Die Moderne – ein unvollendetes Projekt
Es ist das Erstlingswerk des Münchner Büros Hilmer Sattler: das 1971/72 erbaute Wohnhaus des Philosophen Jürgen Habermas, der im März verstarb. Christoph Sattler erinnert sich – und gibt Hinweise zur Lesbarkeit des Hauses.
Text: Sattler, Christoph, München
Die Moderne – ein unvollendetes Projekt
Es ist das Erstlingswerk des Münchner Büros Hilmer Sattler: das 1971/72 erbaute Wohnhaus des Philosophen Jürgen Habermas, der im März verstarb. Christoph Sattler erinnert sich – und gibt Hinweise zur Lesbarkeit des Hauses.
Text: Sattler, Christoph, München
Aber losgekoppelt von der Stadt, im abgeschiedenen Bereich privaten Wohnens im Einfamilienhaus, hat die hermetisch abgeschiedene Perfektion einer architektonischen „dimostrazione“ im Sinne der modernen Meister auch heute ihren Platz: zum Beispiel als Denkraum des Philosophen an einem Waldrand hoch über dem Starnberger See.
Stanislas von Moos 1994
Stanislas von Moos 1994
1971: Habermas ist damals noch nicht die spirituelle Stimme der Republik, eher der brillante, umstrittene Feuilletonist, Soziologe und Philosoph der Frankfurter Schule. Die Familie will schnell nach Starnberg umziehen, weil Habermas dort die Co-Direktion von Carl Friedrich von Weizsäckers Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt übernehmen soll.
Peter M. Bode empfiehlt der Familie drei Münchner Architekten: Peter Buddeberg, Uwe Kiessler sowie Heinz Hilmer & Katharina und Christoph Sattler. Die Familie entscheidet sich nach einem kurzen Treffen im Kaffeehaus für uns kleine, junge, bei der „Neuen Heimat Bayern“ angestellten Architekten. Wir hatten gerade den europäischen Wettbewerb „Altstadtsanierung Karlsruhe“ gewonnen und galten plötzlich als vielversprechend.
Die Vorgaben für den Entwurf sind klar umrissen: ein steiles, nach Norden abfallendes Grundstück mit einem Waldteil im hinteren Bereich, in der Nachbarschaft einzelne, villenartige Häuser aus verschiedenen Stilepochen in Gärten, drei Kinder und eine Unmenge von Büchern, keine Bilder – und eine vage Vorstellung von architektonischer Moderne.
Es entsteht ein langes, schmales Haus mit einer ineinanderfließenden, höhengestaffelten Raumfolge: von der offenen Zugangsloggia zur Eingangsdiele, weiter zum Kindertrakt, Esspavillon, der Wohnhalle und dem Arbeitsstudio – aufgereiht entlang der geschlossenen Bücher-Ostwand. Diese bildet das Rückgrat der Enfilade. Ute und Jürgen Habermas sind an den schnellen Entwurfsprozessen durchaus beteiligt. So schicken sie aus dem Tessin einen Brief, in dem sie anregen – nach einem kritischen Gespräch mit Max Frisch, dem Dichter und Architekten –, den unteren nördlichen Teil des Hauses auf Stützen, auf Pilotis, zu stellen. Eine Erinnerung an Le Corbusier.
Heute, 55 Jahre später, kann ich versuchen, künstlerische Quellen für den Entwurf des Habermas- Hauses auszumachen. Unsere akademische Schulung beginnt bei Lehrern der konservativen, handwerkbezogenen süddeutschen Moderne: Döllgast, Hart, Ludwig, Wiedenmann, dazu mein Praktikum bei Rudolf Schwarz. Im Kontrast dazu stehen Katharinas und mein Masterstudium am IIT in Chicago und dort die Arbeit bei Mies an der Berliner Neuen Nationalgalerie. Wesentlich für uns drei ist 1967 die Lektüre zweier Bücher: Robert Venturis „Complexity and Contradiction in Architecture“ und Aldo Rossis „L’architettura della città“. Der Beginn der Postmoderne. Zur selben Zeit, 1966, begeben wir uns gemeinsam nach Wien: Otto Wagner, Max Fabiani, Josef Pleĉnik, die Wiener Secession, die Superblocks, Adolf Loos und das Haus Wittgenstein. In Heinz Hilmer, Katharina und mir beginnt eine Grundsatzkritik zu keimen an den Prinzipien der CIAM und der Charta von Athen. Diese lösen die – von Priene bis zu Haussmanns Paris prägende – Stadtstruktur von Straße, Gasse, Platz und Hof auf. An ihre Stelle tritt die freistehende Unité d’habitation im Park, durchzogen von Autostraßen. Und trotz dieser Skepsis beruht der Entwurf des Habermas-Hauses auf unserer gemeinsamen Reflexion über Le Corbusiers Citröhan-Haus-Typologie der asymmetrischen Enfilade und Adolf Loos’ Raumplan.
Da steht das Haus am Hang als weiße Box und könnte Teil der Weißenhofsiedlung sein – fünfzig Jahre später – wie ein letzter Blick auf die Tradition der klassischen Moderne. Und es hat in seinem architektonischen, schier großbürgerlichen Raumgefüge vielleicht eher mit Margarethe Stonborough-Wittgensteins Haus zu tun, das – zusammen mit dem Loos-Schüler Paul Engelmann – der Philosoph Ludwig Wittgenstein für seine Schwester wesentlich mitentworfen hat.
Diese Frage der stilistischen Zuordnung – nicht nur ästhetisch, sondern auch als Vorstellung von der Lebenswelt eines Hauses – spiegelt sich in der berühmten Frankfurter Rede von 1980 des Philosophen Jürgen Habermas mit dem Titel „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt.“







0 Kommentare