schließung der Schule zu drängen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Stiftung ihre ablehnende Haltung aufgibt und sich einer juristischen Mediation stellt.

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