Wohnbebauung in München


An der Zaubzerstraße in München-Bogenhausen trifft die Wohnarchitektur der 1930er-, 40er-, 70er- und 80er-Jahre aufeinander. Die neue Bebauung von Palais Mai bringt sie zusammen.


Text: Matzig, Katharina, München


    Der Schwarzplan offenbart die heterogene Bebauung, in der das Architekturbüro Palais Mai eine letzte freie Ecke gekonnt geschlossen und neu geprägt haben.
    Foto: Sebastian Schels

    Der Schwarzplan offenbart die heterogene Bebauung, in der das Architekturbüro Palais Mai eine letzte freie Ecke gekonnt geschlossen und neu geprägt haben.

    Foto: Sebastian Schels

    Über einem Supermarkt entwickelt sich die Wohnbebauung mit 42 Einheiten. Die Fassade bestimmt ein feines Zusammenspiel aus Materialität, Farbpalette und Ausstaffierung.
    Foto: Sebastian Schels

    Über einem Supermarkt entwickelt sich die Wohnbebauung mit 42 Einheiten. Die Fassade bestimmt ein feines Zusammenspiel aus Materialität, Farbpalette und Ausstaffierung.

    Foto: Sebastian Schels

    Eine feine Materialwahl findet sich nicht nur an der Fassade wieder.
    Foto: Sebastian Schels

    Eine feine Materialwahl findet sich nicht nur an der Fassade wieder.

    Foto: Sebastian Schels

    Die Gestaltung des Treppenhauses mit Terrazzoboden lässt an die Zwanziger Jahre erinnern.
    Foto: Sebastian Schels

    Die Gestaltung des Treppenhauses mit Terrazzoboden lässt an die Zwanziger Jahre erinnern.

    Foto: Sebastian Schels

    Die Wohnungen im westlichen Teil des Gebäudes werden über Laubengänge erschlossen.
    Foto: Architekten

    Die Wohnungen im westlichen Teil des Gebäudes werden über Laubengänge erschlossen.

    Foto: Architekten

    Die nördliche Gebäudeecke ist siebengeschossig und bildet im Quartier einen Hochpunkt ...
    Foto: Sebastian Schels

    Die nördliche Gebäudeecke ist siebengeschossig und bildet im Quartier einen Hochpunkt ...

    Foto: Sebastian Schels

    ... mit Fernwirkung aus.
    Foto: Architekten

    ... mit Fernwirkung aus.

