Silo Erlenmatt in Basel


Hinter einer neuen Fassade hat das Studio Harry Gugger auf der Basler Erlenmatt die Betonstruktur eines ehemaligen Korn- und Kakaobohnensilos zur Unterbringung eines Hostels genutzt. Die neuen, runden Fensteröffnungen schnitt ein Diamant in den Beton, die Zimmer jedoch werden zu relativ moderaten Preisen vermietet.


Text: Adam, Hubertus, Zürich


    Ansicht des Silo-Gebäudes. Erbaut 1912, stand das Gebäude ursprünglich frei auf dem Bahngelände.
    Historische Abbildung aus einem Prospekt der Basler Lagerhausgesellschaft

    Ansicht des Silo-Gebäudes. Erbaut 1912, stand das Gebäude ursprünglich frei auf dem Bahngelände.

    Historische Abbildung aus einem Prospekt der Basler Lagerhausgesellschaft

    Nun ist es Teil einer neuen Ring-Bebauung und grenzt an die Schnellstraße.
    Foto: Christian Kahl

    Nun ist es Teil einer neuen Ring-Bebauung und grenzt an die Schnellstraße.

    Foto: Christian Kahl

    Erlenmatt-Ost wurde von der Stiftung Habitat ent­wickelt. Das Silogebäude steht zwischen Bauten von Degelo- und Duplex Architekten. Rückseitig schließt ein Projekt von Abaraha Achermann an.
    Foto: Lukas Schwabenbauer

    Erlenmatt-Ost wurde von der Stiftung Habitat ent­wickelt. Das Silogebäude steht zwischen Bauten von Degelo- und Duplex Architekten. Rückseitig schließt ein Projekt von Abaraha Achermann an.

    Foto: Lukas Schwabenbauer

    Die 20 enthaltenen Silos fassten circa 3000 Wagenladungen Getreide zu je 10 Tonnen.
    Historische Abbildung aus einem Prospekt der Basler Lagerhausgesellschaft

    Die 20 enthaltenen Silos fassten circa 3000 Wagenladungen Getreide zu je 10 Tonnen.

    Historische Abbildung aus einem Prospekt der Basler Lagerhausgesellschaft

    Die Wände der Querkammerung blieben erhalten. Jedes der Silos spannte ehemals über zwei Schütttrichter.
    Foto: Lukas Schwabenbauer

    Die Wände der Querkammerung blieben erhalten. Jedes der Silos spannte ehemals über zwei Schütttrichter.

    Foto: Lukas Schwabenbauer

    Blick in eins der unter dem Dach verorteten Ateliers mit Oberlicht in den Dachraum ...
    Foto: Christian Kahl

    Blick in eins der unter dem Dach verorteten Ateliers mit Oberlicht in den Dachraum ...

    Foto: Christian Kahl

    ... und Sockelfensterbank zur Hofseite.
    Foto: Christian Kahl

    ... und Sockelfensterbank zur Hofseite.

    Foto: Christian Kahl

    An den Stirnseiten ver­bin­den geschwungene Treppenhäuser die Etagen.

    Foto: Christian Kahl

    An den Stirnseiten ver­bin­den geschwungene Treppenhäuser die Etagen.

    Foto: Christian Kahl

    Blicke in ein Duplexzimmer ...
    Foto: Christian Kahl

    Blicke in ein Duplexzimmer ...

    Foto: Christian Kahl

    ... sowie eine der Schlaf-Kojen im 4-Bett-Dorm.
    Foto: Christian Kahl

    ... sowie eine der Schlaf-Kojen im 4-Bett-Dorm.

    Foto: Christian Kahl

    Auf dem Schüttboden im Erdgeschoss konnten circa 1000 Ladungen zu 10 Tonnen versackt gelagert werden.
    Historische Abbildung aus einem Prospekt der Basler Lagerhausgesellschaft

    Auf dem Schüttboden im Erdgeschoss konnten circa 1000 Ladungen zu 10 Tonnen versackt gelagert werden.

    Historische Abbildung aus einem Prospekt der Basler Lagerhausgesellschaft

    Die Abfüllvorrichtungen sind in Restaurant und Büros noch sichtbar.
    Foto: Christian Kahl

    Die Abfüllvorrichtungen sind in Restaurant und Büros noch sichtbar.

    Foto: Christian Kahl

    Die runden Fenster ...

    Foto: Christian Kahl

    Die runden Fenster ...

    Foto: Christian Kahl

    ... schnitt ein Diamantschneider in die Fassade.
    Foto: Christian Kahl

    ... schnitt ein Diamantschneider in die Fassade.

    Foto: Christian Kahl

    Einige Schüttrichter sind ausbetoniert, damit sie das Gebäude während Erdbeben stabilisieren.
    Foto: Christian Kahl

    Einige Schüttrichter sind ausbetoniert, damit sie das Gebäude während Erdbeben stabilisieren.

