Blätterdach des Erinnerns

Die Höchster Synagoge wur­de in der Reichspogromnacht zerstört und hinter­ließ eine Leerstelle. Als Er­geb­nis eines Wettbewerbs könnten bald Pflanzen den ver­lorenen Innenraum nachzeichnen.

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

    1. Preis Meixner Schlüter Wendt bündeln alle Anforderungen der Auslobung in ihrer Skizze des verlorenen Synagogen-Innenraums: der schwebende Garten öffnet eine ökologische Nische und beschirmt einen Ort des aktiven Gedenkens.
    Abb.: Verfasser

    1. Preis Meixner Schlüter Wendt bündeln alle Anforderungen der Auslobung in ihrer Skizze des verlorenen Synagogen-Innenraums: der schwebende Garten öffnet eine ökologische Nische und beschirmt einen Ort des aktiven Gedenkens.

    Abb.: Verfasser

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    Anerkennung Kübertlandschaftsarchitektur orientieren sich an den Portalen der ehemaligen Synagoge. In der Überarbeitungsphase ersetzten sie Betonelemente durch Rankhilfen aus Corten-Stahl.
    Abb.: Verfasser

    Anerkennung Kübertlandschaftsarchitektur orientieren sich an den Portalen der ehemaligen Synagoge. In der Überarbeitungsphase ersetzten sie Betonelemente durch Rankhilfen aus Corten-Stahl.

    Abb.: Verfasser

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Blätterdach des Erinnerns

Die Höchster Synagoge wur­de in der Reichspogromnacht zerstört und hinter­ließ eine Leerstelle. Als Er­geb­nis eines Wettbewerbs könnten bald Pflanzen den ver­lorenen Innenraum nachzeichnen.