    Foto: Architekten

„Wie man es dreht und wendet: Ein wohlgeratenes Bauwerk hat immer einen ambitionierten Bauherrn und einen begabten Architekten zu Urhebern. Der eine ist oft sogar die Voraussetzung für den anderen.“ 1994 erschien das schmale Büchlein „Von der Utopie, dem guten Geschmack und der Kultur des Bauherrn“ von Manfred Sack. Aktuell ist es immer noch: „Das Haus in der Zaubzerstraße ist tatsächlich das erste Projekt, das wir als Direktauftrag bekommen haben,“ lacht Peter Scheller vom Münchner Architekturbüro Palais Mai. Kein Wunder: Mit der Bebauung eines Blockinnenhofs mit 66 Wohnungen und einer Kindertagesstätte in der Braystraße in München, 2016 fertiggestellt, haben Ina-Maria Schmidbauer, Patrick von Ridder und Peter Scheller sich bei der Bauherrin, der Bayerischen Landesbrandversicherung AG, bestens für einen Nachfolgeauftrag empfohlen (Bauwelt 31.2016). Dass der größte Gebäudebrandversicherer Bayerns von Maximilian I. Joseph 1811 gegründet wurde – der König gilt als Schöpfer des modernen bayerischen Staats, schaffte Leibeigenschaft, Steuerfreiheit des Adels und Folter ab und sorgte mit der Maxvorstadt für die erste planmäßige Erweiterung Münchens durch Friedrich Ludwig von Sckell und Karl von Fischer – ist zwar Vergangenheit, aber trotzdem eine schöne Geschichte.
Die Wohnanlagen in der Braystraße und die in der Zaubzerstraße trennen Luftlinie nur etwa 200 Meter. Erstere gehört zum Stadtteil Haidhausen, zweitere liegt in Bogenhausen, beide sind Teil der in den 1920er- und 30er-Jahren von Theodor Fischer geplanten Stadterweiterung. Die in West-Ost-Richtung verlaufende Prinzregentenstraße, neben der Brienner-, der Ludwig- und der Maximilianstraße eine der vier Prachtstraßen Münchens, zudem eine der meistbefahrenen Ein- und Ausfallstraßen, trennt die Viertel und mahnt exakt auf Höhe der beiden Baumaßnahmen an die von Fritz Norkauer, Herbert Landauer und Walter Kratz in der NS-Zeit erträumte „Neue Südstadt“ mit 14.500 Wohnungen, deren Bewohner allesamt Platz in einem Luftschutzhochbunker finden sollten. Einer der wenigen realisierten Musterbauten der monumentalen Planung aus dem Jahr 1944 flankiert mit seinen beiden quadratischen Eckhausbunkern die Prinzregentenstraße, der dritte Hochbunker markiert den Abschluss des offenen Blocks an der Kreuzung Bruckner- und Zaubzerstraße und liegt dem neuen Haus schräg gegenüber. Ebenso herausfordernd wie das Vis-à-vis, das durch eine Bebauung aus den 1980er-Jahren ergänzt wurde, ist allerdings auch der direkte Nachbar der 2020 fertiggestellten Wohnanlage samt sogenanntem Nahversorger: Eher vorstädtisch, „Harlachinger Style“, so Scheller, rückte Peter Lanz in den 70ern eine expressive Wohnbebauung aus Sichtbetonfertigteilen von der Straße ab und würfelte sie rund um einen üppig grünen Innenhof. Auch aus diesem Grund verwarfen die Münchner Architektinnen und Architekten von Palais Mai die ursprünglich von der Bauherrin gewünschte und so auch im Bebauungsplan vorgesehene Planung einer Aufstockung des bestehenden, halb in die Erde vergrabenen Supermarkts mit Frisör auf dem Dach: Ein Holzaufbau würde die Straßensituation räumlich nicht ausbessern, ganz abgesehen davon, dass Wohnungen (auch) an dieser Stelle fehlten. Stadt und Bayerische Landesbrandversicherung waren schnell überzeugt: Heute steht an der Zaubzerstraße ein Gebäude, das durch seine Höhenentwicklung, mit Vor- und Rücksprüngen und einem differenzierten Abstand zur Straße, elegant zwischen Formen und Zeiten vermittelt und komfortablen Wohnraum schafft.
Prinzregent heißt der neue Supermarkt. Einladend schieben sich seine grünen Metallmarkisen, die auch gut einen südfranzösischen Lebensmittelladen verschatten könnten, auf den Bürgersteig. Große Glasscheiben darunter locken den Blick ins Innere, das sich auf Erd- und Untergeschoss verteilt, verbunden über einen ungewohnt großzügigen Luftraum. Ein weiterer Eingang an der Westseite führt ins Café, der Vorplatz – ehemals abgesenkter Parkplatz – ist jetzt schon beliebter Nachbarschaftstreff. Mehr als drei Stellplätze, ein wenig entfernt, hat und braucht der neue Markt nicht. Die Autos der Anwohner verteilen sich auf die bestehende Tiefgarage aus den 1970er-Jahren, die wie die darüberliegende Wohnanlage ebenfalls der Bayerischen Landesversicherung AG gehört.
42 Wohnungen, aufgeteilt in 17 Einzimmerappartements, 11 Zweizimmer-, 8 Dreizimmer- und 6 Vierzimmerwohnungen, entwickeln sich in drei und vier Geschossen plus Maisonetten über dem vier Meter hohen Erdgeschoss. Siebengeschossig wird die nördliche Ecke der Bebauung zum städtebaulichen Hochpunkt. Erschlossen werden die Wohnungen, wie die der Nachbarn, über den Innenhof, mit Blick ins Grüne. Grün ist auch das Granulat aus Marmor Verde, das auf dem Boden im Treppenhaus an die 1920er-Jahre erinnert und die Eingangszonen angemessen akzentuiert: Im Maßstab 1:10 baute das Team von Palais Mai das Modell des hohen Raums, um seine Proportionen, die Wölbungen der Decke und den gerundeten Wandausschnitt zu überprüfen, schließlich darf und kann eine Erschließung in Bogenhausen durchaus ein wenig repräsentativ sein. Platz ist aber auch für Begegnung: Eine lange, in die Treppenwand eingelassene hölzerne Sitzbank lädt zur Kommunikation ebenso wie die Laubengänge der im Westen gelegenen Wohnungen.
Wertig sei die Ausstattung, beschreiben die Architekten bei der Hausführung, bei der die Türen der komplett vermieteten Wohnungen verständlicherweise verschlossen bleiben, aber nicht exklusiv: Fußbodenheizung, Parkett, Balkon. Eine der Maisonette-Wohnungen funktioniert bestens für drei Generationen, Großmutter, Mutter, Kinder. Dachterrassen vergrößern in den Außenraum, die weißen, blickdichten Blumenkästen der mit fein profiliertem Trapezblech verkleideten Balkone haben die Architekten entworfen.
Auch der Rest ist en détail geplant, intensiv wurden Farben, Muster und Materialien studiert, ehe Entscheidungen fielen. Das sieht man: Je nach Lichteinfall schimmert der Putz auf dem Massivbau aus Stahlbeton und Dämmziegeln unterschiedlich und vermittelt zwischen dem Sichtbetongrau, das seit 50 Jahren vor sich hin grünt und dem Beige der klassisch verputzten Blockrandbebauung. Auf der Innenhoffassade korrespondiert Kieselputz mit dem alten Waschbeton. Die gedämmten Stahlbetonfertigteile entsprechen in ihrer Profilierung dem Muster des Standard-Trapezblechs der Balkonbrüstungen. Das Erdgeschoss betonen sie, gemeinsam mit den darüber aufstrebenden, schmal aus der Fassade hervortretenden Pilastern vertikal, in den Wohngeschossen sorgen sie für horizontale Gliederung. Nicht „pseudo-betonmäßig“ und nicht „pseudo-gründerzeitmäßig“ begegnet das hybride Haus der Straße und dem Viertel, es ist schlicht und einfach schön zeitgemäß – und erklärt sich in seinem Umfeld bestens.



Fakten
Architekten Palais Mai Gesellschaft von Architekten und Stadtplanern, München
Adresse Zaubzerstraße 11, 81677 München


aus Bauwelt 5.2022
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