    Foto: Christian Kahl

Silobauten aus Stahlbeton mit ihren repetitiven Kammern für Schüttgüter gelten als Ikonen einer ebenso funktionalistischen wie monumentalen anonymen Architektur, seit Walter Gropius 1911 Fotos auf der Wanderausstellung „Industriebauten“ des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe präsentierte. Einige der dort gezeigten Bilder fanden dann 1913 Eingang ins Jahrbuch des Deutschen Werkbunds, woraus sie Le Corbusier in sein zehn Jahre später erschienenes Traktat „Vers une architecture“ übernahm.
Die Faszination für diese Zweckbauten, fernab des menschlichen Maßstabs, ist geblieben – auch wenn sich Architekturschaffende in den letzten Jahren eher mit Fragen ihrer Umnutzung und Erschließung auseinandergesetzt haben. Beispiele dafür sind das MOCAA von Thomas Heatherwick in Kapstadt, die Konversion der Silos an der Minsheng Wharf in Shanghai (beide 2017) oder die im vergangenen Jahr eröffnete Erweiterung des Museums Küppersmühle in Duisburg durch Herzog & de Meuron (Bauwelt 3.2022).
Ein im Vergleich dazu kleines Projekt konnte das Harry Gugger Studio in Basel realisieren, und zwar auf der Erlenmatt, dem Gelände des früheren Badischen Güterbahnhofs. Das auf der Kleinbasler Seite und weit des Badischen (Personen-)Bahnhofs gelegene fächerförmige Areal mit 19 Hektar Fläche gilt als das größte Konversionsgebiet der Stadt. Nach 98 Jahren wurde der Bahnbetrieb 2003 eingestellt, seither ist um einen zentralen Park des Zürcher Landschaftsarchitekturbüros Raymond Vogel eine weitläufige neue Bebauung entstanden. Stadtseitig zum Süden hin befinden sich die eher öffentlichen Funktionen, während die den Park rahmenden Gebäude auf der West- und Ostseite weitgehend dem Wohnen vorbehalten sind.
Beim Bestandsbau handelt es sich in diesem Fall nicht um anonyme Architektur, sondern um ein Werk des Architekten Rudolf Preiswerk (1896–1968) – dem die Stadt unter anderem ein Jugendstilhaus am Fischmarkt sowie einige Gaststätten verdankt – für die Basler Lagerhaus­gesellschaft. 1912 eröffnet, verbargen sich hinter der latent neoklassizistischen Hülle mit Satteldach insgesamt 40 paarweise verbundene Silokammern mit quadratischem Querschnitt. Getreide und Kakao, von Rotterdam her auf dem Bahnweg angeliefert, wurden hier gelagert, verladen und dann weiter in die Schweiz verteilt.
Während Erlenmatt-West als zeitgenössischer Investoren-Wohnungsbau daherkommt – effizient, repetitiv, stereotyp und gestalterisch nicht über jeden Zweifel erhaben – kam bei Erlenmatt-Ost, dem Standort des Silogebäudes, die von der Roche-Erbin Beatrice Oeri 1996 gegründete Stiftung Habitat zum Zug, die hier ihr bislang größtes Projekt umsetzen konnte.
War der von Totalunternehmern errichtete Bauabschnitt im Westen schon 2015 fertig, ließ sich die Eigentümerin im Osten mehr Zeit. Die Stiftung Habitat hat sich mittlerweile zum wohl innovativsten Akteur des Basler Wohnungswesens entwickelt. Davon zeugt neben Erlenmatt-Ost auch das Projekt Lysbüchel Süd im Basler Norden. An beiden Projekten entschied die Stiftung, Baugruppen und andere Akteure zu beteiligen, um Monotonie entgegenzuwirken und von Anfang an eine größtmögliche Lebendigkeit des neuen Quartiers zu erzielen. Auf Basis eines Masterplans von Atelier 5 wurden einige der 13 ausgewiesenen Parzellen an Baugenossenschaften und soziale Bauträger weitergegeben. Beim Silo trat die Stiftung Habitat hingegen selbst als Entwicklerin auf. Weil die Umnutzung eines derartigen Gebäudes mit einigen Herausforderungen aufwartet, wurden 2015 zwei Wettbewerbe durchgeführt. Den für Betriebskonzept und Nutzung gewann das Team Tohuwabohu mit seiner Idee einer Kombination aus Gastronomie, Hostel, Ateliers und Veranstaltungsräumen. Harry Gugger Studio konnte sich gemeinsam mit den Tragwerksplanern Schnetzer Puskas und den Haustechnikingenieuren Waldhauser + Hermann in der architektonischen Konkurrenz durchsetzen.