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

Obwohl Höchst keine zehn Kilometer von Frankfurts Innenstadt entfernt ist, liegen doch gefühlt Welten zwischen beidem. Vom schönen Schein der Wolkenkratzer ist in Höchst, ist in den sogenannten westlichen Stadtteilen insgesamt, nichts zu sehen. Die ökonomische, soziale, selbst die kulturelle Realität ist eine andere als die in der City. Einheimische meinen sogar, im Vergleich zu den weiter östlich wohnenden Frankfurtern einen Unterschied im Dialekt zu hören. Höchst – einst unabhängige Stadt, eingemeindet erst 1928 – hat seit Jahrzehnten mit einem Bedeutungsverlust zu kämpfen, der durch die Implosion des Hoechst-Konzerns noch vergrößert wurde. Die Stadt Frankfurt versucht deshalb seit 2006 mit einem Rahmenplan, mit zahlreichen Förderprogrammen und einem Stadtteilbüro die „Qualitäten als Wohn- und Geschäftsstandort“ zu stärken.
Auch der Wettbewerb um die Neugestaltung des Ettinghausenplatzes entstammt einem dieser Förderprogramme. Am Übergang zwischen heute denkmalgeschützter, weitgehend intakter Altstadt und gründerzeitlicher Stadterweiterung platziert, stand hier von 1905 an eine Synagoge, die während der Novemberpogrome 1938 zerstört und später abgebrochen wurde. Archä­ologische Grabungen im Auftrag des Denkmalamtes hatten 2020 ihre Fundamente zu Tage gefördert, ebenso einen Teil der Stadtmauer und Reste eines Wehrturmes, den bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die noch kleine jüdische Gemeinde als Bethaus und Schule nutzte.
Die Bürger wurden befragt, drei lokale Geschichtsinitiativen engagierten sich, schließlich formulierte man eine ganze Reihe von nicht immer konsistenten Zielen für die Konkurrenz: So sollten die 13 meist interdisziplinären Teams, die sich beworben hatten, dem Platz „einen eigenständigen, dem Ort und seiner Geschichte angemessenen Charakter“ verleihen, der gleichzeitig „eine angemessene Offenheit der Gestaltung“ haben sollte. Der Platz sollte „eine besondere Atmosphäre“ aufweisen und „zugleich als lebendiger Erinnerungsort Aspekte der Geschichte, des Erinnerns sowie des Mahnens und Gedenkens“ in sich tragen und vermitteln. Die Gestaltung sollte selbstverständlich „nachhaltig“ sein, „ein angemessenes und in die Gestaltungsidee integriertes Pflanzkonzept entwickelt werden“, wobei allerdings „zum Schutz des Bodendenkmals keine Bäume oder Beete mit Wurzelraum angelegt werden dürfen“. Bei Bruttoerstellungskosten von insgesamt 350.000 Euro sollten darüber hinaus „eine hohe Dauerhaftigkeit sowie ein langfristig geringer Unterhaltungsaufwand sichergestellt werden“.
Zwölf Teams beteiligten sich dann tatsächlich, die Jury, die unter Vorsitz von Rena Wandel-Hoefer im November 2021 und nochmals im April dieses Jahres tagte, vergab drei Anerkennungen und einen ersten Preis. Die meisten Teilnehmer beschränkten sich in ihren Beiträgen monothematisch auf die Erinnerung an die zerstörte Synagoge, blendeten alle anderen Ziele aus und reduzierten damit die geschichtliche Komplexität des Ortes. Stattdessen wurde versucht, mit Motiven wie „Leerstelle“ oder „Auslassung“, mit Geschichts- oder stilisierten Gebetsteppichen, mit allegorischen Zeichen und Zitaten den Platz mit Bedeutung aufzuladen. Manchmal wurden sogar peinlich platte Analogien bemüht – wie etwa zehn Sitzgelegenheiten vorgeschlagen, die den zehn Geboten entsprechen.
Das Darmstädter Büro KatzKaiser hat in Frankfurt bereits eine eindrucksvolle Erinnerungsstätte auf dem Gelände der Europäischen Zentralbank realisiert. Sein mit dem Düsseldorfer studio grüngrau erarbeiteter Vorschlag, auf dem Ettinghausenplatz eine eher abstrakte Erinnerungsstätte zu schaffen, erhielt eine Anerkennung. Das Preisgericht lobte den „schlüssige(n), ästhetisch überzeugende(n) Beitrag“, doch „vollständig überzeugen“ konnte der Entwurf nicht. Auch den mit einem Brunnen gekrönten „Zeitenteppich“ des Münchner Studio Vulkan Landschaftsarchitektur zeichnete die Jury mit einer Anerkennung aus. Sie betonte die „hohe Aufenthaltsqualität und gestalterische Vielfalt“ des Beitrags, kritisierte aber seine „Vielzahl heterogener Gestaltungselemente“ und die „Überinszenierung des städtischen Raums“.
Die dritte Anerkennung ging an den Münchner Horst Kübert und sein Team. Sie durften ihren Entwurf wie auch das Frankfurter Büro Meixner Schlüter Wendt – die späteren Gewinner – überarbeiten. Die skulpturalen Elemente des Entwurfes, die der Architektur der zerstörten Synagoge nachempfunden waren, bewertete das Preis­gericht positiv. Andererseits erschienen ihm die Betonfertigteile und „Darstellung und Übersetzung der Geschichte in Gestaltungselemente [...] in ihrer Didaktik zu direkt“. In der Überarbeitung wurde aus Beton Corten-Stahl, doch die Jury vermisste dabei den „besondere(n) Bezug zu Ort oder Aufgabe“. Insgesamt, so die Preisrichter, würde „ein angemessener, aber letztlich eher konventioneller Ort der Erinnerung und Kontemplation“ entstehen.
Überzeugungsendspurt in Phase zwei
Nochmal an Qualität zugelegt hat dagegen der Entwurf von Meixner Schlüter Wendt durch die Überarbeitung. Der mit den Wetzlarer Landschaftsarchitekten von KuBuS Freiraumplanung und den Tragwerksplanern von Bollinger + Grohmann erarbeitete Vorschlag überraschte schon in seiner ersten Fassung die Preisrichter „seiner neue(n) stadt- und freiräumliche(n) Qualität“ und des starken Konzepts wegen. Die Zweifel hinsichtlich seiner Realisierbarkeit konnte die zweite Version des Vorschlags wesentlich ausräumen. Das Interessante und wohl auch die Jury Überzeugende an diesem Entwurf ist seine synthetische Leistung, die all die divergierenden Ziele des Auslobers zu einem stimmigen und doch ephemeren, im Vergleich zur ersten Fassung etwas reduzierten Volumen vereint: einem vorzugsweise mit wildem Wein bewachsenes Rankgerüst, dessen Form den Negativabdruck des Innenraums der ehemaligen Synagoge sowie der Stadtmauer wiedergibt und zusätzlich etwa 3,50 Meter über dem Boden schwebt. Eigentlich ein ziemlich simples Konzept, das gleichzeitig ungeheuer vielschichtig ist. Analogien und Assoziationen werden nicht bemüht, sondern stellen sich fast beiläufig ein: die Laubhütte, das Stiftszelt, die Erinnerung an das Blätterdach der Platanen, die zwischenzeitlich auf dem Platz wuchsen (deren Wurzeln das Bodendenkmal schädigten), oder auch ein Platzhalter für eine Bebauung in späteren Jahrzehnten.
Das Konzept spielt mit der Ambivalenz aus scheinbarer Masse und Raum. Das mit einer bei Bollinger + Grohmann entwickelten Software parametrisch optimierte stählerne Gerüst soll flächig begrünt werden, damit ein attraktiver grüner Platz unter einem Schattendach mit eigener Aufenthaltsqualität entsteht. Die Platzfläche soll, so die Architekten, als erhöhtes topographisches Relief ausgebildet werden, welches die Bodendenkmale farblich nachzeichnet und dokumentiert. Die Gerüststruktur selbst soll auf einem 60 Zentimeter hohen Podest stehen und allseitig Sitzmöglichkeiten bieten. Das Podest soll die Platzfläche aus dem umliegenden Straßenraum heben, die Fundamente für die Gerüstverankerung und das Substrat für die Begrünung aufnehmen und gleichzeitig als Anfahrschutz dienen. Die Arbeit habe, urteilten die Preisrichter, einen „exzeptionellen Charakter“ – auch nach der Überarbeitung. Sie begrüßten die Ausbildung der Sockelzone, die „die Lage der ehemaligen Synagoge als markantes Relief kenntlich“ mache. Man darf nur hoffen, dass der Entwurf trotz all der Bedenkenträger – gleich drei städtische Ämter müssen dabei zusammenarbeiten – gemäß seines wirklich überzeugenden Konzeptes umgesetzt wird.
Interdisziplinärer Realisierungswettbewerb
1. Preis (9000 Euro) Meixner Schlüter Wendt, Frankfurt, mit KuBuS Freiraumplanung, Wetzlar
Anerkennungen (je 2000 Euro) Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, München; Kübertlandschaftsarchitektur, München; ARGE KATZKAISER Markus Kaiser und Tobias Katz, Köln, mit studio grüngrau, Thomas Fenner, Düs sel dorf

Fachpreisgericht
Dieter Aichele, Martin Hunscher, Marianne Mommsen, Michael Triebswetter, Rena Wandel-Hoefer (Vorsitz)

Ausloberin
Stadt Frankfurt am Main

Wettbewerbsvorbereitung
a:dk architekten datz kullmann, Mainz

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