Heute ist der einstige Solitär in die Flucht der Neubauten des Quartiers eingebunden. Seine Nachbarn sind unter anderem, südlich an den Giebel schließend, ein Wohnheim von Duplex Architekten und, vis-à-vis des Hofs, ein Baugruppenprojekt von Atelier Abraha Achermann (Bauwelt 14.2021). Die Einbettung führt dazu, dass die einst markanten Stirnseiten verschwinden, was dem Gebäude etwas an Kraft nimmt. Die Schließung der Straßenfront war jedoch nicht zuletzt aus Lärmschutzgründen nötig – unmittelbar östlich des Silos mündet eine von Rampen flankierte Autobahn in einen Tunnel.
Auch die Fassaden der Längsseiten mussten komplett erneuert werden. Die Pilastergliederung ruft aber noch die ursprüngliche Gestalt des Gebäudes in Erinnerung und veweist auf die innere Struktur – eine Batterie aus zwei mal zehn Silos, die zuunterst in je zwei quadratische Schütttrichter münden. Dezidiert neue Elemente sind die markanten Rundfenster, die sich um eine vertikale Achse drehen lassen. Im Bereich der Silokammern mussten sie mit Diamantsägen aus den Betonwänden herausgeschnitten werden. Blaue Korbmarkisen geben dem Silo ein unverwechselbares Gepräge, das gut zu der Freizeitfunktion des Gebäudes passt. Zum Hof lassen sich die Fenster um die vertikale Achse drehend öffnen, straßenseitig war eine Festverglasung erforderlich.
Beeindruckend ist, in welchem Maße es gelungen ist, den Charakter des Silogebäudes im Inneren zu bewahren, den Gebäudekern mit den betonierten Silos wie auch die Tragstruktur weitestgehend zu erhalten. Das zeigt sich schon im Erdgeschoss, dessen hofseitige Hälfte nun als Restaurant dient: Die alten Stahlbetonstützen gliedern den Raum, an der Decke sind die pyramidal nach unten ragenden historischen Schüttguttrichter erhalten, um die sich jeweils eine filigrane Ringleuchte schwingt. Diese Struktur setzt sich auch hinter der gläsernen Wand des Korridors fort, an den straßenseitig eine Sequenz von Seminarräumen anschließt.
Durch Einziehen von zwei neuen Deckenebenen wurden darüber zwei weitere Geschosse gewonnen. Zum Hof hin orientiert finden sich verschiedene Ateliers und Projekträume, die von der Stiftung Habitat verwaltet werden. Straßenseitig angeordnet sind die Zimmer des Hostels: auf der unteren Ebene Dorms mit vier Schlafmöglichkeiten, darüber komfortablere Zweibett­zimmer. Die Interiors von Hostel wie auch Restaurant stammen von den Basel Innenarchitekten Bravo Ricky.
Die bestehende Kammerung bot eine sinnvoll nutzbare Grundstruktur, die nur mit Durchbrüchen versehen werden musste. Wo neue Wände nötig waren, sind diese mit Hohllochklinkern ausgeführt – deutlich als Hinzufügung zu lesen, und doch in der Rohheit dem Bestand ebenbürtig. Oberhalb der Silozellen bildet eine Stahlbetondecke, die nicht auf den Silozellen, sondern auf den Betonstützen lagert, den Boden des Dachgeschosses. Die Galerie unterhalb des Firsts, auf der einst die Förderbänder liefen, konnte hier ebenso erhalten werden wie die Sequenz der metallenen Rutschen zur Beschickung der Silos sowie deren historische Nummernschilder. Das historische Dachgeschoss, das sich in ein filigranes Betontragwerk aufgliedert, überzeugt durch eine unerwartete räumliche Opulenz.
Souverän mutet die Umnutzung der sperrigen Silostruktur an. Nur die äußersten Reihen der Schüttgutzellen im Norden und Süden mussten eliminiert werden. Sie übernehmen nun all jene Funktionen, deren Erfüllung den Erhalt des Silos möglich machte: Fluchtwege, Erdbebenertüchtigung, Aussteifung. Mit organischen Treppen setzt Harry Gugger einen klandestinen Gegenakzent zur rationalen Struktur des Bestands.
Nachdem Tohuwabohu aus dem Projekt ausgestiegen sind, übernahm 2018 der Verein Talent. Er bietet Berufseinsteigerinnen und -einsteigern die Möglichkeit, sich in der Gastronomie und Hotellerie zu erproben. Damit konnte das ursprüngliche Konzept des Nutzungsmixes mehr oder minder unverändert fortgesetzt werden. Das „erste Boutique-Hostel der Schweiz“, so die Eigenwerbung, punktet mit attraktiver Lage, mit herausragender Architektur und schließlich mit für Basler Verhältnisse unschlagbar günstigen Preisen (42 CHF für ein Bett im 4er-Dorm und 125 CHF für ein Deluxe-Doppelzimmer).



Fakten
Architekten Harry Gugger Studio, Basel; Preiswerk, Rudolf (1896–1968)
Adresse 4058 Basel, Schweiz


aus Bauwelt 15.2022
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